Zurück zu Spitzner im Oerschen Hof
GastroGuide-User: Carsten1972
hat Spitzner im Oerschen Hof in 48143 Münster bewertet.
vor 2 Wochen
"Genuss im historischen Ambiente"

Geschrieben am 06.06.2021 | Aktualisiert am 07.06.2021
Besucht am 05.06.2021 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 268 EUR
Das Leben bewegt sich gefühlt schon fast wieder in normalen Bahnen. Hier im Münsterland sind die Werte jetzt stabil unter 30, Münster knabbert schon an der 10er Inzidenz. Man beginnt zu hoffen, dass die Entwicklung sich verfestigt und es stabil weiter abwärts geht.
Und weil das so ist, nutzen meine Frau und ich die Wochenenden im Juni für Restaurantbesuche die wir wegen des Lockdowns sieben Monate vermisst haben. Somit sind die Wochenenden im Juni jeweils an einem Abend verplant mit einem Restaurantbesuch. Da Münster als erste Region in unserer Umgebung die Innengastronomie öffnen konnte, konnten wir hier früh reservieren und sind demzufolge in den nächsten Wochen häufiger auf dem Weg nach Münster. Im Juli werden wir dann unsere Kreise erweitern und auch Osnabrück und die weitere Umgebung in unsere Restaurantwahl einbeziehen.
Für Samstag, den 5. Juni hatte ich früh eine Idee umgesetzt, die ich schon letztes Jahr auf dem kulinarischen Plan hatte. Endlich mal wieder in die Oerschen Höfe einkehren, zu Herrn Spitzner. Im August 2018 hatten wir letztmalig das Restaurant besucht. Es war mal wieder Zeit, die sehr klassische, französisch ausgerichtete Küche zu genießen. Die Reservierung per Mail war einfach und prompt erledigt, und somit fuhren meine Frau und ich mit dem PKW nach Münster.
Ja, richtig gehört, mal nicht per Bahn oder Fahrrad, wie sonst üblich. Ursächlich lag das am vorhergehenden Freitagabend. Im Kreise dreier Genießer-Pärchen hatten wir auf unserer Terrasse Fleisch vom münsterschen Wagyu Hof Holtmann auf dem Grill zubereitet, Nierenzapfen und Onglet wurden genossen. Da alle Anwesenden äußerst anspruchsvolle Weintrinker waren, musste unser privater Weinkeller ordentlich Federn lassen in Form von blanc de noir vom Spätburgunder von Kreuzberg aus Dernau an der Ahr, von Weißburgunder 2018 von Toni Jost, Mittelrhein, eines 2017 Riesling von der großen Lage Grainhübel, Weingut Siben Erben aus Deidesheim, Pfalz, gefolgt von einem weiteren Pfälzer Wein, einem Sauvignon blanc Reserve 2018 vom Weingut Siegrist aus Leinsweiler (Großartig, besser als der 2017er). Man versteht also vielleicht, wir hatten Lust auf Genuss, aber mal ohne Alkohol. Es war etwa zu viel Wein an dem besagten Freitagabend………
Kurz vor 19 Uhr waren nach einem Spaziergang von der Theater-Tiefgarage durch die Fußgängerzone dann vor dem Torbogen, durch den man die Oerschen Höfe betritt und in dem sich der Eingang zum Spitzner befindet. An der verschlossenen Tür dann ein Zettel mit der Information, dass man das Restaurant bitte über die Terrasse hinter dem Haus betreten sollte Kein Problem, 10 Meter weiter erwartete uns eine Dame am Eingang zur mit einer Buchenhecke umschlossenen kleinen Terrasse.

Reservierung war schnell gefunden, auch die Testergebnisse wurden kontrolliert und per Luca checkten wir uns für den Abend im Spitzner ein. Wir wurden gefragt, ob wir draußen oder drinnen speisen möchten. Wir entschieden uns für draußen, da man uns parallel einen Tisch im Inneren frei halten würde, für den Fall eines Wechsels in den Innenraum.
Eine junge Dame aus dem vierköpfigen Serviceteam brachte uns an den für uns vorgesehenen Tisch und überreichte Karten und Weinkarte. Es folgte die Frage nach einem Aperitif. Wir erfragten die Möglichkeit nach einem alkoholfreien Aperitif. Kein Problem, es wurde ein Trauben-Ingwer-Secco vom Weingut Schloss Neuweier, Baden vorgeschlagen. Wir nickten und mit dem Aperitif wurden die Karten studiert.
Das Angebot umfasst zwei Menüs, einen großen und einen kleinen Marktbummel mit bis zu maximal 5 oder 7 Gängen. Dann noch kleines a la Carte Angebot, dass man aber so gestaltet hat, dass sich fast alle Gäste den Menüs zuwenden dürften. Die Weinkarte ist wohl sortiert und enthält einige verlockende Positionen, ich war schon geplagt von Zweifeln, ob wir gut daran getan hatten, das Auto zur Reise nach Münster zu nehmen. Aber ein gestrenger Blick meiner Frau ließ mich zu meinen guten Vorsätzen zurückkehren und ich fragte nach der Möglichkeit einer alkoholfreien Menübegleitung. Der Kollege der jungen Frau, offensichtlich auch der Herr über den Weinkeller und Sommelier ließ sich nicht aus der Bahn werfen und sicherte uns das zu. Somit war alles klar, zweimal der große Marktbummel mit einer alkoholfreien Begleitung, Wasser und Kaffee sind ebenfalls im Preis des Menüs inbegriffen.
Mit dem Aperitif kam ein erster Gruß der Küche, Brot, gebacken für das Spitzner von einem Münsteraner Bäcker. 

Dazu servierte der Service eine Mohn-Senf-Butter.

Sowie Gemüsechips, Zwiebel, rote Beete und Pastinake meinte ich erkannt zu haben, begleitet von einer Guacamole und sowie einem Ziegenfrischkäse, der mit Kräutern verfeinert war.

Ein schmackhaftes Sauerteigbrot konnten wir genießen, die Butter gefiel mir gut. Eine schöne Idee als crunchige Menüeinstimmung waren die Chips aus dem Gemüse, bei der die roten Beete Chips heraus stachen im Geschmack. Es folgte dann recht bald das eigentliche Amuse Gueule des Küchenteams unter Leitung von Herrn Spitzner.

Sardelle gab es, frisch, aber leicht gebeizt in Säure, sehr kräftig im Geschmack, trotz der geringen Größe wusste das Filet sich geschmacklich sehr hervorzuheben. Dazu ein gebratenes und gehäutetes Stück Spitzpaprika mariniert in Öl und Knoblauch. Sehr mediterraner Gruß der Küche, dass passte gut zu einem schönen Abend unter dem großen Ahornbaum in der Mitte der Terrasse, das Wetter hielt gut durch, es blieb trocken und einigermaßen warm, ganz viele Kerzen sorgten für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Ich begann mich auf das Folgende sehr zu freuen. Es ging dann auch los, den ersten Gang sollte ein weiteres Glas des oben schon verkündeten Seccos begleiten.

IMPERIALWACHTEL, Ballontine/Trüffel/Kräutersalat verkündete die Karte. Von klassischer, französisch basierter Küche hatte ich ja schon geschrieben. Und Herr Spitzner ließ dann gleich mit Gang eins keine Zweifel an seinen bevorzugten Küchenstil. Die Galantine aus der Wachtel war mit einer Farce umhüllt, in der sich Trüffel und Pistazien äußerst positiv bemerkbar machten. Das Ganze war kalt serviert, mit einem Trüffelschaum, einem marinierten Trüffelstück und einer Art Vinaigrette, insgesamt ein sehr überzeugender Start. So durfte es gerne weiter gehen bei Gang 2.

JAKOBSMUSCHEL, Roscoff-Zwiebel/wilde Brombeere 2020/Rauchspeck erläuterte der Service. In der Mitte eine tadellos gebratene Jakobsmuschel, platziert auf einem (vermutlich) Kartoffelpüree. Drum herum Brombeeren des letzten Jahres, eingelegt und als Mus. Die eigentliche Sensation auf diesem Teller war aber die Reduktion aus Zwiebeln. Roscoff Zwiebel aus der Bretagne bekomme ich auch recht regelmäßig auf unserem Markt, aber was hier mit der Zwiebel gemacht worden war, dass war außergewöhnlich. Eine unglaubliche Tiefe hatte diese Jus, fettes Umani verbunden mit einer großartig eingebundenen Süße, geil! Begleitet wurde der Gang von einem ungewöhnlich guten alkoholfreien Wermut aus Italien.

10KG+ STEINBUTT Tranche/Bearnaise "sous vide"/Spargel aus Pertuis/Ochsenmark war Gang 3. Vor dem Gang kam die junge Dame mit einem Glas mit einer klaren Flüssigkeit an den Tisch, und einer Karaffe Wasser. Am Tisch goss sie Wasser in das Glas zu und die Flüssigkeit färbte sich milchig. Ich wusste nicht das es so was gibt, aber wir sollten einen alkoholfreien Pernot zum Steinbutt trinken. In der Nase war der nicht von einem klassischen Pernot zu unterscheiden, im Geschmack dann aber schon. Trotzdem passte das gut zum Teller mit dem Steinbutt. Hier stach einfach die grandiose Qualität des Steinbutts hervor, Fische dieser Größe bekommt der Hobbykoch eigentlich nicht und wenn ja, dann kann er sie nur bezahlen, wenn er vorher im Lotto gewinnt. Auch die Sauce Bearnaise konnte mit einer ausgeprägten Säure sehr gefallen. Ein Fischgang, wie er sein muss!

WESTFÄLISCHES KALB, Bries & Rücken/Morchel/Erbse war die schlichte Ankündigung von Gang 4. Im letzten Licht des Tages kam ein Teller an den Tisch, wie er nicht besser für den beginnenden Sommer stehen kann. Ein wahre Augenweide! Grün, wunderbares Sommergrün in Form von ganzen Erbsen und einem Erbsenpüree, dazu Bries, paniert und rosa gebratene Rückenfilets. Das Bries grossartig, und wie immer kämpfte ich mit der relativen Geschmacklosigkeit von magerem kurz gebratenen Kalbfleisch, besonders nach dem Wagyu Stücken, die ich am Abend vorher genossen hatte. Die Jus war wie auch bei den vorher gehenden Gängen am Tisch angegossen worden. Trotzdem ein toller genau auf die Jahreszeit passender Gang. 

Dazu die beste Begleitung des Abends, ein alkoholfreier Gin Tonic mit einem Gin aus UK, der ausgeprägte Nelkenaromen aufwies, die unser Sommelier elegant mit gerösteten Rosmarin und Limette einfing, toller Cocktail. Nach diesem Gang wechselten wir an unseren Tisch im Innenraum, es wurde meiner Frau zu kühl. Klassisch gab es nach dem Fleischgang einen Käsegang in der nächsten Runde.

ZIEGENKÄSE SCELLE BELLE Rosmarin/weißer Pfirsich/Pumpernickel wurden wir unterrichtet. Auf dem Teller ein Stück eines noch nicht allzu sehr gereiften Ziegenkäse, noch cremig mild im Inneren, außen schon aromatischer. Der Pumpernickel war mit Rosmarin geröstet worden und lieferte leckeren Crunch. Süße und Säure brachte der Pfirsich als Tatar und Mus. Der Rosmarin fand sich auch im Schaum noch mal wieder. Schöner Transit zu den beiden Desserts. Das erste erwarteten wir gespannt, denn die Hauptzutat machte neugierig, wie die Küche diese einsetzen würde.

VEILCHEN, Sorbet/Sauerrahm/Granny Smith waren die Zutaten. Die uns so neugierig machende Zutat war natürlich das Veilchen. Diese fand sich im Sorbet und als dekorativer Staub auf einem Schaumbett aus Sauerrahm, der Apfel war als Chip Träger von ein wenig Säure, die der Teller sehr nötig hatte mit seiner sanften Süße.

ERDBEERE, Meringue/Waldmeister/Granité war das finale Dessert, hier hatte Herr Spitzner die Erdbeere zum Hauptdarsteller gemacht, auch sehr passend in dieser Jahreszeit. Sehr gefiel mir hier das Waldmeistersorbet. Eine intelligente Kombination von Konsistenzen, Temperaturen und dem Spiel von Süße und Säure zeichnete diesen Teller aus. Mit dem finalen Espresso kamen dann noch ein paar Petit Fours.

Dann war er um, der Genuss. Und das Menü hinterließ einen sehr positiv überraschten Carsten, der sich über das erlebte sehr freuen konnte.
Einen großen Anteil an diesem genussvollen Abend hatten neben der einwandfreien Leistung der Küche vor allen Dingen die drei Herrschaften im Service, die uns über den Abend ohne jeden Anlass zur Kritik umsorgten. Sowohl die Dame als auch der Sommelier genauso wie der junge (wieder Vermutung) Auszubildende hatten uns immer Blick und es ergaben sich ausführliche Gespräche über Speisen und Weine und unsere ungewöhnliche und überraschend kreative Getränkebegleitung. Vielen Dank für so viel Engagement!
Kann ich also zum Fazit kommen. Das Spitzner gibt es ja schon ein paar Jährchen und es zeichnete sich immer dadurch aus, dass man in Münster zu den gehobenen Restaurants zählte. Gehobene Küche mit viel Anspruch, aber keine Ambitionen zu höheren Weihen, so dachte ich bisher. Und nun hatten wir einen so genuss- und stilvollen Abend erlebt. Auf einem Niveau, dass sich deutlich abhob vom bisher erlebten. Ich vermute ein bisschen, die Situation in den höheren Regionen der Münsteraner Restaurantlandschaft hat sich durch das Erscheinen des Ferment und des Coeur d’artichaut etwas verändert. Will man weiter an der Spitze mitspielen, muss man sich jetzt noch etwas mehr anstrengen! Konkurrenz belebt hier sehr positiv das Geschäft. Macht Herr Spitzner so weiter wie an unserem Besuchsabend, bin ich mir sicher, werden die professionellen Prüfer der beiden großen Guides sehr viel genauer hinschauen. Uns hat der Abend sehr gefallen! Und ebenso bin ich mir sicher, der Service Faux pas, den unser Kollege Borgfelder hier verkünden musste (Ende 2019) wird sich so nicht wiederholen. 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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