Hotel zum Riesen
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Rheinstraße 54, 76870 Kandel
Restaurant Weinstube Hotel
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GastroGuide-User: marcO74
hat Hotel zum Riesen in 76870 Kandel bewertet.
vor 4 Jahren
"Kandels erstes Haus am Platz mit überzeugender Küchenleistung aber Schwächen beim Service"
Verifiziert

Geschrieben am 12.12.2016
Besucht am 08.12.2016 Besuchszeit: Abendessen 8 Personen
Für unser diesjähriges Weihnachtsessen im Kollegenkreis wählte ich das Hotel-Restaurant „Zum Riesen“ im nahegelegenen Städtchen Kandel aus. Ein Tisch für acht Personen wurde problemlos reserviert. Mittlerweile kümmert man sich auch etwas mehr um die mediale Präsenz des Restaurants im Internet und so lässt sich dort schon einmal ein Blick in die Speisenkarte werfen.

Das Lokal ist Feinschmeckern aus der Südpfalz und aus Baden durchaus ein Begriff. Seit 2013 hat es die jährliche Auszeichnung für „sorgfältig zubereitete Speisen zu moderaten Preisen“, den sogenannten „Bib Gourmand“ vom Guide Michelin, verliehen bekommen. Dieser steht also für ein sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Auch der Varta-Führer attestiert derzeit mit zwei Diamanten eine sehr gute Küche in gepflegtem Rahmen.

Das Restaurant ist sozusagen das Herzstück des gleichnamigen Hotels, das 20 Gästezimmer bereit hält. Und beides wird schon seit vielen Jahren von der Familie Wenz betrieben. Doch erst in den letzten Jahren hat das alteingesessene Gasthaus mit einer erstaunlich weltoffenen Regionalküche verstärkt auf sich aufmerksam gemacht. Hauptverantwortlich dafür ist Küchenchef Andreas Wenz, der Traditionelles gerne modern interpretiert und auch internationale Einflüsse nicht scheut.

Mein letzter Besuch lag schon gute zwei Jahre zurück. Damals war mir der Unterschied zwischen den wohlklingenden Namen der Gerichte aus der Speisenkarte und ihrer realen Existenz auf dem Teller einfach zu groß. Da klaffte meiner Ansicht nach eine zu große Lücke zwischen gastronomischem Anspruch und kulinarischer Wirklichkeit. Die Preise waren für das Gebotene dann letztlich doch zu hoch, da konnte der renommierte Reifenhersteller noch so „bib“bern.

Aber warum sollte man nicht dem Restaurant eine zweite Chance geben, zumal das Örtchen Kandel für unser vorweihnachtliches Essen sehr verkehrsgünstig liegt. Das von außen auffallend hübsch angestrahlte Fachwerkgebäude befindet sich direkt an der Kandeler Rheinstraße, die eine recht stark frequentierte Durchgangsstraße darstellt. Hier ist man von der Autobahnabfahrt „Kandel-Mitte“ in nicht einmal zwei Minuten. Geparkt wird quasi ums Eck. Für Restaurantbesucher und Hotelgäste hat man unweit des Anwesens ausreichend hoteleigene Parkplätze geschaffen. Man betritt das Restaurant durch den seitlichen Eingang vom Innenhof aus. Dieser wird im Sommer als lauschiges Gartenrestaurant genutzt. Ein separater Anbau beherbergt einen zusätzlichen Gastraum, der für Gesellschaften zur Verfügung steht. Hier werden gelegentlich auch Weinproben abgehalten. Nun leuchtete uns die zurückhaltend eingesetzte Weihnachtsdeko den Weg zur Eingangstür.

Gerade angekommen, herrschte zunächst große Verwirrung. Einer meiner Kollegen fragte mich, ob ich versehentlich für Samstagabend reserviert hätte. Natürlich nicht, aber die beiden Herren vom Service waren da zunächst ganz anderer Meinung und waren gerade dabei uns wegzuschicken. Genau wie sie das ein paar Minuten vorher mit meiner Kollegin, die als Erste vor Ort war, schon getan hatten. Sie zeigten mir ihr großes Reservierungsbuch und deuteten auf den Samstag. Schon beim ersten Blick auf die vollgekritzelte Seite stachen mir mein Nachname und die passende Uhrzeit sofort ins Auge. Ein dezenter Hinweis genügte und es fiel dem Serviceleiter auf einmal wie Schuppen von den Augen. Ein Namensvetter hatte anscheinend für Samstagabend dort reserviert. Und Donnerstag schreibt man ja zumindest im hinteren Wortteil nahezu gleich. Der gute Mann erkannte seinen Fehler und entschuldigte sich bei uns. „Kann ja mal passieren…“ dachten wir als man uns schließlich doch noch an unseren rechtmäßig reservierten Tisch führte. Auch die abgewiesene Kollegin konnten wir per Handy davon überzeugen, dass ihr diesmal dauerhaft Eintritt gewährt werden würde und so hatte sie ein paar Minuten später ihr Comeback. Nach und nach trudelten die restlichen Kollegen ein. Genug Zeit, sich einmal genauer im Gastraum umzusehen.

Als erstes fiel mir die durchdachte Raumaufteilung auf. Eine teilweise offene, als Weinregal genutzte Trennwand riegelte den Thekenbereich vom Hauptgastraum ab. Dieser machte einen sehr gepflegten Eindruck. Wir saßen auf bequem gepolsterten Stühlen oder Wandbänken aus Holz. Allesamt mit glänzendem Lederimitat überzogen. Auf den blanken, schlicht eingedeckten Holztischen das übliche Einfachbesteck, das neben der zusammengefalteten Stoffserviette und den aufpolierten Wein- und Wassergläsern bodenständige Eleganz vermittelte. Die weiß gestrichenen Wände (samt Decke) kontrastierten angenehm mit dem dunklen Parkettboden und den braun gehaltenen Sitzmöbeln. Dezente Kunst an den Wänden und auf den Ablageflächen sorgte für etwas Abwechslung in Farbe und Form.

Eine Schiefertafel kündete vom heutigen Tagesmenü in drei Gängen. Dieses bestand aus einer Hokkaido-Cocos-Suppe mit gebratener Jakobsmuschel, geschmorten Kalbsbäckchen oder sous-vide gegarter Gänsebrust, sowie einem hausgemachten Sorbet und war für faire 28 Euro zu haben. Komisch, auf der Homepage war das Menü noch für 35 Euro annonciert. Daneben bot eine kleine Zusatzkarte weitere Empfehlungen wie beispielsweise frische Fine de Claire Austern (4 Euro das Stück), Thunfisch Tataki „Asia Style“ (14 Euro) oder die Variation vom Bienwald Reh (32 Euro) aus der unmittelbaren Nachbarschaft.

Die eigentliche Speisenkarte ist recht übersichtlich gehalten und passt auf zwei Seiten. Man hat die Wahl zwischen fünf verschiedenen Vorspeisen (darunter eine für Vegetarier), siebenmal Fleisch zum Hauptgang, zwei Fischgerichten und einer vegetarischen Hauptspeise. Im „Riesen“ kommt also eher der Fleischesser auf seine Kosten. Blöd, dass eine Kollegin am Tisch weder Fisch noch Fleisch auf ihrem Teller haben wollte und sie die Kartoffel-Pilz-Ravioli (17 Euro) auch nicht richtig anmachten. Da hätte etwas mehr Auswahl im vegetarischen Bereich sicherlich Abhilfe geschaffen. Schade auch, dass man hier nicht so flexibel war, das ein oder andere Gericht in einer vegetarischen Variante anzubieten. So blieben ihr am Ende nur die Kürbissuppe und ein etwas lieblos angerichteter „Hasensalat“. Ergänzt wurde das Speisenangebot durch ein dreigängiges Überraschungsmenü für 34 Euro sowie einer Handvoll Desserts.

Kleine Auswahl, spürbarer französischer Einfluss, Einsatz regionaler Produkte… das hörte sich schon einmal vielversprechend an. Die beiden Kellner agierten sichtlich bemüht den Anfangsfauxpas wieder wett zu machen und hatten ihr Handwerk sichtlich gelernt. Warum nicht alle Leute am Tisch ihr Wasserglas gefüllt bekamen und auch die ein oder andere Weinbestellung erst einmal hinten angestellt werden musste, war uns dennoch schleierhaft. Die Einteilung in Servicekraft Getränke und Servicekraft Essen macht meines Erachtens in einem Restaurant dieser Größe wenig Sinn, aber sei es drum. Bei all der förmlichen Einhaltung bestimmter Bedienungsrituale hätten wir uns an dieser Stelle mehr Pfälzer Lockerheit im Umgang mit uns Gästen gewünscht. Professionelle Freundlichkeit in allen Ehren, aber der aufmerksame Gast spürt doch sofort, wie viel davon wirklich echt ist.

Ein gutes Dutzend verschiedener Aperitife soll das Ankommen erleichtern. Ich entscheide mich für einen Klassiker aus Frankreich, einen grünen Freund aus dem sonnigen Süden, der durch das Verdünnen mit Wasser diese typisch milchige Pernod-Trübung erhält (2cl für 4,50 Euro). Meine Kollegen löschen ihren Durst zu Beginn mit ein paar Flaschen Mineralwasser (medium, 0,75l ebenfalls für 4,50 Euro), wohlwissend, dass die Weinkarte ein paar richtig gute Tropfen bereithält. Aber auch der Biertrinker kommt mit einem Hellen (Löwenbräu) oder einem Pils (Becks) vom Fass auf seine Kosten.

Doch an diesem Abend war uns eher nach Wein zumute. Sowohl im offenen Ausschank als auch beim Flaschenweinangebot regierte die heimatliche Pfalz. In der wirklich hervorragend zusammengestellten Weinkarte waren neben etlichen namhaften Winzern der Region (Rebholz, Becker, Knipser) auch ein paar aufstrebende Jungtalente (Weinwerkstatt, Porzelt, Zeter) vertreten. Eine richtig gute Mischung, die uns besonders bei den Flaschenweinen erfreulich preiswert kalkuliert erschien.

Da ich als Vorspeise den Asia-Thunfisch von der Empfehlungskarte wählte, entschied ich mich für eine trocken ausgebauten Sauvignon Blanc (das Viertel für 6 Euro) vom Neustadter Winzer Oliver Zeter. Am anderen Tischende wurde eine Flasche Grauburgunder vom VDP-Weingut Dr. Wehrheim aus Birkweiler geordert. Zwei meiner Kollegen trauten sich das Tagesmenü zu, ansonsten wurden munter Fleischgerichte aus der Karte bestellt. Mein Elsässer Supreme-Perlhuhn auf Waldpilz-Risotto (16 Euro) konkurrierte dabei mit den geschmorten Kalbsbäckchen auf Lauchgemüse und Sellerie-Püree (Menü-Hauptgang), dem Rumpsteak vom Weiderind mit Gemüse-Kartoffel-Gratin (24 Euro) und der Interpretation vom Boeuf Bourguignon (24 Euro) meiner Kollegen. Letzteres kam nicht als soßenlastiger Schmorklassiker daher, sondern lag als ein in Spätburgunder, Kräutern und Gewürzen mariniertes, perfekt gebratenes Stück Rinderfilet mit feinem Kraut&Rüben-Gemüse auf dem Teller.

Zu den geschmorten Kalbsbäckchen wurde als Beilage eine üppige Portion Spätzle in guter Convenience-Qualität gereicht. Generell ging man mit dem Einsatz von Soßen eher zurückhaltend um, was in gehobeneren Restaurants heute zum Standard gehört. Um das ungleiche Beilagen-Soßen-Verhältnis wieder in die Waage zu bekommen, wurde zu den Kalbsbäckchen etwas Soße nachgeordert. Das gelieferte Produkt war leider etwas zu sehr gestreckt worden und hatte geschmacklich wenig Ähnlichkeit mit der gut austarierten Würztunke auf dem Teller.

Doch alles hübsch der Reihe nach. Bevor wir die Vorspeisen auf dem Tisch hatten grüßte die Küche mit einem tadellosen Romanesco-Süppchen, das mit einem aufgespießten Wolfsbarsch-Häppchen im Tempurateig eine gelungene Kombination darstellte. Dazu wurde uns frisches Brot gereicht. Eine Brotsorte war dabei total schwarz eingefärbt. Das Süppchen wurde in einem kleinen Weckgläschen serviert und hatte eine leichte orientalische Note. In Verbindung mit dem ausgebackenen Fisch war das ein Küchengruß, der Eindruck hinterließ.

Mit Weckgläsern arbeitet die Küche anscheinend sehr gerne, da auch die Hokkaido-Cocos-Suppe in einem solchen auf den Tisch kam. Die ansehnliche Jakobsmuschel lag gebraten auf dem Deckel der noch geschlossenen „Mini-Suppenschüssel“. Eine Scheibe vom schwarzen Baguette sorgte für den farblichen Kontrast. Meinen Kollegen mundete die Suppe, wenn auch kritisch bemerkt wurde, dass sie etwas zu süß abgeschmeckt war. Mein Thunfisch Tataki war nicht nur von der Anrichtung her ein Traum. Die nur außen leicht angebratenen Fisch-Tranchen hatten eine Sesamkruste und waren innen drin von herrlich roher Sashimi-Qualität. Gemeinsam mit dem kleingeschnittenen, gewokten China-Gemüse, der süßen Chili-Sauce sowie den scharfen Wasabi-Tupfern war das eine wirklich sensationelle Vorspeise, deren Vielfalt an Aromen zu überzeugen wusste.

Vor dem Hauptgang wechselte ich mit einem kräftigen Tempranillo aus Spanien in die Rotwein-Liga. Auch der Teller mit dem Perlhuhn aus dem benachbarten Elsass war äußerst stimmig arrangiert. Wie ein schräger Baumstamm schien der Perlhuhnschenkel aus dem Zentrum der Risotto-Insel zu wachsen. Ein paar frittierte Süßkartoffelscheiben und Keimsprossen schmückten ebenfalls die Reislandschaft. Das Huhn war auf den Punkt gebraten, außen leicht knusprig und innen schön saftig. Das Risotto hatte genau die richtige Konsistenz. Sein subtiler Pilzgeschmack kam aufgrund des etwas zu dominanten Parmesans geschmacklich nicht ganz so zum Zuge. Dennoch war das ein delikater Hauptgang, der ein harmonisches Geschmacksbild erzeugte.

Auch meine Kollegen schienen mit ihren Hauptgerichten sehr zufrieden. Das Rumpsteak meiner Kollegin sah klasse aus, war perfekt medium gebraten und brachte sicherlich geschätzte 300 Gramm auf den Teller. Von der Zartheit der Kalbsbäckchen meines Nachbarn konnte ich mir selbst ein Bild machen. Nur bei der Boeuf-Bourguignon-Interpretation hätte mir etwas die Soße gefehlt, aber das Rinderfilet allein sah schon verdammt lecker aus. Bis auf die Kollegin mit dem „Hasensalat“ äußerten sich alle am Tisch sehr lobend über ihre Hauptspeisen. Und auch von den Portionsgrößen her gab es nichts zu beanstanden.

Dennoch war bei fast allen noch Platz für ein kleines Dessert. Die Menü-Esser bekamen eine Kugel hausgemachtes Sorbet. Der Rest der Truppe durfte sich zwischen einem „Schokoflash“ (11 Euro), der „Schatzkiste“ (11 Euro) oder einer „Riesen“-Nocke Eis (5 Euro) entscheiden. Meine Entscheidung fiel auf das Chai-Rahmeis, das leicht nach orientalischen Gewürzen schmeckte. Die „Riesen“-Nocke war gar nicht so riesig wie ihr Name vermuten ließ, sondern recht überschaubar portioniert. Eine Handvoll Tapiokaperlen sowie ein paar Johannis- bzw. Heidelbeeren sorgten für farbliche und geschmackliche Abwechslung. Manche der Kollegen hatten einen echten „Schokoflash“, der aus einem weißen Schokomousse, einer Schokotarte und einer Nocke Schokoeis bestand. Das Schokotörtchen laut Karte war wohl an dem Abend aus.

In der Summe war das ein gelungener Kollegen-Abend, bei dem das etwas hölzerne Drumherum naturgemäß ein wenig in den Hintergrund rückte. Jedoch waren die Gerichte sehr sorgfältig und produktorientiert zubereitet, so dass geschmacklich alles passte. Da hat die Küche des „Riesen“ im Lauf der letzten beiden Jahre qualitativ sicherlich zulegen können. Die wesentlichen Kritikpunkte erstrecken sich im Grunde auf das schmale Angebot an vegetarischen Speisen sowie die viel zu förmlich agierende Bedienung. Und übrigens: so manche Unstimmigkeiten lösen sich mit einem Schnäpschen aufs Haus quasi „im Glasumdrehen“ in Nichts auf.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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