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GastroGuide-User: dark_jedi1109
hat Essen'z in 42287 Wuppertal bewertet.
vor 4 Jahren
"Sehr gutes Essen, sehr gutes Event!"

Geschrieben am 01.02.2015 | Aktualisiert am 01.02.2015
Besucht am 06.06.2014
Schmitz Jägerhaus | 06.06.2014 | 3 Personen | 225 € + TG
Diese Kritik wurde ursprünglich für ein anderes Portal geschrieben und nun hierher übertragen. Aus diesem Grund besteht eine Differenz zwischen Besuch und Einstelldatum der Kritik. Da ich mir jedoch sehr sicher bin, dass mein Eindruck heute identisch wäre stelle ich die Kritik auch hier ein.



Vorwarnung: Ich glaube, dass diese Kritik sehr lang wird – wer lieber einen kurzen Überblick haben möchte, kann bis zum Fazit scrollen. Den anderen Lesern empfehle ich ein kühles Glas Weißwein.

Es war mal wieder soweit – ein Restaurantbesuch stand vor der Tür. In freudiger Erwartung machten wir uns zu dritt auf zum „Degustationsmenü“ von Jacques Weindepot (Schloss Lüntenbeck) – in Zusammenarbeit mit dem Restaurant „Schmitz Jägerhaus“. Dieses Degustationsmenü wird mehrmals im Jahr (mit je zwei Terminen) angeboten und ist immer eine tolle Sache. Wir haben schon mehrmals teilgenommen und hatten immer einen sehr schönen Abend. Dieses Degustationsmenü stand unter einem besonderen Stern – dem 40 Jährigen Bestehen von Jacques und orientierte sich bei der Weinauswahl etwas an den Dekaden von Jacques.
Ich bin mir nicht sicher, ob Degustationsmenüs überall so ablaufen (ich vermute sogar eher nicht), von daher möchte ich kurz auf den „modus operandi“ eingehen. Für einen Personenpreis von 75€ erhält man ein 6-gängiges Menü, das in Zusammenarbeit mit dem Weindepot passend zu den Weinen entwickelt wurde. Zu jedem Gang werden im Vorhinein mehrere Weine serviert, die man bewusst vor dem jeweiligen Gang verköstigt. Anschließend macht man sich seine Gedanken, welcher Wein denn wohl am besten passen möge und ist in Kombination mit dem Essen dann so manches Mal überrascht, dass ein vermeintlich toller Wein zu dem jeweiligen Essen doch nun so gar nicht passt. Ein Erlebnis, das vor allem bei „Wein-Neulingen“ zu interessanten Reaktionen führt. Zusätzlich sind in dem Preis ein Aperitif, Brot, Wasser und Kaffee enthalten.
Wir trafen etwas überpünktlich um 19.10 Uhr am Schmitz Jägerhaus ein – das Wetter hatte auf angenehme 25°C bei blauem Himmel ohne Wolken gewechselt. Das Haus ist an der L58 beheimatet und liegt etwas außerhalb. Parkplätze sind direkt vor dem Restaurant und auch in der Umgebung vorhanden. Das Schmitz Jägerhaus bezeichnet sich online als „Gourmet Restaurant“ – Menüpreise von 49€ bei 3 Gängen bestätigen dies. Die normale Speisekarte ist vielfältig und bietet in sämtlichen Menüpositionen genügend Auswahl. Normalerweise würde dies meine Erwartungen auf „sehr sehr hoch“ stellen, bei diesem „Event“ senke ich sie etwas. Vom Anspruch her vergleiche ich das Restaurant bei diesem Event mit Restaurants wie Roberts, Scarpati Trattoria und Heldmanns Bistro.

Service & Begrüßung
Wir wurden vom Service sehr freundlich empfangen, unsere Jacken (wenn vorhanden) wurden uns abgenommen und unser Tisch präsentiert. Edel eingedeckt, weiß, viele Gläser, kleine Vase mit Gerbera, Stoffservierte, viel Platz & Material zu Jacques und dem folgenden Menü. Die Stühle etwas zu tief, aber gemütlich – mit schönen weissen Hussen überzogen. Passend zu dem wirklich tollen Wetter wurde uns mitgeteilt, dass der Empfang im Terassenbereich durchgeführt würde.
Nachdem wir den Leiter des Weindepots begrüßt hatten, wandelten wir also in den Terassenbereich und wurden alsbald mit einem Cremant empfangen. Der Cremant leider nicht gekühlt – ein Fauxpas der sofort behoben wurde. Es handelte sich um einen Cremant de Bourgogne, Vive La Joie (Frankreich, Blanc Brut 2007) – der erstaunlicherweise auch warm nicht zu verachten war. Zusätzlich wurden Hors d’oeuvre gerecht – Bruschetta und andere Crostinis mit mediterranem Gemüse, mild geräuchertem Lachs und Schinken/Käse. Allesamt gut, wenn auch nicht herausragend – kross, frisch, leicht unterwürzt. Der Service war den ganzen Abend über hervorragend. Freundlich, kompetent, im Rahmen des Events nicht zu distanziert, fachlich korrekt (in allen Punkten). Sonderwünsche wie „Ich hätte den 2. Wein aus der 1. Vorspeise jetzt gern nochmal“ waren  auch drei Gänge später nie ein Problem, Informationen zum Essen konnten gegeben, oder schnell erfragt werden, Gläser wurden ständig nachgefüllt. Lediglich zu Beginn war der Service etwas unterbesetzt – dies änderte sich aber mit dem 2. Gang.

Essen & Weine
Etwa gegen 20.00 Uhr begaben wir uns in den Restaurantbereich und nahmen unsere Plätze am Tisch ein. Wir studierten das am Tisch vorhandene Material zu weiteren kulinarischen Ereignissen rund ums Weindepot. Michael Bürgener, der Besitzer des Weindepots hielt seine Rede zum ersten Teil des Dinners und der Verbindung der Weine zu den Dekaden von Jacques. Die Weine der ersten zwei Gänge wurden kurz angesprochen, die Weingüter vorgestellt und nichts über den Geschmack im Detail verraten – dies sollten wir ja selbst herausfinden. Kurz darauf wurden bereits die ersten Weine eingeschenkt:
Besinet Le Volcanic, Pierre Besinet (Südfrankreich, Blanc 2013)
Ducourt La Rose du Pin, Familie Ducourt (Bordeaux, Blanc 2013)
Lavila Syrah, Winzerverein in Argeliers (Südfrankreich, Rose 2013)
Wir probierten das erste Arrangement aus Weinen, fanden den ersten relativ laff und nichtssagend, den zweiten kräftig und fruchtbetont, der Rose war nicht so unser Ding. Da die Wartezeit auf die 1. Vorspeise etwas zu lang war (da zu wenig Servicekräfte) wurden die Weine etwas zu warm – was ab dem 2. Gang so nicht vorkam. Wir beschäftigten uns währenddessen mit dem Brot und den dazugehörigen Dips. Paprika-Quark etwas zu süßlich, Kräuterbutter unterwürzt, Meersalzbutter hervorragend, zweierlei Brot (Körner & Baguette) kross und lecker.

1. Vorspeise: Duett von Lachs- und Zanderklößchen an Hummerschaum & Gemüse
Uns erreichte ein vorgewärmter Teller (wie später auch) mit zwei recht imposanten Klößchen, zweierlei Sauce, Möhren und Spinat. Geschmacklich waren alle Komponenten mindestens gut, die Schnittlauchsauce zu dem Lachsklößchen wunderbar abgestimmt und durch die Schnittlauchsäure leicht konträr zum Lachs. Die Hummersauce (ein Schaum war es nicht) passte gut zu den fein gewürzten Zanderklößchen, Spinat und Möhren nicht verkocht und ordentlich gewürzt. Das Entree stimmte uns sehr positiv und das Erlebnis mit den Weinen passte dazu. Der Wein, den wir alle drei zunächst für zu laff empfanden, entwickelte seine feinen Aromen besonders gut im Zusammenspiel mit der Hummersauce und der zweite Wein, der uns vorher sehr gut schmeckte, war viel zu stark für das Gericht. So kann man sich irren.

2. Vorspeise: Crepes mit Schinken, frischem Spargel, überbacken
Zunächst wurden uns wieder die Weine eingeschenkt:
Stefan Winter, Grauburgunder (Rheinhessen, Blanc 2013)
Kloster Eberbach, Riesling (Hessen, Blanc 2012)
Zwei Weingüter, die bei uns schon sehr positiv besetzt sind – der erste Geschmack überzeugte uns bei beiden – der Grauburgunder sehr komplex, wunderbar fruchtig, kräftig, sehr rund – ein Genuss. Getoppt (für mich als Rieslingfan) jedoch vom 1A Riesling aus dem Kult-Weingut des Kloster Eberbach – fruchtig, präsente aber leichte Rieslingsäure, mineralisch, komplex. Ich vermutete (für mich zutreffend), dass die schönere Säurestruktur des Riesling besser zum Käse & Schinken passen würde. Serviert wurde uns ein Röllchen aus zwei dickeren Spargelstangen im Crepe/Schinken-Mantel mit einem Hauch Käse überbacken. Das Ganze auf einem Kräutersaucenspiegel und ein paar Paprika-Brunoise. Der Spargel auf den Punkt gegart, biss- und schnittfest, der Crepe geschmacklich überflüssig, aber farblos & dünn gebacken, der Schinken mild, die Sauce ein Traum. Bei der Sauce tat ich mich mit dem Herausschmecken der Zutaten schwer – ein leichter Hauch von Rosmarin im Abgang. Auf Nachfrage wurde mir mitgeteilt „Petersilie, Schnittlauch, Bärlauch, Rosmarin, Thymian“. Eine Kombination, die ich im Vorhinein nie zu Spargel erdacht hätte, die durch die wirklich feine Dosierung aber perfekt harmonierte. Der Leiter des Weindepots führte seine Expertise fort und erläuterte uns die Weine zu den zwei folgenden Gängen in gewohnt lockerer Art.

3. Vorspeise: Gefülltes Perlhuhnbrustfilet mit Spitzkohlpüree, Speck-Gnocchi & Weißweinsauce
Überraschung: Zu der eigentlich weißweinlastigen Vorspeise wurden uns zwei kräftige Rotweine serviert:
Piqueras, Bodegas Piqueras (Almansa Spanien, Rot Reserva 2009)
Avogadri Nero d’Avola, Luigi Avogadri (Sizilien, Rot 2012)
Der Erste fast pelzig mit einer Spitze am Anfang, der zweite mit einem Bouquet, das mich fast an Holzkohle erinnerte – geschmacklich deutlich runder & mild und ähnelte seinem Bouquet kaum. Serviert wurde uns jeweils ein Teller mit zwei ordentlichen Scheiben Perlhuhnbrust mit grüner Farce-Füllung (nichtssagend), Saucenspiegel, einer Nocke Spitzkohlpüree und drei Speck-Gnocchi. Die Perlhuhnbrust saftig, zart, fein im Geschmack, kräftige Sauce und noch kräftigeres Spitzkohlpüree. Würzig-deftige Gnocchi die zusammen mit der kräftigen Sauce (die man mir gerne auch als Suppe servieren könnte) die Brücke zu den kräftigen Weinen bildete. Die Spitze, die mich beim Piqueras zunächst gestört hatte wurde dadurch beseitigt und der Wein für mich deutlich aufgewertet. Der Nero d’Avola war während des Essens dann zu schwach – überzeugte mich aber kurz nachdem die Aromen des Essens verflogen waren wieder mehr.

1. Hauptspeise: Kängurumedaillons an Schalottensauce, getrüffeltem Selleriepüree, Gratin
Zu dieser exotischen Fleischsorte wurden uns drei sehr unterschiedliche Weine aus den „neuen“ Regionen Argentiniens, Südafrikas und Australiens serviert:
Bleasdale Shiraz, Familie Potts (Australien, Rot 2010)  
Buitenverwachting Cabernet-Merlot, Familie Maack (Südafrika, Rot 2010)
Ojo de Agua Malbec, Dieter Meier ­(Argentinien, Rot 2012)
Alle drei sehr speziell, der Argentinier für mich am interessantesten – sehr ungewöhnliches Säurespiel, fruchtige Aromen in Richtung Aprikose. Das Essen kam und mal wieder änderte sich unsere Einschätzung – wir bevorzugten den Shiraz zum Känguru, das uns rosa vom Teller anlächelte. Drapiert auf einem roten Saucenspiegel mit einer Nocke Selleriepüree einem Gratin-Quader. Das Püree leider mit Trüffelöl (dies aber gut dimensioniert) abgeschmeckt, perfekt seidig-zart (ich vermute eine Menge Butter und ein feines Sieb), das Gratin gut abgeschmeckt, die Sauce zu fad und schwach zu den Weinen, das Fleisch herrlich zart und geschmacklich zwischen Rind und Reh. Hr. Bürgener holte zum letzten Teil seiner Rede aus und erläuterte die letzten Weine und gratulierte uns zu unserem „Stehvermögen“ in Bezug auf die Weine.

2. Hauptspeise: Sisteron-Lammkeule auf Pfeffersauce mit feine Speckböhnchen &Drillingen
Zu diesem Gang erreichten uns drei Klassiker des Weindepots:
Chateau Bonnet Réserve, André Lurton (Bordeaux, Rot 2009)      
Domaine de L’Arjolle Cabernet, Familie Teisserenc (Südfrankreich, Rot 2011)
Domaine de Villemajou Corbières Boutenac, Gérard Bertrand (Südfrankreich, Rot 2012)
Die Weine waren mir allesamt bekannt – wenn auch nicht die speziellen Jahrgänge. Alle drei Weine sehr lecker – für mich auch zum Essen nicht zu entscheiden, welcher mir besser schmeckt. Serviert wurden zwei rosafarbene Scheiben Lammkeule mit einem Päckchen Bohnen im Speckmantel mit drei sehr großen Drillingen. Die Menge an Drillingen war sehr gut – fast zu gut - bemessen und war im 6-gängigen Menü ca. dreifach so groß dimensioniert wie in einem anderen Restaurant, bei dem wir drei Gänge aßen. Sisteron Lammkeule aus der Provence sehr zart, fein im Geschmack – kein bisschen Hammel. Die Bohnen mit Biss und einem wirklich tollen Speck, die Drillinge etwas zu weich, aber goldbraun angebraten, die Sauce für mich viel zu laff. Der allgemein sehr hohe Weinkonsum (bei den ersten drei Gängen haben die meisten noch einmal Wein nachgenommen) spiegelte sich in der Lautstärke wieder – muntere Diskussionen über Wein, Essen, Gott und die Welt erhellten den Raum.

Dessert: Klassischer Käseteller oder Duo von der Mousse au Chocolat
Bei dem Finale konnte man wählen – wir entschieden uns bereits bei der Reservierung für die Mousse. Bei der Begleitung konnte man zwischen dem Cremant, den es zum Aperitif gab (diesmal garantiert kalt) und einem Portwein aus dem Hause Andresen wählen.
Andresen Port, Tawny Selected (Portugal, Rot)
Wir wählten in weiser Voraussicht den Portwein, der wirklich absolut perfekt die Kakaoaromen der Mousse ergänzte. Auf dem Teller lachte uns ein Dreierlei an – neben einer weissen Mousse mit Pistazien und einer dunklen Mousse mit gerösteten Mandeln gab es noch eine Kugel Vanilleeis und einen kleinen Beerensalat aus Heidelbeeren, Brombeeren und Erdbeeren. Das Vanilleeis war nicht gut – kristallig, nicht intensiv genug und man hätte es nicht vermisst, wenn man es einfach weggelassen hätte. Die Beeren frisch und aromatisch, die Mousse sehr locker, geschmacklich toll - wenn auch nicht so gut wie im Scarpati. Perfektes Zusammenspiel mit dem Portwein.

Ausklang des Abends
Zum Ausklang des Abends nahmen wir beim Portwein noch einmal nach, bestellen doppelte Espressi, die uns mit kleinen Stücken Marmorkuchen brühend heiss (habe mir noch nie an einem Espresso dermaßen die Zunge verbrannt) serviert wurde. Wir bestellten uns ein Taxi, hinterließen etwas Trinkgeld, verabschiedeten uns und machten uns um 00.30 Uhr auf Richtung heimisches Bett.

Fazit:
Ein Restaurant nach einem Event zu beurteilen ist immer schwierig. Die Leistung der Küche wäre mir im normalen Restaurant (zu den Preisen) nicht genug, im Rahmen des Events war es aber voll in Ordnung, sogar gut. Kleine Abstriche bei Pfeffersauce, Farcefüllung, Drillingen & Vanilleeis halten mich von der Maximalwertung ab. Der Service ist hier wirklich hervorragend. Sauberkeit und Ambiente tadellos. Preis/Leistung bei diesem Event ist absolut toll – sehr viele, gute Weine in üppigen Dimensionen, gut abgestimmtes Essen in guter Atmosphäre bei tollem Service.



Sterne
Essen: 4 / 5 * (Gutes essen, tolle Momente bei den Vorspeisensaucen, abflachende Hauptgänge, fachlich gut)
Service: 5 / 5 * (fachlich perfekt, freundlich, aufmerksam)
Ambiente: 5 / 5 * (Sektempfang auf der Terasse, edel eingedeckt, Stoffservierten, Hussen, Silberbesteck)
Sauberkeit: 5 / 5 * (nichts auszusetzen, tadellos)
Preis/Leistung: 5 / 5 * (absolute Empfehlung)
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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