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GastroGuide-User: Shaneymac
hat Kulimare in 82467 Garmisch-Partenkirchen bewertet.
vor 2 Monaten
"A bisserl was geht immer – zu Besuch auf dem ultimativen Retro-Holodeck"
Verifiziert

Geschrieben am 27.10.2019 | Aktualisiert am 28.10.2019
Besucht am 19.08.2019 Besuchszeit: Abendessen 4 Personen Rechnungsbetrag: 160 EUR
Wie bereits in meinem vorletzten Machwerk erwähnt, sollte unser letzter Tag in Garmisch-Partenkirchen kulinarisch gesehen fest in grün-weiß-roter Hand sein, wobei weder Mexiko noch Ungarn zum Zuge kamen; ausschließlich Bella Italias Gaumenfreuden sollten unseren Hunger stillen.
 
Leichte Wehmut sollte den Abend begleiten: Wo waren die letzten acht Tage geblieben, waren wir nicht erst vorgestern angereist? Kinder, wie die Zeit vergeht…
 
Aber auch Vorfreude sollte mit im Spiel sein, ein weiterer weißer Fleck auf der GAP-Kulinarik-Landkarte sollte ausgemerzt werden, ein Besuch bei einem beliebten, bislang nicht heimgesuchten Italiener stand an: dem „Kulimare“ im Dorint Sporthotel Garmisch-Partenkirchen.
 
Obacht bot auch an diesem Abend wieder einmal selbstlos ihre Fahrdienste an, gegen 20 Uhr machten wir uns auf den Weg nach Partenkirchen und nach wenigen Minuten und Kilometern konnte das Vehikel entspannt auf dem Parkplatz des Hotels abgestellt werden.
 
Das Hotel beherrscht die Szenerie, man muss schon genau hinschauen, um das Restaurant im ersten Stock eines Nebengebäudes zu entdecken. Es wirkt von außen betrachtet doch etwas nüchtern, sachlich und etwas in die Jahre gekommen; einladendes, mediterranes Flair sieht dann doch anders aus.

Außenansicht
 
Aber wie man weiß: „Grau ist alle Theorie - entscheidend is' auf'm Platz“… bzw. auf dem Teller, also machten wir uns auf den Weg ins Obergeschoss, wo dann die totale Retro-Immersion ihren Lauf nehmen sollte.
 
Ein großer offener Raum, die Decken und Säulen in Weiß, an so mancher Wand prangt ein klischeebeladenes Fresco das wohl auch nach dem engagierten Studium einiger Bob Ross Folgen entstanden sein könnte, das Ganze passend garniert mit weißem Leder als Bespannung für die in einigen Bereichen vorhandenen Bänke.
 
Kurzum: Mehr 80er-Jahre-Italo-Flair geht eigentlich nicht! Hätte an einem Ecktisch Monaco Franze bei einem Kir Royal einer jungen Dame schöne Augen gemacht, es hätte mich nicht gewundert und tatsächlich dinierte ein silbergrauer Herr im feinen Zwirn mit einer ebensolchen Begleiterin was ich rückblickend selbstredend mit einem halben Extrastern für das Ambiente würdigen möchte: „A bisserl was geht schließlich immer!“ 

"Ich wollte Sie ja gar nicht ansprechen, Fräulein. Ich wollte Sie ja nur fragen, ob wir vielleicht eine Tasse Kaffe zusammen trinken wollen. "
 
Die freundliche Begrüßung erfolgte durch eine aparte Italienerin Ende Fünfzig in eleganter Garderobe. Sie sollte auch den Service übernehmen und überzeugte mit ihrer angenehmen, höflichen und dabei niemals aufgesetzt oberflächlichen Art.
 
Obacht! hatte einen sehr schönen Tisch reserviert, am Rande des Geschehens direkt an der Glaswand zur Terrasse, auf der Außenansicht links zu sehen. Die Terrasse ist nett anzuschauen, auch wenn der Ausblick nicht ganz so berauschend ist wie im „Da Nico“ kann ich mir gut vorstellen, hier an einem lauen Sommerabend den Tag mit einer guten Pasta zu beschließen.

die Terrasse nach Sonnenuntergang
 
Die schlichte Tischkultur selbst lehnt sich stark an das restliche Ambiente an, gut gefielen mir die hochwertigen Stoffservietten im Glas.


 
Signora erfragte erste Getränkewünsche, worauf bald drei gut gekühlte Gläser Prosecco – eher Frizzante als Spumante – zu 4,50 € und eine große Rhabarberschorle zu fairen 3,50 € serviert werden sollten.
 
Die Karte ist erfreulich überschaubar und saisonal gehalten, es gibt weder die notorische, drei Milliarden Positionen umfassende Pasta und Pizza Litanei, noch - bis auf einige Ausnahmen – die üblichen Mainstream-Klassiker.
 
Natürlich gibt es Pasta und sogar die ein oder andere Pizza, allerdings liest sich alles stets mit einem Hauch Klasse und Anspruch versehen, ohne dabei exaltiert oder angestrengt zu klingen.
 
Entspannt wählten wir unsere Gerichte, der Prosecco mundete dazu, Signora notierte routiniert und entschwand in Richtung der Küche.
 
Von dort sollten wir bis zum Servieren der Vorspeisen zu meiner großen Verwunderung leider NICHTS  vernehmen. Es ist mir völlig unverständlich, warum man in Ermangelung eines echten Amuse nicht zumindest bspw. ein paar Oliven mit Brot, Öl und Balsamico auf den Tisch stellt, zumal wenn man sich das leicht gehobene Preisniveau und das Ambiente vor Augen hält.
 
Das führt - neben anderen Aspekten - dann auch zu Abzügen bei Küche und Preis-Leistungs-Verhältnis, hier kann man mit wenig Aufwand und Wareneinsatz für zufriedene Gäste sorgen und selbst wesentlich günstigere Mitbewerber machen dies in den meisten Fällen ebenso.
 
| Vorspeise |
 
Carpaccio di manzo – 14,50 €
2018 Montmija Syrah rosé, Les Domaines Auriols SAS, Lezignan Corbiers, Frankreich – die Flasche zu 23,00 €
 
Carpaccio di Manzo

Das Gericht sollte optisch nicht ganz an die farbenfrohen Malereien seines Namensstifters heranreichen, quantitativ zudem äußerst überschaubar präsentierte es sich eher puristisch und gewöhnlich.
 
Der einzige kleine Kunstgriff waren einige Tupfer eines Basilikum-Pestos, ansonsten trafen sich nur extrem dünnes Fleisch, Parmesen-Späne, Olivenöl, Rucola, Pflücksalat und etwas Fleur de Sel - ich bat um eine Pfeffermühle und pfefferte beherzt nach.
 
Das Fleisch war derart dünn und in so kleiner Grammzahl vorhanden, das es schwer fiel, hier genau hinzuschmecken, es blieb aber geschmacklich eher unauffällig.
 
Wenn man es schaffte, alle Komponenten gemeinsam auf die Gabel zu bugsieren, ergab sich erwartungsgemäß – was soll bei dieser Kombination auch schiefgehen? – ein sehr gelungenes Gesamtbild, allerdings war dann auch nach fünf Gabeln die Vorspeise erledigt.
 
Eine sehr wohlschmeckende Vorspeise für den sprichwörtlichen hohlen Zahn, das sei mir erlaubt festzustellen auch wenn ich Qualität gegenüber der Quantität natürlich den unendlich größeren Stellenwert einräume.
 
Herr Obacht und ich teilten uns eine Flasche eines französischen Bio-Weines, der recht einfache, gefällige Wein gefiel mit frischer, mineralisch unterbauter Himbeer-Frucht, ein Bilderbuch-Terrassenwein für den Sommer, auch wenn ich diesen Begriff hasse, aber hier passt er wie die Faust aufs Auge.
 
Die Kalkulation des Weines möchte ich übrigens sportlich ambitioniert nennen. Ach, hätte die Küche in Sachen Amuse doch auch solche Ambitionen gehabt…
 
Madame war wenig hungrig und beschied sich mit einem Carpaccio und einem Insalata Mista, der wenig kreative, kleine Beilagensalat – der auch optisch nicht gerade eine Sternstunde darstellte – wurde mit strammen sechs Euro berechnet: keine schlechte Wertschöpfung für eine halbe Tomate, ein paar Stücke ungeschälte Gurke, ein paar Blatt Salat und etwas geraspelte Karotte…

Carpaccio & Insalata Mista
 
 
| Hauptgericht |
 
Wolfsbarsch mit Ratatouille und Kartoffelgratin – 26,50 €

Wolfsbarsch | Ratatouille | Gratin | Petersilien-Palme                      
 
Aloha! Eine Petersilien-Palme steckte im Fisch und versprühte Urlaubsfeeling, diese „interessante“ Großtat in der Kulturgeschichte der Speisen-Garnitur funktionierte leider nur deshalb, weil die Haut nicht im Ansatz resch war, wie ich beim Entfernen des Gestrüpps feststellen musste.
 
Das Ganze auf einem an Ratatouille erinnernden Gemüse-Mix und dazugehöriger, leicht wässriger Sauce. Bei letzterer war für mich nicht feststellbar, ob diese Teil des Ratatouilles war oder separat angesetzt wurde, letztlich auch egal denn geschmacklich dominierte nur Tomate, Olive und Sellerie - Tiefe, Wucht und Aromenspektakel waren leider Lichtjahre entfernt.
 
Der ideale Garpunkt des Fisches wurde leider etwas überschritten, aber fairerweise muss man erwähnen, dass er noch völlig akzeptabel war, trocken war er mitnichten.
 
Den Eigengeschmack könnte man mit „unauffällig“  am ehesten treffen, es war in Ordnung aber es schmeckte nicht unbedingt so, als ob die Ware erst nachmittags aus dem Rungis Express Helikopter geladen wurde.
 
Das Gratin einfache Pfeffer- und Salz-Küche, etwas Muskat und Aglio, gut gefielen die hauchdünnen Schichten, was man zu Hause mit dem Gemüsehobel allerdings problemlos ebenso herstellen kann.
 
Ein enttäuschender Hauptgang, leider, ich bestelle selten Fisch zu diesem und hatte mich auf ein kleines mediterranes Aromen-Feuerwerk gefreut, das hier war eher ein Knallbonbon.
 
Obacht! verspeiste ihre Pizza mit gegrilltem Gemüse nur zur Hälfte und ich fand diese optisch auch nicht so richtig gelungen. Ob es ihr nicht geschmeckt hat erinnere ich nicht mehr genau, vielleicht kann sie dazu im Kommentar etwas sagen.
 
So durchwachsen Teile der Kulinarik auch waren, der Stimmung am Tisch tat dies keinen Abbruch, Herr Obacht hatte an diesem Tag einen sehr erfreulichen Autoverkauf getätigt und war entsprechend gut gelaunt, prösterchen mein Lieber, es wurde viel gelacht.
 
Zum Dessert hatten wir an das hausgemachte Tiramisu gedacht, bei einem kleinen Plausch mit einem der Betreiber – ein sympathischer Bayer in den besten Jahren – zeigte sich jedoch, dass an diesem Tag aufgrund der Witterung keines zubereitet wurde; man macht es hier mit frischen Eiern und hatte Befürchtungen in Sachen Haltbarkeit.
 
Da es schon recht spät war und uns ansonsten auch keine unwiderstehlichen Sensationen anlachten verzichteten wir auf ein Dessert und baten um die Rechnung.
 
Die Bezahlung konnte per EC Karte erledigt werden, dazu musste ich allerdings zur Theke pilgern weshalb ich dies bei unserem Aufbruch erledigte.
 
Bei der Gelegenheit spendierte man mir noch einen guten Grappa wir plauderten noch ein wenig mit Signora und dem Wirt, nett und sympathisch sind sie hier - seufz, hätte die Küche da doch nur mithalten können.
 
 
Fazit
 
Ich glaube schon, dass man hier gut kochen kann, ansonsten hätte das Restaurant sich hier nicht so lange Jahre halten und sich zufriedene Stammgäste erkochen können und auch Obachts Kritik spricht eine deutliche Sprache. Auch sind die Zutaten durchaus gut zu nennen.

Aber zur heutigen Momentaufnahme: Die fehlenden Appetitmacher, die Vorspeise in Amuse-Quantität, der freche Beilagensalat, mein in jeder Hinsicht blasses Hauptgericht… mehr als 2,5 Sterne sehe ich für diese Tagesleistung rückblickend nicht.
 
Den Service möchte ich mit 4,5 Sternen bewerten, unsere aparte Signora war immer präsent, ausnehmend höflich und zugewandt, fragte nach der Zufriedenheit, sprach Empfehlungen aus, alles prima.
 
Das Ambiente, trotz aller 80er-Jahre Lästerei, möchte ich mit 4 Sternen bewerten. Die Lichtstimmung ist behaglich, die Materialien hochwertig, angenehme Hintergrundmusik und ein geräumiger Gastraum, wir haben uns wohlgefühlt auch wenn ich mir den ein der anderen Derrick-Tatortvilla Vergleich nicht verkneifen konnte. Außerdem wollen die Schulterpolster-Blazer oder - nach dem Training - die neuen Frottee Schweißbänder mal wieder ausgeführt werden!  :-)
 
Die Sauberkeit in jeder Hinsicht tadellos, alles wirkt gepflegt und ist gut in Schuss: 5 Sterne
 
Beim Preis-Leistungs-Verhältnis bin ich wieder in anderen Sphären: Aufgrund der angesprochenen Kritikpunkte komme ich auch nur auf 2,5 Sterne.
 
Die Gesamtbewertung von 3 Sternen resultiert aus dem Verschnitt von Küche, Service und Ambiente, wobei ich der Kulinarik immer mehr Gewicht einräume.
 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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