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GastroGuide-User: Shaneymac
hat Restaurant Kornkammer in 58093 Hagen bewertet.
vor 4 Jahren
"Auf den Spuren von BernieBo: Pola-Pola - DAS Soul-Food für graue Regentage!"
Verifiziert

Geschrieben am 07.02.2016 | Aktualisiert am 07.02.2016
Besucht am 04.02.2016
Das sich Hagen in kulinarischer Hinsicht in etwa derart eklektisch darbietet wie Nordkorea in Sachen einer lebendigen Musical-Landschaft dürfte Lesern meiner Pamphlete sicher nicht verborgen geblieben sein.

Manchmal glaube ich, man könnte die „Frikadelle Spezial“ als einziges behördlich erlaubtes Mittagsgericht vorschreiben und es gäbe keinerlei Proteste – so lange der Preis bei unter 3 Euro bleibt, mit bzw. inklusive „Pommes Schranke“ versteht sich.

Ausnahmen bestätigen hierbei natürlich die Regel, sind aber spärlich gesät und mitunter mit recht lästigen Anfahrten verbunden...

Umso größer meine Neugier dieses neu eröffnete Lokal betreffend, es liegt nur ein paar Minuten von der Firma entfernt und bis vor einigen Monaten war hier noch ein Italiener mit dem mondän klingenden Namen „Il Tartufo“ ansässig.

Unmittelbar vor dem nicht unbedingt hübschen Gebäude mit 70er-Jahre DDR Plattenbau-Charme (das muss man erst mal schaffen bei nur drei Geschossen, vermute eine etablierte Spielart moderner Architektur, der „reduzierte Hagenismus“ o.ä.) gibt es vier Parkplätze.

Die äußeren waren belegt, die mittleren beiden wurden unfassbar talentfrei von einem Ford Mondeo besetzt, der Wagen parkte schräg mittig auf der Markierung.  Nun ja, 21….22….23….ich wollte mich ja eigentlich nicht mehr über solche alltäglichen Ärgernisse aufregen, der Fahrer war sicher früher Pilot und hat bei Linien immer das Bedürfnis auf ihnen zu fahren, hoffe ich begegne ihm nie auf einer Landstraße.

Aber gegenüber gibt es noch einen weiteren, mittlerweile nur noch spärlich mit Schotter belegten Platz für ca. 10 Fahrzeuge auf dem ich mein Vehikel dann abstellen konnte um hernach die ausgehängten Karten zu studieren.

Der Schein trügte nicht, wenn an der Fassade schon „Internationale Gerichte“ prangt, sind Cevapcici und lustiger Bosniak meist nicht weit und so sollte es auch sein, willkommen also in der Lieblingsgastronomie unseres lieben Freundes Bernie.

Eingetreten empfängt einen das Restaurant doch weitaus gepflegter als die Fassade dies leicht menetekelnd vermuten lässt, wären nicht die altmodischen Paneele an Decken und Wänden und diese merkwürdig gefliesten Säulen könnte man sicher mehr draus machen.

Begrüßt wurde ich von einem netten Herrn um die 40, der mir auf Nachfrage mitteilte, dass es leider noch keine Mittagskarte gäbe, mir aber derart sympathisch versicherte, dass viele kleine Gerichte auf der Standardkarte stünden, dass ich mich gerne in den Gastraum begab, neben mir nur zwei weitere Gäste anwesend.

Die Karte liest sich wie der Prototyp dieses Gastronomie-Genres: die üblichen internationalen Klassiker, das Schniposa „Wiener Art“, der Steakbaukasten, etwas Fisch (den Zusatz „frisch“ habe ich nicht gesehen) und natürlich die Abteilung „Fleischberge mit Djuvec-Reis und Pommes“ in der Herr S. ab und an sehr gerne zu finden ist.

In der Hoffnung hier vielleicht eine zukunftsträchtige Option für die Mittagspause zu entdecken wählte ich erst mal einen absoluten Landes-Klassiker, das Halb und Halb, Pola-Pola, wenn sie den schon nicht hinkriegen, lohnen ja bekanntlich auch abenteuerlustige Dinge meist nicht.

Meine sehr gut gekühlte Cola, die 0,3l zu moderaten 2 Euro stand bald vor mir, gepaart mit dem wiederum auf eigentümliche Art und Weise sehr liebenswürdig und dabei ohne jegliche Anbiederung vorgetragenen Hinweis, dass ich mich an gerne an der Salatbar bedienen könne.

Gesagt getan, der Inhalt der Salatbar, deren Dekor den Paneelen ästhetisch in nichts nachstand, war auf den ersten Blick nicht unbedingt ein Meilenstein in der Geschichte der kreativen Salatbuffets, siehe Foto.

ABER, geschätztes Fachpublikum:

1.       Die gesamte Bar war hysterisch sauber, vom Acryl-Deckel bis zu den Gefäßen bis auf die Edelstahl Einfassung.
2.       Die Kühlung war auf 6 Grad eingestellt, funktionierte und hielt diesen Wert auch, nicht zuletzt durch den hygienischen Deckel.
3.       Es mögen nicht die edelsten Tomaten gewesen sein, nicht der erlesenste Pflücksalat und die Zwiebeln kamen auch nicht gerade aus Tropea oder Roscoff – aber alles war taufrisch und knackig!
4.       Die Dressings schmeckten, das rustikale Essig-Öl Gemisch mit Zwiebeln auf den gelben Bohnen war erstaunlich gut.
5.       Wäre noch ein wenig Schafskäse und ein paar Croutons verfügbar gewesen wäre das für mich eine ideale Auswahl für den einfachen Mittagstisch.

Ich widmete mich also zufrieden meinem Salat, im Hintergrund dudelte statt eines unsäglichen Lokalradios ein Album des „Buena Vista Social Club“ - Chan Chan zum Bohnensalat, Romantik pur im Lennetal (...).

Etwa 15 Minuten später erreichte glühend heißes Grillgut meinen Tisch, das „Halb und Halb“ zu 10,50 Euro duftete herrlich nach Knoblauch und sah gut aus, allenfalls das Ajvar warf rein optisch eine Frage auf.

Dieses hatte man nämlich mit Zwiebeln vermischt und dabei das Verhältnis von Ajvar und Zwiebel etwas zugunsten der letzteren angelegt, ich mag es lieber separat.

Das war es dann aber schon mit der Kritik, ich gab noch groben Pfeffer aus der Mühle obenauf und stürzte mich ins Vergnügen, die Convenience Pommes Frites waren richtig heiß, gut gesalzen und schmeckten und rochen nach frischem Fett.

Beim Djuvec Reis werde ich oft enttäuscht, irgendwas ist immer, aber der hier war der beste seit sehr langer Zeit (gut, ich habe ihn auch nicht wirklich oft gebe ich zu).

Die Konsistenz nicht zu körnig oder breiig, die Quellfähigkeit der Reissorte optimal passend, im Geschmack nicht einseitig nach gekörnter Brühe mit Tomate sondern gehaltvoll, rund, fruchtig durch die Paprika, Zwiebeln und etwas Aubergine, wirklich leckeres Zeug.

Die Cevapcici, vier an der Zahl, haben geschmacklich überzeugt: recht fein gewolftes Hack, noch leicht rosa im Inneren, schöne Grillnoten, nicht nur optische. Dabei recht puristisch, ich mag sie noch lieber mit Kräutern und einem Hauch Cumin, Knoblauch war aber genügend vorhanden ohne dabei zu übertreiben. Ich habe nach dem Essen danach gefragt, sie werden tatsächlich hausgemacht, rein optisch ist das ja manchmal schwierig zu beurteilen.

Kommen wir jetzt zur absoluten Nagelprobe für Balkan-Grill-Restaurants, das Souvlaki des Balkans: das Ražnjići!

Ich musste spontan an unseren Doc denken, denn auch hier durfte Darth Vader scheinbar am Grill seinen Aggressionen freien Lauf lassen, die Grillstreifen sahen verdächtig nach Laserschwert aus...

Wie Lodda und Bernie schon mal kommentiert hatten (und ich nur begeistert beipflichten konnte) werden diese Dinger meistens staubtrocken, das Fleisch ist gerne unterirdisch fettig und der Geschmack ist mit „neutral“ meistens eher beschönigend beschrieben.

Argwöhnisch befreite ich das Fleisch vom Spieß, das ging extrem leicht „aha, sicher fettig“ dachte ich noch, konnte dann aber beim Anschnitt des ersten Stückchens meinen Augen kaum trauen.

Der Garpunkt war ideal, noch ebenfalls zart rosa und mit unglaublich viel Saft und Leben ohne einen Hauch zu fettig oder gar von Sehnen durchzogen zu sein. Gutes Schweinefleisch frisch vom Grill, auch hier braucht man nach dem Verzehr keine Vampire fürchten für einige Zeit, das war das mit Abstand beste Ražnjići das ich je hatte, Punkt.

Der Service fragte auch zwischenzeitlich nach meiner Zufriedenheit, nach dem Essen freute man sich über mein ehrliches Lob, aber auch über meine Anmerkung zum Ajvar, das hinterließ abermals einen sympathischen Eindruck.

Die Frage nach einem Kaffee-Wunsch verneinte ich aus Zeitgründen, die EC Kartenzahlung konnte bequem am Tisch erledigt werden und ich erhielt ungefragt eine ordentliche Rechnung.

Man wünschte mir freundlich einen schönen Tag, ich erwiderte und fügte noch ein „dann bis bald“ hinzu und entschwand in den grauen Regen, jedoch nunmehr wenigstens mit etwas Sonne im Bauch.
 
Fazit

Wie es aussieht ein solider Balkan-Grill: Keine Experimente oder gar raffinierte Küche aber frische, gute Zutaten die appetitlich angerichtet wurden. Aber da ist mir ein gut geführtes „Schuster, bleib bei deinen Leisten“ immer noch lieber als das, was dem armen Bobby unlängst in Solingen passiert ist, auch wenn das Ambiente hier natürlich vergleichsweise unterirdisch ist – solide vier Sterne für das Essen, das war gut für dieses Geld.

Apropos Ambiente: Man kann es hier gut aushalten, Abends bei etwas anderer Beleuchtung sicher auch durchaus behaglich, alle Ästheten sollten vielleicht nicht ganz so genau hinschauen, wobei aber beispielsweise die Papierservietten von hervorragender Qualität waren, will sagen da gibt es VIEL schlimmeres im Ruhrgebiet – 3,5 Sterne.

Die Sauberkeit des Gastraumes, der Tischdecken, des Empfangsbereiches etc. war durch die Bank hervorragend, die Toiletten habe ich nicht aufgesucht, es ist halt alles nicht mehr unbedingt zeitgeistig - um es vorsichtig zu sagen –hier vier Sterne.

Der Service war gut, man war grundfreundlich, hat mir sogar extra zunächst die Vorspeisen-Seite aufgeschlagen, bevor er mir die Karte überreichte weil ich ja nach kleinen Gerichten gefragt hatte, war immer präsent und zuvorkommend. Bei einem 10 Euro Mittagsgericht klare vier Sterne hierfür!

Ich bin froh drüber, in unmittelbarer Nähe wieder was Nettes entdeckt zu haben, hoffe es gibt bald eine Mittagskarte und freue mich auf das nächste Mal wenn mich mal wieder akute Urgelüste übermannen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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