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GastroGuide-User: Minitar
hat Zum Speckwirt in 72250 Freudenstadt bewertet.
vor 1 Jahr
"Schwarzwald light"
Verifiziert

Geschrieben am 06.08.2018
Besucht am 05.08.2018 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 28 EUR
Freudenstadt im Schwarzwald glänzt mit dem grössten Marktplatz Deutschlands, umsäumt von einem viereckigen Arkadengang und gefühlt mehreren Dutzend gastronomischen Betrieben. Um sie alle durchzuprobieren, reicht ein einziger Urlaub nicht. Man kann es aber auch auf mehrere Häppchen verteilen.

Trotz tropischer Hitze und einem publikumsattrativen Töpfermarkt wage ich an einem Sonntag Anfang August die Anreise mit anstehendem Verwandtenbesuch. Vom höher gelegenen Stadtbahnhof kann man sehr bequem zu Fuss in wenigen Minuten den zentralen Markplatz erreichen.  Freudenstadt kann dank seiner „Champagnerluft“ auf eine lange touristische Historie zurückblicken. Und erstaunlicherweise weht hier oben eine herrlich frische Brise durch den Ort – wer weiss, woher?

Nach längerer Suche stoßen wir auf ein Lokal namens „Speckwirt“, im unteren Bereich des Marktplatzes gelegen, unweit der Wasserfontänen, die heute besonders gern frequentiert werden. Die Glasfronten des Restaurants schmückt die Silhouette eines vollbärtigen Hipsters mit Haartolle. Sind wir hier bei einem Barbier gelandet? Bei einem Herrenfriseur? In einem angesagten Schwarzwald-Shop mit Black Forest Gin? So genau weiss man es im ersten Moment auch nicht. Schattige Tische und Stühle vor der Türe laden zum Platznehmen ein. Wir lassen uns nicht lange bitten.

Der quirlige, aufgeweckte, enthusiastische Typ, der sich unserem Tisch nähert, ähnelt frappierend der Silhouette auf den Glasfronten. Der Chef? Der Patron? Ein Oberkellner, der rein optisch den optimalen Einstellungsvoraussetzungen entsprach? Wir studieren eine Speisekarte mit erstaunlich gefälligen, überaus günstigen schwäbischen-badischen Hausmannskostspeisen: Maultaschen, Wurstsalat, Kässpätzle, Speckwirt-Pfännle mit Bratkartoffeln, Spiegelei und Bohnen, Flammkuchen. Das meiste liegt unter der magischen 10-Euro-Grenze. Nur Schnitzel und Putensteak liegen preislich drüber. Wären wir nicht zufällig beide im Ländle geboren, sondern hier als Touris unterwegs, würden wir jubilieren. Doch es kommt noch besser: der Speckwirt hat 7 Tage die Woche geöffnet, bietet Frühstück, Mittagessen, Vesper. Also so was wie die Schwarzwälder Version der eierlegenden Wollmilchsau.

Wir entscheiden uns für Maultaschen an Specksauce (9,80 Euro) und Käsespätzle (9,80 Euro). Beides wird mit einem kleinen Beilagensalat serviert, dessen Blattsalate, Gurkenscheiben und Alibi-Tomatenachtel dem bundesdeutschen Durchschnitt entsprechen. Doch der Kartoffelsalat ist schlichtweg grandios: wunderbar knätschig, leicht säuerlich angemacht und herrlich durchgezogen. Auf unsere Nachfrage wird verraten, dass er schon frühmorgens angemacht wird. Aber auch die verwendete Kartoffelsorte passt 1a: und das, obwohl der schwere schwäbische Lehmboden für mein Dafürhalten nicht gerade die besten Kartoffeln hervorbringt. Von diesem herzhaften Salat würden man sich gerne ein Eimerchen mitnehmen…

Die Käsespätzle sind gefällig und halb Convenience-mässig. Offenherzig wird zugegeben, dass die zugekauften Spätzle aus der Nachbargemeinde Lossburg stammen. Der verwendete Bergkäse ist nicht allzu herzhaft und ziemlich soft. Auch die sparsam ausgegebenen geschmälzten Zwiebeln schmecken eher karamellig als deftig. Prinzipiell hätten einige Prisen Pfeffer der Sache ganz gut getan.  Aber alles in allem trifft diese ausgebremste Version wohl den Publikumsgeschmack. Dass die Käsespätzle direkt im Pfännle serviert werden, ist hübsch anzusehen und hält für lange Zeit die Temperatur. Die Maultaschenportion wiederum ist recht überschaubar und etwas dürftig. Zwei gut durchgegarte Exemplare schwimmen in einer chamoisfarbenen Sauce, die aussieht, als wäre sie von der Kässpätzle-Produktion übrig geblieben. Ein Streifen von roter Paprika und etwas Petersilie sorgen für optische Highlights. Neben einem frischen Hefeweizen und einer brausig schmeckenden Cola greifen wir hier gerne zu einem Zibärtle-Schnaps zum unglaublichen Preis von 2,50 Euro. Die seltene, regionale Spezialität aus einer hiesigen Pflaumenart schmeckt hier leider enttäuschend: sehr sprittig, wenig Fruchtgeschmack, vor allem das besondere Bittermandelaroma fehlt gänzlich. Etwas mehr Lagerung könnte vielleicht für mehr Tiefgang sorgen.

Im Aussenbereich sitzen wir sehr luftig und hell und gut von Sonnenschirmen geschützt an Vierertischen. Der Gastraum ist perfekt zünftig durchgestylt, mit hellem Holz, rustikalen Tischen und Designer-Lampen. In einem kleinen Nebenraum befindet sich das Genuss-Lädle, in dem man hippe lukullische Mitbringsel erwerben kann, vom Hochprozentigen aus dem Schwarzwald über kleine Süssigkeiten bis zu Kult-Bieren.

Wer auch immer auf die Speckwirt-Idee gekommen ist: es dürfte eine Goldgrube sein. Das Lokal trifft den üblichen Publikumsgeschmack, die Speisen verzichten auf jede Eigenart und schmecken super-gefällig, der Service ist überbordend freundlich und fast euphorisch, Sauberkeit und Präsentation erhalten Bestnoten. Das alles zu erschwinglichen Alltagspreisen. Das ist Schwarzwald light und wenn man was aus dem Genusslädle erwirbt, auch Schwarzwald to go. „Very typical“, würden unsere ausländischen Freunde zufrieden konstatieren.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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simba47533 und 4 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.