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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Restaurant Volt in 10999 Berlin bewertet.
vor 2 Monaten
"Entspannt und spannend am Landwehrkanal"
Verifiziert

Geschrieben am 11.01.2019 | Aktualisiert am 11.01.2019
Besucht am 28.08.2018 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 180 EUR
Das Wortspiel bezieht sich natürlich ebenso wie der Name des Restaurants auf das ehemalige Umspannwerk, dessen rauhe Backsteinhülle mit Designerlampen trendy aufgehübscht worden ist. 

Es regiert lässige Eleganz statt allzu heftigem shabby look, so dass ich trotz letzter Sonnenstrahlen leichten Herzens auf einen Platz auf der Terrasse verzichtete. So konnte ich immerhin einen schönen Tisch auswählen und das nach Sonnenuntergang für einen Dienstagabend recht zahlreich hereinströmende internationale Publikum beobachten.
Die nicht eingedeckten hellen Holztische nur mit einem Blümchen hübsch geschmückt, ebenso wie die makellosen Nassräume. Auf dem Weg dorthin, fielen mir an der Wand der stilvollen Raucherlounge die vierseitigen Geschäftsbedingungen auf. So auch noch nicht (bewusst) im Restaurant wahrgenommen.

Im hohen Generatorenraum wurde stimmiger Funk und Jazz gespielt, der im Lauf des Abends immer mehr dem fröhlichen Stimmengewirr von über 30 Gästen wich, um schließlich als Rausschmeißer wieder laut aufgedreht zu werden.

Zu Beginn des Abends war ich vom Sommelier Sascha Hammer freundlich, fast herzlich in Empfang genommen worden. Schon bei der telefonischen Reservierung hatte mir der gastliche Ton das Herz erwärmt. Und: „Ich wurde nicht enttäuscht.“ Das junge, ansonsten weibliche Team agierte flott und aufmerksam, interessiert, professionell und fröhlich. Der Lapsus eines falsch servierten Gerichts verhindert die Bestnote, weil der Gang im Vorfeld angekündigt und von mir schon korrigiert worden war. Auch eine Änderung im Menü war zunächst nicht mitgeteilt worden. Da hatte in beiden Fällen die Kommunikation versagt.

Vom Fußmarsch noch etwas erhitzt, verlängerte ich meinen weißen Port mit separat serviertem Tonic (zusammen 8,5€) und schaute zunächst, was mich von der Weinkarte so anlachte (oder war es eine Empfehlung?). Egal: Die prämierte 2009er Spätlese trocken Alte Reben „Vom Pelosol“ vom rheinhessischen Weingut Beck war jedenfalls eine Bombe für Liebhaber gereifter, schwerer Rieslinge. 60€ - für Berliner Verhältnisse - nicht einmal teuer. Bei Lust auf Roten half ein Gläschen Frühburgunder von Kreuzberg (Ahr) für 8,5€ weiter, bei Süßem eine Auslese vom Pfälzer Weingut Leiner (8€). Zu den abschließenden Petits fours lud mich der engagierte Herr Hammer auf etwas Gespritetes ein. So lernte ich nicht nur einen fruchtigen, fassgelagerten Likörwein vom Spätburgunder kennen, sondern auch die Boos von Waldecksche Hofkellerei sowie den Umstand, dass Portwein aus Deutschland schon seit 1908 nicht mehr so heißen darf...

Zu diesem Zeitpunkt lag ein entspannter und kulinarisch gelungener Abend hinter mir, der schon mit interessanten Küchengrüßen begann:


Auf selbst gebackenem „knäckigem“ Brot mit Körnern eine sehr feine Fischmousse mit schönem Rauchgeschmack und frischem Schnittlauch.

Eine „wilde“ Consommé, die eine überraschende, aber angenehme leichte Bitternote mitbrachte.
Und in brauner Butter knusprig gebackener Blumenkohl am Stiel!

Keine alltäglichen Apéros, die alle gelungen waren.

Zum malzig-süßen Sauerteigbrot

wurde eine Pfeffermischung, Butter mit Salzflocken und vor allem eine Kichererbsencrème gereicht, die mit Zitrusnote und vielleicht etwas grünem Curry überraschte.

Stark!

Als Amuse dann - genau - Variationen von Mais!

Die Crème mit frittierter Blüte mit einzelnen Körnern für den Crunch schmeckte sehr gut, ebenso wie der süßliche, aber auch leicht pikant marinierte Minikolben. Nur bei den geflämmten Körnern hätte ich mir (etwas) mehr Röstung gewünscht.

Aus dem „fleischigen“ und dem vegetarischen Menü hatte ich eine bunte Mischung zusammen gestellt. Sollte man vielleicht nicht tun; der Koch denkt sich schon etwas beim Menü. Aber manchmal muss man halt interessante Teller einbauen oder eine allzu oft genossene Zutat abwählen.
Für die „sortenreinen“ 5-Gang-Menüs wären 79€ bzw. 69€ fällig gewesen. Das ist günstig. Für meine sechs Teller habe ich dann 95€ bezahlt; der Aufschlag ist happig, daher einen Punkt Abzug.

Als erster Gang ein geräucherter Joghurt mit in Holunder und etwas Portwein eingelegter Wassermelone und Gurke mit Gin-Beize. 

Dazu gerösteter Buchweizen und für einen salzigen Kick (zu wenig) Passepiere. Das war erfrischend und toll von den Texturen, nur die alkoholischen Bestandteile blieben blass. Dadurch kippte der Teller etwas in die süße Richtung.

Dafür überzeugte der zweite Gang um so mehr.
Klar war die in Sojasauce eingelegte und dann geflämmte Makrele nicht die ganz große Überraschung.

Aber festfleischig und trotzdem zart, deutlich im Eigengeschmack und kräftig röstig. Dazu viele gelungene Texturen von Tomate: Gelee, Marmelade mit süßen und säuerlichen Noten, knusprig getrocknete Haut und ausgestochenes Fruchtfleisch von kleinen gelben. Dabei alle voll Sommer-Sonnen-Aroma! Für fruchtige Spitzen sorgte Sand und Gel und Blatt von Zitronenverbene. Schön frisch mit dem Fisch!

Dann ging es wieder ins vegetarische Menü. Auch hier Geflämmtes (Die identische Zubereitung war bei beiden Tellern nicht aus der Karte erkennbar, aber auch nicht tragisch.), nämlich ein deutscher Büffelmozzarella in Begleitung von Zwiebelcreme und -Knusper, Radicchio, Sauerampfer und - sehr selten auf heimischen Tellern - Mispel! 

Eine sehr gelungene Kombi aus würzig-süßen, sauren und bitteren Aromen, verbunden durch die Cremigkeit des Käses. Auch die Bandbreite der Texturen war groß, aber keine übertriebene Leistungsschau. Ein fleischloser Teller, der begeisterte!

Auch vegetarisch, aber deutlich gemüsig ging es weiter: Sellerie stand im Mittelpunkt 

und konnte gebacken durch starke Bräunung und einen angenehmen Biss überzeugen. Dazu kam sautierter Spinat und auf den Punkt gekochte, selbst gemachte Nudeln, zu denen eine Zwiebelsauce angegossen wurde.

Trotz frittierter Wurzeln von der Frühlingszwiebel und fruchtigem Traubenkernöl war mir das etwas zu brav, quasi die „Ruhe vor dem Hauptgang“.

Bei dem mir das zunächst sous-vide gegarte, dann angebratene und ungewöhnlich halbierte 

Kalbs-Entrecôte mit seinem formidablen Jus vorzüglich geschmeckt hat! Mehr Bräunung ist zwar selten verkehrt, aber hier „entschädigte“ die Saftigkeit und der feine Kalbfleischgeschmack voll und ganz.
Außerdem brachten die Beilagen - geröstete Senfsaat, angebratene Äpfel und vielerlei Zwiebeliges - ein schönes Potpourri von würzigen, süßen und fruchtig-säuerlichen Aromen ins Spiel. Häufig gefällt mir der Fleischgang etwas weniger als die Vorspeisen, hier war er das Highlight. Und ein toller Beleg, dass sich Küchenchef Matthias Gleiß u.a. modernisierte und verfeinerte Regionalküche auf die Fahnen geschrieben hat.

Mein Menü schloss mit Pfirsich, der als Coulis, Sorbet und einem neugierig machenden Deckel angeboten wurde. 

Darunter versteckten sich verschiedene Verarbeitungen von (dehydrierter und dann) gerösteter Milch, z.B. Sand und eine sehr cremige Panna Cotta. Die Röstaromen waren ein schöner Twist und auch der „Ver-Crunchisierung“ der deutschen Hochküche wurde mit Macadamia-Spänen Vorschub geleistet. (Recht so, mein offenbarer Massengeschmack mag es, wenn es kracht!)

Mit den schon erwähnten Leckereien aus Keller und Pâtisserie endete ein rundum netter Abend, aus dem selbstverständlich eine nachdrückliche Empfehlung folgt.

P.S.: Leider werden die nachträglich hoch geladenen Fotos (die über 20 hinausgehenden Exemplare) nicht zur Bewertung gespeichert. Beim Restaurant sind sie zu sehen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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