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GastroGuide-User: x2x
hat Haus Sondermann in 42553 Velbert bewertet.
vor 5 Jahren
"Die 60er, 70er Jahre nochmals live im 2. Jahrtausend erleben."

Geschrieben am 27.02.2015 | Aktualisiert am 20.03.2015
Besucht am 26.05.2013
* Frühling im Bergischen Land an einem Sonntagnachmittag. Zwei Damen haben sich gegen den Widerstand zweier Herren durchgesetzt. Einseitig wurde "Wandern" vereinbart, angedacht etwa 2 Stunden. Man fragt sich warum Gottlieb Daimler das Automobil erfunden hat ? Natürlich um es zu nutzen und nicht um es stehen zu lassen und stattdessen zu wandern. Selbst als es noch keine Autos gab, wurden Pferde mit Wagen eingesetzt um nicht zu wandern. -  Nach gefühlten 5 Stunden (unter uns, es waren weniger als 2 Stunden) hatten wir über das "Katernberger Gebirge" und durch die Täler von Rohleder die Ortsgrenze von Neviges erreicht. Schwere Beine, etwas Hunger, unendlich viel Durst, die ersten offenen Wunden an den Füßen, der Körper dehydrierte schon fast, ich erklärte unüberhörbar das Wort "Wandern" zum Unwort des Jahres. Fast fühlte ich mich schon wie Reinhold Messner auf dem K2, natürlich ohne Sauerstoff. Doch plötzlich hinten am Horizont (oder kurz davor), ein Wirtshaus ! Als wir näher kamen entwickelte sich das Haus erkennbar immer mehr zum Ausflugslokal. Also einem gastronomischen Betrieb, wie ihn Onkel Heinz-Willy und Tante Walburga gerne besuchen. Hier gibt es ihn bestimmt noch, den Spruch des Kellners: "Draußen gibt's nur Kännchen".

* Nun denn, treten wir ein. Auf was treffen wir ? Voll das Design der 60er und 70er Jahre. Hätten wir nicht draußen auf dem Parkplatz die aktuelle A-Klasse, einen New Beetle und einen Audi A6 gesehen, sondern einen Ford 17 M, einen Opel Kapitän oder einen Borgward Isabella, ich hätte geglaubt die Zeit wäre stehen geblieben. Die Wirtstube war - wie damals in der Zeit von Willy Brandt üblich - relativ dunkel. Die Tische fast alle besetzt, es war eng, nicht leise und auf den Tischen überall Kaffee (Kännchen) und Kuchen mit Sahne. Durchschnittsalter der Gäste 65+. Ich wollte mir jetzt nicht vorstellen, dass man hier noch vor kurzer Zeit rauchen durfte. Opa Heinrich sogar die Zigarre - wunderbar ! Aber was soll's, ich hatte Durst und den Wunsch endlich wieder zu sitzen. - Wir fanden einen Tisch. Auf dem Tisch ein Brokatdeckchen mit Goldrand. Darauf eine kleine Vase, darin die Tulpe. Ruckzuck stand er schon am Tisch, der "Herr Ober". Schwarze Hose, weißes Hemd, freundlich ! Meine Begleiter fragten vorsichtig nach, ob es jetzt an einem Sonntagnachmittag um 16:00 Uhr auch etwas anderes als Kaffee und Kuchen geben würde. Für den "Kaffeekännchen-Buttercremetorten-Verteiler" überhaupt kein Problem. Während er uns zurief - "Durchgehend offene Küche" hielt er schon die Karten bereit. Erstaunt blickte ich meine 3 Wandergenossen und Genossinnen an. "Hier wollt Ihr etwas essen ?". Nun zumindest könnte man ja mal in die Karte schauen, lautete die Meinung gegen mich. Herr Ober brachte schnell für die Herren das bestellte kleine Kölsch und das kleine Pils (0,2 ltr.), während die Damen unangenehm auffielen. Tranken Sie doch (0,5 ltr.) Hefeweizen aus den bekannte Hefeweizen-Blumenvasen. - Ein Blick in die Karte, zack die nächste verblüffende Überraschung. Hier erlebte man nicht nur das Flair der 60er, 70er, Jahre, es spiegelte sich auch im Inhalt der Karten wieder. Hier ein kleiner Auszug aus der kulinarischen Zeit von Ludwig Erhard und Helmut Schmidt-Menthol:

* Russische Eier, * Schweinefleisch mit Birne und Bavaria bleu überbacken, * Krüstchen, * Schnitzel Hawaii mit Früchten und Käse überbacken und natürlich ein * Cordon blue. Das z.T die Gerichte mit Leipziger Allerlei serviert wurde, war stilgerecht.

* Da werden Erinnerungen wach. Erinnerungen an Schinkenröllchen, Mett-und Käseigel und an den Strammen Max. Es fehlte nur noch das Rex Gildo aus den nußbaumfarbenen Lautsprecherboxen jubelt (Hossa, Hossa) oder auch Manuela und Drafi Deutscher, der bekanntlich damals immer Marmor, Stein und Eisen gebrochen hat. Hier kostet ein Hauptgericht noch mehr oder weniger 10,-Euro, das Bier 1,30 Euro, der Kuchen 2,- Euro, Sahne dazu 0,60 Euro.  - Wir bestellten 2 x für die Herren das Schnitzel Tessiner Art (10,20 Euro), mit Käse und Tomaten überbacken. Die Damen zogen die Forelle von der Müllerin vor, für 10,80 Euro. - Wir schauten uns während der Wartezeit etwas um. Der Laden brummte. Die Fraktion, "Aber bitte mit Sahne" konsumierte fleißig Sahnekuchen, Buttercremetorten und sogar Bienenstich. Die älteren Herren ergänzten fallweise den Kaffee mit Schnäpsen. Kein Problem, die Bushaltestelle ist direkt vor der Wirtshaustüre.

* Die Damen erhielten vor der Forelle den dazugehörigen Salat. Ein Salat wie erwartet. Gurken, Möhrchen, Kopfsalat, etwas Dressing das wars. Herr Ober servierte weitere Getränke. Sein Blick für leere Gläser war verlässlich, im Rheinland sagt man dazu, "der Jong iss jut druff". Aufmerksam servierte er die Schnitzel aus dem Tessin und für die Damen die Fische aus der Forellenzucht. Auf unseren Tellern zwei ordentliche Schnitzel, leicht mehliert. Alles mit Käse und einer Tomatensauce überbacken. Dazu noch Pommes frites. Die Teller waren gut belegt, aber keineswegs überfüllt. Das Fleisch war saftig und hatte die Wärme der Pfanne erlebt und nicht wie man bei diesem Preis vermutet hätte, die ölige Hitze der Friteuse. Die Kartoffelstäbchen waren ebenso völlig in Ordnung, wir hätten das so nicht erwartet, nicht für rund 10,- Euro. Und die Regenbogenforellen der Damen ? Eigentlich so wie man es von der Müllerin erwartet. Die beiden toten Fische hatten wohl vor der Zubereitung in Milch gebadet (der tote Fisch merkt es ja nicht mehr), der Koch hatte sie dann in Mehl gewälzt (dazu waren sie ja selber nicht mehr fähig) und ab ging es in die Pfanne. Offensichtlich handwerklich alles perfekt erledigt. Dazu wurden Butterkartoffeln gereicht. Die ausgelassene Butter wurde stilgerecht in einer kleinen Edelstahl-Sauciere serviert. Natürlich lag auf den Forellen ein Schäbchen Zitrone. Am Tisch fehlten nur noch Peter Frankenfeld, Caterina Valente oder besser noch Loriot. Angereist mit einem Opel Diplomat oder einem BMW V8. Den damaligen Schwarz-Weiß-Fernseh-Konsumenten bekannt aus der TV-Serie "Isar 12".  -  Die Damen zeigten sich sehr zufrieden. Mit hoher Wahrscheinlichkeit waren die Forellen tiefgekühlt. Aber bitte was will man denn für weniger als 11,- Euro erwarten, ein frisch gefangene Forelle ? Sicherlich nicht ! Vielleicht im Schwarzwald. Aber da ruft jedes Schwarzwald-Wirtshaus dafür locker 19,90 Euro auf. Ist es ein "gute Haus", werden dafür schnell auch 25,- Euro fällig. Insofern, alles in Butter, alles gut !

* Sehenswert auch die Dessertkarte. Klassiker wie Pfirsich Melba und Waffeln mit Kirschen und Sahne passen einfach hier hin und finden garantiert zahlreiche Genießer. Wir zogen es vor noch kurz auf die netten Spirituosen zurück zu greifen. Ein Blick in die Getränkekarte und schon wieder ein Überraschung. Hier kostet der Obstler noch 1,50 Euro, ein Kirschwasser 1,90 Euro und die Tasse Kaffee wird glatt für 1,30 Euro serviert. Und wenn Opa Heinrich will, kann er für 1,10 Euro reichlich Korn trinken. Selbst Tante Walburga findet das passende Getränk - Eierlikör für 1,50 Euro. Insidern mit dem Auto-Kennzeichen "EN" sei noch gesagt, dass auf der Karte unter der Rubrik "Obstbrände" sogar ein "Sprockhöveler" angeboten wird. Was auch immer das sein mag. Mir war bisher nicht bekannt, dass man Sprockhöveler auch trinken kann.

Fazit: Seien wir ehrlich, das Ambiente ist antiquiert und realistisch dürfte man dafür nur 2 Sterne geben. Das hier verkehrende Publikum sieht das sicher ganz anders und ist bestimmt damit sehr zufrieden. Da wir uns nostalgisch wohl gefühlt haben, 3 Sterne für das Ambiente. Das Essen war ordentliche 3 Sterne wert. Unter Berücksichtigung des exellenten Preis-Leistungsverhältnisses eigentlich sogar 4 Sterne. Auch der Service verdient 4 Sterne. -  Wenn wir nochmal in dieser Gegend wandern (wann wird das sein ?), werden wir hier garantiert wieder eine Rast einlegen. Hoffentlich hat der Inhaber bis dahin nichts verändert. Hoffentlich bleibt dieser spezielle Charme aus der Zeit von Ernte 23, Eckstein, HB und der Telefone mit Wählscheibe noch lange erhalten. Und wenn wir dann dort im Sommer auf der Terrasse sitzen, wird er "Herr Ober" garantiert und hoffentlich die Ansage machen: "Draußen gibt's nur Kännchen". Vielleicht werde ich ihn dann Fragen, "auch wenn ich Kölsch bestelle ?" - Zufrieden nutzten wir für die Heimfahrt den Bus. Einige ÖPNV-Mitfahrer wunderten sich über unsere ausgelassene Stimmung. Tja wenn man Wandern mit Kölsch + Kirschwasser ergänzt, kann Wandern sogar Spaß machen. Hoffentlich haben wir bald wieder Spaß.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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