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GastroGuide-User: marcO74
hat Landhaus Mischler in 66996 Schönau bewertet.
vor 3 Tagen
"Generationswechsel erfolgreich vollzogen! Das Landhaus im idyllischen Sauertal steht auch weiterhin für souverän vorgetragene Hausmannskost und herzlichen Service"

Geschrieben am 21.11.2020
Besucht am 12.09.2020 Besuchszeit: Abendessen 3 Personen Rechnungsbetrag: 81 EUR
Nicht nur in Folge der Pandemie und den damit einhergehenden Schließungen ist eine gastronomische Spezies in Deutschland ganz besonders vom Aussterben bedroht: der gutbürgerlich aufgestellte Landgasthof.
 
In vielen ländlichen Gegenden ist schon vor der Corona-Krise die Zahl der Gastwirtschaften massiv geschrumpft. Die Gründe hierfür sind meist immer dieselben. Die Betreiber gehen in ihren wohlverdienten Ruhestand und finden keine Nachfolger. Bezahlung und Arbeitszeit gehören in der Gastrobranche bekanntlich nicht zu den Hauptargumenten, um Nachwuchs zu ködern.
 
Und die paar Idealisten, die es dann noch gibt, machen sich in den seltensten Fällen mit guter deutscher Hausmannskost einen Namen. Die Folge: die rustikalen Dorfbeizen verschwinden genau wie die einfachen Gasthöfe aus dem kulinarischen Ortsbild. Eine Entwicklung, die auch bei uns in der Pfalz seit Jahren zu beobachten ist.
 
Umso erfreulicher, wenn das Zepter erfolgreich an die jüngere Generation weitergegeben wird. Nach 26 Jahren Dienst am hungrigen Gast haben Julitta und Udo Mischler ihr Landhaus im staatlich anerkannten Erholungsort Schönau an ein junges Gastronomenpaar weitergegeben.
 
Saskia und Steven Brogdon, beide im Sauertal aufgewachsen und eng mit ihrer Heimat verbunden, haben im Mai 2020 das seit sechs Generationen von der Familie Mischler geführte Traditionslokal übernommen. Zwei vom Fach also, die ihre kulinarischen Vorstellungen von gepflegter deutscher Küche etwas abseits der üblichen Touristenpfade umsetzen wollen.
 
Frau Brogdon ist ausgebildete Restaurantfachfrau und ihr Mann Steven bringt genügend Berufserfahrung als gelernter Koch mit. Gute Voraussetzungen also für eine erfolgreiche Weiterführung des beliebten Familienbetriebs unweit der französischen Grenze.   
 
Schönau, dessen Name sich von der „schönen Aue“ ableitet, befindet sich mitten im Wasgau (Pfälzerwald), fernab von städtischer Hektik und medialer Dauerberieselung. Der Ort ist ein wahres Wandereldorado und eigentlich ideal um dem Alltagsstress zu entfliehen. Etliche Ferienhäuser und -wohnungen können hier angemietet werden.
 
Bei Naturliebhabern, Motorradfahrern, Radtouristen und sonstigen Besuchern der an Burgen nicht armen Grenzregion steht das Landhaus Mischler seit Jahren hoch im Kurs. Denn allein mit dem Namen Mischler verbinden viele eine Küche auf gutem Niveau, wirkte doch im nicht weit entfernten Örtchen Lembach jahrelang der Sternekoch Fernand Mischler in der altehrwürdigen, mittlerweile mit zwei Macarons ausgezeichneten Gourmetadresse „Cheval Blanc“.
 
Nun, ganz so exquisit ging es im Landhaus von Küchenmeister Udo Mischler, der übrigens mit Fernand verwandt ist, nicht zu. Aber was wir schon bei unserem Besuch im Februar 2019 (Rezension ebenfalls auf diesem Kanal) schmecken konnten, war eine sorgfältig zubereitete Auswahl an klassischen Hausmannsköstlichkeiten, die auf qualitativ hochwertige Grundprodukte schließen ließ.
 
Nun hilft Udo Mischler in seinem (Un-)Ruhestand seinem Nachfolger am Herd ab und an noch ein wenig aus. Von dessen jahrelanger Erfahrung kann der junge Küchenchef Steven Brogdon nur profitieren. Dass dabei auch der Generationswechsel ohne größere kulinarische „Sollbruchstellen“ vollzogen wurde, ließ sich anhand der Speisenkarte ablesen.
 
Die war zwar keine 1:1-Kopie aus früheren Tagen, aber doch ein klares Bekenntnis zu Altbewährtem. Bei unserem Besuch im September wirkte das Speisenangebot sogar noch ein wenig ausgewogener als vorher. Das Veggie-Programm wurde etwas aufgewertet, bei den Wildgerichten wurde dagegen etwas zurückgefahren. Dies kann freilich auch saisonale Gründe gehabt haben.
 
Im Anschluss an eine Wanderung, die uns zusammen mit meiner Mutter von Nothweiler aus an vier Burgruinen (Wegelnburg, Hohenbourg, Löwenstein und Fleckenstein) vorbeiführte und uns dabei zweimal die „grüne Grenze“ zwischen Pfälzerwald und Nordvogesen (Elsass) passieren ließ, hatten wir zuerst an eine Einkehr im Landgasthaus „Zur Wegelnburg“ in Nothweiler (da stand ja praktischerweise unser Auto…) gedacht. Dort war leider schon alles ausreserviert, weshalb wir uns spontan in Richtung Schönau aufmachten.
 
Im Landhaus Mischler angekommen, hatten wir Glück, dass wir einen der letzten freien Tische im großen Gastraum ergattern konnten. Draußen auf der Terrasse war zu dieser Zeit schon alles belegt. Aber auch drinnen saß es sich ganz kommod auf bequemen Polsterstühlen an sauber eingedeckten Tischen. Da hatte sich im Vergleich zu früher, als Julitta Mischler noch den Service leitete, im Grunde nichts geändert. Gut so.
 
Da saßen wir nun. Drei hungrige „Grenzgänger“, die dem verdienten Kalorienausgleich nach getaner Outdooraktivität entgegensahen. Und die zunächst einmal ihren mitgebrachten Durst mit einer Flasche Mineralwasser der Marke Bellaris „Classic“ (für faire 3,90 Euro) sowie einer großen Holunderblütenschorle (0,5l für 3,60 Euro) stillten. Loblieder über mein Bellheimer Lieblingswasser habe ich auf diesem Sender schon viele gesungen. Deswegen nur fürs Protokoll: es perlte wie immer und erfrischte vortrefflich.
 
Die jungen Servicemädels hatten den Laden gut im Griff und dementsprechend flott wurden wir auch bedient. Beim Durchstöbern der Karte traf ich auf alte Bekannte. Zum Beispiel Udo Mischlers legendäre „Sauertaler“ (8,90 Euro). Diese ganz speziellen Kartoffel-Küchlein mit deftigem Räucherforellenanteil hatten wir schon beim letzten Besuch verkostet und waren begeistert. Umso erfreulicher, dass diese Landhaus-Spezialität den Betreiberwechsel genauso überlebt hatte wie die Pfälzer Wurstspezialitäten aus eigener Herstellung oder das Schweinefilet mit Waldpilzsoße, das ich mir hier auch schon einverleibte.
 
An den regionalen Reibeküchle kamen wir auch diesmal nicht vorbei, denn wir orderten die mit Meerrettichschmand und Salatbukett gelieferten Kartoffeltaler als gemeinsame Vorspeise. Sharing ist ja bekanntlich das beste Caring. Meine Mutter übte sich derweil im Verzicht auf jegliche Art von Vorwegspeisung. Sie hatte wohl schon den passenden Nachtisch im Hinterkopf. Dass man im Alter zu mehr Askese neigt, hat mir also nicht nur der berühmte (wohl eher berüchtigte…) Bremer Bettelmönch schon häufig vor Augen geführt…   
 
Man kennt das ja. Da liest man sich durch das örtliche Köchelverzeichnis und die Gerichte sprechen gleichermaßen Leib und Seele an. Hier mal eine willkürlich vorgenommene Auflistung unterschiedlichster Assoziationen zu der ein oder anderen Landhaus-Leckerei:
 
Boeuf Bourgignon – her damit!
Flank Steak mit Kartoffelwedges – bitte medium rare!
Sauerbraten mit Klößen – wäre doch was für dich, Mutter!
Käsespätzle mit Schmelzzwiebeln – äußerst „symbadisch“!
Schweinefilet mit Waldpilzsoße, Spätzle und Salat – gerne wieder!
Wildschweinrücken mit Ginsoße und Kroketten – call me „Obelix“!
 
Das Rennen machten schließlich der Sauerbraten (tatsächlich für meine Mutter…), die Käsespätzle (für die Knöpfle-Enthusiastin am Tisch) sowie das Boeuf Bourgignon für den Verehrer klassisch französischer Schmorgerichte und Schreiber dieser Zeilen. Mit knapp 20 Euro war man beim Rindfleischtopf aus dem Burgund dabei, Kartoffelpüree und Beilagensalat inklusive. Da kannschd nid schelte!
 
An dieser Stelle möchte ich kurz die erfreulich moderate Preisgestaltung im Landhaus Mischler erwähnen. Diese hatte uns schon bei unserer letzten Einkehr sehr überzeugt. Dass mit den neuen Betreibern eine behutsame Anpassung stattgefunden hat, fiel eigentlich kaum auf. Bei manchen Gerichten blieben die zu entrichtenden Abgaben sogar auf Vorgängerniveau. Alle Achtung!
 
Plötzlich lagen sie köstlich duftend vor uns. Die beiden knusprig gebackenen „Sauertaler“ teilten sich mit einem Schälchen Beilagensalat und vier Spritzern Meerrettichschmand das rechteckige Porzellan. Allein ihr Anblick löste am Tisch Entzückung aus. Die Idee, gewöhnliche Reibeküchlein mit geräucherter Forelle und etwas Magerquark zu veredeln, hatte Vorgänger Udo Mischler schon vor vielen Jahren gehabt. Ein klassisches Verwertungsessen, bei dem die gekochten Kartoffeln vom Vortag ihren zweiten großen Auftritt bekamen. Und was für einen!
 
Die Rundlinge versprühten eine feine Fischwürze, die sich ausgezeichnet mit der zarten Erdapfelmasse vertrug. Geschmacklich erinnerten sie ein wenig an deftige Schupfnudeln, die für mich – wenn selbst gemacht – mit zum Besten zählen, was sich aus Kartoffelteig formen lässt. Von der Portionierung her war das Gebotene „högschd vorspeisentauglich“. Ein Küchlein pro Esser plus x. So die einfache, aber äußerst schmackhafte Sättigungsformel.
 
Das „plus x“ bestand aus einem frischen, mit säuerlichem Essig-Öl-Dressing angemachten Salat, der primär von seiner gut abgeschmeckten Old-School-Essigwürze lebte. Die harmonierte mit den fluffigen Kartoffel-Räucherfisch-Puffern ganz wunderbar. Der separat dazu gereichte Meerrettich-Schmand kam mit angezogener Schärfebremse ums Eck. Der sollte wohl den delikaten Kartoffeltalern nicht die Schau stehlen und tat es auch nicht. Genau wie beim letzten Mal fiel uns das Urteil leicht: eine Vorspeise zum Zunge schnalzen!
 
Man sah uns den Hunger wahrscheinlich an und reagierte mit zeitnahem Servieren der Hauptspeisen. Die Käsespätzle (10,50 Euro) meiner Frau kamen mit der ganzen Macht des hierfür geschmolzenen Milcherzeugnisses aufs blanke Weiß und sorgten mit glänzendem Teint für ausreichend deutsch-österreichisches Fettgefühl (DÖF) – Sättigungsgarantie inklusive.
 
Aber auch die beiden Zugeständnisse für Eingefleischte gerieten tadellos oder „comme il faut“, wie nicht nur der französische Nachbar zu sagen pflegt. Bei meinem mit angenehmer Weinnote ausgestatteten Boeuf Bourgignon konnte ich saucentechnisch aus dem Vollen löffeln. Die sanft geschmorten Rinderhappen fielen himmlisch mürbe aus und wurden ganz klassisch von angebratenen Champignons, Speckwürfeln und Frühlingszwiebeln umrahmt.
 
Das à part vorgesetzte Kartoffelpüree glänzte gutgebuttert vor sich hin. Schon der erste Löffel kündete vom handwerklichen Können des Herdmeisters. Zusammen mit der kräftigen Burgundersauce genossen ergab das einen herzerwärmenden Teller süffiger Glückseligkeit.
 
Auch der Sauerbraten mütterlicherseits geriet zum Appell an den gesunden Volkshunger und kam gänzlich ohne folkloristisches Blendwerk aus. Er zählte zwei stattliche Kartoffelklöße und einen kleinen Beilagensalat zu seinem Gefolge. Laut Aussage seiner Vertilgerin überzeugte er mit dem typischen, fein-säuerlichen Aroma. Da hatte sich das Bad in der Essig-Beize scheinbar gelohnt.
 
Wer jetzt denkt, dass die Drei von der Gourmandfraktion danach die weißen Segel der Sättigung hissten, der hat sich getäuscht. Meine Mutter bestand noch auf das Haselnussparfait (8,90 Euro). Meine Gattin wollte nicht ohne einen „Rostigen Ritter“ (7,50 Euro) das Chateau Mischler verlassen. Da hatten sich die beiden Damen etwas vorgenommen.
 
Neben den beiden Tranchen vom Nussparfait türmte sich ein stolzes Häuflein aufgespritzter Sahne. Dem nicht genug, zierte ein ofenwarmer Brownie die andere Seite der Porzellanplatte. Eine fundiert zubereitete, vielleicht etwas zu süß geratene Kadenz, deren Reiz vom Heiß-Kalt-Kontrast ausging. Ein paar fruchtig-säuerliche Akzente hätten den etwas eindimensional wirkenden Nachtisch sicherlich aufgewertet. Auch ein wenig Knusper hätte der Sache gutgetan, ohne gleich den kulinarischen Kosmos sprengen zu wollen.
  
Beim Rostigen Ritter, der andernorts auch „Armer Ritter“ oder „Semmelschnitte“ genannt wird, wurden Kindheitserinnerungen wach. Dieses 1A-Verwertungsessen für alte Brötchen durfte ich schon in jungen Jahren an traditionell fleischlos gehaltenen Freitagen bei meiner Oma genießen. Schon damals mochte ich den Zucker lieber als den Zimt. Und die Vanillesauce am allerliebsten. Schön, dass hier mit einem Obstschälchen für etwas Fruchtfrische gesorgt wurde.
 
Fazit:
 
Hier tut die junge Generation gut daran, die alten Traditionen zu bewahren. Dass sie dabei mit Leidenschaft und Herzlichkeit ans Werk geht, ist ein großer Pluspunkt dieses Lokals. Das Hausmannsköstliche war schon immer des Gutbürgerlichen Freund. Wie stand es einst in einem oberelsässischen Landhaus-Gästebuch geschrieben:
 
„…die wahrhaft guten Gaben

aus Urgroßmutters Hand

verkennt die Fortschrittswelt

mit ihrem Snobverstand…“

 
In diesem Sinne wünsche ich der Familie Brogdon alles Gute für ihre gastronomische Zukunft und viel Durchhaltevermögen in diesen schwierigen Zeiten.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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