Stuttgarter Stäffele
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Buschlestr. 2a/b, 70178 Stuttgart
Restaurant Weinstube Weinkeller Festsaal
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GastroGuide-User: Minitar
hat Stuttgarter Stäffele in 70178 Stuttgart bewertet.
vor 1 Jahr
"Für Weinzähne und Stäffelesrutscher"
Verifiziert

Geschrieben am 21.11.2018
Besucht am 20.11.2018 Besuchszeit: Abendessen 3 Personen Rechnungsbetrag: 59 EUR
Manchmal muss erst mal wieder kulinarisch interessierter Besuch von auswärts vor der Türe stehen, damit man so manches gastronomische Schmankerl in der eigenen Heimat entdeckt. Das „Stäffele“ in der Stuttgarter Buschlestrasse liegt zumindest dermassen versteckt, dass wir selbst bei keinem Streifzug durch den Stuttgarter Westen in den letzten Jahrzehnten dort gestrandet sind. Auch so versteckt, dass offenbar mancher Taxifahrer daran scheitert (laut hiesiger Presse). Freie Parkplätze sind in dieser Gegend der Landeshauptstadt eh so selten wie ein Lottogewinn.

Glücklicherweise liegt das „Stäffele“ nicht in schwer erklimmbarer Halbhöhenlage und fordert dem Besucher keinerlei sportiven Impact ab.  Zur Augustenstrasse hin versteckt es sich hinter der Lokalität „Ampulle“, hinter der schnöde Nichteingeweihte möglicherweise eine alkohlumschwängerte Beiz vermuten und daher schnell wieder umkehren (in Wirklichkeit ist die „Ampulle“ ein angesagter Dry Beef & Gin Club). Wer jetzt noch neugierig um die Ecke biegt, steht vor einem gelb getünchten Gasthaus, dessen Fassade – vor allem jetzt in der Vorweihnachtszeit – verziert ist wie ein Honigkuchenpferd: im heimeligen Lichterschein entdecken wir allerlei adventlichen Tand, rustikale Wagenräder, Tannenzweiglein, Laternen, bäuerliches Gerät. Tatsächlich gilt es hier ein Stäffele von maximal einem Dutzend Stufen bis zum Eingang zu erklimmen – und dann der volle Overkill: ein dermassen überdekoriertes, blinkendes, schillerndes, glitzerndes, rotweiss-kariert verhangenes und holzlastiges Gasthaus ruft selbst bei unserem hessischen Äppelwoi-Wirtschafts-erprobten Besucher einige Rufe des Erstaunens hervor.

Wir treffen an einem Wochentag gegen 18:30 ein, leider ohne Reservierung. Die eng möblierte und bereits gut besuchte Gaststube erscheint proppevoll, doch wir fragen artig nach drei freien Plätzen. (Achtung: Klaustrophobiker sind hier eher fehl am Platze). Der weibliche Service liebt direkte Worte, klare Ansagen, fackelt nicht lang herum und bugsiert uns an den hintersten Tisch, der leider gegen 20:00 wieder geräumt werden muss. Das heisst: keine Zeit verlieren beim Studium der Speisekarte, die lustigerweise als großformatige Papyrusrolle gereicht wird und handkalligraphiert die feinsten schwäbischen Speisen aufweist. Unser Besucher verlangt nach Spätzle oder regionalen Spezialitäten, so dass wir Kässpätzle (8,80 Euro) und Kräutersemmelknödel (12,90 Euro) bestellen, jeweils mit einem gemischten Salat (5,20 Euro) dazu. Ebenfalls attraktiv erschienen uns auch noch die handgemachten Buabaspitzle mit Apfelmus und Sauerkraut (9,90 Euro), saure Kartoffelrädle (8,40 Euro) oder Gaisburger Marsch (7,80 Euro). Weintrinker werden im „Stäffele“ mit einer feinen Auswahl regionaler Erzeugnisse beglückt, z.B. vom Weingut Graf Adelmann. Wir wählen einen herzhaften Lemberger, unser Gast ein Meisterpils von Dinkelacker Schwabenbräu (0,4 Liter für 4,30 Euro). Glücklicherweise werden hier noch die traditionellen Vierteles-Weingläser mit grünem Henkel benutzt, die manch „gehobene Gastronomie“ inzwischen ablehnt und stattdessen lieber 0,2-Liter-Gläser einsetzt und dafür noch die Preise erhöht. Wie wir nachträglich erfahren haben, ist das „Stäffele“ auch auf dem jährlichen Stuttgarter Weindorf vertreten. Da dürfte sich ein Besuch lohnen.

Die Speisen werden nach knapp einer Viertelstunde sehr frisch serviert. Die Spätzle sind hausgemacht, recht füllig und ein klein bisschen teiglastig geraten. Dass zu den Käsespätzle keine geschmälzten Zwiebeln gereicht werden, ist bedauerlich und unverständlich. Das ziseliert geschnitzte Radieschen wirkt dagegen eher wie eine Verlegenheitsgeste. Eine Pfeffermühle wird auch erst nach unserer Nachfrage gebracht. Und der etwas zu kleine Teller sieht eher aus, als ob er aus dem Geschirrschrank meiner Großtante stamme. Dafür werden die Kräutersemmelknödel im gusseisernen Pfännle serviert und von einer derart delikaten, sämigen Pilzsauce sehr grosszügig begleitet, dass man vor Freude jublieren mag. Beim eher unspektakulären Beilagensalat (viel würzige Kresse, ein bisschen Blattsalat, zwei Scheiben Gurke, etwas geraspelte Möhre) sticht der schlonzige Kartoffelsalat sehr positiv hervor.  

Punkt 20 Uhr müssen wir zwar unseren Tisch räumen, finden jedoch an der gemütlichen Theke Platz – und auch schnell geselligen Anschluss. Unser hessischer Gast ist begeistert. Und wir kommen sicherlich wieder, auch wenn es nur für eine Flädlesuppe ist.

PS. Beim Verlassen des Lokals treffen wir unten auf eine begeisternd Selfies knipsende holländische Touristengruppe, die vermutlich grad zum kollektiven Maultaschenessen antritt. Mir scheint, das „Stäffele“ ist bei Auswärtigen tatsächlich bekannter als bei uns Eingeborenen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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