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GastroGuide-User: Shaneymac
hat Green Papaya in 40721 Hilden bewertet.
vor 2 Monaten
"Retro Reviews™ #4: Mahlzeit, Vietnam!"
Verifiziert

Geschrieben am 22.12.2019 | Aktualisiert am 28.12.2019
Besucht am 15.05.2014 Besuchszeit: Mittagessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 15 EUR
Prolog
 
Leider musste ich beim Durchforsten meines „Unreleased-Archives“ feststellen, dass einige der epischsten „Großwerke“ nie mehr auferstehen werden können, weil es die Restaurants nicht mehr gibt oder es drastische personelle Veränderungen mit einhergehenden Kurswechseln in Sachen Stilistik gab.
 
Dem ist in diesem konkreten Fall nicht so, ganz im Gegenteil, das bislang hier kaum beachtete und zudem überhaupt nicht bebilderte Restaurant kocht heute noch genauso wie damals, der Service ist noch immer extrem liebenswürdig  und das Umfeld unverändert.
 
Nach dem letzten brachialen Ausflug in die Untiefen der Solinger Balkan-Grill-Szene heute vergleichsweise ätherische vietnamesische Mittags-Leichtigkeit – Merke: Ein Leben ohne Bifteki ist möglich und sinnvoll.
 
Ein junger Kellner der mit seinem Leben spielte, leichtfüßiges „Süßholzraspeln“ mit dem USA-Besuch vom Nebentisch und natürlich verlässlich hanebüchenes Asia-Halbwissen: Viel Spaß mit dem kleinen Ausflug nach Vietnam im Mai 2014.
 
 
Kritik
 
Da meine persönliche Asia-Bilanz auf dieser Plattform in etwa das kulinarische Niveau von Dosen-Nasi-Goreng besitzt, kam dieser Tip aus dem Umfeld meines lieben Weinhändlers gerade recht.
 
Man kocht man hier ohne Glutamat, es gibt kein Buffet, alles auf dem Teller ist „bio“ und die Karte liest sich online so hervorragend, dass ich sofort anfing von fernöstlichen Köstlichkeiten zu träumen - sofern mein schlichter europäischer Gaumen hierzu fernab von Thai-Sweet-Chili-Sauce überhaupt in der Lage ist.
 
Das Lokal liegt an der viel befahrenen Benrather Straße, die weiter nach Düsseldorf führt, just an der Stelle, an der sich die Straße auf eine Fahrspur verengt.


 
In der direkten Nachbarschaft ein Friseursalon, eine Spielhalle und ein Thai-Massage-Laden.
 
Das nenne ich doch mal ein gelungenes, komplementäres Angebot: zunächst eine schicke Frisur, dann eine gepflegte Runde am Automaten, dort eventuell gewonnenes Geld kann dann direkt in eine Massage mit abschließendem, gutes Essen reinvestiert werden – welch ein geniales Ökosystem, und dann auch noch Bio.
 
Das Parken an diesem Donnerstag um kurz nach halb zwei kein Problem, dank Parkscheibe sogar umsonst, ich stand natürlich unbeabsichtigt stilsicher direkt vor dem Thai-Massage-Salon wie ich nach dem Aussteigen feststellte.
 
Den Eindruck, den die Außengestaltung hinterlässt, zeugt auf den zweiten Blick von Liebe zum Detail, sei es der etwas holprige Claim auf der augenfälligen Markise, seien es die hübschen Blumen oder Lampions, sei es ein blitzblanker, dezenter Stand-Aschenbecher.

 

Eingetreten hilft ein nett gestalteter Vorraum bei der Akklimatisierung, der Gastraum selbst wurde mit recht erträglichen, einfachen Mitteln mit asiatischen Anleihen versehen, ganz ohne Folklore geht es nicht und das finde ich auch vollkommen in Ordnung.


 
Ein junger Koreaner mit denkbar landestypischem Phänotyp begrüßte mich überaus freundlich, schwarze Weste, weißes Hemd und Krawatte, das machte einen sehr gepflegten Eindruck, wie die Räumlichkeit als solche auch.
 
Zwei der drei Tische an der kleinen Fensterfront waren besetzt, gepflegtes deutsches Publikum im besten Seniorenalter, ich wählte den verbliebenen Tisch mit bevorzugter, „lichter Ecklage“.


 
Die freundlich überreichte Karte, ein gepflegtes kleines Werk mit Ringbindung, bietet einen - laut der Aussage des jungen Herrn – Querschnitt durch die regionalen vietnamesischen Küchen, ist aber in Teilen den europäischen Geschmäckern leicht angepasst, wie er direkt anmerkte.


 
Wie schon die hervorragende - im Gegensatz zu meiner durchweg kundig klingende - Vorkritik beschrieb, bilden das Herzstück der Karte verschiedene Grundzutaten wie die bspw. berühmte Phở , die man mit verschiedenen Fleisch- -bzw. Fischsorten kombinieren kann.
 
Bei den Vorspeisen dominieren die vietnamesischen Varianten von Frühlings- und Sommer-Rollen, die selbst ich Asia-Banause nicht nur aus diversen Food-Formaten des verehrten Anthony Bourdain kenne. (EDIT 2019: RIP lieber Bruder im Geiste)
 
Bei Interesse hilft sicher ein eigener Blick:
 
http://greenpapaya-hilden.de/speisenkarte/
 
Die beiden Angebote der preiswerten Mittagskarte – täglich zwei Gerichte zur Auswahl – sprachen mich nicht an, Pangasius ist wirklich nicht meins und Huhn in Erdnuss-Sauce erinnerte mich namentlich zu sehr an die sattsam bekannten Sate-Spieße der Mainstream-Asia-Restaurants.
 
Ich entschied mich für „Bún (Nam Bo Style)“ - warme Reisfadennudeln mit Sprossen-Wildkräutersalat, Koriander, Shiso-Rot und Chili-Ingwer-Limetten-Dressing, verfeinert mit gerösteten Erdnüssen und Sesam, das Ganze in der Variante mit „knusprig gegrillter Entenbrust“ zu 11,90€.
 
Dazu einen hausgemachten Mango Lassi zu 3,20€, den nennt der Vietnamese übrigens „Sinh To Xoai“, lehrte abschließend der vorbildliche Bon.
 
Da mir die die Rollen als Vorspeise etwas zu mächtig erschienen, ließ ich diese aus, fragte aber vorher ob diese sehr groß seien. Er musterte mich kurz: „Ja es geht man kann schon gut aufessen und sie sind ja kräftige starke Mann ist sicher kein Problem!“
 
Soso, kleiner freundlicher Freund aus dem fernen Osten, ganz dünnes Eis, ganz dünnes! :-)))
 
Schnell nachgeschoben: „Aber wir können auch gerne einpacken, wenn zu viel!“ Aha, schon besser, trotzdem danke, das nächste Mal probiere ich sie ganz sicher.
 
Der Lassi ließ etwas auf sich warten, der Nachbartisch hatte Besuch aus den USA und diese Dame in den besten Jahren entpuppte sich als begeisterter Foody, pausenlos versuchte sie einzelne Zutaten zu bestimmen, das in ihrem Süßholz Tee vorkommende „Liquorice“ hatte es ihr schwer angetan, wir kamen zufällig ins Gespräch und ich gab einen Tip für einen Asia-Laden. „Oh, thank you soo much, thats very kind!“. Gerne doch, schließlich ei leik fuht, tuh.


 
Der junge Mann servierte dann bald mein Essen, der Lassi komme auch sofort, es täte ihm sehr leid aber das Eis sei gerade aus gewesen, so die mit leichter Verbeugung vorgetragene, liebenswürdig vorgetragene Entschuldigung.
 
| Hauptgericht |
 
Bún (Nam Bo Style) mit Ente – 11,90€
 


Der Teller sah sehr vielversprechend aus und verströmte durchweg fernöstliche Aromen, Fischsauce, Ingwer, ein Hauch Knoblauch und die Zitrus-Noten der Limetten stiegen in die Nase, die Ente hätte verlockender nicht sein können.
 
Etwas stutzig machten mich Rucola und Kirschtomate, ist das typisch vietnamesisch? Spätere Nachfrage ergab, dass dem natürlich nicht so sei, dies aber ein Zugeständnis an die deutschen Gaumen sei. Die typischen Wildkräuter seien zum Teil doch sehr eigenwillig und wurden nicht gut angenommen, man setze daher auf „Fusion light“ - schade, ein No-Go eigentlich, wenn schon denn schon.
 
Die sich unter den Kräutern und Gemüsen - dabei u.a. auch noch weißer und roter Kohl und reichlich Koriander - befindlichen filigranen, dünnen Reisfadennudeln waren großzügig mit dem klaren Chili-Ingwer-Limetten-Dressing übergossen worden, standen förmlich darin und waren mit ihrer gewissen „Glibberigkeit“ mit europäischen Esswerkzeugen etwas schwierig zu bewältigen.
 
Schaffte man es aber, die Komponenten des Gerichtes zusammen auf Löffel bzw. Gabel zu bugsieren, wurde man mit einer Geschmacksexplosion belohnt, die einen beschämt an das ein oder andere Asia-Buffet denken lässt, die man zwischenzeitlich mangels Alternativen besucht hat. Das ist dann doch etwas anderes, um es vorsichtig zu sagen.
 
Das säuerlich-süße Dressing überzeugte mit einer runden Abschmeckung, die Fisch-Sauce war nicht zu penetrant, nur etwas mehr Schärfe hätte ich mir gewünscht. Dies teilte ich ehrlich nach Nachfrage mit, sofort bot man mir an etwas Chili-Sauce oder frisch gehackten Chili bringen zu können, zu meinem Gericht empfehle man den gehackten. Sekunden später stand ein nettes kleines Porzellan-Schälchen mit frischen, feinsten Chili-Ringen vor mir, sehr nett und aufmerksam.
 
Die Ente von zarter Konsistenz und mit wunderbarer Röstung, Fleischmassen gehören nicht zur vietnamesischen Küche, die Menge mehr als ausreichend. Auch die Ente war hervorragend gewürzt, für mich ging es etwas in Richtung 5-Spice Powder, aber da bin ich nicht ganz sicher.
 
Das einzige was mir nicht gut gefiel, war die Koriander-Note, diese leichte „Seifigkeit“ ist aber nun einmal „systemimmanent“, ich kann ja auch nicht zum Italiener gehen, Spaghetti Napoli essen und mich nachher über eine nicht willkommene „Tomatenlastigkeit“ der Sauce beschweren.
 
Der Lassi wurde während der ersten Bissen frisch zubereitet und unter einer erneuten Entschuldigung serviert. Dieser schmeckte genauso herrlich wie er aussah und brachte mit seiner Kühle und dem Joghurt die erwartete Linderung nach dem ein oder anderen chili-lastigen Bissen.


 
Wem nicht nach Wasser oder landestypischem Tee zum Essen ist, dem seien die Lassi wärmstens empfohlen, einfach nur köstlich, zumindest meine Mango-Variante von Donnerstag.
 
Der kleine höfliche Herr räumte ab, erfragte die Zufriedenheit und beantwortete mir sehr bereitwillig und begeistert einige Fragen zu meinem Gericht, absolut liebenswürdiger Service, auch von seiner Kollegin, mit der er englisch sprach, da sie scheinbar aus Vietnam kam, er sei Koreaner wie er mir verriet.
 
Nachdem Essen gab es noch ein Stückchen kandierten Ingwer als kleine Erfrischung, das Schüsselchen hätte man allerdings auch gerne nochmal säubern können, hier gab doch einige Zucker-Krümel der soeben erfolgten „Vorbenutzungen“, nicht so schön und in Folge ein Stern Abzug in Sachen der ansonsten tadellosen Sauberkeit.


 
Die Barzahlung verlief dem Verlauf entsprechend denkbar harmonisch, eine Kartenzahlung ist auch möglich wie ich am Nebentisch mitbekam, und ein vorbildlicher Bon mit Steuernummer und allen nötigen Angaben ungefragt überreicht.
 
 
Fazit
 
Ehrliches, familiäres und sympathisches Restaurant. Authentische Küche ohne Glutamat mit klar kommunizierter Bio-Philosophie bei allen eingesetzten Waren – hier keine Lippen-Bekenntnisse sondern auch „schmeckbares“ Credo.
 
Eine leichte „Europäisierung“ werde ich Asia-Banause wohl kaum kritisieren können, für alle Freunde des kulinarischen fernen Ostens auch abseits der notorischen Buffets, eine klare Empfehlung, überzeugte vier Sterne für das Gebotene.
 
Den Service habe ich in all seiner hilfsbereiten Liebenswürdigkeit als „herausragend“ empfunden und dieser ist auch für Leute mit einer gewissen Schwellenangst ein klarer Grund für einen Besuch.
 
Man erklärt, gibt Empfehlungen, spricht gerne über das Essen. nimmt einem jede Befangenheit und das alles ohne jegliche aufgesetzte Plastik-Freundlichkeit.
 
Das Ambiente eher einfach und klein, aber sauber und nicht mit Deko überladen, im hinteren Bereich etwas düster.
 
Das PLV habe ich angesichts des Gebotenen als „gut“ empfunden, die frischen Bio-Zutaten sprechen für sich.
 
Vielleicht heißt es bald auch mal „Good evening, Vietnam!“ für Herrn Shaneymac.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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