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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Bellevuechen in 53424 Remagen bewertet.
vor 4 Jahren
"Verlässliches Urgestein!"
Verifiziert

Geschrieben am 07.04.2017 | Aktualisiert am 07.04.2017
Besucht am 15.01.2017 Besuchszeit: Mittagessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 71 EUR
Urgestein? Nein, nicht das Sternerestaurant in der Pfalz, das hatten wir doch vor kurzem.
Hier sind Manfred und Uschi Zozin gemeint, die im kleinen Fachwerkhäuschen direkt am Fähranleger Rolandseck - Bad Honnef seit vielen Jahren erfolgreich im Grunde eine behutsam modernisierte deutsche Küche für die vielen (mit den Betreibern älter gewordenen) Stammgäste sowie gelegentlichen Touristen anbieten.

Im kleinen Innenraum des niedrigen, ehemaligen Fähr- oder Zollhauses ist etwas die Zeit stehen geblieben. Um die extrem eng gestellten 25 Plätze zwischen dem schwarz gestrichenen Eichen-Ständerwerk sind auf den Fensterbänken, auf Vorsprüngen und in einer Vitrine reichhaltig Kissen, Vasen, Kunst verteilt. Zwar ohne Kitsch, aber der Eindruck eines prall gefüllten Puppenhauses kommt schon auf. Die Lichterketten mögen noch von Weihnachten hängen, Mitte Januar kein Beinbruch. Kontakt mit den anderen Gästen bleibt so nicht aus, mit wenig Mühe konnte man wirklich jedes Gespräch im Raum mithören. Aber der Rheinländer gilt ja ohnehin als gesellig... Auf der Suche nach den Toiletten stand vermutlich schon jeder Erstbesucher plötzlich im winzigen Büro neben der auch nicht üppig dimensionierten Küche. Um dann freundlich-resolut nach draußen und ums Haus herum gebeten zu werden, wo sich in einem Anbau einfache, aber sehr saubere Örtlichkeiten befinden, die bei meinem Januarbesuch erfreulich beheizt waren. Das hat schon etwas von Gartenwirtschaft. Und in der Tat dürfte die Terrasse am Rhein hinter der weinumrankten Pergola inzwischen schon wieder Anziehungspunkt für das gemischte Publikum sein. Seit einigen Jahren befindet sich im Garten zudem ein recht ansehnlicher Wintergarten-Zeltbau, der nicht nur für größere Gesellschaften zur Verfügung steht. Auch im Januar zwangen einige Gäste, die im Restaurant keinen Platz mehr gefunden hatten, den Service zu recht weiten Wegen. Dem Vernehmen nach soll das feste Zelt allerdings bei erhöhtem Gästeaufkommen plus Sonneneinstrahlung schnell in den Sauna-Modus schalten.

Für mich war noch ein Sitzplätzchen im Innenraum frei. Auf den schwarzen Holztischen, die mit wuchtigen Beinen auf den großen roten Kneipenfliesen stehen, liegen nur kleine weiße Stoffsets. Darauf einmal klassisch eingedeckt, auch eine kunstvoll gefaltete Stoffserviette findet sich. Dazu weiße Kerze im (Zinn?)Blechhalter und Salzstreuer. Alles durchaus hochwertig, aber man sieht dem Interieur die jahrelange intensive Nutzung doch inzwischen mehr als deutlich an. Das schwere Besteck ist arg zerkratzt, die einfachen, aber dünn gepolsterten Bistrostühle ebenso angeschlagen, wie die auf Wunsch gebrachte, aber nicht benötigte Peugeot-Pfeffermühle. Am auffälligsten ist die Abnutzung an manchen Tischplatten. Großflächig ist der Lack abgeplatzt. Recht große Wachsrückstände, zugegeben hinter einem Ständer, fielen mir negativ ins Auge. Zudem haben sich ein paar Spinnweben in der Vielzahl der Accessoires halten können. Eine Grundrenovierung sollte nicht mehr allzu lange aufgeschoben werden.

Sehr angenehm der ruhige, höfliche und aufmerksame Service, den Frau Zozin mit einer Kollegin versieht. Freundlich, aber nicht anbiedernd. Kompetent, aber nicht bevormundend. Flott, aber nicht hektisch. Ich bekomme auch hier eine Ausgabe des Feinschmeckers zum Zeitvertreib, wobei die Wartezeiten angenehm waren. Alle Wünsche wurden wenn möglich erfüllt, ansonsten Alternativen vorgeschlagen. Die Nachfragen erfolgen aufmerksam. Man wird als Gast behandelt, weder als sofortiger Freund des Hauses, noch als gefühlter Störenfried.
In diesem Punkt ist das: "Alles wie immer!" ein Kompliment, nämlich für eine erneut tadellose Leistung.

Was genauso für die Küche gilt.
Da ich am Vorabend geschlemmt hatte, wählte ich aus der zwar recht hübschen, aber auch schon ramponierten, geöffnet gereichten Pappkarte bei einem mustergültig gekühlten White Port von Dows (4€) nur einen gewohnt einfachen Lunch:

Carpaccio vom warmen Tafelspitz mit Rapunzeln in Kartoffelvinaigrette (13,5€)
Rieslingsuppe mit Fischen und Kräutern (9,5€)
Gebratene Kalbsnierennüsschen in Thymiansauce mit Fettucine (16,5€)

Während ich den internationalen Evergreens der 50-er bis 70-er Jahre gern und den Unterhaltungen an den Nebentischen eher gezwungen lauschte, wurden Butter und reichlich krosses Baguette gereicht. Dann kam auch schon der formidable badische Grauburgunder von Dr. Heger, Ihringer Winklerberg 1. Lage, der perfekt für mich in der halben Flasche (18,5€) angeboten wurde. Selbst das nach dem ersten Einschenken in der Flasche verbleibende Schlückchen wurde mustergültig im Kühler deponiert und aufmerksam nachgeschenkt.
Die Flasche Aqua panna mit 4,9€ freundlich bepreist.

Der erste Gang war eine Wucht:

Der in der Tat noch warme Tafelspitz war wunderbar mürbe und von kräftigem Rindfleischgeschmack.
Darüber eine Tomaten-Schalotten-Vinaigrette mit fruchtiger Säure und Kräutern. Der Feldsalat hatte ein nur dezent säuerlich-pikantes Dressing mit Senf, dem zerdrückte Kartoffel eine sehr angenehme Sämigkeit verliehen.

Die Rieslingrahmsuppe

mit viel Sahne, der Wein schmeckte dagegen nur dezent durch. Dafür gefiel die mutige Würze und erneut eine schöne Kräuterbouquet-Note. Die kleinen Würfel von Lachs, Barsch und Dorade(!) waren reichlich und saftig. Auch sehr gut.

Beim Hauptgericht

hat als erstes die exzellente Thymiansauce überzeugt, die die Nierchen wirklich perfekt begleitete. Die etwas rustikal geschnittenen Nierenteilchen waren angebraten und schmeckten auch dadurch kräftig. Einige Stücke waren durch, das bekam ihnen nicht. Der überwiegende Teil noch rosa, was eine (für Innereien-Freunde und -Freundinnen) herrliche Konsistenz sicherte. Die Nudeln waren mir zu weich. Vielleicht ein Zugeständnis an den Geschmack der Stammgäste, wer weiß? Auf die vorgesehene Petersilien-Knoblauch-Butter musste ich im Interesse meiner künftigen Gesprächspartner verzichten.

Leider war der von mir statt Dessert erkorene P.X. Nectar von Gonzales Byass ausgetrunken. Deshalb nur ein verlängerter Espresso (2,9€) aus der Heimatstadt. Dazu gab es ein paar zugekaufte Kekse nebst Schokotäfelchen aufs Haus.

Ein rundum gelungener und sehr angenehmer Sonntagmittag im Bellevuechen, dem (etwas in die Jahre gekommenen) "Kleinod am Rhein". Beim nächsten Aufenthalt unter'm Rolandsbogen komme ich gerne wieder!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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