FOODTRUCK FESTIVAL

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Gast im Haus
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FOODTRUCK FESTIVAL

Beitrag von Gast im Haus » So 6. Aug 2017, 09:24

So unauffällig steht es in der hiesigen Zeitung, dass es sogar meine Frau nicht gelesen hat: am Wochenende 5. und 6. 8.17 wäre im Schlossbereich bis zum Finanzamt eine Schlemmermeile mit Foodtrucks, ein Festival für den Gaumen jeweils von elf bis elf.

„Das wär doch mal was für heute Mittag“ schlage ich meiner Frau vor. Auch wenn die häufigen Berichte im Fernsehen über solche Foodtruck-Festivals Vergangenheit zu sein scheinen, möchte ich mir doch mal anschauen und schmecken, was da die Pulled-Pork und Exotic-Truck Fraktion auf die Beine stellt, womit man den Gaumen kitzelt – zumal ich aus einer Gegend komme, in der früher fliegende Bratwurststände an fast allen Ecken der Stadt Standard waren und erst im Laufe der Achtziger festen Bratwurstständen wichen, die auch andere Würste und später gar zum Teil Pommes anboten, um dann sang-und klanglos aus dem Stadtbild zu verschwinden. Die Foodtrucks greifen die Idee nun mit hochgerüsteten Imbisslastern bei massivem Auftreten im Schwarm wie der rollende Hamburger-Fischmarkt-Zirkus zeitweilig für wenige Tage auf.

Der Himmel neigt an diesem Samstag zum Weinen – es ist schwül- warm -kalt, noch trocken, als wir uns gen Bruchsal aufmachen. Eigentlich erwarte ich eine große Straßensperrung – spätestens des Schlossbereichs ab dem Damianstor – doch nichts. Meine Frau macht sich schon lustig über mich, was ich wohl in der Zeitung gelesen habe, was sie nicht gefunden hätte – wär wohl gar nicht! Doch dann sehen wir auf den Parkstreifen im Schlossbereich gegenüber dem Amtsgericht die ersten abgestellten Anhänger, die auf so eine Veranstaltung hinweisen – ein paar Warnbaken sind südlich des Cafe-Pavillons am Schloss zu sehen – d.h. der Parkplatz vor der Schlosskirche und das anliegende kleine Straßenstück ist zum Festival-Platz gemacht.

Verdammt nichts los, lauter freie Parkplätze – wir steigen aus, gehen ein paar Schritte – klar, jetzt fängt der Himmel – ein Zeichen? – zu weinen an. Ich zurück zu Auto, hab meinem besseren Drittel einen Schirm geholt. Ein Getränkelaster aus meiner Heimatsstadt kühlt brummend den Nachschub – dann sehen wir ein paar der Foodtrucks locker quer über den Parkplatz im großen Kreis mit einer kleineren inneren Doppelreihe und entlang der Straße auf dem Parkstreifen eine Reihe von vier oder fünf Imbisslastern. Viel ist hier nicht los, die Foodtrucker unterhalten sich mehr unter sich selbst.

Da gibt es den wütenden Elch – oh Verzeihung, wir sind bei Foodtrucks – also The Angry Moose – kein Wunder, wenn er da auf den Teller kommen soll – besser in das kleine Pappschälchen. [So sorry, aber ich halte zu diesem Zeitpunkt die winzigen Pappschälchen, die (wie ich später feststelle) offensichtlich überall Standard sind für Gratis Kostproben] Gegenüber steht eigentlich schon vorher ein Angebot asiatischer Herkunft mit wohl pflanzlichem, mir namentlich Unbekanntem. Da wirkt das in Bildern gezeigte Angebot am nächsten Wagen besser. Auf den mindestens DIN A4 großen Aufsichtsfotos erkenne ich (wie auch die Beschriftung besagt) Pulled Pork, daneben im Bild ein paar Pommes Frites und noch was, das ich nicht identifizieren kann. Gegenüber ein italienischer Softeisstand mit Preisen, die wohl die Reise nach Italien mit einschließen – 4€ und mehr. Überhaupt die Preise – die sehe ich erst in der zweiten Runde um den Platz – falls überhaupt. Mit in die Reihe der neuen Trucks mischen sich auch alte Jahrmarkt-Beschicker, z.B. ein kleiner Softeisstand mit zwei Maschinen und normalen Preisen. Ein Truck bietet wohl Smoothies, daneben ein gewöhnlicher Bierpavillon, wie man ihn von Straßenfesten kennt. Ein wohl älterer Jahrmarktwagen wirbt mit großem Plakat für Zander im Bierteig – beim späteren schauen für den Entscheid „was probieren wir?“ fällt der aber durch – kleine kaum Fischstäbchengroße Zanderstückchen (klar- zum Picken geeigneter) kommen, in einer der früher bekannten hellen Pappschälchen mit den Faltenecken als „große Portion“ zu 10€ bestenfalls ein halbes noch untermaßiges Zanderfilet - für mich nicht in Frage. Es gibt komisch geschnittene Kartoffeln aller Art und eigentlich nichts so „Interessantes“, das mich spontan begeistert hätte.

Entlang der Straßenfront sehen wir uns noch die Angebote an und wir werden von einer jungen Frau angesprochen, ob sie uns zu einer Curry-Suppe oder einem asiatischen Salat einladen dürfe. Das wundert – eingeladen werden klingt gut! Meine Frau nimmt das Grüne, ich die Suppe. Ein wohl recyclefähiges zur Suppenschale geformtes zumindest optisch biologisch wirkendes Etwas wird mit einem Centiliter aus einem Mikrowellen-erhitzten Plastikbeutel gefüllt, in dem sich auch ein kleines Fleischstückchen – Hühnchen - findet – dazu ein kleiner dünner Pressholzlöffel – optisch ökologisch – meine Frau erhält eine etwas länglichere Schale mit grünen Bohnen, Erbsen und noch Zeugs mit einem zierlichen Holzbesteck – Ich freu mich über die drei vier Teelöffelchen der recht gut schmeckenden Suppe – höre Fertiggericht und bekommen nun erst mit, dass hier kein Foodtrucker die Spendierhosen an hat, sondern Bofrost eine (nicht ganz undercover) Promotour im Foodtruckstyle fährt – wir unterhalten uns noch nett mit der jungen Promoterin, die Ihre Sache recht gut macht.

Nebenan der Stand bietet 27h gekochte Ochsenflanke an - bei 54° wie der als Zweiter Sieger eines Foodtruckwettbewerbs Ausgezeichnete stolz erzählt. Wir erhalten auch netterweise Probierstückchen von der Ochsenflanke – nicht schlecht, aber irgendwo fehlt mir der Pfiff – der liege dann wohl in der Kirschsoße, die mit Ingwer den entsprechenden Pepp böte. 7,90 ruft der junge Mann für die Ochsenflanke in Begleitung von Wedges auf, und als Alternative 6,20 für sein vegetarisches Linsengericht mit Ziegenkäse, was sich für meine Frau ganz interessant liest, die mit langgekochtem Ochs seit Kindertagen auf Kriegsfuß steht. Versuche noch im Gespräch etwas über das Foodtrucks-Geschäft zu erfahren, da ich mir nicht vorstellen kann, wie das dauerhaft erfolgreich sein kann – oh prima, er wäre das gesamte Jahr bereits voll ausgebucht. Na junger Mann, so denke ich mir, bei solchen „Festivals“ wie hier mit hohem Invest in Wagen, Standgebühren und und und sind die Fixkosten doch belastend – nur, wo es richtig brummt kann bei der offensichtlich guten Marge des Angebotenen erfolgreich sein – wenn ich aber einmal so ein Event als Kunde gemacht habe, weiß ich nicht, ob ich das nach der Neugier nochmal brauche, oder ob ich als Kunde auch mal das Angebotene nachrechne.

Der Stand daneben wirkt wie ein etwas länger im Einsatz befindlicher Imbisswagen, der Ofenkartoffeln mit entsprechender Besoßung anbietet, und weiter wartet ein Burger- Anbieter auf Kundschaft.

Wozu sollen wir uns entschließen? So richtig begeistert hat uns beide erstmal nichts. Aber ohne es zu probieren, so ganz unnütz hierher gefahren zu sein – das wollen wir auch nicht. Ich erinnere an die Fotos vom Pulled Pork Stand und schlage vor, dort unser Mittag zu bestellen. Meine Frau ist einverstanden, wir gehen hin – dann erleben wir beide ungläubig Schauenden, die kleinen braunen Pappschalen sind nicht Kostproben, sondern das sind die Portionsschälchen - Aufsichtsfoto in DIN A6 wäre noch übertrieben – und Preisangabe sehe ich auch nicht. Wir drehen um.

Dann doch zum Ochsen, den meine Frau nicht mag – aber die Ziegenkäselinsen hatten ihr ja gefallen? Okay. Uupss auch hier die kleinen Pappschälchen, mit denen McM oder BK ihre Kleine-Pommes- Portionszahlen auf einen Schlag verdoppeln würden - Einmal 27h Ochse, einmal Linsen, ein Wasser. Der junge Mann richtet das kleine Schälchen mit einem guten Löffel von der fein in Streifen geschnittenen Ochsenflanke, Kirsch-Ingwer-Soße, Kartoffel-Wedges , Rauke, Salatblättern und einer Handvoll Sprossen nett an. Auf den Schlag Linsen werden drei gut geschnittene Scheiben von der Ziegenrolle gelegt, mit dem Handbrenner angeschmolzen, darauf Sprossen und Deko. Dazu das kleine Wasser (0,2 Flasche) macht zusammen 16,10 €. Ja, es schmeckt unerwartet gut – stimmig vom Salatdressing über die Wedges bis zur Flanke im passenden Kirsch-Dress. Klar – jetzt kommt zum Regen auch noch Wind und macht es ungemütlich. Die Portionsgröße ist zumindest größer als erwartet – würde sagen zwischen Appetitanreger und Seniorenportion.

Es schmeckt zwar – aber nochmal so ein Foodtruck-Festival? Ne! Mir tun nur die überwiegend jungen hoffnungsfrohen Anbieter leid – ohne den Hype und ständige Marketing-Hammer-Methode wie bei der Fischmarkt-Tournee trägt m.E das Konzept Foodtruck-Festival nicht auf Dauer. Da werden Straßenfeste oder einmal (Firmen)-Events oder als Party-Service-Alternative den Foodtruck zu ordern ein mögliches Geschäftsmodell bleiben.

Gut – ich muss zugeben, ich komme aus der Generation, die die momentane High-Price-Burger Welle nicht begeistert – Hackklops bleibt Hackklops oder Frikadelle – egal ob von der gewöhnlichen Sau, dem Hallischen oder Iberico Landschwein oder ob vom Rind, vom Wagyu oder handmassierten Kobe. Und ob ich geschredderten Elch am Stehimbiss brauche, bezweifle ich auch – in der Hinsicht bin ich Konsumbanause. Die jüngere Generation hat da wohl weniger Probleme mit, für ´ne Semmel mit Bratklops oder zerrupfter Schweineschulter richtig Euro hinzulegen (die die Jungs seltsamer Weise im Stück am Knochen und mit Fettschwarte als Schäufele gegart, nie essen würden)– Pulled Pork klingt natürlich nach New York – so wie auch Pastrami wohl wertvoller als Rinderbrust oder -schulter zu sein scheint.

Verrückte Welt – Marketing und Form ersetzen Inhalt und Qualität – und wir machen mit. Ganz schön verrückt.

Lobacher
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Re: FOODTRUCK FESTIVAL

Beitrag von Lobacher » So 6. Aug 2017, 10:38

für ´ne Semmel mit Bratklops oder zerrupfter Schweineschulter richtig Euro hinzulegen (die die Jungs seltsamer Weise im Stück am Knochen und mit Fettschwarte als Schäufele gegart, nie essen würden)– Pulled Pork klingt natürlich nach New York – so wie auch Pastrami wohl wertvoller als Rinderbrust oder -schulter zu sein scheint.

Wie Recht Du hast! Alles muss hip und "denglisch" sein, nur dann
wird es heute akzeptiert. Traurig, einfach nur traurig! Gestern
gab es im TV da so eine Sendung "The Wall" - "Die Wand" wäre
ja zu primitiv, könnte ja jemand verstehen! :cry:

Aber Kompliment für Deine Ausführung, sehr schön beschrieben.
Eigentlich wurde ich gut erzogen. Keine Ahnung was danach passiert ist. :?

AndiHa
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Re: FOODTRUCK FESTIVAL

Beitrag von AndiHa » So 6. Aug 2017, 14:32

Ja die Foodtrucks. Habe ich eher aus Zufall auch einmal erlebt und ob der Preise auch alsbald für mich als erledigt angesehen.
Ein Stau ist nur hinten blöd.
Vorne geht's eigentlich

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