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GastroGuide-User: marcO74
hat Bistro 1718 in 67146 Deidesheim bewertet.
vor 2 Jahren
"Vinophiles Heimspiel bei einem alten Bekannten"
Verifiziert

Geschrieben am 13.07.2017 | Aktualisiert am 13.07.2017
Besucht am 06.07.2017 Besuchszeit: Abendessen 4 Personen Rechnungsbetrag: 367 EUR
Was von den Mitgliedern des Wörther Gourmandclubs als kulinarisches Auswärtsspiel angesehen wurde – Deidesheim liegt ja schließlich nicht gerade ums Eck – wurde zu einem feucht-fröhlichen Weinabend, wie man ihn nicht alle Tage erlebt. Austragungsort unserer kulinarischen Zusammenkunft war der Ketschauer Hof, genauer gesagt die wunderschön angelegte Terrasse des Bistros mit der Jahreszahl 1718 im Namen, welche auf das Gründungsjahr des VDP-Giganten Bassermann-Jordan verweist. Dieses von Bäumen umstandene Fleckchen Pfälzer Wein- und Genussfreude befindet sich zwischen dem besternten Gourmettempel „L.A. Jordan“ und dem historischen Kelterhaus, in dem die Gasträume des Bistros zu finden sind.
 
Mein Kollege hatte für Donnerstagabend vier Plätze klargemacht. Der Wetterbericht verhieß nichts Gutes und wir waren gespannt, ob sich die Freiluftnummer nicht doch noch in eine Indoor-Veranstaltung verwandeln würde. Gleich zu Beginn die erste Überraschung: ein Wiedersehen mit dem ehemaligen Sommelier und Service-Chef der Wörther „Einigkeit“, der viele Jahre im leider nicht mehr existenten Kultrestaurant von Franz Klöffer wirkte. Da wusste ich sofort: bei Viktor sind wir heute Abend – besonders was die Auswahl der Weine betrifft - in allerbesten Händen.
 
Auf den Tag drei Monate war es her, dass unsere vierköpfige Verzehrtruppe die letzte Clubsitzung abhielt. Das war in der Neupotzer Krone und schon damals ließen wir es ordentlich krachen. Was jedoch im Laufe des Abends im Deidesheimer Lustgarten durch unsere durstigen Kehlen rinnen würde, war zu Beginn in keinster Weise abzusehen. Um es gleich vorweg zu nehmen: das Essen spielte eine eher untergeordnete Rolle. Klar, waren wir nicht nur zum Weintrinken nach Deidesheim gefahren, aber die Auswahl an leckeren Kreszenzen ließ uns förmlich keine andere Wahl. Go, Mittelhaardt, go!
 
Zwei Tische waren schon besetzt als wir die Gartenterrasse gegen 18.30 Uhr betraten. Sie sollte sich nach und nach komplett mit Gästen füllen. Eine drückende Schwüle lag schon seit Tagen über der Rheinebene und auch am Haardtrand war die Luft nicht besser. Dunkle Wolken am Himmel kündeten jedoch von herannahenden Regenschauern. Wir saßen ganz relaxed unter aufgespannten Sonnenschirmen, die dann später in den Regenschutzmodus wechselten. Dazwischen lag viel Wind, Wein und Geplapper.
 
Wir saßen recht bequem auf einfachen, grau lackierten Gartenstühlen aus Aluminium mit Sitzfläche und Rückenlehne aus strapazier- und anpassungsfähigem Kunststoffgewebe. Diese waren farblich auf das ebenfalls in hellem Grau gehaltenen Tischgestell abgestimmt. Auf der darauf angebrachten hölzernen Tischplatte befanden sich farblich passende Sets mit Zweifachbesteck, Brottellerchen, Stoffserviette und bauchigen Gläsern. Weiße Tischdecken brauchte es nicht. Die waren lediglich ein paar Meter weiter auf der Außenterrasse des L.A. Jordan zugegen und dort auch gut aufgehoben. Salz- und Pfeffermühlen in Schwarz-Weiß-Optik und eine Topfpflanze komplettierten das schlichte Gesamtbild unseres Tisches. Ein Brünnlein plätscherte in der Nähe und sorgte für akustische Entspannung. Auf hölzernen Sideboards standen große, mit Eiswasser gefüllte Kübel, in denen vorsorglich ein paar Flaschen Wasser gekühlt wurden. Später hielten sie die bestellten Weißweine auf Trinktemperatur.
 
Die Windstärke nahm langsam zu. Vorboten der aufziehenden Regenfront. Ich hatte Glück, dass der nette Herr vom Nachbartisch den hinter mir platzierten Sonnenschirm gerade noch abfing, bevor dieser im Begriff war, mich zu erschlagen. Helden des Alltags – man trifft sie überall. Viktor klappte ihn sogleich ein und entsorgte damit den Gefahrenherd.
 
Die Kombination aus Wärme und Durst ließ uns die Aperitif-Frage mit zwei Flaschen Gerolsteiner (0,75 l für 7,50 Euro pro Flasche) hinlänglich beantworten. Dann wurde uns die stilvoll gestaltete, auf einem Klemmbrett befestigte Speisenkarte in DIN-A3-Format gereicht. Das übersichtliche Angebot umfasste acht Hauptgerichte, die vornehmlich mediterran-französisch beeinflusst schienen, zwei Suppen und fünf Vorspeisen. Hungrig bestellten wir munter drauflos.
Der Kollege zum meiner Rechten begnügte sich mit dem getrüffelten Stundenei auf Rahmspinat und Kartoffel-Mousseline (9,50 Euro) vorweg und ein Pot au Feu von der Maispoulardenbrust mit Jakobsmuscheln, Gartengemüse und Tomatenessenz (24 Euro) als Hauptgang.
 
Der junge Mann knapp links von mir propagierte die doppelte Vorspeisenbestellung, indem er das Erbsenrahmsüppchen (7,50 Euro), das uns anstelle der noch nicht vorhandenen Pfifferlingsrahmsuppe (Karte war noch zu neu, Anm.) verbal kommuniziert wurde, sowie die gebratenen Jakobsmuscheln mit geschmolzenen Tomaten, Basilikum und Muschelschaum (14,50 Euro) orderte. Beim Hauptgang blieb er mit der irischen Ochsenbacke auf Erbsencreme (19,50 Euro) seinem Geschmack nach endlos lange Geschmortem treu.
 
Der Dritte im Bunde sprang auch auf den Erbsenrahmzug auf und bestellte noch zusätzlich zum Süppchen einen Pflücksalat mit Tomate an Hausdressing (8 Euro) bevor er das Entrecôte vom Charolais-Rind mit sautierten Pfifferlingen, Pommes Pont-Neuf und Sauce Béarnaise (27 Euro) für sich beanspruchte.
 
Dieser zugegebenermaßen recht ausgewogenen Nahrungsaufnahme wollte ich mich bedingungslos anschließen, entschied dann aber doch, den Salat gegen eine Vorspeisen-Version der Bouillabaisse „Ketschauer Hof“ (18 Euro) einzutauschen. Diese sollte nach dem Erbsensüppchen quasi als Zwischengang einen mediterranen Brückenschlag zum „Fleischstück für Fortgeschrittene“ (=Entrecôte) darstellen. So zunächst der kulinarische Schlachtplan, dessen Umsetzung nach einem saftigen 2016er Chardonnay vom Hausweingut Bassermann-Jordan (für 30 Euro die Flasche) verlangte. Der ideale Einstiegswein an diesem Abend.  
 
Ihn wählten wir aus der überschaubaren Weinkarte, die aus mehreren losen, von einem Klemmbrett zusammengehaltenen Blättern bestand und neben einigen leckeren Bassermännern samt GG-Rieslingen auch noch andere illustre Vertreter aus der Niederberger VDP-Riege listete. Von Winning und Reichsrat von Buhl sind mir noch im Gedächtnis. Wie gerne hätte ich die Weinbibel des Sternerestaurants von gegenüber durchstöbert und mir von Viktor ein paar edle Tropfen daraus empfehlen lassen. Vielleicht ein andermal.
 
Die Brot-und-Butter-Versorgung klappte dank eines gut aufgelegten Servicetandems zu unserer vollsten Zufriedenheit. Das frisch aufgebackene Weißbrot (Ciabatta) war lauwarm und angenehm fluffig. Mit Salzbutter bestrichen, war es eine erste wertvolle Grundlage für kommende Weinaufgaben. Auf ein echtes Amuse bouche wurde verzichtet. Schade, da hätte man doch etwas aus der Küche von Daniel Schimkowitsch als werbewirksamen Appetizer herüber transportieren können.
 
Mein Kollege konnte es sich nicht verkneifen, den Service auf die Werbekampagne mit dem „besten Schnitzel der Pfalz“ vom letzten Jahr anzusprechen. Damals hatte noch der österreichische Sternekoch und Witzigmann-Schüler Alfred Friedrich in der Küche das Sagen. Dessen kulinarisches Intermezzo war nach knapp einem Jahr bereits beendet. Und mit ihm die österreichisch beeinflusste Bistroküche. Jausenbrett, Backhähnchen, Topfentaschen und Wiener Schnitzel waren also Kartoffelschnee von gestern. Das angeblich „beste Pfalz-Schnitzel“ hatte den Ketschauer Hof schon vor ein paar Monaten verlassen.
 
Und verlassen konnten wir uns nach wie vor auf den aufmerksamen Service, der fleißig Wein nachschenkte, neue Mineralwasserflaschen auf den Tisch stellte und den Brotvorrat stabil hielt. Unsere Vorspeisen, bestehend aus drei Erbsenrahmsüppchen und einem Stundenei, wurden serviert. Die Suppe fiel einstimmig etwas zu dünn aus. Da hätten wir uns eine sämigere Konsistenz gewünscht. Gut abgeschmeckt war sie dennoch. Die darin schwimmenden Erbsen waren von frischer Qualität, das schmeckte man. Für die stolzen 7,50 Euro wäre jedoch eine kleine Extra-Einlage (z.B. eine gebratene Jakobsmuschel) wünschenswert gewesen. Diese hätte sicherlich für ein spannenderes Geschmacksbild gesorgt. Die Stundenei-Portion meines Kollegen war ziemlich übersichtlich und im Nu vernichtet. Ich hatte das Gefühl, dass er locker noch zwei Portionen mehr davon geschafft hätte. Generell finde ich solche „Onsen-Eier“ äußerst delikat. Hier hätte mir der Sommertrüffel die Lust am perfekten Ei gründlich verhagelt. Für meinen Kollegen machte genau der den geschmacklichen Kick des Gerichtes aus. Ganz gut, dass wir nicht die gleichen Vorlieben haben, dachte ich und bemerkte unsere leeren Weißweingläser.
 
Hier haben wir Gott sei Dank sehr ähnliche Vorlieben und konnten uns schnell auf eine Flasche vom Weißen Burgunder „S“ (45 Euro) aus dem Bassermannschen Fundus einigen. Ein Hammerweißwein, der mit präsenten Holznoten, feiner Mineralik und zartem Schmelz punktete. Wir waren also gut gerüstet für den Zwischengang.
 
Hielt sich das Erbsenschaumsüppchen geschmacklich in Grenzen, bot die nun servierte Bouillabaisse dem Gaumen die volle Breitseite. Auf einem länglichen Unterteller befanden sich drei Gefäße. Eine Suppenschale, in der die perfekt vorgegarten, saftigen Lachs- bzw. Steinbuttstücke samt stattlicher Garnele auf den Aufguss der Brühe warteten. Diese befand sich in einem Porzellankännchen gegenüber. Dazwischen ein Schälchen mit einer eher zurückhaltend gewürzten Sauce Rouille. Zwei mit Comté-Käse überbackene Crostini komplettierten das mediterrane Ensemble. Die Meeresbrühe wurde vom Service angegossen. Schon ihr Duft versetzte mich in Erinnerungen schwelgend an den alten Hafen von Marseille. Diese Fischsuppe war, um es kurz zu machen, schlichtweg fantastisch, da von sehr intensivem Geschmack. Der dunklen Brühe merkte man ihre lange Reduktion an. Als Basis dienten sicherlich lange eingekochte Karkassen, die für den nötigen geschmacklichen Tiefgang sorgten. Ein Erlebnis, das mich in seiner Vorspeisenvariante schon ganz schön sättigte.
 
Mein Kollege gegenüber erfreute sich besonders am phänomenalen Dressing seines Pflücksalates, während unser Doppel-Vorspeisen-Agent am Tisch seine von Muschelschaum umgebenen Jakobsmuscheln genussvoll zelebrierte. Der Vierte im Bunde sah wohl den Weißburgunder als flüssigen Zwischengang an. Unsere Bestände leerten sich schneller als erwartet.
 
Mittlerweile waren wir die Einzigen, die sich von den paar Regentropfen nicht hatten einschüchtern lassen und auf der Gartenterrasse verharrten. Alle anderen Gäste hatten es sich längst auf der überdachten Veranda bzw. im Inneren des Bistros gemütlich gemacht.  
 
Die Zwischengänge machten den etwas lahmen Suppenstart schnell vergessen und wir freuten uns auf die Hauptgänge. Bevor die Fleischgerichte vor uns standen, musste ein adäquater Tropfen von Viktor organisiert werden. Uns war nach etwas Kräftigem, am besten aus roten Pfälzer Trauben. Aufgrund der immer noch warmen Witterung, kühlte er uns die Flasche 2014er „Tohuwabohu“ von Markus Schneider aus Ellerstadt (55 Euro) noch ein wenig herunter, bevor er den samtig feinwürzigen Roten einschenkte. Der aus den Sorten Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot vinifizierte Kraftprotz (14,5 %) stand nicht auf der Weinkarte des Bistros, weshalb der Verdacht nahe lag, dass unser Sommelier Viktor den aus Sascha J. Schömels Weinkeller vom Gourmetlokal nebenan „entwendet“ hatte.
 
Beim Entrecôte vom Charolais Rind lagen die Meinungen etwas auseinander. Während ich das perfekt medium gebratene, schön durchwachsene Stück aus der Zwischenrippe lobte, war mein Gegenüber alles andere als überzeugt. Seines kam fast durchgebraten und zu sehnig auf den Teller. Das Pfifferlinggeröstel on Top knirschte ein wenig in den Zähnen, was auf ein etwas zu sorgloses Putzen der Pilze schließen ließ. Die Béarnaise kam frisch angerührt in einem Extra-Schälchen. Zusammen mit der kräftigen Zwiebel-Jus war das die ideale Begleitung meines Ribeye-Steaks. Die aufgeschichteten Pommes Pont-Neuf waren im Prinzip selbstgemachte dickere Fritten, die vorher ein wenig Salz gesehen hatten. Das gleiche Gericht kann, wenn Kleinigkeiten schiefgehen, so unterschiedlich ausfallen. Mein Kollege beanstandete den Makel nicht, was er aus meiner Sicht hätte tun müssen. Für 27 Euro sollte man den richtigen Gargrad seines Fleisches schon erwarten dürfen.
 
Die Ochsenbacke schwamm förmlich in dunkler Soße und war laut dem Schmorfleischfetischisten, der sie scheibchenweise genoss, zart wie Butter. Der Lauch war grob geschnitten und leicht angeschwitzt. Er lag auf einer ansehnlichen Portion Erbsenpüree. Garniert mit reichlich Röstzwiebeln war das schon ein eher deftiges Unterfangen. Dagegen mutete der Gemüseeintopf (Pot au Feu) mit saftiger Brust von der Maispoularde geradezu spartanisch an. Bei genauerer Betrachtung erkannte ich frische Kräutersaitlinge in der vor knackigem Gemüse strotzenden Brühe.
 
Zufrieden genossen wir unsere dritte Flasche Wein, deren Wirkung die daran Beteiligten zwischen lockerem Redefluss und schallendem Gelächter oszillieren ließ. Mir war gar, als säße drüben jemand auf der Terrasse des L.A. Jordan, der sich am Tisch Notizen machte. Wahrscheinlich ging nur die Fantasie mit mir durch.
 
Auf dem Weg zu den Toiletten, die einen vorbildlich gepflegten Eindruck machten, wurden die Gasträume des Bistros ausführlich inspiziert. Dabei hätte ich fast den lieben Viktor samt seinem gerade abgeräumten Geschirr über den Haufen gerannt. Das zweite Mal, dass es an diesem Abend gerade noch so gut ausging.
 
Eigentlich ein guter Moment, um gesättigt und angetrunken die Heimreise anzutreten. Ein abschließendes Achtel Rotwein sollte den Digestif-Part übernehmen. Aus Viktor’s österreichischen Restbeständen aus „Ära Alfred Friedrich“ bekamen wir ein Gläschen Umathum Haideboden, eine Rotwein-Cuvée aus dem Burgenland, eingeschenkt. Der erste schmeckte oxidativ und war wohl schon etwas zu lange offen. Kein Problem, eine neue Flasche wurde für uns entkorkt. Und nicht nur das. Sie wurde uns von Viktor komplett spendiert - ging also aufs Haus, wie man hierzulande auch sagt. Damit gaben wir uns den Rest und pochten quasi auf unser Recht auf Rausch. Keine Ahnung wie zwei meiner Kollegen noch ein Dessert (Sauerrahm-Tartelette und Gâteau au chocolat) verdrücken konnten. Bei mir ging nichts mehr.
 
Kurz nachdem wir die vierte Flasche geleert hatten und dann auch die Rechnung einforderten, fing es dauerhaft zu regnen an. Ein unmissverständlicher Hinweis von Petrus himself, den Ort des übermäßigen Weinkonsums zu verlassen. Die Verabschiedung von Viktor fiel sehr herzlich aus. Wir bedankten uns für den wunderschönen Abend im Allgemeinen und den kräftigen Gratis-Rotwein im Speziellen. Vielleicht sieht man sich ja an gleicher Stelle wieder. Oder vom benachbarten Sternelokal aus…
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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