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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat gärtnerei Berlin in 10115 Berlin bewertet.
vor 10 Monaten
"Gelungener Ausflug ins „Grüne“"
Verifiziert

Geschrieben am 11.11.2018 | Aktualisiert am 11.11.2018
Besucht am 06.08.2018 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 65 EUR
Berlin, Sommer 2018. Die Stadt kocht. Gegen Abend werden die Temperaturen zumindest im Freien erträglicher. Der einsame Borgfelder streift die Torstraße entlang, ohne Ziel, vielleicht hat das Bandol sur Mer noch etwas frei. Auf der anderen Straßenseite wecken gut gefüllte Außenplätze die Aufmerksamkeit. Gärtnerei? Vermutlich vegetarisch. Der Aufsteller verheißt dementsprechend Erbse (So ziemlich das einzige Gemüse, das mir schon als Kind geschmeckt hat!), Karotte, Kimchi. Warum nicht mal etwas Leichtes?

Vom Autolärm urban umtost, zwängte ich mich in das einfache Metall-Klappmobiliar, blaue Flecken garantiert.

Berlin is nix für Weicheier... Ein Blick in die Karte verwirrte zunächst: Doch Fleisch und Fisch? Die Bedienung klärte auf. Das Lokal ist ein Ableger der „Fleischerei“ an der Schönhauser Allee. Dort stand zwar die vormalige Metzgerei, hier aber die nahe Gartenstraße Namenspatin. Die junge, schwer tätowierte Frau schätzte die direkte Berliner Ansprache, ohne zu rotzig zu sein. Ob mit einschlägiger Ausbildung, ist heute nicht immer gleich zu erkennen. Jedenfalls lernte sie eine weitere Anhängerin flächendeckender Körperkunst an. Als ich später doch mal darauf hinwies, dass Gastlichkeit auch eine Servicekomponente haben sollte, gab es das volle Programm einschließlich 2-Sekunden-Hand-auf-den-Arm und handgemaltem Smiley auf der Rechnung. Verwirrend, aber letztlich hat sie ihren Job doch gut gemacht. 

Bei einem erfrischenden, hausgemachten Spritz (8€) schaute ich die angenehm fokussierte Karte im grünen Passepartout durch. Mal was anderes als das Klemmbrett. Ich blieb trotz Linumer Wiesenkalb oder Heilbutt bei meiner fleischlosen Wahl; das waren in gewohnter berlin-mitte-schreibweise:

erbsen-kaltschale joghurt minze himbeere salz-zitrone
„der pilzgarten“ pfifferlinge sommertrüffel stachelbeere saubohnen rüben
hot summer kimchi shitake-pilze koriander kokosmilchreis (vegan)
sauerkirsche matchatee ziegenkäsesorbet orangenblüte

Als Viergangmenü für 45€, was fünf Sterne für das PLV rechtfertigt, erst recht, wenn man dafür auch die Gänge mit Fleisch und Fisch hätte bekommen können.

Die recht kleine Weinkarte hat einen österreichischen Schwerpunkt, natürlich Inhaber, Multi-Gastronom und Weinhändler Bernhard Hötzl geschuldet. Die Empfehlung nach Rücksprache mit der Küche war eine Cuvée aus riesling, müller-thurgau und muskateller von soellner aus wagram. Zum Kimchi stieg ich auf einen riesling von türk aus dem kremstal um. Für das Achtel waren 5€ und 6,5€ fällig. Wenn jetzt selbst eigennamen (!) klein geschrieben werden, sollte ich dann vielleicht mal eine ganze kritik alles klein...? Die spinnen, die Berliner!

Als Apero kam ein knuspriges, kräftiges Landbrot mit schwerer Krume.

Darauf (ist selten!) Quark mit Joghurt, dem Zitro-Abrieb schöne Frische gab. Für mich gerne noch mehr von den frischen Kräutern, aber das war schon ein sehr guter Einstieg.

Das Menü startete mit einem der schönsten und auch besten vegetarischen Tellern des Jahres:

Die knackigen Erbsen waren nicht mehr süß, aber noch nicht mehlig, sondern auf der Höhe ihres Aromas. Es gab sie auch als fast ebenso intensives Püree und Sprossen. Dazu wurde ein flüssiges Joghurt mit einer ganz angenehmer Milchsäure am Tisch angegossen und mit einem Kräuteröl ergänzt. Die Minze schmeckte gut durch, zur Erbse natürlich der Klassiker. Salzzitrone und Himbeeren setzten immer wieder kleine Spitzen, ohne sich in den Vordergrund zu spielen. Ein perfektes sommerliches Aromenfeuerwerk, das jedem vegetarisch spezialisierten Spitzen-Restaurant Ehre gemacht hätte.

Auch der zweite Teller war optisch schon mal aus derselben Liga.

Dabei ganz anders, als der Napf zum Auftakt. Hier wurde rund um forzügliche feine Fifferlinge getupft und gespritzt, was Pinsel, Quetschflasche und Spritzbeutel hergaben. Da machte sich vermutlich eine solide Station in der Sterneküche bezahlt. Allerdings war die Vielfalt bei auch auf dem Teller versammelten drei oder vier auf den Punkt gebrachten Rübenarten schon an der Grenze der geschmacklichen Überforderung. Schön, dass sich die Geschmacksbilder gut ergänzten, sei es durch Stachelbeere, rote Frucht (Cornelkirsche?) oder die als Püree und Gel gar nicht mehr rustikale Saubohne. Sommertrüffel fand wie so oft nur auf der Karte statt. Dafür setzte frittierter Estragon geschmacklich und von der Textur noch ein Highlight.
Zwar nicht ganz auf der konzentrierten Höhe des ersten Tellers, hat aber trotzdem Spaß gemacht.

Wiederum eine optische Abwechslung dann mit dem koreanischen Nationalgemüse, denn der Chinakohl war in einem Stück vergoren worden, nicht wie sonst in Streifen oder Stücken.

Eine angenehme, runde Schärfe mit Ingwer, Knoblauch und Chili. Die Shitakepilze hatten etwas Probleme, geschmacklich durchzudringen, gefielen mir aber mit ihrem guten Biss. Dazu ordentlich Koriandergrün, das man - wie ich - nur lieben kann oder eben hasst. Die Variante im Kochu Karu im April gefiel mir zwar noch etwas besser, aber bekanntlich haben viele Mütter schöne Töchter...
Der gesondert gereichte Kokos“milch“reis 

war natürlich ein genialer Ausgleich zur Schärfe des Kohls. Die Küche kann also auch Asien, prima.

Da ein recht kräftiger Wind aufgekommen war, zog ich an einen Tisch im Restaurant um, wenngleich an den weit geöffneten Fenstern. So konnte ich auch die zeitgeistig-gülden gestylte Innenausstattung bewundern

bei der mir sowohl die großen Bilder als auch kunstvoll gesteckte Zweige auffielen, die etwas verspätet die japanische Kirschblüte thematisierten.

Wie passend. Denn ausnahmsweise hatte ich statt einer Käseauswahl von Blomeyer ein Dessert gewählt, welches das Thema wieder aufnahm:

Wunderbare (entkernte) Amarenakirschen auf einer feinen Hibiskuscrème bildeten einen schönen Kontrast zum Ziegenkäse-Eis, dem durch die Kälte die Strenge weitgehend genommen war. Angebratene Matchaküchlein und Öl von Orangenblüten steuerten fruchtig-bittrige Nuancen bei. Ein mutig komponiertes Dessert mit japanischen Anklängen. Meine Käseabstinenz bereute ich an diesem Abend jedenfalls nicht.

Was auch für die vegetarische Auswahl insgesamt gilt, wie überhaupt für die Einkehr in der Gärtnerei. Die Küche kann was und sie traut sich was. Von mir eine Empfehlung und bei einem zweiten Besuch teste ich gern die Fleisch- und Fischabteilung.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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