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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat maiBeck in 50667 Köln bewertet.
vor 2 Wochen
"Am Lauertisch singt mir Sankt Martin"
Verifiziert

Geschrieben am 11.06.2019 | Aktualisiert am 11.06.2019
Besucht am 09.11.2018 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 77 EUR
Um spontan dem Novemberfrust zu entgehen, steuerte ich - von mäßig freundlichen Herren um die berühmte Deckenplatte der Kölner Philharmonie herum gewiesen - ohne Reservierung noch frohgemut das Maximilan Lorenz an. Ein Plätzchen für den einsamen Esser findet sich doch meist. Nur um gleich wieder im Nieselregen zu stehen: Ausgebucht! Dann also munter weiter ins maiBeck, dem lockersten Kölner Sternelokal (fast) am Rhein: Aber auch dort erntete ich zunächst ebenso sorgen- wie vorwurfsvolle Blicke. Aber flüsternd fiel das Zauberwort „Lauertisch“ und in der Tat, neben oder eher unter der Theke, im Laufweg zwischen dem Eingangs- und dem hinteren, ruhigeren Teil des Restaurants winkte ein leerer Tisch, eben gedacht für Gäste, die dort mehr oder minder geduldig warten, dass ein schönerer Platz frei wird. Kurz überlegte ich einen weiteren Lokalwechsel, zumal sich eine größere Familienfeier lautstark androhte. Doch man soll sein Glück als walk-in an einem Freitag-Abend nicht versuchen! Also blieb ich und wurde belohnt. Zunächst durch den Abgang der Gesellschaft in einen hinteren separaten Raum und später durch eine „Meute“ junger und jüngster Sänger und Sängerinnen, die verkleidet vermutlich von Sankt Martin berichteten. Leider war für mich das Liedgut durch den örtlichen Dialekt unverständlich, aber einen kleinen Obulus entrichtete ich wie die meisten anderen Gäste gern.

Auch der Service agierte angenehm. Eine Möglichkeit zum Tischwechsel ergab sich zwar nicht, vielmehr füllte sich das maiBeck bis auf den letzten Platz. Aber das machte nichts. Ich wurde beim Fotografieren, Notieren und eifrig Fragen stellen zwar interessiert beäugt, aber mit Witz und keineswegs aufgeregt bedient. Es herrschte eine entspannte, unkomplizierte Stimmung. Extrawünsche wurden mit Bedauern freundlich abgelehnt, was bei ausgebuchtem Restaurant am Wochenende natürlich völlig o.k. war.

Das Ambiente ist mir etwas zu schlicht. 

Ohne anregende Gespräche am Tisch oder mit dem schwer beschäftigten Service schweifte der Blick über den grau gestrichenen nackten Fußboden, die Lüftungsrohre unter der Decke und die wenig geschmückten weißen Wände. „Blickfang“ ist der offene Beton einer Säule, die beim Wanddurchbruch vermutlich stehen bleiben musste. 

Die Freischwinger und die Tische ohne Decken verströmen für mich arge Nüchternheit. Alles bestimmt wohl kalkuliert; vielleicht um jeder Schwellenangst vor der Sterneküche ein egalitäres Kantinenflair entgegen zu setzen? Im Sommer indes dürfte der Blick durch die großen Fenster auf und über den Rhein entschädigen.

Auch der kulinarische Einstieg in den Abend ruckelte noch ein wenig, als zum Weißbrot und dem tatsächlich recht sauer geratenen eine noch harte Salzbutter gereicht wurde. 

Dann erst einmal ein zweites Glas vom Traubensecco (5,5€), der anstelle einer regelrechten alkoholfreien Begleitung angeboten wurde. Später kam noch ein Apfel-Birnen-Saft (3€) und ein alkoholfreies Pils (stolze 3,8€) hinzu.

Gleich eine Reihe von Gerichten auf der Karte sind in kleiner und in großer Ausführung möglich. Ein tolles, gastfreundliches Angebot, so kann man mehr probieren. Ich setzte dreimal auf die Vorspeisen-Portion. Und Käse. Natürlich. Mit den Getränken hatte ich schließlich 77,8€ zu begleichen, ein vernünftiges PLV.

Schon auf dem Eröffnungsteller 

glänzte nicht nur das gebackene Mittelstück („Herz“) vom Kalbsbries (17€) mit perfekt zarter Struktur, sondern auch wörtlich die separat gereichte, kräftige dunkle Sauce. 

Nur schade, dass der Service offenbar von Carsten 1972 vorgewarnt war und für das Schleckermäulchen von der Weser keinen Löffel eingedeckt hatte. Die rustikal aussehende Unterlage bestand aus einer kräftig sauren Apfel-(Spaghetti)Kürbis-Mischung, die jedoch von den Kräuteraromen einer leichten Majonäse von Frankfurter Grüner Sauce ausbalanciert wurden. Das war zugleich mutig und ausgewogen kombiniert und ein gutes Beispiel für eine ihre ländliche, regionale Herkunft nicht verleugnende Küche.

So ging’s auch mit dem Zwischengang weiter. 

Die noch einen Tick zu harten Cappellacci (14€) waren mit intensiven Hokkaido-Kürbis gefüllt. Die Salbeibutter blieb demgegenüber unauffällig und auch der gehobelte Parmesan hätte noch etwas reifer sein dürfen. Richtig gut dagegen die Amarettini-Brösel, die nicht nur für Crunch, sondern mit einem wunderbaren Marzipan-Aroma für eine neue, sehr treffende Geschmacksrichtung sorgten.

Fast gänzlich begeistert war ich vom Hauptgang: 

Festfleischiger Schweinebauch vom LiVar Klosterschwein (15€) mit intensiv „schweinigem“ Geschmack und erneut einer tollen Jus. Pochierte Birnen und eine feine Crème von weißen Bohnen belegten erneut die Herkunft aus der Landküche. Nur den reichlich vorhandenen, recht naturell verarbeiteten Pakchoi verstand ich nicht; der vielleicht gewollte asiatische Twist störte aber auch nicht. Schon eher die unangenehm zähen und klebrigen Schwartenbrösel, einziger Minuspunkt bei diesem Teller.

Bevor die zum Abschluss bestellte kleine Käseauswahl (8€) serviert wurde, gab es den Hinweis, dass der übliche Allgäuer Bergkäse nicht geliefert werden könne. Man habe aber französische Ware. Das war guter Service und natürlich überhaupt kein Problem. Dazu nochmal das Brot vom Anfang und eine selbstgemachte herb-saure Frucht-Senfmischung, könnte Sanddorn gewesen sein. In der Präsentation das Ambiente aufnehmend.


Vor dem Rückweg an Vater Rheins Gestaden gönnte ich mir doch noch ein paar Prozente in Form eines P.X. als Dessert-Ersatz.

Fazit: Right place, wrong time. Ich bin sicher, dass die Küche im maiBeck noch mehr kann, als an diesem mehr als ausreservierten Freitag-Abend gezeigt. Es gab ja auch keine Ausfälle, alles hat geschmeckt und trotzdem wurde durch mehrere Kleinigkeiten meine Erwartungshaltung ein wenig enttäuscht. Mit netter Begleitung und einer guten Flasche Wein wird es beim nächsten Mal sicher noch besser werden.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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