Noto
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Torstr. 173, 10115 Berlin
Restaurant Bar
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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Noto in 10115 Berlin bewertet.
vor 1 Jahr
"Berliner Bergwandern 3: Is this New York?"
Verifiziert

Geschrieben am 25.05.2018 | Aktualisiert am 28.05.2018
Besucht am 10.04.2018 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 100 EUR
Hach! Wenn diese so sorgfältig nachlässig gestylten Gazellen, denen man den täglichen Detox-Smoothie an den glänzenden langen Haaren ansieht, sich dieselben von den hohen Wangenknochen streichen, um die Ray Ban abzusetzen und mit der dreijährigen Emma-Sophie, die lieber auf die Rutsche möchte, die allerdings viel zu gefährlich und außerdem erschreckend oldschool ist, ernsthaft die Frage Quinoa oder Chia zu diskutieren: Sag, vermisst du ihn dann nicht auch, unseren Prenzlauer Berg?

Solche Gedanken gingen mir natürlich nicht durch den Kopf, als ich zum Abschluss meiner Prenzlauer Wanderungen auf dem Weg zum NOTO war. Bekanntlich ein Akronym für North of Torstraße, soll hier einst der Hype um das angeblich an New York erinnernde Gastro-Berlin seinen Ausgang genommen haben. Na, mal sehen.

Der Empfang war jedenfalls freundlich. Der Kellner der Anfangsjahre und jetzt wohl Inhaber Jost Reichert empfing mich als ersten Gast sehr freundlich, meine Bedienung des Abends, lt. Kassenbon Susanne, tat es ihm gleich.
Aufmerksam, flott, angenehm - guter Job. Als ich ging, versicherten wir uns gegenseitig, einen sehr netten Abend gehabt zu haben.

Zunächst galt es jedoch, mich anlässlich des herein gebrochenen Frühling zwischen dem schmalen, recht dunklen Innenraum entlang eines schönen Metalltresens und den harten Gartenstühlen auf dem Trottoir unter einem Baustellengerüst zu entscheiden. Großstadt, Baby! Jost machte es mir leicht; natürlich könne ich draußen starten und später herein kommen. Auch einen Vierertisch durfte ich gern besetzen. Vielleicht ahnte er, dass bis 21.00 Uhr nur vier weitere Gäste insRestaurant finden würden. Mit Jacke, einer Decke und einem halben Fläschchen Chablis 1er Cru der Domaine Louis Moreau für 33,5 Euro hielt ich dann aber doch auf meinem Beobachtungsposten des seltsamen Verhaltens geschlechtsreifer Großstädter durch. Leitungswasser dazu gab’s gratis.
Bei der späteren Entsorgung desselben gab es doch etwas zuviel Altbau-Charme zu sehen.

Bei einem nicht näher bezeichneten Crémant rosé aus der selten gewordenen Sektschale (6,5€/0,1) ging ich in der Klemmbrett-Karte auf Abenteuersuche und wurde fündig bei:

Geräucherte Makrelenpaté, Radicchio, Birnenspalten, Schalottenvinaigrette (11,5€)
Oliva ascolane von Apfelschwein und Olive, Feldsalat, Safran-Aioli (9,5€)
Kalbs-Spareribs mit Weißkrautsalat und warmem Maisbrot (20,5€)
Käseauswahl vom Berliner Affineur Blomeyer (12,5€)

Die Küche grüßte mit zwei selbst gebackenen, sehr knusprig und fluffigen Broten und dem besten Kräuterdip (mindestens) 2018: Cremig, kräftig zitronig, neben Basilikum viel, viel Estragon. Hart an der Kante gesegelt und deshalb so gut.

Die Vorspeise war gut gemacht. Bei der stückigen Fischpaté war die Räuchernote deutlich zu schmecken; dafür sorgte die mit verarbeitete Haut. Angenehm wieder eine unaufdringliche frische Säure. Gelegentlich störte eine Bitterkeit im Hintergrund den Fischgenuss etwas. Die Birnenspalten waren gegrillt, noch bissfest und nicht zu süß. Passten hervorragend zur Makrele. Der Salat mit einem (an dieser Stelle) angenehm bitteren Radicchio war mit einer Schalottenvinaigrette angemacht, mit selbst gerösteten Croûtons knusprig angereichert und gesellte sich ohne Weiteres zu diesem vielleicht nur etwas zu „glatten“ Teller. Trotzdem viel mehr mein Geschmack, als der gleiche Fisch zwei Tage vorher im Kochu Karu.

Zum Zwischengang etwas für mich Neues: Die Oliven nach Art von Ascoli sind entkernt, mit einer Füllung versehen, paniert und frittiert. Hier war die Olive sowohl mit Schweinehackfleisch gefüllt, als auch ummantelt, schön gewürzt u.a. mit Oregano, Muskat und Safran. Zusammen mit den Semmelbröseln der Panade einen Tick trocken, aber geschmacklich wieder überzeugend, erst recht mit der Aioli, die erneut säuerlich-frische Note mitbrachte. Der begleitende Wildkräuter-Salat glich dem schon von der Makrele bekannten, nur ohne Radicchio. Etwas schade, bei mir punktet der Koch immer, wenn er in der Lage ist, Gerichte spontan etwas entsprechend der Menüwahl zu ändern. Aber das ist natürlich keine Kritik.

Die Spare-Ribs vom Kalb sind der signature dish des NOTO und wurden von vielen hippen Magazinen besungen.
Was mir auffiel: Zunächst der massiv an Berliner Currywurst erinnernde Duft der süßen Barbecuesauce mit vielen Senfkörnern, gegen die das feine Kalb geschmacklich wenig Chance hatte. Die relative Festigkeit des Fleisches, von alleine fiel da nichts vom Knochen. Eine mega buttriges, mega luftiges Maisbrot, erste Sahne. Und ein recht süßer, recht fester und leicht pikanter Krautsalat, der jedem guten Griechen Ehre gemacht hätte (Aber ist DAS der Anspruch hier?).
Alles in allem schmackhaft, aber der am wenigsten begeisternde Gang.
Fingerschale gab’s auch, aber nur auf Wunsch und nur mit kaltem Wasser.

Die Auswahl von Affineur Blomeyer aus Charlottenburg dagegen gut und mal mit ein paar überraschenden sidekicks: Quittengelee, sehr dünne hausgemachte Sauerteigcracker, dünne Granny-Smith-Spalten und Abschnitte von Staudensellerie. Hauptdarsteller waren zwei Schafskäse, schnittfest und weich mit Asche. Dann zweimal Bündner Heumilch, davon einer salzig und 12 Monate gereift. Und schließlich ein formidabler alter Gouda. Sehr befriedigend. Der ausgeschenkte Banyuls von Chapoutier mit 6,0€ wie die anderen Alkoholika nicht übermäßig günstig. Die Speisen noch angemessen bepreist.

Fazit:
Auf meinem abendlichen Heimweg steppte vor jeder Kaschemme auf dem Prenzlauer Berg der Bär. Nur im NOTO scheint der Hype vorbei.
Was bleibt: Sehr gut gemachte, nicht alltägliche Küche in entspannter Atmosphäre.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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