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GastroGuide-User: Carlo Attraversando
hat Zur Sichelschmiede in 79098 Freiburg im Breisgau bewertet.
vor 5 Jahren
"Für einen Sommerabend!"

Geschrieben am 07.02.2015
Besucht am 02.08.2013
„Sichelschmiede“ - Hotel, Restaurant -Freiburg - Besucht am 02. August 2013


Über Freiburg brütet der Sommer. Seine Glut treibt die Menschen aus den Häusern. Sie schlüpfen in lockere luftige Kleidung, plantschen mit Händen und Füßen in den „Bächle“ und versammeln sich am Abend in Biergärten, auf Plätzen und in den Straßen. Die Stadt zeigt eine große Offenheit. Filigrane, sanfte, fließende, kraftvolle und üppige Formen grüßen das Auge. Ebenso bunt und vielfältig sind die Kleider. Hier und da wünschte man sich aber auch eine textile Abschirmung. So mancher beherrscht einfach den gebotenen Takt nicht.
Bei dieser Wetterlage ist es für uns klar, dass wir nur ein Restaurant aufsuchen werden, das im Freien serviert. Bei unserer Recherche im Reiseführer stoßen wir auf die „Sichelschmiede“. Nach eigenen Angaben des Wirtes handelt es sich bei seinem Haus um „eines der schönsten, bekanntesten und beliebtesten Urgesteine der Freiburger Gastronomie“. Dieses „Urgestein“ liegt auf der sogenannten Insel der Altstadt. Ursprünglich waren hier vorwiegend Handwerker angesiedelt, worauf z.B. der Straßenname ‘Gerberau‘ hinweist. 

Das Haus wurde 1460 erbaut. Es umfasst heute ein Hotel und ein Restaurant. Zur „Sichelschmiede“ gehört ein für Altstadtverhältnisse großer Außenbereich, der als Biergarten genutzt wird. Vor diesem Areal fließ ein munteres „Bächle“ entlang, in dem man sich zusätzlich abkühlen kann, falls die angebotenen Getränke das nicht schaffen.
Wir erreichen die „Sichelschmiede“ gegen 20:30 Uhr. Es brodelt im Garten. Nahezu alle Tische sind besetzt. Die Luft ist voll von Stimmengewirr, Zurufen und  fröhlichem Lachen. Zwei Kellnerinnen eilen zwischen den Tischen mit gefüllten Tellern, Getränken und Bestellungen. Tische werden geräumt und eingedeckt. Ein junger Kollege kommt den beiden Kellnerinnen zu Hilfe. Die Arbeit des Service ist sehr anstrengend. Es herrschen noch 33°C und das Personal muss insgesamt weite und viele Wege absolvieren.
Neue Gäste lassen ihre Augen schweifen auf der Suche nach einem Platz. Mit etwas Glück erwischen wir einen frei werdenden Tisch mit Blick auf den Eingang des Restaurants, das „Bächle“ und die dahinter gelegene Gasse. 

Von der Straße aus macht die „Sichelschmiede“ mit großen Tafeln auf sich aufmerksam. Gelockt wird der Gast mit Gerichten von frischen Pfifferlingen, für die allerdings auch gute Preise verlangt werden. Frische Pfifferlinge und dazu z. B. ein schönes Filetsteak! Eigentlich ein richtiges Suchtmittel für mich. Doch irgend etwas lässt mich zögern. Natürlich spielt auch der Preis eine Rolle. Wenn ich für die Speise fast 30,00 € bezahle, darf ich nicht enttäuscht werden. Vertraue ich der Küche? Ich habe Bedenken, obwohl es im Prospekt des Hauses heißt: „Wir sind DAS Haus für ambitionierte badische Küche.“ Warum also zögere ich? Es sind die prall mit Speisen beladenen Teller, die vom Personal an die Tische geliefert werden. Das weckt Erinnerungen an die Studentenzeit, wo man aus Kostengründen den Geschmacksnerv mit Masse betäubte. Der Wirt möge es mir verzeihen, aber ich gewinne zunehmend den Eindruck, dass hier Masse vor Qualität steht. 
Dennoch, der Platz hier ist so schön. Wir möchten das Lokal nicht wechseln. Was also trauen wir der Küche zu?

Die Speisekarte bietet viel. Ich finde sie unübersichtlich. Hier und da fallen mundartliche Bezeichnungen auf. Die Erklärung muss dann der Service liefern.
Ich bestelle schließlich Lammkoteletts mit grünen Bohnen und Brägele (Bratkartoffeln). Dazu hätte ich gern ein Viertel vom Affentaler Spätburgunder.
Meiner Frau sagt der Grillteller mit dreierlei Fleisch zu. Den obligartorischen Salat lässt sie durch Gemüse austauschen. Dank des jungen Kellners, der uns bedient, ist das möglich, die Damen wirken inzwischen sehr gestresst. Auch beim Getränk ist der Kellner recht hilfreich. Er empfiehlt einen Grauburgunder und meine Frau ist bereits nach dem ersten Schluck begeistert. Das kann ich bezogen auf den Affentaler Spätburgunder nicht behaupten. Der Wein ist viel zu warm. Der junge Kellner macht mich darauf aufmerksam, dass man den Wein in eine gekühlte Karaffe gefüllt habe, nimmt aber meine Reklamation ohne Umschweife an. Der zweite Versuch fällt vielleicht um 0,5° niedriger aus. Es scheint mir kein Problem des Kellners zu sein, sondern des Hauses, das „ für Weinkenner Qualitätsweine der besten Anbaugebiete“ bietet. Vielleicht sollte das Haus einen Weinschrank anschaffen, wenn kein kühler Weinkeller zur Verfügung steht.
Die Hitze macht faul, ich gebe mich zufrieden, auf Bier möchte ich nicht ausweichen.
Für „DAS Haus für ambitionierte badische Küche“ legen meine Lammkoteletts kein Zeugnis ab. Nach der Misshandlung auf dem Grill oder in der Pfanne hätten sie sich lieber eine darbende Existenz in einem noch intakten Schafskörper gewünscht. Da kenne ich von Hobbyköchen deutlich bessere Ergebnisse. Gnadenlos durchgegart gaben diese Koteletts nur noch spärlichen Geschmack ab. Die Bohnen waren gar, aber eher roh belassen. Es fehlte ihnen jegliche Würze. Bei den Brägele fühlte sich der Koch vermutlich wieder heimisch. Sie schmeckten gut, so wie eben ordentliche Bratkartoffeln schmecken.
Meine Frau war mit ihrer Wahl zufriedener. Eine Kostprobe bewies auch mir, dass das Fleisch besser gegart war, obwohl weit entfernt von einer ‘ambitionierten Küche‘.

Das „Bächle“ rauschte, ein lauer Wind umschmeichelte die Nacht. In unserer Ferienwohnung stand noch ein gekühlter Badischer Secco. Worauf warteten wir? 

Fazit: Nach unserer Erfahrung ist die „Sichelschmiede“ ein geeigneter Ort für ein kühles Bier an einem lauschigen Abend. Ob spezielle badische Gerichte wirklich in besserer Qualität geboten werden, als wir es bei unserer Wahl erfahren haben, kann ich nicht beurteilen. 
Für den Service gebe ich unter Berücksichtigung der für ihn stressigen Witterungsbedingungen insgesamt 4 Punkte. Bei den Speisen werte ich die Lammkoteletts mit 2 Punkten, den Grillteller mit 3 Punkten, den Affentaler Spätburgunder mit 2 und den Grauburgunder mit 4 Punkten, das rundet sich auf insgesamt 3 Punkte.
Für das Preisleistungsverhältnis spende ich 3 Punkte. Insgesamt 45,00 € für z.T. sehr mäßige Qualität ist teuer.
Das Ambiente verdient 5 Punkte, auch wenn hier der Wirt am wenigstens dazu beiträgt.
Sauberkeit war im Außenbereich in Ordnung, zur Situation im Gebäude kann ich keine Aussagen machen, da ich nicht drin war, also 4 Punkte.  
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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