Zurück zu Gourmetrestaurant in Schwitzer's Hotel am Park
GastroGuide-User: Oparazzo
hat Gourmetrestaurant in Schwitzer's Hotel am Park in 76337 Waldbronn bewertet.
vor 3 Monaten
"Fantasievoll, technisch perfekt, voller Überraschungen, und mehr Gänge als Finger an zwei Händen"
Verifiziert

Geschrieben am 09.09.2020
Besucht am 05.09.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 553 EUR
Vor wenigen Tagen war es genau 18 Jahre her, dass meine Frau und ich uns zum ersten Male tief in die Augen schauten. Ein guter Grund, endlich mal wieder außerhalb der eigenen vier Wände eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen, nachdem wir uns aus sattsam bekannten Gründen lange Zurückhaltung auferlegt hatten und auch weiterhin auferlegen werden. (Dass wir trotzdem nicht zu kurz kommen, davon kann sich jeder, der will, auf dem Instagram-Kochkonto meiner Frau überzeugen, für dessen Genese ein ebenso bekannter wie beliebter Solinger Steakholder verantwortlich zeichnet. Ein Zeitvertreib, der allerdings auch wenig Raum für andere Zeitvertreibe lässt, und damit eine äußerst ambivalente Angelegenheit).
 
Dass die Wahl auf Cédric Schwitzer’s Sternerestaurant fiel, hing auch damit zusammen, dass wir dort vor drei Jahren schon einmal sehr angetan waren. Darüber hatte ich hier ja mit leichter Verzögerung und vergleichsweise knapp berichtet. Damals hatten wir uns mit dem 6-gängigen Entdeckermenü beschieden, diesmal, wo das Restaurant bereits entdeckt war, gingen wir in die Vollen. Grand Pur heißt das Menü, mit dem die Küche zeigt, was sie alles kann, und das ist eine Menge.
 
Das Restaurant sah noch genauso aus wie vor drei Jahren - die Tische waren schon damals sehr weitläufig gestellt, was ein jeder als angenehm empfindet, der sich an einem solchen Abend nicht für die Probleme seiner Mitesser interessiert.


Nachdem der Champagner eingeschenkt war (die Etikettenparade ist am Schluss), ging es los mit drei Amuses, nämlich einer mit Entenlebermousse gefüllten Kirsche (bestimmt aus dem Piemont oder einer ähnlich gesegneten Gegend), einem mit Taschenkrebstatar gefüllten Mürbeteigtörtchen, bei dem zwar das Stichwort Chili genannt war, aber die damit assoziierte Schärfe fehlte, und schließlich einem Nigiri von der Königsmakrele, bei dem der Reis als besonders vorzüglich auffiel. Ein schöner, wenn auch noch nicht übermäßig aufregender Einstieg.
 

Als sehr positiv empfanden wir übrigens, dass es zu jedem Gang ein Kärtchen mit der genauen Konstruktion des Gerichtes gab, was nicht nur für den verständigen Verzehr, sondern auch für das spätere Verfassen von Kritiken eine große Hilfe ist. 


Mit dem nächsten Einstimmungsgang wurde es schon spannender, einer mit Vanille gebeizten und mit allerlei geliertem Gemüse und Gurkendashi servierten bretonischen Makrele - für Liebhaber des typischen Makrelenaromas (wie uns) ein Hochgenuss.


Nun wurde schön verpacktes warmes Brot und Misobutter auf den Tisch gestellt, wie immer zu einem Zeitpunkt, wo man noch richtig Hunger hat und aufpassen muss, dass man nicht zu fröhlich zulangt. Man hat ja noch einiges vor. 

 
Und dann kam bereits der erste richtige Knaller, die Gänseleber am Stiel. Nicht nur optisch eine Freude, sondern auch ein Konzert der Aromen. Die süße Ummantelung mit Valrhona-Schokolade, die elegante Säure von Himbeere und Passionsfrucht, das Fleur de Sel und das würzige Raspelbrot (nie vorher gehört!) unten drunter sorgten dafür, dass jeder Bissen ein wenig anders schmeckte.
 
Zusammen mit besagtem Knaller hätte eigentlich der erste Wein serviert werden müssen, allerdings hatte der Sommelier zu dem Zeitpunkt noch etwas Stress. So war die Gänseleber schon halb verputzt, als der Pinot Gris vom Wintzenheimer Winzer Josmeyer eingeschenkt wurde. Später, als Frau Schwitzer persönlich dem Sommelier zur Seite stand, kehrte sich dieser Trend um, sodass das eine oder andere Glas bereits bedenklich zur Neige gegangen war, als das Essen erschien. Kein Problem – in diesem Fall wurde großzügig nachgeschenkt. Mir fällt grad niemand Bestimmtes ein, aber der eine oder andere GG-Kollege hätte sich dies vielleicht noch mehr zunutze gemacht.


Weiter ging es mit einem Tatar von Roten Gamberoni, mit einer Lage Black-Queen-Kaviar obendrauf. Rundherum ein Sud von Pimientos de Padrón, also der Bratpaprika-Gourmetversion, und ein Kränzchen aus Austerncreme-Korianderperlen. Meine Frau, bekannt als Korianderverächterin, bekam ihr Tatar unbekränzt serviert (die Schwitzer‘sche Kundendatenbank vergisst nichts). 


Der nächste Fischgang: Geflämmte Jakobsmuschel aus norwegischem Wildfang, was natürlich amüsant klingt, wenn man bedenkt, dass Muscheln schlecht wegschwimmen können, aber man kann sich denken, was gemeint ist. Die exklusiven Muschelscheibchen, eigentlich ein Carpaccio, lagen in einer betörenden Kreuzung aus Bouillabaisse und Vinaigrette und waren mit ein paar Perlen Tobiko-Kaviar gekrönt, also Rogen von fliegenden Fischen (bei denen die Vorstellung eines Wildfangs schon eher einleuchtet). 


Mit dem letzten Fisch wurde noch eins draufgesetzt: Eine Rotbarbe, die mit heißem Fett so übergossen worden war, dass man sogar die knusprigen Schuppen mitessen konnte, ruhend auf einem Lager aus Kaffirrisotto, von dem man aber wegen des großzügig bemessenen Kresseschaums erst mal nicht viel sah. Von der zart-krossen Haut mit ihren eingebrannten Salzkristallen träume ich jetzt noch.


Nun wurde es Zeit für den ersten Fleischgang, auch wieder ein Paukenschlag: Wagyu-Tagliata mit wildem Blumenkohl. Das Rind aus Chile von einer unglaublichen Würze, mit Rauchnoten durch die reichliche Blumenkohlasche. Leider habe ich versäumt zu fragen, unter welchen Bedingungen man Blumenkohl so pyrolisiert, dass er nicht nur nach Kohle schmeckt. (Blumenkohle wäre ja ein Begriff, der sich hier anböte...)
 
Der Wein dazu auch eine Überraschung, kein Roter, sondern ein (Borgi, aufgepasst!) Kaiserstühler Grauburgunder aus dem Hause Schätzle, der uns so hervorragend, ja fast rieslingmäßig geschmeckt hat, dass wir bei der nächsten Tour ins Südbadische einen Abstecher nach Schelingen machen wollen.


Das nächste Stück Fleisch kam aus der Heimat, ein schön zarter Rehrücken aus einem der umliegenden Wälder. Das Foto wird dem jungfräulichen Rosa des Anschnitts leider nicht gerecht. Auf dem Kärtchen war zu lesen, dass die Küche die ganzen Rehe verarbeitet; wir waren beide nicht unglücklich darüber, dass man uns den Rücken zugeteilt hatte. Und selbst meine Frau, die von sich behauptet, Wild nicht so zu mögen, war restlos begeistert.

Wir näherten uns dem Finale und allmählich auch unserer Kapazitätsgrenze. Es kam uns sehr gelegen, dass sich die Küche wirklich Zeit gelassen hatte – vom ersten Schluck Champagner bis zu dem Moment, wo wir satt und selig die Treppe nach oben in unser Zimmer nahmen, waren fast sechs Stunden vergangen. So konnten wir die Menge an Essen einigermaßen problemlos unterbringen.


Auftritt „Le Prince“, Miéral Perlhuhn aus der Bresse in Gestalt von Keule und Brust, ein Tier, das zu dem Feinsten gehört, das man sich an feinem Geflügel nur wünschen kann. Der kleine Prinz trug, seinem royalen Status angemessen, ein Mäntelchen von australischem Wintertrüffel und war ansonsten von einem Hofstaat aus Kopfsalatherzen in verschiedenen Erscheinungsformen begleitet: Im Großen Grünen Ei gegrillt, als Olivensud oder als gesalzene Marinade.


Wir kommen zum Käse, das heißt in diesem Fall zum Herrn Brillat Savarin, einem der Heiligen der Gastrokritik, der uns hier in Gestalt des nach ihm benannten, nicht ganz fettarmen Weichkäses präsentiert wurde. Gekrönt von Salsicciachips und eingebettet in eine Tomatenkaltschale, war er ein sehr erfrischender Vorabschluss. Bemerkenswert der dazu gereichte Wein: Ein mit Rhododendron-Blütenhefe gebrauter, kalt getrunkener Sake, eine geniale Idee, die ich gerne aufgreifen werde. Ein bisschen Platz im Weinkeller wird auch nach dem geplanten Ausflug in den Kaiserstuhl noch sein.


Beim Nachtisch wollten wir eigentlich schon passen, wurden allerdings dadurch umgestimmt, dass er wirklich nicht zu süß sei. Und so war es auch: Jivara, die Schokolade aller Schokoladen, umgeben von Joghurt und Pfirsich in allen möglichen Zubereitungsformen, war tatsächlich ein so angenehm mildes Erlebnis, dass uns der dazu kredenzte Ermacora Picolit als das eigentliche Dessert erschien. 


Die Petits Fours ließen wir uns dann aber doch einpacken und haben sie am nächsten Tag mit Genuss verspeist, natürlich nicht ohne sie vorher noch einmal abzulichten.
 
Ein Fazit: Die Küche ist fantasievoll, technisch perfekt und voller überraschender Kombinationen, auch zwischen fester und flüssiger Nahrung. Der Service ist tadellos. Wasser wurde stets aufmerksam nachgeschenkt; die kleinen zeitlichen Unstimmigkeiten bei der Weinbegleitung wurden durch generöses Nachschenken mehr als wettgemacht. Mit 189 Euro bewegt man sich zwar in Richtung zweier Sterne, allerdings ist das Grand Pur auch ein paar Gänge länger als das handelsübliche Degustationsmenü. Auch die Weinbegleitung war mit 105 Euro für neun Weine dieser Qualität nicht überbezahlt.




Da die Zeiten, in denen ich besoffen nach Hause gefahren war, lange vorbei sind, ist es auch nicht unwichtig, dass man sich vor Ort ein schönes Zimmer nehmen kann. Das kommt unterm Strich auch nicht viel teurer als zweimal Taxi, und mit etwas Glück bekommt man auch noch ein Upgrade. Das heißt, bei der Auswahl für das nächste Ereignis dieser Art kommt das Schwitzer‘s wieder in Topf A.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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