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GastroGuide-User: Minitar
hat Zum Albrecht Dürer Haus in 90403 Nürnberg bewertet.
vor 2 Monaten
"Wurst ist mein Gemüse"
Verifiziert

Geschrieben am 10.03.2019
Besucht am 07.03.2019 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 36 EUR
Nürnberg zu Messezeiten bedeutet (wie überall) erhöhtes Verkehrsaufkommen, überfüllte Hotels und gestresste Gastronomen. Ein besonderer Glücksfall ist es daher, im Restaurant „Zum Albrecht Dürer Haus“ noch einen freien Tisch zu ergattern. Dass ich dieses Lokal im vergangenen Jahr zufällig entdeckt habe, ist eher einer Verwechslung im Restaurant-Namen geschuldet – und das passiert offenbar häufiger. So werden regelmässig Gäste zwischen der Albrecht-Dürer-Stube und dieser Location hin- und her geschickt. Aber Bewegung fördert ja die Verdauung.

„Zum Albrecht-Dürer-Haus“ in Nürnbergs Altstadt steht in guter, alter Tradition der hiesigen Wurstbratereien, allerdings mit kreativen Anwandlungen, ungewöhnlichen Interpretationen und  formschöner Präsentation. Das stattliche historische Fachwerkgebäude liegt am Hauptplatz, etwas unterhalb der Kaiserburg. Aber Achtung: Besucher mit Einschränkungen oder gar Gehbehinderungen dürften unüberwindbare Schwierigkeiten haben. Das mehrstöckige Gebäude mit dem engen Stiegenhaus verfügt über keinen Aufzug – nicht einmal über einen Essensaufzug. Das stellt auch an das Servicepersonal ganz besondere Anforderungen: die jungen, gut gelaunten Damen, die uns an diesem Abend bedienen, sind aussergewöhnlich sportiv, kräftig und belastbar. Meine Hochachtung! Im Laufe eines Abends dürften zentnerweise Getränke, Speisen und Gedecke zwischen vier Stockwerken hoch- und runtergewuchtet worden sein. Hier spart man auch nicht am Porzellan. Selbst eine einzige Kugel Eis, wird in einer ausladenden, amorphen Schale plus grossem Unterteller aufgetragen. Das Bier wird gerne humpenweise serviert, Wein und Weinschorle im Halbliterglas. Die Franken können ja einiges vertragen.

Doch kommen wir gleich zum Speisenangebot. Neben den klassischen Bratwürsten (im 2er oder 8er Gebinde, gerne auch als Saure Zipfel präpariert) gibt es so ungewöhnliche Interpretationen wie Bratwurst-Döner, Bratwurst-Lasagne, Bratwurst-Gulasch (alle so um die 10 Euro) oder Bratwurst-Hotdog für 8,80 Euro. Was auf den ersten Blick sehr banausenhaft wirkt, sollte durchaus mal angetestet werden. Vor einigen Monaten wurde im Freundeskreis alles mal probiert und unumwunden für gut befunden. Die Lasagne ist würzig mit Gruyère - Käse überbacken, das Gulasch sehr sämig mit Tomaten, Zwiebeln, Paprika eingekocht – und der Döner mit regionalem Blaukrautsalat im Fladenbrot arrangiert. Ob das eine Lösung für eine mögliche Bratwurst-Überproduktion ist? Egal. Eine kleine Wissenschaft für sich sind die Beilagen zur Wurst. Hier beim Dürer sind zum Beispiel im Angebot: Sauerkraut, Kartoffelsalat, Krautsalat, Salzkartoffeln für je 2,90 Euro und diverse Feinschmeckersenfe für je 1,00 oder 1,50 Euro.

Die weiteren Fleischgerichte gebärden sich recht hochwertig, z.B. Hirschrücken im Kastanienmehl oder Maishähnchenbrust supreme oder feine Kalbsbäckchen. Wunderbar finde ich die kleinen Bierschmankerln, die man einzeln als Mini-Portion wie Tapas ordern kann. Auch als 3er- und 6er-Platte mit Brot und Butter. Das passt als Amuse Gueule, für den kleiner Hunger oder auch als Beilage. Zur Auswahl stehen kleine Häppchen von Kohlrabi-Rettich-Salat oder Griebenschmalz oder geräucherte Forelle oder Rote-Bete-Frischkäse oder … (für je 2,30 Euro).

Im Eingangsgeschoss wird man vom Patron begrüsst und zu einem freien Tisch geleitet. Die beiden oberen Stockwerke sind gepflegt-rustikal eingerichtet: halbhohe, dunkle Wandverkleidung, dunkle Holzstühle und -bänke, helle, blankgescheuerte Holztische, dazu auf jedem Tisch echte weiße Orchideen als Kontrast. Vor einigen Monaten lagen noch Stoffservietten aus – bei meinem letzten Besuch ist man auf Papierservietten zurückgegangen. An diesem Abend sind wir auch unglücklicherweise zwischen einer russischen Touristengruppe (vielleicht Besucher der aktuellen Waffenmesse?) und einer trinkfreudigen, lauthals lärmenden Frankentruppe eingekeilt. Berührungsängste sollte man also nicht haben.

Die beiden Servicemädels beeindrucken durch sanften Liebreiz einerseits und leistungsstarke Durchtrainiertheit andererseits. Wir wählen Bratwurst-Gulasch und Käsespätzle, müssen darauf jedoch gut eine halbe Stunde warten. Die mehllastigen Spätzle sind noch nicht ganz gar und werden lauwarm serviert, das Gulasch dagegen ist gut durchgezogen und kräftig gewürzt und wird mit einem dunklen Knätzlesbrot serviert. Vollkommen überflüssigerweise haben wir noch einen Beilagensalat bestellt (für günstige 2,90 Euro). Der entpuppt sich als grobgeraspeltes Weiss- und Blaukraut mit fruchtigem Dressing. Lecker, aber schwer verdaulich.

Der Service ist aufmerksam, schnell zur Stelle und trotz hohem Gastaufkommen freundlich zugewandt. Gerne bestellt man uns nach dem Begleichen der Rechnung noch ein Taxi, das 5 Minuten später schon vor der Türe steht. Beim nächsten Besuch sollte aber wieder ein Tisch vorreserviert werden – was prinzipiell absolut empfehlenswert ist.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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