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GastroGuide-User: marcO74
hat Keschtehäusel in 76889 Dörrenbach bewertet.
vor 1 Monat
"„Welcome to the Maggi Side of Life!“ – Aus der Zeit gefallene Seniorenküche für MNG-Nostalgiker in einem Südpfälzer Familienbetrieb, der problemlos als Museum für verstärkten Geschmack durchgegangen wäre"

Geschrieben am 10.05.2019
Besucht am 10.03.2019 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 35 EUR
Ein paar Mal besuchten wir letzten Winter das Örtchen Dörrenbach. Als Ausgangspunkt für Wandertouren ist die südpfälzische Gemeinde optimal, liegt sich doch in einem idyllischen Tal, das man naturräumlich schon dem Pfälzerwald zuordnet. Nicht weit entfernt von der Kurstadt Bad Bergzabern befindet sich das selbstbetitelte „Dornröschen der Pfalz“, das neben rustikaler Fachwerkromantik auch eine historische Wehrkirche aus dem Mittelalter sowie ein altes, im Renaissancestil erbautes Rathaus zu bieten hat.  
 
Es ist schon eine Weile her, da wurde der staatlich anerkannte Erholungsort Dörrenbach als schönstes Dorf der Deutschen Weinstraße ausgezeichnet. Das war 1975 und ein wenig in die Jahre gekommen wirkt das Märchendorf mittlerweile schon. Nicht dass man sich hier seit Jahrzehnten auf der über tausendjährigen Dorfgeschichte ausruhen würde, aber vergleicht man es mit anderen Ortschaften der Südpfalz, so scheinen hier die Uhren ein wenig langsamer zu ticken. Für Erholungssuchende ist das natürlich ideal, für uns hungrige Einkehrer stellte es sich als etwas ernüchternd heraus.
 
Das seit 27 Jahren (!) von der Familie Hortien geführte Hotel-Restaurant, zu dem auch sieben Doppel- und zwei Einzelzimmer gehören, befindet sich direkt an der Hauptstraße von Dörrenbach. Mutter Barbara und Vater Reinhard werkeln seit jeher in der Küche, während sich Sohn Robert um die Gäste kümmert.
 
Das schmucke Fachwerkhaus lässt sich im Grunde nicht verfehlen, wenn man in den Ort hineinfährt. Das im Jahr 1736 erbaute Anwesen macht von außen einen sehr einladenden Eindruck. Parkplätze sind direkt daneben in ausreichender Zahl vorhanden. Das Speiseangebot lässt sich schon vor dem Eintritt ins Lokal draußen am Schaukasten begutachten. Soweit die äußeren Umstände, die uns zu einem Besuch am Sonntagmittag ermunterten. 
 
Auch erinnerte ich mich an einen Artikel von einem geschätzten Kollegen. Als Journalist und Kenner der hiesigen Gastrolandschaft ist Markus Giffhorn ein wahrer Fachmann in Sachen Pfalzkost. Er, der sich regelmäßig im Freizeitmagazin „LEO“ für die „Pfälzer Lokaltermine“ (Rezensionen von Restaurants unserer Region, Anm.) verantwortlich zeigt, hatte schon vor rund 10 Jahren einen Bericht über das Keschtehäusel verfasst. Darin lobte er die familiäre Atmosphäre und die gutbürgerliche Küche des Hauses. Auch von einem umfangreichen Speiseangebot, das sich nach der Saison richtet, war da die Rede. Genug Gründe also, um einen Selbstversuch zu wagen.
 
Als wir das putzige „Häusel“ mit der hier weit verbreiteten Esskastanie im Namen betraten, fühlten wir uns gastronomisch um Jahre zurückversetzt. Ein vom Aussterben bedrohter Wirtshaus-Anachronismus hieß uns herzlich willkommen. Direkt neben dem Ausschanktresen wurden hausgemachte Marmeladen und Obstbrände feilgeboten. Drinnen in der Gaststube empfing uns ein rustikales, etwas in die Jahre gekommenes Ambiente, das uns mit einfachem Holzmobiliar, weißem Leinen und altbackenen Sitzbezügen an die gute alte Zeit erinnerte.
 
Irgendwie passten die anwesenden Gäste zur Einrichtung des Hauses. Sprich: der Gastraum war etwa zur Hälfte mit rüstigen Rentnern belegt. Unser Eintreffen senkte das Durchschnittsalter merklich. Da ahnte ich schon, in welche Richtung hier gekocht werden könnte. Mit routinierter Freundlichkeit wurden wir von Robert Hortien begrüßt und zugleich mit den Speisekarten ausgestattet.
 
Schon draußen informierten wir uns über die Tagesempfehlungen, die in geschwungener Handschrift auf ein in Plastikfolie steckendes DIN-A4-Papier gekritzelt waren. Ein gemischter, im Ofen gratinierter Fischteller (16,80 Euro), hausgemachte Krautwickel nach Art der Großmutter (9,80 Euro) sowie Rinderzunge in Madeira (15,50 Euro) wurden inklusive einer Tagessuppe angeboten. Die alternative Mittagskarte listete neben ein paar Pfälzer Gerichten – das übliche „Dreigestirn“ wurde hier als „Südpfalzteller“ um gekochten Bauchspeck und Salzkartoffeln (12,50 Euro) erweitert – noch jede Menge fleischiges Gutbürgertum. Gekochter Tafelspitz an Meerrettichsoße (15,30 Euro), hausgemachte Rinderroulade (14,30 Euro), Wienerschnitzel vom Kalbsrücken (17,50 Euro), Schweinefilet an schwarzem Pfefferrahm (16,30 Euro) und Rumpsteak „Café de Paris“ (21,80 Euro) standen für Otto-Normal-Karnivoren bereit.
 
Schuppentierverzehrer durften sich zwischen den Tranchen vom Wildlachs mit Champignonrahmsauce (15,80 Euro) und dem panierten Seelachsfilet (12,20 Euro) entscheiden. Vegetarier kamen dagegen weniger in Entscheidungsnot. Lediglich ein Gericht, Nudeln mit Gemüsegarnitur und Champignons à la Crème (dazu noch mit Parmesan überbacken), hatte man für Fleisch- und Fischverweigerer parat. Nicht gerade viel, aber in Anbetracht der hier einkehrenden Kundschaft durchaus nachvollziehbar.
 
Bei der Weinauswahl ging man auf Nummer sicher. Die roten und weißen Zelebritäten stammten von namhaften Winzern aus der Pfalz. Kleinmann (Birkweiler) und Becker (Schweigen) zählen mit zu den besten Vertretern für durchgegorene Rebsäfte, die man bei uns findet. Schön, dass auch ein paar Weingüter aus dem Ort vertreten waren. Die von den Winzern Rapp und Örther stammenden Tropfen waren als lieblich ausgebauter Gewürztraminer, Morio-Muskat und halbtrockener Dornfelder im offenen Vollzug zu erwerben. Und das teilweise unter 4 Euro für das Viertel.
 
Ich wählte aus der breitaufgestellten Kollektion an offen ausgeschenkten Weinen ein Viertel St. Laurent von Kleinmann (4,70 Euro). Mit dieser süffigen Infarktbremse macht man in der Regel ja auch nichts falsch. Bei der Durchsicht der Flaschenweinkarte entdeckte ich die Cuvée Guillaume von Friedrich Becker für sagenhaft fair kalkulierte 21,50 Euro. Allein zum Rotweintrinken würde sich diese Adresse also lohnen – der Bouteillenbackground schien zu passen.
 
Feste Nahrung sollte an jenem Sonntag in Form von Krautwickel und dem gratinierten Fischteller vom Tagesangebot unseren Tisch heimsuchen. Doch vorweg wurde uns noch die Tagessuppe – eine mit reichlich Pfannkuchenstreifen versehene Flädlebrühe – gereicht. „Suppe gut – alles gut!“ pflegte ein weiser Rezensent einst zu sagen. Und es stimmt. Denn wer bei Suppigem schon beachtliche Sorgfalt walten lässt, der wird auch beim Backen und Braten (in meinem Fall: Gratinieren) so leicht nichts anbrennen bzw. schwarzwerden lassen.
 
Schon beim ersten Löffel fiel uns der unverhohlene Gebrauch gekörnter Brühe auf und brachte uns zurück auf den Boden der eingetüteten Tatsachen. Am Gaumen wurden salzlastige Erinnerungen an längst vergessene „Festsuppen“, die es bei Feierlichkeiten (Erstkommunion, Hochzeiten, usw.) zu überstehen galt, ehe Schnitzel und Kroketten für Wiedergutmachung sorgten, wach. Aber da brannte schon das „Würzfeuer von Fondor“ auf meiner Zunge und die Flasche Mineralwasser namens „Apollinaris“ (0,75l für 3,90 Euro) geriet mächtig unter Löschzwang.   
 
Artig löffelten wir uns durch die „Maggi side of life“ und uns schwante nichts Gutes im Hinblick die beiden noch ausstehenden Hauptgänge. Was mir dann serviert wurde, war wahrlich keine Augenweide. Der gratinierte Fischteller, der aus einer schmalen Tranche Wildlachs, zwei kleinen Zanderfilets und einem Fischklößchen bestand, war komplett mit einer dicken, weißen Plempe überzogen. Die Spuren des Überbackens waren deutlich auf der geronnenen Soßenhaut abzulesen.
 
Schon der erste Bissen machte unmissverständlich klar, dass es sich hier um ein erschlagendes Beispiel der Kategorie Mehlschwitze handelte. Hier lag das fette Gewicht eindeutig auf Sättigung. Und der Genuss…naja. TK-Lachs und TK-Zander lieferten dank des Soßenoverkills nahezu keinerlei Gaumeninformation. Dafür gerieten die dazu gereichten Kartoffeln zu salzig und obendrein noch übergart.
 
Ich schaute nach links, wo sich meine Verlobte an zwei stattlichen Krautwickel gütlich tat. Die Mühe, eine echte, tiefgründige Soße zu bereiten, hatte man anscheinend gescheut. Der wahrscheinlich auf Bratensaftbasis hergestellten Tunke wurde „päckchenweise“ nachgeholfen. Sie bedeckte flächendeckend das Porzellan. Das war auch notwendig, denn die von Genosse Kohl ummantelte Hackfleischfüllung fiel leider reichlich trocken aus. Scheinbar lag zwischen ihrer Zubereitung und ihrem Erwärmen ein entsprechendes Zeitfenster. Die weichgekochten Salzkartoffeln kamen aus dem gleichen Topf wie meine, weshalb auch dieses Knollenerlebnis recht versalzen ausfiel.
 
Irgendwie passte es zu dem ernüchternden Gesamteindruck, dass die Rechnung handschriftlich auf einen Fetzen Karo-Papier geschrieben wurde. Ich fragte nicht nach und dachte mir nur meinen Teil. Wenn das Beste an einem Sonntagsessen das Viertel Wein ist, kann man wohl von einer Wiederholungstat absehen. Mit leichtem Wehmut gedachte ich der nur ein paar Häuser entfernten, aber mittlerweile leider geschlossenen Altdeutschen Weinstube, in der man nicht nur viel gemütlicher saß, sondern auch was Anständiges auf dem Teller hatte. Würde mich nicht wundern, wenn auch beim Keschtehäusel bald die Lichter ausgehen. Der kulinarische Verlust würde sich in Grenzen halten.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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