Coast
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Stiindeelke 2, 25980 Sylt
Restaurant Weinstube Hotel
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GastroGuide-User: StadtLandGenuss
hat Coast in 25980 Sylt bewertet.
vor 1 Jahr
"Sylter Sinfonien - Teil 1: Schichtbetrieb im edlen Gewand"

Geschrieben am 03.09.2018
Besucht am 08.08.2018 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 145 EUR
Endlich Sommer! Endlich Sylt! Voller Vorfreude auf eine der schönsten Inseln der Nordsee starteten wir in den Urlaub. Frau Land, die schon seit Kindertagen samt Familie auf Sylt urlaubt und somit gewissermaßen auf Heimatbesuch war, nutzte die Gelegenheit, um dem Sylt-Neuling Herr Stadt die Insel näherzubringen. Bereits im Vorfeld hatten wir uns einige kulinarische Anlaufstellen auserkoren - unter anderem das „Coast“ in Rantum.
 
Hier wird nach Schichtbetrieb gearbeitet - entweder man kommt um 18 Uhr und hat sich bis 20 Uhr wieder verdünnisiert, oder aber man wählt die Spätschicht und darf (hoffentlich) so lange bleiben, bis die Lichter ausgehen (wahlweise im Restaurant oder beim Gast). Da wir keine Lust hatten, beim Essen in Stress zu verfallen, reservierten wir für die spätere Schicht, d.h. Erscheinen ab 20:15 Uhr. Wir fuhren schon früher nach Rantum, um noch etwas durch den Ort und die Dünen zu spazieren. Pünktlich zu unserem Urlaub begann sich das bis dahin vorherrschende Sommerwetter allerdings zu wenden, und so wurde es nach einiger Zeit unangenehm frisch draußen. Wir beschlossen daraufhin, schon etwas früher im „Coast“ aufzuschlagen und zu erfragen, ob denn an der Bar vielleicht noch ein Plätzchen für uns frei sei.

Außenansicht

Der Chef sah uns durch die verglaste Eingangstür allerdings schon von weitem nahen und stürzte uns aus dem Restaurant entgegen. An der Bar sei kein Platz mehr frei, am Telefon sei extra darauf hingewiesen worden, dass man erst um viertel nach acht erscheinen solle. Als wir kleinlaut schon wieder von dannen ziehen wollten, wurde uns dann aber doch noch ein Platz auf der Terrasse hinter dem Haus angeboten, wo wir auf unseren Tisch warten konnten.

Terrasse

Um zehn nach acht wurden wir dann hereingebeten, unser Tisch sei jetzt bereit. Wir traten ein inmitten das Gewusel der Kellner, die sich gerade bemühten, zwischen noch teilweise übrig gebliebenen Gästen der früheren Schicht alle Tische neu einzudecken. Allgemein ging es in dieser Übergangsphase sehr hektisch zu im Restaurant, der Chef ließ im Vorbeigehen ein ironisches „Ist doch schön, wenn der Stress nachlässt“ fallen. Willkommen fühlt man sich als Gast so sicherlich nicht. Wenn das Personal dem fragwürdigen Konzept des Schichtbetriebs nicht gewachsen ist, sollte das System vielleicht überdacht werden (an der Bar war übrigens kein einziger Platz belegt. Aber vielleicht sind die Barhocker ja nur Deko).

Interieur
 
Der Gastraum ist, wie auf GastroGuide bereits beschrieben, hell und einladend gestaltet. Die Kellner sind leger gekleidet, es gibt keine Tischdecken, dafür aber ansonsten ein vollständiges Gedeck.

Tischgedeck

Das ist der Sylt-Lifestyle, der in den letzten Jahren auch in Rantum um sich greift - schick und hochwertig, dabei aber nicht bieder und locker-flockiger Umgang mit den Gästen (am Telefon ist man sofort per Du). Das Konzept wirkt, an dem Interieur angepasstem Publikum mangelt es im „Coast“ jedenfalls nicht.

Fensterdeko
 
Alkohol beruhigt ja bekanntermaßen die Nerven. So bestellte Herr Stadt als Aperitif sogleich einen Martini bianco, der für erträgliche 5 € daherkam. Nachdem unsere Bestellung mit vom Kellner vorgehaltener Karte aufgegeben worden war, standen auch prompt ein ordentliches Sauerteigbrot,

Brot

sehr gute (Kalamata?) Oliven, ein marinierter Champignon, Sardellen

Antipasti

sowie Olivenöl und ein von der „Just Spices“-Gewürzfabrik eigens hergestelltes Pfeffergemisch auf dem Tisch.

Pfeffermischung

Die Versorgung der Tische mit Karte - Getränken - Amuse erinnert hier etwas an Massenabfertigung. Zack-zack ist das Motto des Abends.
 
Kaum waren die Amuse verdrückt, stand die Vorspeise auf dem Tisch. Der Zeitplan muss ja eingehalten werden! Für Frau Land begann der Abend mit gezupfter Burrata an Salat von Urtomaten und Gremolata (14 €). Lobenswert zu erwähnen ist die grundsätzlich sehr ansprechende Anrichtung der Gerichte auf bunten Tellern, die doch entscheidend zum gelungenen Aussehen eines Gerichts beitragen können. Der Verzicht auf kühles Porzellanweiß wird mit mehr Heimeligkeit auf dem Teller belohnt. Zum Geschmack: Die Burrata war lecker cremig, die Tomaten gaben eine leichte Säure dazu. Die Gremolata rundete den Geschmack dort sehr gut ab, wo man eines der rar gesäten Knoblauchstückchen mit auf die Gabel bekam. Hatte man dieses Glück nicht, fehlte es leider etwas an Pfiff, mehr Würze hätte dem Gericht nicht geschadet und konnte leider auch nicht durch die etwas angetrockneten Käsespäne gerettet werden. Insgesamt trotzdem ein solider Teller, wenn auch der Erwerb von guter Burrata wenig über die Handwerkskunst der Küche aussagt.

Gezupfter Burrata mit Urtomaten

Herr Stadt hatte das Ceviche vom Nordseelachs geordert, das mit Mango, Avocado und Linsencrackern serviert wurde (15 €). Roher Fenchel begleitete das Gericht ebenfalls in kleinen Scheiben, eine nette Idee. Der Fisch kam in dicken, fleischigen Stücken - tolle Textur. Leider war die Avocadocreme aber viel zu scharf, sodass die Geschmacksknospen der Zunge minutenlang streikten. Auch wenn scharfes Essen grundsätzlich sehr lecker sein kann, ist es schöner, sein Essen dennoch schmecken zu können. Als dies beim Kellner angemerkt wurde, kam nur lapidar zurück: „Ja, das ist spicy!“ Wenn die Küche beabsichtigt, dass vor lauter „spicy“ kaum noch andere Aromen durchdringen können, ist das Konzept auf jeden Fall aufgegangen…
 
Lachs-Ceviche

Zum Zwischengang kam dann für Frau Land das Ceviche vom Nordseelachs. Hier war entweder zufällig oder absichtlich mit der Schärfe etwas vorsichtiger verfahren worden, sodass das stets gute Zusammenspiel von Avocado und Mango als Begleiter des butterweichen Lachs besser hervorkam.
Herr Stadt erfreute sich währenddessen am Tatar vom Kalb mit Ziegenquark, Artischockenchips und Birnenessig-Vinaigrette (17 €). Das Tatar war durch den Wolf gedreht und leider nicht per Hand geschnitten (dauert wohl zu lange), war an sich wohl in Ordnung, kam aber gegen die sehr leckere, im Vergleich jedoch zu intensive Vinaigrette nicht an und schwamm noch dazu von unten im Dressing des Salats. Die Artischockenchips waren leider etwas zäh, der Ziegenquark jedoch sehr lecker.

Kalbstatar
 
Die Hauptdarsteller des Abends: für Frau Land eine (wirklich) kleine Portion der hausgemachten Linguini an Trüffel und Parmesan (16 €). Geschmacklich sehr gut, wobei das Aroma eher vom wohl zugegebenen Trüffelöl kam denn von den etwas trockenen Pilzscheibchen. Ansonsten gab’s da nichts zu meckern.

Trüffel-Linguini

Für Herrn Stadt das Wolfsbarschfilet mit Rote Beete-Polenta, wildem Brokkoli, Cashewkernen und Curryemulsion (25 €). Der Fisch war handwerklich solide zubereitet, außen schön kross. Ein Aha!-Effekt stellte sich zwar nicht ein, aber im Großen und Ganzen in Ordnung. Der Brokkoli war hier gut, knackig, teilweise vielleicht sogar noch etwas zu fest, aber auf jeden Fall besser als die Curryemulsion, die (sorry) an Currysoße aus dem Supermarkt erinnerte. Keine Schärfe, kein Pep, kein gar nix. Schade. Die Polenta war farblich hübsch anzusehen, war außen eher zäh als kross, innen aber sehr saftig und geschmacklich in Ordnung.

Wolfsbarsch mit Rote Beete-Polenta

0,7 l Wasser schlugen mit teuren 7  € zu Buche, den trockenen 2016er Rosé vom Weingut Knewitz aus Rheinhessen gab’s für 8 €/0,2 l.
 
Den Abschluss des Abends bildete bei Frau Land eine Kugel Eis der Sorte „Sylter Rose“ aus der Hofmeierei Geestfrisch in Kropp zu 3 €. Im Vergleich zu den restlichen Tellern etwas lieblos angerichtet war das (importierte) Eis aber wirklich köstlich - gutes Milcheis mit herrlich mildem Rosenaroma.

Eis "Sylter Rose"

Herr Stadt schloss mit der kleinen Käseauswahl von Affineur Waltmann mit Brombeerchutney für 10 €, dazu eine 2015er Riesling Auslese von Martin Conrad/Mosel (0,05 l/10 €). Die Käseplatte bildete dann doch noch einen versöhnlichen Abschluss des Abends, gewohnt gute Qualität von Waltmann eben und die 5 Stücke dekoriert mit Blau- und Erdbeeren waren doch sehr angemessen bepreist.

Käse von Waltmann
 
Fazit: Das „Coast“ will schick sein und ist es sicherlich auch. Dabei wird am Ende vielleicht etwas zu sehr auf den Schein geachtet, worunter die Qualität des Essens (geringfügig) zu leiden hat. Unverständlich ist, warum der Laden im assembly line-Stil geführt wird, was ein individuelles Eingehen auf den Gast so gut wie unmöglich macht. Manch einer möchte vielleicht das Essen möglichst schnell unter die Nase geschoben bekommen und danach in Ruhe gelassen werden, wünscht man jedoch eine etwas kundenfreundlichere und engere Begleitung des Abends, ist das „Coast“ nicht die erste Anlaufstelle der Wahl.

"Coast" bei Nacht
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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