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GastroGuide-User: Carsten1972
hat Cœur D‘Artichaut in 48143 Münster bewertet.
vor 2 Monaten
"Der Stern ist da!"

Geschrieben am 24.05.2020 | Aktualisiert am 28.05.2020
Besucht am 23.05.2020 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 442 EUR
Kann ich also zum Fazit eines fast 5 stündigen Abendessens im Coeur d'artichaud kommen. Ob das Konzept zu höheren Weihen in Sachen Sterne führen wird, weiß ich nicht, denn die beiden Morels haben dieses Restaurant, nach dem die Beiden mehr als ein Jahr Ausschau gehalten hatten, sehr nach ihren individuellen Wünschen gestaltet. Die Ausrichtung des gesamten Konzepts an die offene Küche erinnert ein wenig an The Table in Hamburg, aber das Ganze ist hier mehr Handwerk, dass man riecht, schmeckt und hört aus der Küche. Um diese Grundidee herum macht man keinen großen Aufwand. Ob das der GM oder Michelin zu schätzen wissen, wird sich herausstellen. Mir gefällt das außerordentlich und ich muss verkünden, dass ich nach dem Ferment nun noch ein sehr gutes Restaurant in Münster kennen gelernt habe. Absolute Empfehlung für alle, die sich auf eine kreative Küche einlassen mögen!
Das war das abschließende Fazit meines Besuchs am Abend des 30. November 2019, als meine Frau und ich zum ersten Mal die Küchenphilosophie von Frédéric Morel und Pascal Hinkelammert mit ihrem Team kennen und sehr zu schätzen lernten. Jetzt ist er da, der Stern, am 18. Mai wurde das Schild an die Wand geschraubt. Und weil sowohl meine Frau als auch ich schon vor den Testern des Guide Michelin so begeistert waren, wollten wir im zeitigen Frühjahr wieder einkehren. Ende März hatten wir reserviert und eine Woche davor durchkreuzte das Corona Virus alle unsere Ausgeh-Pläne für die nächsten Wochen, auch ein neuer Termin im April fiel dem Lockdown zum Opfer. Sofort wurde aber ein neuer Termin für den 23. Mai angesetzt, und mit der beginnenden Wiedereröffnung der gastronomischen Betriebe ab dem 11. Mai war sichergestellt, nun würde es klappen.

Um kurz vor 19 Uhr standen wir also wieder im vertrauten Innenhof am alten Fischmarkt 11 in Münster. So langsam werden die Corona Regeln in der Gastronomie verinnerlicht, es wird zum Automatismus, Maske auf, man wird am Eingang in Empfang genommen, Daten in die Liste eintragen, Hände desinfizieren, alles das stört jeden Tag weniger. Wir bekamen unseren Tisch vom letzten Mal, wieder links vom Pass direkt in der Ecke, mit Blick über den ganzen Gastraum und durch die bodentiefen Fenster in den Innenhof rüber zum Sylt am Bült, der benachbarten Fischküche des Landhotel Eggert. Ein Blick durch den Raum verriet, nur ein Tisch war den Abstandsregeln zum Opfergefallen, weil man auch vorher eh schon sehr weit gestellt hatte. Somit war die Kapazität nicht sehr eingeschränkt im Vergleich zu vorher, und der Kundenzuspruch stimmte auch. Alle Tische wurden im Laufe des Abends besetzt.

Kurze Exkursion in Sachen Gastronomie Regelwerk in Corona Zeiten. Ich glaube tatsächlich, dass es in den gehobenen Fine Dining Restaurants die wenigsten Probleme geben wird. Die Tische werden über den Abend nur einmal besetzt, die Gästeanzahl ist überschaubar. Nirgendwo wird es eng, im Restaurant waren an allen Stellen Desinfektionsmittel-Spender aufgestellt. Um die Haut an den Händen der Köche in der Küche mache ich mir ernsthaft Sorgen, so häufig wie diese mit Desinfektionsmittel eingerieben wurden. Zusätzlich wurde jeder Teller bevor er an den Pass kam, noch einmal mit einem Desinfektionsmittel-Tuch gereinigt. Da die Küche einsehbar ist, wird jeder laxe Umgang mit den Regeln sofort offensichtlich. Aber das Küchenteam ließ sich nichts zuschulden kommen, obwohl ich häufig darauf achtete. In Sachen Corona machte ich mir an diesem Abend keinerlei Sorgen.

Ich sagte ja schon, meine Frau und ich freuten uns sehr auf den zweiten Besuch im Coeur d’artichaud. Also nach einem langatmigen Beginn zu unseren Eindrücken über das servierte 8 Gang Menü. Auf der HP lassen sich alle Informationen zum Angebot einsehen. Da wir Beide absolut keinen der Gänge hätten streichen wollen, ließen wir konsequenterweise nichts aus, volle 8 Gänge wurden geordert.

Dazu ein Champagner für meine Frau und einen Belsazar Rosé (Wermut für mich). Mit dem Aperitif ein erster Gruß der Küche.

Lachs, gebeizt, mit eingelegten Preiselbeeren und einer Creme aus Avocado, ein Löffel zum scharf stellen der Geschmacksnerven auf das Kommende. Währenddessen hatten wir die Weinkarte konsultiert, und einen Chardonnay aus dem Jura bestellt, Appellation Cotes de Jura.

Der sollte uns durch die ersten Gänge begleiten. Ein weiterer Küchengruß erreichte unseren Tisch, während wir den Wein verkosteten.

Crunch in Form von Crackern, die belegt waren mit gepickelter roter Beete und Ziegenfrischkäse sowie einem Rindertatar mit einem Auberginen-Mus. Beide Kombinationen funktionierten als Küchengruß sehr gut und richteten uns schon mal auf die Küchenphilosophie des Coeur d’Artichaud aus. Man wird es im Verlauf des Menüs noch deutlicher erkennen, die einzelnen Gerichte sind aus einer reduzierten Zahl von Zutaten aufgebaut, diese maximal 3 bis 5 Komponenten werden aber immer wieder in sehr unerwarteten Zubereitungen und Konsistenzen kombiniert. Das erinnert, auf Nachfrage auch als gewollt bestätigt, an die nordische Küche.

Selbstverständlich wird vor Beginn des eigentlichen Menüs Brot serviert, alle hausgebacken, waren das ein Buchweizen-Sauerteig-Brot, ein Bärlauch-Hefe(Weizen?)-Brot sowie ein hinreißendes Brioche mit Speck und Brie verfeinert. Nur diese Brioche hätte mir ein genüssliches Abendessen beschert. Dazu eine Café de Paris Butter sowie eine mit Algen. Nun durfte es gerne beginnen mit dem eigentlichen Menü. Die Küche startete mit Maräne, Karotte und Kapuzinerkresse.

Die Maräne war ganz sanft in einem Gewürz-Essig-Sud gar gezogen worden, dazu die Karotte in verschiedenen Zubereitungen. Es ist unmöglich ohne Diktiergerät alle Details, die Herr Morel und Herr Hinkelammert, die grundsätzlich ihre Gänge immer selber servieren, verkünden, im Gedächtnis zu behalten, somit kann und will ich hier auch nicht bis ins kleinste Detail gehen. Prägend an diesem Gang war die saure Frische des Maränenfilets ergänzt durch die Süße der Karotte mit einer gewissen Schärfe durch die Kresse. Weiter ging es mit Norwegischer Kaisergranat, Spargel und Bergamotte.

Auf den ersten Blick ein sehr schlichter Teller. Als erstes begeisterte die überragende Produktqualität des Kaisergranats, der fast roh nur auf der Rückenseite kurz angegrillt worden war. Eine Schere war aufgebrochen und gegrillt worden, Finger Food zum rauslutschen……….Darunter ein Saucenspiegel aus einer Beurre Blanc, verfeinert mit Spargel, Saucengott-Verdächtig! Der Spargel in verschiedenen Aromatisierungen bis hin zu einer mit Bergamotte, und Earl Grey Aroma passt zu Spargel musste ich an dem Abend erleben. Zwei Gänge von 8 und ich war schon im kulinarischen Himmel. Maischolle, Spinat und Bratkartoffeln passte in den aktuellen Monat.

In diesem Menü wurden alle tierischen Produkte fast ausschließlich auf einem Tepanyaki Grill zubereitet, auch diese Scholle. Sautierter Spinat dazu, ergänzt durch Senfkörner, geröstet und in einer Sauce verfeinerten das. Die Bratkartoffeln fanden sich als Creme wieder…sehr spannend. Etwas schlichterer Gang, aber genauso schmackhaft. Schlicht blieb es, aber in Sachen Zutaten wurde mal die ganz dicke Kanone herausgeholt, Morcheln, Sot l’y Laisse und Fèves wurden serviert.

Ganz viel Umani war auf dem Teller, durch die Morcheln und ihren Sud, bewusst wurde nur ein Löffel gereicht, man sollte das einfach „weg schlotzen“. Ergänzt wurde diese Aromen-Bombe von Geflügel, dem Pfaffenstückchen daraus sowie einwandfrei gepahlten dicken Bohnen. Perfekt ergänzt durch nicht angekündigten wilden Spargel, Lecker! Bis zu diesem Gang großes kulinarisches Kino, das uns perfekt auf den Hauptgang vorbereitete. Maibock, Sellerie und Fichtensprossen.

Man beachte im Saucen-Glanz die Deckenleuchter. Eine Jus, die so eine Oberflächenstruktur hat, die lässt den Genießer auf die Knie fallen. Hätte mir die Küche zu dieser Jus einfach noch was von dem Brioche serviert, ich hätte erst am nächsten Tag verinnerlicht, dass der Bock gefehlt hätte. Dieser war wunderbar scharf und kurz gegrillt, zart und ein Genuss. Der Sellerie kam in nicht mehr erinnerbaren Varianten auf den Teller, sorry, aber ich hatte zu tun, Sauce mit Brioche aufsaugen……..
Was soll man jetzt sagen nach 5 von 8 Gängen. Wenn man sich fragt, was hat man in der Shutdown-Zeit vermisst als Genießer, dann genau das erlebte. Wunderbar kreative Küche, die einen überrascht, Köche, die einem ihre Ideen am Tisch erklären und die Erkenntnis, dass bekomme ich zu Hause nicht einmal näherungsweise so gut hin! Und noch lag ein Viertel des Menüs vor uns. Irgendwann war der Chardonnay leer und wir ließen eine weitere Flasche Weißwein öffnen.

Von der Rhone, aus der Appellation Saint-Péray, eine mir unbekannte Rebsorte, die sich Marsanne nennt. Auch hier nichts verkehrt gemacht, ein außerordentlicher Tropfen. Klassisch ging es mit dem Käse weiter. Trappe d’echourgnac, Walnuss, Staudensellerie.

Der Käse stammt aus dem Zisterzienserkloster Notre-Dame de Bonne-Espérance in der Gemeinde Échourgnac im Département Dordogne im Périgord. Der Trappe d’Echourgnac wird noch heute von den Nonnen im Kloster von Hand mit Walnusslikör eingerieben und verfeinert, wurden wir am Tisch unterrichtet. Da passen die fermentierten unreifen Walnüsse ja perfekt und der fast rohe, etwas marinierte Staudensellerie brachte etwas Frische auf den Teller. Jetzt wollten wir aber auch was Süßes, mit Münsterländer Erdbeeren, Flieder und Schokolade ging es los.

Flieder ist essbar, dass wusste ich nicht! Lecker und wie immer bin ich bei Süßspeisen etwas sprachlos……..Rhabarber, Ziegenmilch, Holunder

Gefiel mir noch einen Ticken besser. Der Holunder beginnt zu blühen bei uns im Münsterland. Auch ich selber verarbeite ihn nun zu Sirup und lege die Blüten ein. Die Küche schloss ein grandioses Menü ab mit dem EPILOG,

ich erinnere mich noch, dass war was mit Joghurt, Crumble und Himbeeren……perfekter Abschluss, aber der Epilog leidet immer etwas darunter, dass es im Gehirn rattert und die Geschmackseindrücke der letzten 4 Stunden verarbeitet werden müssen……

Was das Küchenteam um die beiden Köche uns an diesem Abend präsentierte wird sehr lange im Gedächtnis bleiben. Es ist wunderbar, dass ich voller Inbrunst sagen kann, ich habe die Schließung des Keilings in Bad Bentheim nun endgültig verwunden, dass Coeur d’Artichaud ist mein neues kulinarisches Wohnzimmer. Gefühlsmäßig gibt es zur Zeit nur ein zweites Restaurant, mit dem ich ähnlich wunderbare Eindrücke verbinde. Das ist die alte Schule von Familie Schmidthaler in Fürstenhagen in der Feldberger Seenlandschaft. Auch dort scheint wie jetzt hier in Münster ein Stern! In drei Wochen bin ich dort und werde Berichten, wie es sich verhält zu dem am 23. Mai in Münster erlebten. 
Bleibt nur zu sagen, großartige Küche mitten in Münster! Ich wünsche dem Team des Coeur d'artichaud weiterhin so viel Kreativität und Spaß an ihrer Berufung wie bisher. Corona hat sie nicht stoppen können! Und so lange ihr alle in Münster weiterhin so kreativ kocht, werden meine Frau und ich treue Gäste sein!

PS zum endgültigen Schluss noch ein ganz herzliches Dankeschön an einen guten Freund aus Bremen, der hier sehr aktiv ist! Er weiß schon warum!

PPS die GG Genießertruppe bekommt hiermit von mir den offiziellen Vorschlag, eines der nächsten Treffen hier auszurichten!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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