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GastroGuide-User: marcO74
hat La Vigna im Weingut Marienhof in 67482 Venningen bewertet.
vor 1 Monat
"Nussdorf reloaded? – Nicht ganz! Nicola Chinni kocht zwar am Ortsrand von Venningen wie zu besten Zeiten, aber die Leistungen vom Service halten leider nicht mit"

Geschrieben am 22.05.2019
Besucht am 02.04.2019 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 55 EUR
Mein letzter Besuch im La Vigna ist schon eine Weile her. Damals im September 2015 residierte Küchenchef Nicola Chinni mit seinem Team noch im Landhaus Herrenberg am Ortsausgang von Landau-Nussdorf (in Richtung Böchingen). Es war ein spätsommerlicher Abend auf der lauschigen Terrasse. Unser Blick richtete sich über die umliegenden Weinberge hinweg gen Pfälzerwald, hinter dem im Westen die Sonne unterging.
 
Es kam uns damals so vor, als säßen wir mitten im „Vigna“. Und natürlich passte zu dieser wundervollen Umgebung auch die von Herrn Chinni kredenzte Mittelmeerküche hervorragend. Vielen Landauern war dieses auf Produktfrische und sehr guter Warenqualität basierende Konzept ein kulinarischer Grund ins benachbarte Weindorf zu fahren, weshalb eine Reservierung zur obersten Gästepflicht zählte.
 
Der Pachtvertrag mit den Lergenmüllers, einer überregional bekannten Großwinzerfamilie, lief aus und wurde leider nicht verlängert. Aus dem Genusstempel wurde das Fastenlandhaus Herrenberg, wo seitdem der Darmgesundheit mit reichlich Kohlsuppe gehuldigt wird. Chinni hatte da schon sein zweites Standbein, das italienische Selbstbedienungsrestaurant „Buonappetito“ im Landauer Gillet-Baumarkt, eröffnet und war auf der Suche nach einem passenden Ersatz für sein Erstlokal La Vigna.
 
Vielleicht geriet er ja unter Zugzwang. Nur so kann ich mir die „Notlösung“ in der Landauer Ostbahnstraße („Mundus Culinarius“) erklären. Egal, die suboptimale Immobilie in bescheidener Lage ist längst vergessen. In dem besonders bei Essigfreunden hochangesehenen Weinort Venningen fand er ein neues Domizil, in dem er seit Mai 2016 seine mediterrane Frischeküche auf die Teller bringt. Und dazu eines, das aufgrund seiner Weinbergsnähe dem ehemaligen La Vigna in Nussdorf in nichts nachsteht.
 
Hier am Ortsrand suchte die Familie Le Retif, die Besitzer des Weinguts Marienhof, einen neuen Pächter für ihre Weinstube. Diese war schon früher eine beliebte Anlaufstelle für Radfahrer und Pfalztouristen. Kein Wunder, denn der direkt neben der Landstraße befindliche Weinpavillon liegt äußerst verkehrsgünstig. Er ist nur ein kurzes Stück von der Autobahnausfahrt Edenkoben/Venningen entfernt. Da lohnt noch nicht einmal der Blick aufs Navi. Parkmöglichkeiten liefern die umliegenden Feldwege zur Genüge, was den mit dem Auto anreisenden Gästen das nervige Suchen erspart.
 
Anfang April war es noch viel zu kalt, um von der hübsch angelegten Terrasse den Blick über die Pfälzer Reblandschaft schweifen zu lassen. Neben etwas improvisiert wirkenden, aus Paletten gefertigten Sitzgelegenheiten vor dem Eingangsbereich bestand die eigentliche Außenbestuhlung aus funktionalem Gartenmobiliar, dem - Aluminium und Polyrattan sei Dank - auch Regenschauer nichts würden anhaben können. Der westlich vom Gebäude platzierte Freiluftbereich wird wohl in der warmen Jahreszeit dem Namen des Restaurants vollends gerecht werden, verlaufen doch die Rebzeilen unmittelbar daran vorbei.
 
Gut, dass wir an jenem Dienstagabend reserviert hatten, denn das La Vigna war auffallend gut besucht. Eine ältere Servicedame hieß uns nicht besonders freundlich willkommen und führte uns zu unserem Tisch. Ihr brüsker Tonfall war für mich doch einigermaßen überraschend und schon gar nicht nachvollziehbar. Doch dazu später mehr.
 
Das großräumige Innere des Lokals wurde von einem üppig gefüllten Weinregal, das zwischen zwei Säulen in der Mitte des Raumes thronte, sinnvoll geteilt. Auf hellem Fliesenboden stand schlichtes Bistromobiliar in verschiedenen Holztönen. Solide Sitzgelegenheiten mit ausreichend Polsterung.  Keine nachträglich eingezogene Decke störte den Blick auf die offene, von robusten Balken getragene Dachkonstruktion aus hellem Holz. Ein gediegenes Restaurant, dessen gebremst moderne Einrichtung zur zwanglosen Landhauskulisse passte und wo Gemütlichkeit nicht mit drangvoller Enge verwechselt wurde.  
 
Im Vergleich zu früher ging es deutlich legerer zu. Auf weiß eingedeckte Tische wurde verzichtet. Nüchterne Kunststoffsets, Besteck in Papiertaschen, spärliches Pflanzengrün im Töpfchen, ein obligatorisches Windlicht sowie ein appetitanregendes Genusstrio, bestehend aus Olivenöl, Balsamico-Essig und einem Schälchen Fleur de Sel, bevölkerten die Tischplatte.
 
Der Service im La Vigna ist fest in weiblicher Hand. Bezugnehmend auf das vernichtende Urteil, das auf diesem Portal in Form eines Kurzberichts vor ein paar Wochen hochgeladen wurde, komme ich nicht umhin, die Leistungen der Bedienungen etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Fakt ist, die beiden Damen, die sich für uns zuständig zeigten, agierten rege, sprich sie waren recht flink unterwegs. Immerhin fragte die jüngere der beiden einmal nach, ob denn alles recht sei. Der kleine Lapsus, mit den doch vorhandenen Artischocken, auf die ich bei meinem Pastagericht gerne verzichtet hätte, sei ihr verziehen. Sie hatte es schlichtweg vergessen an die Küche weiter zu leiten. Kann ja mal passieren.
 
Deutlich weniger charmant agierte jedoch die ältere Dame, die uns leicht grimmig in Empfang nahm und unsere Bestellung notierte. Mit schroffer Routine bekommt man in der Regel keinen Zugang zu seinen Gästen, aber das wollte die leicht pampig auftretende Serviereminenz sicher gar nicht. Aber unter dem Mangel an qualifizierten Servicekräften leiden heutzutage viele Gastronomiebetriebe. Da kann der Rest des Personals noch so gut sein, eine Schwachstelle im Service kann dir ganz schnell den Ruf ruinieren. Und ja, auch ich vermisste den früheren Serviceleiter Antonio Carbone, der vorweg auch gerne mal die erstklassigen Zutaten zur Ansicht vorbeibrachte. Und dessen Weinempfehlungen immer Hand und Fuß hatten.
 
Mit viel Neugier studierte ich die Karte mit den Empfehlungen der Saison, die mir schon früher zu Nussdorfer Zeiten den Bestellvorgang erleichterten. Variation vom Thunfisch (15,50 Euro), Pulpocarpaccio mit gebratenem Babykalamar (15 Euro) und Linguine mit grünem Spargel und Gambas (14 Euro) machten gleich klar, dass hier kein kleinstirniger Küchenhasardeur hinter den Herdplatten wirkt, sondern ein Koch mit Ambition und klarem Bekenntnis zur Mittelmeerküche. 
 
Selbst beim Schnitzel „Wiener Art“, das zusammen mit den üblichen Pfalzklassikern von der Standardkarte wie ein Zugeständnis an alte Weinstubentage anmutete, gab man sich latent südländisch. Das Fleisch stammte nämlich vom Iberico Schwein. Schön, dass Chinni alte Klassiker, wie etwa den ganzen Wolfsbarsch aus dem Ofen an Grillgemüse, Blattspinat und Kartoffelpüree (48 Euro für zwei Personen), nicht aus dem Repertoire gestrichen hat.
 
Bei den Basics setzte der Küchenchef auf Altbewährtes. Aus einer überschaubaren Auswahl an Nudelgerichten waren mir noch viele Gerichte von damals ein Begriff. Warum sollte man auch in Venningen auf die Fettuccine mit Lachs und Spinat (12,50 Euro) oder auf die mit Büffelricotta und Spinat gefüllten Ravioli (13,50 Euro) verzichten müssen. Auch bei den Pizzen fuhr der Maestro kein Gewaltprogramm in Sachen Angebot. Zehn Versionen, die noch von drei verschiedenen Sorten Flammkuchen ergänzt wurden, befanden sich im bewusst reduzierten Sortiment. Saltimbocca vom Kalb (19,50 Euro) und Piccata Milanese (15,90 Euro), aber auch Holzfällersteak vom Schweinenacken (15,90) und Pfälzer Rumpsteak (20,90 Euro) warteten auf pizza- bzw. pastascheues Gesindel.
 
Soweit der Streifzug durch die kulinarische Bandbreite des La Vigna, in dem auch Freunde der gutbürgerlichen Redundanz auf ihre Kosten kommen. Zu ihnen zählten wir an jenem Abend nicht und so sollte schon südländische Kost unsere Teller füllen. Wir orderten beide den italienischen Salat (8,50 Euro) als Vorspeise. Mein Kollege kannte diesen aus dem eingangs erwähnten Landauer Selbstbedienungslokal „Buonappetito“ und hielt sich mit Lobeshymnen nicht zurück.
 
Auch GG-Kollege Keeshond hatte sich in seinem letztjährigen Bericht sehr positiv über den lecker angemachten Beilagensalat zum Ziegenkäse geäußert.  „Salat ist für mich eigentlich nur eine Beilage zum Essen, aber ich habe selten ein so gutes Dressing erlebt, der Salat an sich war schon geschmacklich eine Wucht…“ (Zitat Keeshond).
 
Schon beim ersten Bissen war mir klar, was er damit meinte, denn das frisch-fruchtige Essig-Öl-Dressing verfeinerte den zusätzlich mit Käse- und Schinkenstreifen, hartgekochten Eiern, Tomaten und Radieschen bestückten Pflücksalat auf wunderbare Weise. Was kann den Freund solider südlicher Standardkost mehr entzücken als ein sündhaft lecker angemachter Salat mit frischen Zutaten? Ein Pastateller von Format eventuell.
 
Doch bevor dieser den Weg aus der Küche zu uns fand, durften wir Maestro Chinni zuschauen, wie er für den Nachbartisch einen prächtigen Wolfsbarsch routiniert auseinandernahm. Filetieren schien im La Vigna noch immer Chefsache zu sein. Da hatte sich also nichts geändert.
 
Nudelerschaffer Chinni gilt nicht nur als ausgewiesener „Raviol(i)ator“, seine selbstgemachten Gnocchi (teutonisch: „Gnotschie“) haben echte Fans, zu denen ich mich auch zähle. Gleichgesinnte dürften sich jetzt über die Mitteilung freuen, dass es sich bei ihnen um besonders fluffige Exemplare handelte, die von einem aromatischen Tomatensugo überzogen und von deftigen Salsiccia-Happen kongenial begleitet wurden.
 
Es geht doch nichts über einen im Haus gekneteten Kartoffel-Grieß-Teig, der in Nockenform gebracht und mit entsprechendem Beiguss vermengt zur mediterranen Aromabombe avanciert. Natürlich wurde hier den drei obligatorischen K’s (Knoblauch, Kräuter, Kirschtomaten), die in keiner Tomatensauce fehlen sollten, gehuldigt. Die 13,50 Euro waren jedenfalls gut investiert.
 
Mein Kollege, mit dem zusammen ich schon viele Pizzen im Bauch habe verschwinden lassen, entschied sich für den mit Parmaschinken, Rucola und Parmesanspänen belegten Teigfladen, der für glatte 10 Euro zu haben war. Was da dampfend aus dem Backofen getragen wurde war keine durchweichte, pappige Rundbackware, über die ein gelbliches, labgestocktes Etwas aus Holland analog zerflossen war, sondern ein von frischen Zutaten getoppter, mit nicht zu viel Tomatensauce und Mozzarella veredelter Boden, der außen knusprig und innen fluffig geriet. Der Parmaschinken stand den frisch gehobelten Parmesanspänen in Sachen Würze nichts nach. Zusammen mit dem frischherben Grün des Rucolas ergab das eine Pizza, die den Namen der oberitalienischen Schinkenprovinz völlig zu Recht im Namen trug.
 
Zum Gaumenspülen tat ein frisch gezapftes Pils von Paulaner (0,5l für 3,70 Euro) gute Dienste. Auch die 4,50 Euro für die Dreiviertelliterflasche Peterstaler Mineralwasser waren gut angelegt. Auf ein Dessert mussten wir verzichteten, da die sättigenden Hauptgerichte dies nicht mehr zuließen. Mit der traditionellen Tasse Kaffee (2,40 Euro) verlangte mein Kollege die Rechnung, die uns von der jüngeren Bedienung auch zeitnah gebracht wurde.
 
Vom Essen her hat eigentlich alles gepasst. Im Vergleich zu früher hat das La Vigna sein kulinarisches Niveau halten können. Keeshond würde sagen: „Hervorragend, aber nicht überragend“. Leider bestätigten sich die schwachen Leistungen beim Service auch bei zwei Folgebesuchen, die mein Kollege ohne mich antrat. Dies schmälert den Wohlfühlfaktor ganz gehörig und auf lange Sicht wahrscheinlich auch den Erfolg. Vielleicht sollte man auch die mediale Außenwirkung etwas überdenken. Eine ordentlich gepflegte Homepage mit aktueller Speisenkarte und Empfehlungen sollte heutzutage eigentlich Usus sein.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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