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GastroGuide-User: Obacht!
hat Leuchtturm in 21077 Hamburg bewertet.
vor 7 Monaten
"Ein Leuchtturm der Kochkunst"
Verifiziert

Geschrieben am 14.12.2019 | Aktualisiert am 15.12.2019
Besucht am 10.12.2019 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 198 EUR
Lieber geneigter Leser, wer auf Telegramme steht, der scralle bitte zum Fazit, alle  Telenovela-Fans nehmen sich bitte eine Chipstüte, ein Kaltgetränk und lehnen sich zurück. Los geht’s:

Lohnt ein Ausflug nach Hamburg-Harburg? Dort, wo sich am idyllischen Außenmühlenteich malerisch ein Restaurant ans Ufer schmiegt? Auch bei uns im Süden der Republik gibt es ähnliches, aber da handelt es sich zumeist um Massenabfertigungsfabriken mit Conveniencefraß, die nur der Nahrungs- aber sicher nicht der Genußaufnahme dienen. So werfe ich einen Blick auf die HP des Leuchtturms und bin auf der Stelle hin und weg. Bitte, bitte, laßt sie noch einen Tisch frei haben……wir kommen !!!! Der höfliche junge Mann am Telefon blättert hörbar in seinem Reservierungsbuch (will er mich gemeinerweise auf die Folter spannen???) und beendet mein Luftanhalten mit einem „sehr gerne. Um wieviel Uhr möchten Sie kommen?“

Nur nicht im Stau stecken bleiben, wir fahren rechtzeitig los, parken auf der gegenüberliegenden Seeseite und spazieren nach einem Blick auf die Uhr (oh Gott, noch EINE Stunde!!) so lange dem See entlang, bis Schatzl genug hat von der frischen Luft und seinen Schritt zielstrebig zum Eingang des Restaurants lenkt.
ein vielversprechender Anblick
Es ist zwar ein sonniger Dezember-Mittag, aber die große Terrasse ist nicht bestuhlt. In meinem heimischen Bergdorf würden Heizstrahler und Wolldecken die Gäste dorthin locken, hier scheint das nicht üblich zu sein. Ich bin eigentlich auch froh, ins Innere zu verschwinden, wir können ja noch nach dem Essen ein paar Schritte laufen - mal schaun, wie ich Schatzl  davon überzeuge :-))

Ein höflicher junger Servicemitarbeiter empfängt uns an einem Stehtisch, unsere Mäntel verstauen wir  in einem großen Schrank (dort drin fänden ganze Eishockeyteams bequem Platz), dann folgen wir ihm durch die geschickt aufgeteilten Gasträume zu unserem Tisch. Oh welch Glück, direkt am Fenster mit Blick auf den See !! Eine Kollegin bringt uns die Speisekarten und entschwindet wieder.

Mein Blick schweift herum. Schön ist es hier, voller Leben und mit SEHR viel Deko. Stimmig und modern, uns gefällt’s.
modernes Ambiente
Die Speisekarte übrigens auch. Gott sei Dank stimmt sie mit der HP überein. Trotzdem vergeht eine geraume Zeit bis zur Entscheidungsfindung, viel zu verlockend klingen die Möglichkeiten. Neben dem Mittagstisch gibt es zum Beispiel die Empfehlung „Menu du Chef“. Von den dort angebotenen Ricotta-Ravioli in Steinpilzrahmsauce mit Beef-Tatar, Pecorino, Basilikumpesto und Jus konnte ich mich nur schwer trennen, und bei der Tiramisu-Cremeschnitte mit Pflaumenkompott und Weiße-Schokolade-Eis kam ich schwer ins Schlucken. Dennoch blieb ich hart und suchte mein Glück bei den Speisen:  Leuchtturms Surf & Turf – Vorspeisen-Kombi mit Sashimi von Eismeerlachsforelle, Ingwer, Wasabi, gelbem Rettich, Herford-Angus-Rinderfilet Tatar „BBQ“, Black Tiger Gamba vom Grill, Avocado Tatar und Kartoffelchips (€ 18,50) . Schatzl redete ich sein geliebtes Carpaccio (hätte es vom Herford-Angus-Rinderfilet mit Steinpilz-Pinienkern-Tomaten-Tapenade, altem Pecorino, im Fass gereiftem Balsamico, Ziegenkäse „gratiniert“ und Edel-Rapsöl gegeben) aus „sei nicht so eingefahren, immer bestellst Du das Gleiche. Das kannst Du zu Hause auch essen!!“ Ein dazu verwendeter finsterer Blick und zack – Schatzl schwenkte auf  Vitello tonnatozartrosa Kalbfleischtranchen mit Tuna-Limonencreme, Pesto, Pecorino, Grill Pulpo, Jakobsmuschel „gekräutert“ und Hummersüppchen in der Espresso-Tasse (€ 17,50) um. An alle Leser dieser Zeilen, Mitleid mit Schatzl ist völlig unangebracht. Ihm geht’s prima !! Beim Hauptgang gab es keine Unstimmigkeiten; für Schatzl: Surf & Turf vom Herford-Angus-Rinderfilet (na bitte, da war es doch, nur halt nicht als Carpaccio) Steak und Pulpoarm vom Grill an Sashimi vom Island Seesaibling, Avocado, Seafood-Frühlingsrolle, grünem Grillspargel und Mangochutney (€ 39,50) und für mich unbedingt Zartrosa Hirschrücken mit Trüffel-Kräuterhaube auf gebratenen Kräutersaitlingen, Petersilien-Sellerie-Mousseline, Amarena-Kirsch-Jus, Steinpilz-Cappuccino, Dinkelbrot (€ 36,50). Das Dessert hatte ich auch schon ausgesucht, aber das sag ich jetzt noch nicht ;-)

So viel Lesen und dabei denken macht durstig. Bitte zwei Glas Lanson brut (je € 12,50) und fürs gute Gewissen – wer fährt eigentlich von uns beiden hinterher? – 1 Flasche St. Michaelis (0,75 l € 6,90). Der Champagner kam in zwei herrlich beschlagenen Gläsern. Nur beim ersten Schluck kam die Ernüchterung, er war schal.  Das habe ich nicht erwartet und reklamiere umgehend. Sehr professionell und flink werden die Gläser getauscht und ab jetzt folgt ein sternewürdiges Mittagessen.
ein Glas Champagner und dann der Ausblick ...
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß die einzelnen Gänge recht zügig serviert wurden, obwohl das Restaurant so gut wie ausgebucht war. Besonders unsere weibliche Serviceperle behielt stets den Überblick und umsorgte uns aufs beste. Die Vorspeisen waren eine wahre Augenweide und ein Fest für den Gaumen. Meine Lachsforelle von traumhafter Qualität, besonders hervorzuheben ist auch das harmonisch abgeschmeckte Avocado-Tatar, das seinem fleischigem Pendant in nichts nachstand.
meine Vorspeisen-Kombi
Schatzl war hin und weg von seinem Vitello tonnato, in der gebotenen Form hatte er es noch nie gegessen und genoß sichtlich jeden Bissen.
so kann Vitello tonnato aussehen!
So ein Glas Champagner reicht ja leider nicht ewig. Zum Hauptgang darf es ruhig ein Glas Rosé vom Spätburgunder, Weingut Dr. Heger vom Kaiserstuhl (€ 8,50) sein. Und was für ein Hauptgang: Es wäre mir zwar lieber gewesen, der Hirsch hätte sich wirklich auf und nicht unter den Pilzen befunden, aber das tat ja dem Geschmack keinen Abbruch. Ich tippe auf ein Sous-vide Verfahren, anders kann  ich mir das butterzarte Fleisch nicht erklären. Die Kirschsoße (mit Kirsche) war göttlich, dazu ein Schlückchen Steinpilz-Süppchen aus der hübschen Cappuccino-Tasse zusammen mit etwas Mousseline, das war wirklich ganz, ganz großes Kino. Schatzl hätte mich auch von seinem Teller probieren lassen, aber mich schüttelt es beim Anblick eines Pulpoarms und aus Steaks mach ich mir erst recht nichts. Aus reiner Höflichkeit probierte ich sein Chutney, das hätte nicht besser sein können.
welch köstlicher Hirsch...
Surf & Turf
Mit einem tiefen Seufzer schoben wir glücklich unsere leeren Teller zur Seite, ein langer Blick in die Augen des andern……. da geht doch noch was? Natürlich, welche Frage. Wo findet man denn heutzutage noch am Tisch flambierte Crêpes Suzette in flambierten Blaubeeren mit hausgemachten Himbeer-Joghurt-Eis (pro Person € 14,50) auf der Karte?? Eben, so selten wie weiße Weihnachten in Florida. Da warten wir auch gerne ein bißchen. Ist ja nicht so, daß wir es eilig haben.  Mit großem Wohlwollen beobachteten wir den heranrollenden entzückenden Flambierwagen, Marke  Marrakesch (siehe Foto).
der Flambierwagen - ein Hingucker
Der junge Mann, der uns das  Dessert zaubern sollte, hantierte bis auf zwei Kleinigkeiten recht geschickt mit den Utensilien. Einmal rutschte ihm sein Löffel  in die Soße und beim Heraushieven der Crêps bekleckerte er sich nicht mit Ruhm, das wäre eleganter gegangen. Sie hatten etwas von einem toten Wal, als sie etwas klumpig auf dem Teller dalagen.  (Habe ich schon erwähnt, daß es pro Person ZWEI Crêpes gab? *lach*) Sei’s drum, der junge Mann bedachte uns am Schluß mit einem extra Schuß Orangenlikör in der Fruchtsoße, das stimmte uns dann wieder milde ;-)  In der mir eigenen Bescheidenheit und immer auf Schatzls Wohl bedachter Aufmerksamkeit überließ ich ihm eines meiner beiden Crêpes. Nicht, weil sie nicht geschmeckt hätten, sie waren umwerfend köstlich, sondern weil ich einfach nicht mehr konnte und gespannt war, ob Schatzl es übers Herz brachte, so etwas feines stehen zu lassen. Konnte er natürlich nicht und jammerte danach, daß er so satt sei :-))) Damit schloß sich der Kreis, denn er stimmte klaglos einem kleinen Spaziergang zurück zum Auto zu. Nicht, ohne sich vorher einen doppelten Espresso (€ 4,90) einzuverleiben. Die Koffeinbombe kam ziemlich brav daher und hielt nicht, was sie versprach.
Crêpes Suzette - nichts für Diätfreunde ;-)
Fazit: ein Schlemmermittagessen von exzellenter Güte, jeder Bissen eine kleine Gaumenfreude. Der Service perfekt, die Atmosphäre entspannt, nichts, was die Freude an so einem schönen Essen trüben könnte. Läge nicht ganz Deutschland zwischen uns, wir wären hier Stammgast.
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DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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