5 · Gourmetrestaurant
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Bolzstr. 8, 70173 Stuttgart
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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat 5 · Gourmetrestaurant in 70173 Stuttgart bewertet.
vor 6 Tagen
"In einer Höhle in Stuttgart da speiste ein Bremer"
Verifiziert

Geschrieben am 14.05.2019 | Aktualisiert am 14.05.2019
Besucht am 05.11.2018 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 288 EUR
Im 5 (wohl: Five) in der Stuttgarter Innenstadt nahe dem Schloss gelegen (und nicht mit dem Berliner „Cinco“ zu verwechseln) fährt man eine interessante All-in-one-Strategie: Während sich das Erdgeschoss im Lauf des Tages von der hippen Frühstück-Location über Kaffee und Kuchen oder Streetfood bis hin zu Bar und Lounge wandelt, ist der 1. Stock dem Sterne-Restaurant und Events vorbehalten. Und das in einem Ambiente, das mir vom ersten Augenblick gefiel. Satte Brauntöne, die an Whiskey und Tabak erinnern, teils stylisch, teils rustikal schaffen eine etwas dunkle, überraschend warme, trotzdem urbane Atmosphäre, die durch eine geschickte Ausnutzung der Raumverhältnisse sowohl versteckte, auch offene Bereiche bereit hält. Hier kann man ohne Weiteres Stunden verbringen und dabei aus den sehr bequemen Sesseln nicht nur versonnen die alten Gußstahlträger des ehemaligen Bahnhofgebäudes betrachten, sondern auch die vielen schönen Menschen, die auf ihrem Weg aus den Niederungen zu den Waschräumen am transparenten Vorhang vorbei defilieren. Lebendiges Interieur, das perfekt zur ambitioniert künstlerischen Gestaltung der Räume zwischen Dalí und Newton passt. Gleichfalls sei ein Blick auf die Homepage empfohlen, die zugunsten der Ästhetik - zumindest auf dem iPad - konsequent auf jegliche Bedienerfreundlichkeit verzichtet...

Ganz anders als der Service durch Restaurantleiter und Sommelier Dirk Romann, der die Rolle des Gastgebers voller Herzblut ausfüllte. Tischwechsel, Kissen, Heizung mal hoch, mal runter oder der mit schnellem Griff erledigte Austausch des Sitzmöbels änderten nichts an seiner engagierten, ebenso selbst-ironischen wie -bewussten Freundlichkeit. Erst recht keine umgeworfene Wasserflasche, ein verrutschtes Aperó oder gar die Gelegenheit, dem interessierten Wein-Novizen die teilweise überraschenden Bouteillen ausführlich zu erläutern. Allerdings hatte der Maître auch genug Muße, denn bis auf einen späten Gast blieb ich an diesem Montagabend allein. Auch Chef Alexander Dinter warf deshalb einen zunächst etwas misstrauischen Blick auf den einzelnen Borgfelder.

Mit dem weißen Vermouth (erstaunlich günstige 4,5€) wurde zunächst ein einzelnes Aperó serviert. 

Die Avocadocrème mit Salzflocken überraschte mit kräftiger Säure, die aber mit den kräftigen Röstnoten des schwarzen Sesamcrackers ausgezeichnet harmonierte. Einfach, aber exakt - alles da, alles gut. Sehr gut auch der folgende Kräutermacaron mit einer lila (Lavendel?) Senfcrème und Senfgrütze. Der dritte Musketier enttäuschte da ein wenig. Zwar waren Shitake und Pilzmajonäse erneut gut erschmeckbar. Das Pita-Kissen darunter war aber unangenehm hart, ohne knusprig zu sein. Da blieb Luft nach oben, wie zuletzt die perfekten Mini-Langos im Horváth bewiesen haben.

Dafür schmeichelte Foie gras mit Nougat zu einem Turrón verarbeitet dem Gaumen, wurde aber mit Sojasoße und -Sprossen erfolgreich aus der zu süß-weichen Ecke geholt.


Das Menü ließ die Wahl zwischen 3 und 9 Gängen. Ich übte mich natürlich in Verzicht - auf das Dessert. Da wusste ich ja auch noch nicht, dass die Küche gleich mehrere „Einstimmungen“ einschieben sollte. (Als ob das was geändert hätte;-) Fällig wurden dafür 176€; eben Stuttgarter Preise, genau wie die 17,8€ für den Rosé Champagner. 

Die Weinbegleitung - mit 90€ auch nicht gerade ein Schnäppchen - enthielt einige Überraschungen:

Loch, Riesling Herrenberg feinherb, Saar, 2008
Jones, Muscat Mœlleux, Languedoc, 2015
Hammel, Cuvée Liebfraumilch, Pfalz, 2017 (Liebfraumilch? Ich hör schon das Jaulen. Also: Riesling, Müller-Thurgau, Scheurebe als „Premium Edition“ im großen Holzfass und im gebrauchten Barrique ausgebaut, aus der Magnum...)
Tempé, Edelzwicker Alliance, Elsass, 2015
Machherndl, Grüner Veltliner Smaragd, Wachau, 2017
Attis, Albariño, Rías Baixas, 2017
Lapierre, Gamay Morgon, Rhône, 2016
Brun, Beaujolais mousseux FRV100, Rhône, 2017
Tenuta Roletto, Erbaluce di Caluso Passito, Piemont (Jahrgang? Keine Ahnung, da konnte ich mir nicht mehr viel merken...)
- Anmerkung: Die Fotos der Weinflaschen sind in der Fotogalerie bereits gedreht. Warum hier unter dem Bericht (noch?) nicht, gehört zu den vielen Rätseln der IT, die man als User demütig hinzunehmen hat - 


Aber der Reihe nach:
Die Eröffnung geriet vegetarisch mit einem „virtuellem Spiegelei“.

Unter einem hellen Sesamblatt lugte bereits ein Nussbutter-Mascarpone-Eis hervor, das von asiatisch mariniertem Kürbis und Buttermilchschaum begleitet wurde. Ein gar nicht so leichter, aber erfrischend süß-säuerlicher Auftakt, der bereits zeigte, dass Alexander Dinter mutig kombiniert.

Auch die Brotbegleitung fand ich schön, da neben dem sehr guten Knäcke mit würzigen Saaten sowohl Kartoffel- als auch Olivenbrot in Form toller, locker-luftiger Muffins angeboten wurde.

Dazu Tomatenbutter mit Tomatensand und - auch neu - eine facettenreiche Paste auf der Basis von weißen Bohnen
.



Der folgende Gang brachte als „Mon Cherie“ erneut Gänselebercrème mit Texturen von Kirsche und Topinambur. 

Leider funktionierte das für mich auch geschmacklich nicht so gut, weil die arg süße Kirsche sehr dominierte. Die Segel vom Früchte-Nuss-Brot gingen wiederum in die süße Richtung, brachten aber immerhin einen schönen Crunch. Das Schmachten des Gaumens nach z. B. salzigem Gegenpart blieb unerhört.


Überzeugend die Himmel-und-Ääd-Variante. 
Neben der Boudin-Noir-Praline konnten sich die Texturen vom Granny Smith gut behaupten. Die vielleicht noch etwas festen Bouillon-Kartoffeln steuerten durch Vanille einen süßen Touch bei, der durch karamellisierte Pecannuss und Eis verstärkt wurde. Dazu Blaukraut in mehreren Ausführungen und ganz stark Iberico-Popcorn. Da war neben gern gesehenem Bekannten auch interessantes Neues zu schmecken. Über die Präsentation kann man streiten. 

Zur Abwechslung ging es dann fleischfrei weiter.

Blumenkohl in wilder wie in gezähmter Form wurde mit Purple Curry, getrockneten Trauben und gepufften Bulgur, nun ja, aufgepeppt. Zweierlei Eis sorgten für cremiges Schmelz und Temperaturunterschied. Angenehmer Gang, bei dem ich mir durchaus etwas mehr Schärfe gewünscht hätte.

Die Küche bedachte mich nun mit einer kleinen fernöstlichen Auflockerung: 

Das Türmchen aus Okonomyaki, der japanischen Pizza-Variante, Bonito-Flocken auf Baiser und Kimchi war recht mild und damit erneut im Wohlfühlbereich angesiedelt. Ist ja kein Fehler!

Ein in allen Belangen schöner Carabinero bekam durch Zitronenschale und Calamansi eine passende, aber für mich wiederum etwas sparsam eingesetzte Säure. Das Miso-Eis erinnerte an die asiatische Einstimmung und für den Biss war diesmal ein Tapiokachip zuständig.


Auch der Fischgang wurde separat mit einer Polenta-Lauch-Praline auf Lauchsud angekündigt, die mit Kartoffel-Kapern-Mus und Yuzugel deutlich präsenter geriet.


Ein geschmacklich wie handwerklich famoser Zander aus Wildfang nahm mit exakt gegartem Lauch, Yuzu-Abrieb und Kartoffel-Kaper-Zubereitungen den Zwischenteller perfekt auf und setzte mit zart splitternden Culatello-Chips noch einen Umami-Akzent drauf. 

Das war ein fokussierter Teller, wie ich ihn bislang etwas vermisst hatte.  

Der Fleischgang hielt schon optisch das nun hohe Niveau. 

Drei zarte Filet-Tranchen vom US Bison gab es, das magere Fleisch noch fast blutig und vielleicht nur vorsorglich mit schmelzendem Lardo bedeckt. Sehr überzeugend und schon eine kleine Seltenheit auf hiesigen Tellern. Die Ergänzungen nicht weniger gut: Topfencrème, Papaya-Texturen und Zitronenhollandaise sorgten für das „Maul voll Geschmack“, gepuffter Quinoa zudem für Knusper. Mir läuft gerade wieder das Wasser im Mund zusammen.

Als Pre-Dessert schickte die Küche eine schöne Patisserie-Arbeit, Birne à la 5

Birnenmousse und Gel, der Stiel aus Marzipan. Ein Jagertee-Sud als würziger Kontrapunkt, nur die Mischung aus Amaranth und Russisch-Brot geriet durch den verbindenden Honig etwas zu klebrig. Trotzdem sehr fein.

Wie fast immer konnte ich dem verarbeiteten Käse nicht widerstehen:

Der allseits beliebte Fourme d‘Ambert in mehreren Texturen und Temperaturen war kombiniert mit Nashi, Apfelgelee über Perlzwiebel, Walnuss und salzigem Gebäck nach Art der Tuc-Cracker. Das war ein durchaus harmonischer, aber eben doch interessanter Teller. Vor dem immer wahrnehmbaren Blauschimmelkäse entwickelten sich nach und nach weitere Aromen.

Aber die süße Abteilung entließ mich nicht ohne solide Petits fours auf meinen kurzen, beschwingten Weg zurück zum Hotel:
Pistazienparfait als Lolli (ohne Foto)
Apfelgelee auf Yams-Wurzel

Schokopraline mit Kirsch und Orange
Weiße Schokolade mit Passionsfruchtfüllung
Kaffeemacaron


Die Kreationen von Alexander Dinter streben nach Harmonie. Trotz manch interessanter Kombi bleibt alles in der Komfortzone. Das passt perfekt zum Ambiente und dem zugewandten Service. Trotzdem waren mir die „einfacheren“ Gänge am liebsten, bei denen ein Produkt stärker im Fokus stand. Alles in allem ein Abend zum Wohlfühlen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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