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GastroGuide-User: hbeermann
hat Altes Jagdhaus in 30519 Hannover bewertet.
vor 2 Jahren
"Der Stern leuchtet wieder wie zu besten Zeiten"
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Geschrieben am 25.03.2017 | Aktualisiert am 26.03.2017
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Besucht am 24.03.2017 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 225 EUR
Bei allen Künstlern gibt es einmal Phasen verminderter Kreativität. Der Autor kann nicht schreiben, dem Werbetexter fallen keine markigen Sprüche ein,  der Maler fängt auf fünf Leinwänden an, ohne eine zu vollenden. Bei Köchen gibt es dies Phänomen auch. Umso mehr freut man sich, wenn der folgende Kreativitätsschub klar macht, dass dies nur ein gründliches Ausholen war und Köche sich trotz ihrer hervorragenden Werzeugausstattung keine Ohren abschneiden. Wie unendlich allein und rettungslos einsam man sich als Selbständiger fühlen kann, weiß ich sehr gut.
Unser Sonnenplatz
Es hat sich Einiges geändert. Wenn man anruft, hört man die erfrischende und jung klingende Stimme von Frau Mönkedieck, der Lebensgefährtin von Herrn Stern, die mit Bravour nun den gesamten Service schmeißt. Sie ist einfach ein netter und gebildeter Mensch, und das macht Vieles leichter. Autodidaktisch dies Niveau zu erreichen – alle Achtung!


Wir hatten einen Tisch für 18:00 Uhr reserviert und trafen verspätet ein, weil unser Taxi am letzten CEBIT-Tag sehr unpünktlich war. Das alte Laves-Jagdhaus am Waldrand in einsamer Umgebung ist mit seinem leicht morbiden Charme immer wieder ein Knüller. Frau Mönkedieck nahm uns beim Eintreffen unsere Garderobe ab und verstaute sie. Meister Stern, der sich nun endlich nicht mehr um den Service sorgen muss, kam aus seiner Küche und hieß uns in seiner zurückhaltenden Art willkommen. Im Gastraum hatten wir gute Auswahl, und wir wählten somit einen Tisch in der Frühlingssonne am Fenster. Die Speisen finden Platz auf einem weißen DinA4-Karton, die Getränkekarte hat DinA5. Auf letzterer findet sich erstmals ein Champagner, der mit 16 Euro/0,1 erst einmal als recht hochpreisig erscheint. Aber wenn dann die Flasche an den Tisch kommt und der goldgelbe Stoff aus der frisch entkorkten Flasche ins Glas schäumt, weiß man, dass das ein Sonderangebot ist. Ob Herr Stern hier ein Discount-Angebot ergattert hat, weiß ich nicht, aber der günstigste Einkaufspreis, den ich für den Taittinger Comtes gefunden habe, liegt bei € 111.- pro Flasche. Da muss man zugreifen für Aperitif und Dessert.
Gruß aus der Küche

Zum Gruß aus der Küche (acht halbe Scheiben noch warmes dickrindig knuspriges Gaues-Brot, vier aromatisierte Butterröschen auf dem einmaligen historischen Butterschälchen, ein Gänseschmalz mit Einschlüssen und die hier üblichen dreifarbigen Möhrenstifte und Salatgurke) orderten wir je 0,2 Rotwein (9.-) Hier gab es den Stern-Hauswein (Cuvée Maximilian von Johner aus Baden, Flasche 32.-), der uns mit seiner Qualität, dezenter Barriquenote und milden Tanninen positiv überraschte. Wir disponierten spontan um und beschlossen, bei diesem Wein zu bleiben. 0,7 Mineralwasser aus der tollen Entenkaraffe zu 7 Euro nahmen wir auch noch.
Die Wasserkaraffe

Als Vorspeise hatte meine Frau geräucherte Gänsebrust (16.-) und ich panierte Kabeljauzungen (20.). Letztere sind ein sicherer Hinweis auf die wieder erwachsene Lust am Einkaufen und Stöbern bei Herrn Stern. Beide Vorspeisen wurden begleitet von einem großen Salatbouqet (Feld, Frisée, Rucola, Chicorée) mit einer absolut traumhaften Vinaigrette. Die Gänsebrust war butterzart, meine Zungen eine Delikatesse der besonderen Art.
Kabeljauzungen

Die Auswahl des Hauptgerichtes war uns nicht leicht gefallen. Alles auf der übersichtlichen Karte hätte uns gut geschmeckt. So eine Zusammenstellung findet man höchst selten. Nicht eine einzige effekthascherische Abgedrehtheit ist hier vetreten.
Gänsebrust
Bei den Hauptspeisen sollten es Freilandente (28.-) für meine Frau und Taube (34.-) für mich sein. Meine Sorge wegen Maximalpuhlerei zerstreute Frau Mönkedieck. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Herr Stern kam an unseren Tisch und presste zwischen den Zähnen hervor: „Keinen Fisch!?“ Gut, dass man sich so lange kennt, um diese herzliche offene Art angemessen einzuschätzen. Ich fragte noch, ob Kabeljau ein Säugetier sei. Dann meinte er, er habe da etwas, das sei etwas ganz Besonderes. Da müsse man dazu sagen, dass es Lachs sei, sonst erkenne man es nicht,  und viele hätten gesagt, so etwas hätten sie noch nie gegessen. Kurz bevor sich frustrierte Resignation in seinem Gesicht spiegelte, war ich überzeugt, die Dehnungsreserven meines Magens neu auszutesten. Es ging um den sehr seltenen geangelten Albino-Lachs, mit Hechtmousse überbacken. Den gab es nun als Zwischengang. Dazu natürlich ein Glas Rheingauriesling (9.-). Was der Hammer war: der Lachs war eine Gratiszugabe.  Immerhin steht er mit 48 Euro in der Karte.
Der Hauswein aus Baden
Ein altweißes längliches Gebilde, fast wie mit Zuckerguss überzogen, kam auf einem gelblichen Rieslingsoßenspiegel. Wohlweißlich hatte Frau Mönkedieck Gourmet-Löffel zusätzlich eingedeckt. Ich glaube, so etwas Hinreißendes an Fischsoße habe ich noch nie gegessen. Natürlich war auch das große Stück Lachs handwerklich perfekt zubereitet. Meine Frau löffelte mit.
Albinolachs
{}Bei meiner Taube kam mir gleich der alte Toblerone-Werbespruch in den Sinn: „ jetzt leichter zu knacken“. Es waren zwei Tauben-Suprême mit dem abgelösten Flügelknochen, außen knusprig, innen rot. Das Fleisch lag auf einem sehr süßen dunklen Soßenspiegel, der mit dem Fleisch hervorragend harmonierte, leider aber weniger mit den drei Gemüsesorten auf dem Teller. Aber es gab ja noch separates Kartoffelpüree in einer dieser schönen Schalen aus dem väterlichen Georgenhof.
Die Taubensuprêmes
Die Ententeile meiner Frau lagen auch auf einer ebenso dunklen, weniger süßen , aber sehr fruchtigen Soße. Auch hier wieder perfekt mit dem Fleisch, weniger gut mit dem Gemüse. Da hätte ich wohl einen kleinen Deich aus Kartoffelbrei auf dem Teller platziert und eine wenig Hollandaise oder Beurre blanc am Gemüse angegossen.

Was muss, das muss, dachten wir uns und nahmen also noch ein Dessert. Meine Frau hatte eine Apfeltarte mit Vanilleeis (ihrem Bekunden nach die beste ihres Lebens), ich ein Valrhona-Schoko-Küchlein mit flüssigem Kern und Pistazieneis, weißer Schokolade und sauren Beeren. Das Eis schaffte ich noch, vor dem Kuchen musste ich kapitulieren. Der Appetit meiner Frau war aber von diesem tollen Champagner wieder so angeregt, dass sie meine Reste vertilgte. Der Vorwärmungsgrad der Teller war bei jedem Gericht erheblich, beim Dessert waren sie kurz vor der Rotglut. Deshalb lagen die Eiskugeln isolierend auf einem kleinen Gebäckstern.
Die Apfeltarte
Valrhona-Schokoküchlein
 Am{Nachbartisch gab es zum Schluss noch recht böse Anschüsse von Gästen, aber Herr Stern hat vorbildlich deeskalierend gewirkt und mich dann noch in die Diskussion mit einbezogen. Da ich jeden Tag in der Praxis mit Mengen irrationaler Thesen und Ansichten zu tun habe, steige ich da lieber nicht allzu tief ein. Meine Frau erledigte während meiner Ablenkung die Bezahlformalitäten und benutze nicht meine auf dem Tisch liegende EC-Karte, die mir Herr Stern prompt zum Taxi hinterher brachte. Zum Abschied von Frau Mönkedieck und Herrn Stern versicherten wir uns gegenseitig, dass wir uns sehr gefreut hätten, was vollständig der Wahrheit entspricht. Es war ein toller Abend.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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