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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Opitz-Speisewirtschaft in 22087 Hamburg bewertet.
vor 2 Jahren
"Hier ist die Zeit stehen geblieben"
Verifiziert

Geschrieben am 22.02.2018 | Aktualisiert am 23.02.2018
Besucht am 18.02.2018 Besuchszeit: Mittagessen
Eine geschäftliche Einladung am Sonntagmittag brachte mich in diese alteingesessene Speisewirtschaft im gehobenen Stadtteil Uhlenhorst nahe der Alster.
Hier wird gutbürgerlich gekocht mit norddeutschem Schwerpunkt.
Roulade, Sauerbraten, Pannfisch, Labskaus usw. Die Kartoffel in allen Variationen dominiert die Beilagen. Wer Nudeln bestellt, ist Individualist, wer Reis möchte, gilt als Exot.

Dazu passt die Einrichtung. Hier ist - ganz sicher bewusst und gewollt - die Zeit stehen geblieben. Ist der schwere, den Wind abhaltende Vorhang durchschritten, erwartet den Gast im tadellos sauberen Souterrain des Reihenhauses ein etwas puppenstubiges Wohnzimmer, mit einigen maritimen Accessoires


Dazu Bilder, Zeichnungen, Strohblumen, nachgemachte Spirituosen-Fässchen, auf alt gestimmte Hängelampen und dies und das

Was sich halt so in Jahrzehnten ansammelt und von den Inhabern als dekorativ angesehen wird. Die Holzstühle und -Bänke immerhin etwas gepolstert, auf den dunkel gebeizten und lackierten Tischen Spitzendeckchen und Läufer, eine Kerze im üblichen Henkelleuchter. Meins ist der Stil eher nicht. Tat aber auch nicht weh.

Dem Publikum gefällt es anscheinend. Schon um 12.00 Uhr waren einige Tische besetzt. Um 13.00 Uhr herrschte reges Kommen und Gehen. Was nicht nur für die einzige Bedienung (vor dem Tresen) galt, sondern auch für die Gäste. Gemütliches „Abhängen“ steht hier nicht auf dem Programm. Drei Gänge in 45 Minuten dagegen sind überhaupt kein Problem.
Vorteil ist die angenehm niedrige Geräuschkulisse. Hier wird sich auf die Nahrungsaufnahme konzentriert und etwaige Gespräche in gedämpfter Tonlage geführt. Hat ja auch sein Gutes.
Die Gäste sind überwiegend ältere Semester. Von (einigen) Fünfziger zu (vielen) Achtzigern dürfte dem Augenschein nach die Spanne gelegen haben, vermutlich auch darüber.
Die weibliche Servicekraft - auch mit einiger Lebenserfahrung gesegnet - war flott unterwegs. Aufnahme, Bedienung, Nachfrage, Abräumen, das ging alles ratz-fatz. Vergessen wurde nichts, eine Falschlieferung war unserer unklaren Ansage geschuldet, die Zufriedenheit wurde ebenso erfragt wie weitere Wünsche. Gefühlt allerdings im 2-Minuten-Takt. Bei soviel Zackigkeit blieb für ein Schwätzchen am Tisch keine Zeit. Machte auch nicht den Eindruck, dass sie da was vermisst hätte, die Gute. Nicht unfreundlich, eher trocken und konzentriert.

Bei soviel Effektivität gilt wie stets: Entscheidend is aufm Teller! (Schrieb ich das nicht schon ein- oder zweimal zuvor?)

Und deshalb sei ein großes Lob vorangestellt:
Die Bratkartoffeln waren die besten seit langer Zeit. Goldbraun, knusprig außen, heiß und weich innen, (nach meinem Geschmack) mit nicht zu salzigem Speck und sanft zu Weichheit und Süße geschmorten Zwiebeln


Wenn es nur danach ginge, gäb’s 5 Sterne für die Küche.
Wobei Weichheit und Süße eigentlich Programm war. Dazu muss man wissen, dass sich die Küche des Hamburger Großraums durch eine große Vorliebe für Zucker an herzhaften Speisen auszeichnet. Ob Kartoffeln, Kohl, Salaten, Suppen, alles wird gern mit deutlicher Süße serviert. Keine Kritik daran, ist ja Geschmacksache.

Los ging’s allerdings mit einer Kraftbrühe mit Einlage, d.h. hier neben Suppengemüse vor allem Eierstich und Mettbällchen

Ersterer war von blassem Gelb, das ins Schmutzige tendierte, doch immerhin als Ei erkennbar. Letztere blieben auch blass, was den Geschmack anging. Die Brühe war o.k., doch von Kraft im Sinne von intensivem Fleischgeschmack war wenig zu entdecken. So lala, dachte ich, die Küche spart an Würze.

Zum Hauptgericht gab es neben den formidablen Erdäpfeln aus der Pfanne einen extra bestellten Gurkensalat


der dem oben beschriebenen Hamburger Weg alle Ehre machte. Dünne geschälte Scheiben in Sahne und zuckersüß. Da war keine Frische, keine Säure, kein Salz. Immerhin ging es mal ohne Flecken auf dem schwarzen Hemd ab, was bei den schlabberigen Scheibchen gar nicht so einfach war.

Als reguläre Begleitung gab es Rotkohl, der wie alle Beilagen gesondert serviert wurde


Das ist vorbildlich.
Keinerlei Biss, ebenfalls sehr süß und irritierend nach Kirsche schmeckend.

Blieb die mittägliche Hauptdarstellerin des Mahls, eine Rindsroulade mit Füllung.
Optisch ein Prachtstück

auch wenn das Sonnenlicht mehr Röstung vorgaukelte, als tatsächlich da war.
Das Fleisch so mürbe, dass es mit der Zunge am Gaumen zu zerdrücken war. Das galt allerdings auch für das klassische Innenleben von saurer Gurke und gestreiftem Speck


Wenn beide Komponenten letztendlich nur noch Mus sind, wurde vielleicht doch etwas lange geschmort. Und, wie jetzt schon erwartet, kaum gewürzt. Salz, Pfeffer oder gar Senf waren, wenn überhaupt, nur in homöopathischer Dosis vorhanden. Auch der schön glänzenden Sauce


die reichlich auf dem Teller und in einer Sauciere gereicht wurde, fehlte das Gerüst. Sie war kaum angedickt, hatte viele Fleischfetzen, was bei der fast zerfallenden Rolle nicht verwunderte, blieb aber lasch. Zwar hab ich nachgewürzt, aber ohne ausreichenden Bratensatz eben keine Röststoffe und kein kräftiger Eigengeschmack.

Alles in allem hat das Opitz etwas enttäuscht, dabei hätte es Zeug zu einem Knaller. Die Optik auf den Tellern war klasse, das Ambiente zumindest stimmig. Aber bitte nicht alles so gnadenlos übergaren und im Gewürzregal nicht nur in die ganz große Zuckerdose greifen.
Die grandiosen Bratkartoffeln retten den dritten Stern.

Keine Preise, meine Gastgeber zahlten. Bei der Nachschau einzelner Positionen im Internet komme ich zu einem leicht überdurchschnittlichen PLV.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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