Tag der Deutschen Einheit

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kgsbus
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Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von kgsbus » Sa 3. Okt 2020, 19:49

Wie hat sich Ost und West kulinarisch entwickelt?

Gibt es (große) Unterschiede oder haben sich die Küchen angenähert?

Selber war ich noch selten in den östlichen Regionen. Dabei habe ich kaum Unterschiede bemerkt. Aber einige vielleicht typische Gerichte kennen gelernt: Soljanka oder Würzfleisch zum Beispiel.
Hat der "Westen" außer "Ananas und Bananen" die Gewohnheiten beeinflusst?
Außerdem ist unter Umständen sogar das Nord-Süd-Gefälle viel auffälliger (Bayern oder Schwaben und Norddeutsche) in Deutschland.
Oder gibt es kaum noch deutsche Küche, sondern eher asiatische und mediterrane Einflüsse?

AndiHa
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von AndiHa » So 4. Okt 2020, 14:39

Glaubst Du, daß sich da groß was getan hat?
Natürlich sind die "Segen" der Marktwirtschaft in den Osten geflutet und haben meist nicht viel Gutes angerichtet. Während die sächsische Hausfrau noch immer eine gute Soljanka auf den Tisch bringen dürfte. Oder auch ansprechende böhmische Gerichte.
Der wesentliche Unterschied dürfte in einer leichten Durchdringung der Küchen beiderseitig von einfach erfolgreichen Gerichten sein.
So sehe ich mittlerweile auch im Westen die eine oder andere Soljanka (um nur eine von mir sehr geliebte Speise zu nennen).
Allgemein dürfte sich die Küchenkultur aber sowieso nach wie vor immer regional unterscheiden. Norden, Süden, Westen, Osten (und da auch unterschieden zwischen südlichem und nördlichem Teil) und wohl noch kleinzelliger allgemein.
Gegenseitige Befruchtung (fernab der Sytemgastronomie) dürfte durchaus statt gefunden haben. Z.T. aber auch nur in homöopatischen Dosen.
Einzig die Tatsache, daß es mittlerweile in fast ganz Deutschland Weizenbier gibt ist mir aufgefallen.
Zuletzt geändert von AndiHa am Mo 5. Okt 2020, 16:05, insgesamt 1-mal geändert.
Ein Stau ist nur hinten blöd.
Vorne geht's eigentlich

simba47533
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von simba47533 » Mo 5. Okt 2020, 13:18

Der Tag der Deutschen Einheit ist für mich kein Gedenktag an eine Wiedervereinigung sondern der Gedenktag des Anschlusses der vormaligen DDR an die BRD. Bei Verwandtschafts-Besuchen in Leipzig habe ich vor allem in den ersten Monaten nach dem Mauerfall hautnah erlebt wie westdeutsche "Goldgräber" die von ihnen für dumm bzw. naiv gehaltene Ossis nach allen Regeln der Kunst übers Ohr zu hauen versuchten, was leider häufig genug gelang, und wie die Treuhand bei der Abwicklung von ostdeutschen Betrieben gewütet und sich die eigenen Taschen vollgestopft hat. Damals haben auch etliche Angehörige meiner ostdeutschen Familienzweige ihre Jobs verloren und durften anschließend im Dienst von von westdeutschen Wendegewinnlern für kleines Geld Klinken putzen. Nur ein Beispiel: Einer meiner Cousins, Dipl.-Ing. für Heizung und Lüftung, wurde nach dem Verlust seiner Stelle in Leipzig (Abwicklung durch die Treuhand) von einem großen Heizungsbau-Unternehmen mit Sitz in Mannheim als Außendienstler sprich Drücker angeheuert. Er bekam über 40% weniger Gehalt als seine westdeutschen Kollegen und musste ostdeutschen Hausbesitzern neue Heizungen aufschwatzen, auch wenn sicher war, dass diese noch über Jahre mit ihren alten Anlagen zurecht gekommen wären bzw. wenn sich absehbar spätestens bei Lieferung herausgestellt hätte, dass die Besteller die neuen Heizanlagen nicht würden bezahlen können. In diesen Fällen, und es waren nicht wenige, musste der Cousin die erhaltenen Provisionen natürlich zurückzahlen. Nach knapp zweieinhalb Jahren hat er, den Arbeitgeber mit immer neuen Soll-Vorgaben in Nacken und dem nervlichen Druck nicht mehr gewachsen, gekündigt. Weitere Beispiele hätte ich in Hülle und Fülle.

Ostdeutsche Gerichte sehe ich hier bei uns im Südwesten auf Speisekarten nur gelegentlich, auch typisch ostdeutsche Getränke (außer Rotkäppchen-Sekt) sind rar. In Richtung Osten ging da direkt nach dem Mauerfall schon weit mehr, wobei für mich erkennbar im Großraum Leipzig Diebels Alt aus Issum zu den ersten offiziellen Westprodukten "drüben" gehörte (Diebels war dort in fast jedem Gastrobetrieb zu haben, eigenartigerweise in "Auerbachs Keller" nicht), dicht gefolgt von McDonald und anderen Gastroketten. Auch bayrische Brauereien waren flink dabei, in ihrem Gefolge die ein und andere "Almhütte". Italiener, Spanier und Griechen ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten; den ein und anderen Vietnamesen und Chinesen hatte es ebenso wie Ungarn, Tschechen, Polen, Bulgaren und Rumänen schon lange vor der Wende gegeben. Die kamen ja alle aus den "sozialistischen Bruderländern". Jetzt hätte ich doch fast die Russen vergessen, deren Soljanka, Borschtsch, Schtschi, Ucha, Okroschka, Pelmeni, Sakuski, Boeuf, Stroganoff, Schaschlik oder Hühnchen Kiew teilweise auch den Weg in den Westen gefunden haben.
Zuletzt geändert von simba47533 am Do 8. Okt 2020, 20:19, insgesamt 1-mal geändert.

DerBorgfelder
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von DerBorgfelder » Di 6. Okt 2020, 09:15

Königsberger Klopse sind gesamtdeutsch! Zu meinem Leidwesen gibt es Königsberger Fleck so gut wie nirgends.

x2x
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von x2x » Di 6. Okt 2020, 09:58

Deutsches Essen ? Gesamtdeutsches Essen ? Wessi-Essen, Ossi-Essen ? Bayrische Haxen und Knödel Spezialitäten oder Norddeutsche Fischkulinarik ?

Ja bitte wer denkt denn in diesen engen Grenzen. Als überzeugter Europäer denke ich in der Gastronomie ebenso auch europäisch. Mal bevorzugt man eben die Küche aus dem Badischen, genau so wie die Küche Frankreichs, die aus Italien oder aus Portugal.

Die Zeiten sind vorbei in engen Grenzen zu denken. Die Vielfalt der Internationalen Küchen erleben wir überall auf der Welt. Und wer die Deutsche Küche in den Himmel lobt ist nicht ganz glaubwürdig. Sobald diese Zeitgenossen im Ausland sind, essen sie dort quer durch die Küchen dieser Welt. Keiner Deutscher läuft durch Paris, London, Rom, Dubai, Tokyo oder Doha und sucht dort ein deutsches Restaurant ! Warum auch ? Er isst dort wo ihm die Küche, das Ambiente, das Flair und die Atmosphäre zusagt. Ob die Küche hält was sie verspricht, erfährt man erst beim Essen.

Also nicht in engen Grenzen denken. Unsere große und immer kleiner werdende Welt bietet eine kulinarische Vielfalt. Eine Vielfalt die Grenzen, Mentalitäten und Essgewohnheiten überschreitet. Immer mehr und immer häufiger.

Guten Appetit - Bon appetit - Buon appetito - Good Appetite - Goede etlust - Shahiat tayiba - Priyat appetita - Hao weikou

Und vor allem: An Guadn

Shaneymac
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von Shaneymac » Mi 7. Okt 2020, 16:21

Also ich denke schon, dass es viele lebendige deutsche Regionalküchen gibt deren Traditionen aufrecht erhalten werden und natürlich sind in den letzten 50 Jahren auch viele Einflüsse aus anderen Ländern in die hiesigen Küchen gewandert - zunächst durch die Gastarbeiter aber sicher auch durch die wachsende Reiselust und den boomenden Massentourismus, der die Befriedigung dieser Lust erst auf breiter Basis ermöglichte.

Mit Blick auf den Osten Deutschlands glaube ich aber, dass diese Einflüsse landesweit die Oberhand haben und das es kaum vormals rein ostdeutsche Spezialitäten wie eben Soljanka in Massen von westdeutschen Küchen geschafft haben.

Das sehe ich dann wie Simba, nach dem Mauerfall wurde der Osten rein kulinarisch recht schnell assimiliert, insofern kann man schon von einer Annäherung sprechen, wenn auch einer einseitigen.

Heutzutage, in Zeiten von Retro-Lifestyle und einer oft sehr präsenten, rosaroten Nostalgie-Brille allerorten, erinnern sich natürlich auch die Ostdeutschen gerne an die Gerichte der unbeschwerten Kindheit und Webseiten, YouTube Videos und Kochbücher mit entsprechenden Rezepten feiern durchaus große Resonanz. Die DDR Version des Jägerschnitzels (https://www.ddr-rezepte.de/deftig/jaege ... it-nudeln/) steht für viele eben für mehr als der oft naserümpfende kulinarische Westblick vielleicht erahnt.

Silberlöffel
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von Silberlöffel » So 11. Okt 2020, 14:50

Hallo,

ich habe gerade bei jungen, aus Westdeutschland stammenden Menschen den Eindruck, dass typisches "DDR-Essen" bei vielen als eine Art exotischer Trend angesehen wird. Oft werden diese Gerichte auch mit modernen Ernährungsweisen oder Lebensmitteln verbunden. Sogar ein Rezept für vegane Soljanka habe ich schon gesehen.
Andersherum haben viele Ostdeutsche wenig typische Rezepte aus dem Westen angenommen. Einzelne Lebensmittel, klar, und Restaurants sind im Osten auch nicht anders als im Westen. Zuhause kochen viele Leute aber immer noch nach alten DDR-Kochbüchern und haben kulinarisch gesehen mit anderen Regionen genau so wenig am Hut, wie 'damals'.

Das sind natürlich nur einzelne Eindrücke, ich möchte damit auf keinen Fall verallgemeinern.

DerBorgfelder
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von DerBorgfelder » Mo 12. Okt 2020, 17:50

Aber schon interessant. Wobei die Soljanka ebenso als Zugereiste gelten darf, wie Spaghetti Bolognese.

Silberlöffel
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Re: Tag der Deutschen Einheit

Beitrag von Silberlöffel » Mo 12. Okt 2020, 22:32

Das stimmt natürlich, man muss wohl mehr zwischen DDR-Rezepten, und sowjetischen Gerichten unterscheiden.
Viele Westdeutsche, die ich kenne, denken bei sowas wie Soljanka aber nun mal eher an Ostdeutschland, als an die ehemalige Sowjetunion...
Aber so wandelt sich eben die Geschichte, auch in kulinarischer Hinsicht. ;)

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