Zurück zu Waldschänke zur Distelklinge
GastroGuide-User: Minitar
hat Waldschänke zur Distelklinge in 70794 Filderstadt bewertet.
vor 10 Monaten
"Wer nicht trinkt und nicht raucht"
Verifiziert

Geschrieben am 29.10.2018
Besucht am 28.10.2018 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 44 EUR
Nieselige, bitterkalte Sonntage laden zu Museumsbesuchen ein – und zu einem ausgiebigen Mittagsmahl. Da die Gastronomie in Waldenbuch (Ort des Museums für Alltagskultur und des Ritter Sport Museums) quasi wegen Überfüllung geschlossen hat, weichen wir nach Plattenhardt aus, einem Teilort von Filderstadt. Die Distelklinge liegt malerisch in Waldesnähe und lockt an wärmeren Tagen mit einem schönen Biergarten unter Eichenbäumen, samt Spielplatz und Sonnenterrasse. An Tagen wie heute wird schon der kurze Weg vom Parkplatz (kostenlos und ausreichend gross)  zum Eingang ein Hindernislauf zwischen Pfützen. Der Gastraum mit Fassungsvermögen von 45 Plätzen ist gegen 13 Uhr so proppevoll, dass wir sofortige Zurückweisung befürchten. Doch das wunderbare, überaus nette und sehr entgegenkommende Servicemädel macht es möglich und quetscht uns an den letzten Zweiertisch. Beweglich und gelenkig muss man schon sein, um an den Platz auf der hölzernen Sitzbank zu kommen – dafür ist es hier mollig warm und urgemütlich.

Publikum, Interieur und Speisekarte erinnern uns frappierend an Auswärtsessen in unserer Jugend: zu hohen Feiertagen, Jubiläen, Familienfeiern und Beerdigungen. Meist in gediegenen Landgasthöfen. Auch in der Distelklinge regieren dunkles Holz, Eckbänke, Dielenböden, Tischläufer. Auf der Speisekarte findet man ganz selbstverständlich saure Nierle und saure Kutteln, Rinderleber und Maultaschen, Schwarzwurst von der Alb und selbstgemachten Leberkäse – alles moderat aufgepeppt mit modernen Accessoires wie Kürbiskernbutter oder Zucchiniwürfelchen. In einer Vitrine lassen sich die hausgemachten Kuchen und Torten der Patronin bestaunen. Wer hier einen Platz ergattert hat, geht gerne nahtlos vom zünftigen Mittagessen zu Kaffee und Kuchen über. Oder gönnt sich ein Stück Träubleskuchen zum Nachtisch, so wie unsere Tischnachbarn (auch wenn man nicht auf Süsses steht, sind die konditorischen Naschwerke ein wahrer Hingucker!)

Am Sonntag wird mittags leider nur eine eingeschränkte Karte mit ca. 5 Gerichten angeboten - die werden dann aber küchenfrisch und ultraschnell auf den Tisch gebracht. Mit etwas Verhandlungsgeschick und einem netten Lächeln sind jedoch kleine Veränderungen oder Ergänzungen durchaus möglich. Zumal sich unser Servicemädel vor Freundlichkeit fast überschlägt und alle Sonderwünsche ruckzuck sehr positiv mit der Küche abklärt. Wir wählen eine kräftige schwäbische Rinderbrühe mit Gemüsebrätnocken (5,20 Euro) – dunkel, würzig, hocharomatisch. Von den vier kleinen Nocken hätten es gerne mehr sein dürfen… Beim Hauptgang lässt sich der angebotene Gemischte Braten sortenrein zum Rinderbraten umdiskutieren, dazu gibt es hausgemachte Weizen-Dinkel-Spätzle und einen kleinen Beilagensalat (15,50 Euro). Grossartig! Die Spätzle sind mit gerösteten Semmelbröseln verfeinert, wie seinerzeit beim Sonntagsessen bei meiner Oma. Anstandslos wird in einer kleinen Sauciere noch mal Extrabratensauce nachgereicht. Sehr fein auch die Käsespätzle mit Beilagensalat (11,90 Euro), allerdings etwas zu soft geraten. Der Bergkäse schlägt vom Geschmack leider nicht ganz durch.  Auf Wunsch wird schnell eine Pfeffermühle nachgereicht. Der kleine Beilagensalat (leider ohne Kartoffelsalat, der hier sicherlich 1a gewesen wäre) überzeugt durch knackige Frische und ganz fein gestiftelten weissen Rettich und wunderbar erdige Möhre, dazu ein absolut dezentes Dressing. Wir trinken zum Essen ein süffiges, leichtes Berg Herbstgold von der Ehinger Bergbrauerei (3,90 Euro für den halben Liter), das nur von Ende August bis Ende Oktober ausgeschenkt wird – und nach dem Essen einen Jungfraubirnenbrand von der Owener Destillerie Rabel (4,90 Euro). (Achtung, die Birne ist nicht jungfräulich, sondern stammt von alten Streuobstwiesen auf der Alb).

Was den Service angeht, fühlen wir uns hier umsorgt wie bei der eigenen Verwandtschaft. Das Essen steht nach einer Viertelstunde auf dem Tisch. Kleine Zusatzwünsche werden sofortigst erfüllt, kaum dass wir sie auch nur geäussert haben. Wie mir Kollegen aus der Gegend erzählt haben, wird die Distelklinge nun schon in dritter Generation familiengeführt – das Team ist gut eingespielt und harmoniert bestens. Die Gäste kommen hauptsächlich aus dem Ort oder den umliegenden Gemeinden. Man kennt sich - fremdelt aber auch nicht mit Neuzugängen.

Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist erstklassig. Wer seine Zweifel hat, tut gut daran, das auf die Gaststubenwand kalligraphierte Gedicht zu transkribieren:

Wer nicht trinkt und nicht raucht
und den Mädchen nichts kauft
und trotzdem hat kein Geld
- was tut auch der auf der Welt?
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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DerBorgfelder und 3 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.