Chapeau La Vache
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Hollerallee 77, 28209 Bremen
Restaurant Bar Brasserie
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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Chapeau La Vache in 28209 Bremen bewertet.
vor 2 Monaten
"Vielversprechende Neueröffnung mit Luft nach oben"
Verifiziert

Geschrieben am 09.05.2020 | Aktualisiert am 09.05.2020
Besucht am 06.02.2020 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 127 EUR
Es tut sich (hoffentlich auch bald wieder) was in Bremen!
Argwöhnisch beäugt von der heimischen Gastroszene hat Anfang November in der Nähe des Hauptbahnhofs ein neuer Hotspot eröffnet, bei dem in den ersten Monaten kaum ein Tisch zu bekommen war.

Die ab 1900 in einem Ensemble (https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wohnhausgruppe_Hollerallee) errichtete, schon seit 1973 unter Denkmalschutz stehende großbürgerliche Villa Rocholl gehört einem Weinhändler, der mit dem Verkauf seines Unternehmens an eine Großkellerei sicher nicht ärmer geworden ist und sich jetzt u.a. in der Gastronomie engagiert. Da war das nötige „Kleingeld“ (man munkelt von einer siebenstelligen Summe) zur Hand, um die bis dato als Büros genutzten Räumen in ein Schmuckstück aus einem Guss zu verwandeln.

Für die Innenausstattung stand eine französische Brasserie Pate, was zum kulinarischen Angebot passt. Im großzügigen Restaurant, im Wintergarten und der Terrasse auf der Gartenseite werden wohl bis zu 100 Gäste Platz finden. Unter dem Dach ist eine sehr exklusive Eventlocation in Form einer Lounge untergebracht. Auch hier ist mit Geschmack viel Geld eingesetzt worden. (Sogar die Toiletten im Keller sind durchaus sehenswert.) Da das Dachgeschoss barrierefrei per Fahrstuhl erreicht werden kann, gehe ich davon aus, dass dies für alles Etagen des Hauses gilt. Das Prunkstück des Chapeau ist in meinen Augen die Bar im englischen Landhaus-Stil.

Nicht nur wegen der harmonischen Gestaltung, sondern auch wegen der Karte, die deutlich verrät, dass hier Profis am Werk sind. Was kein Wunder ist, denn mit dem Bobby Lane im nahen Schwachhausen haben die ja aus der Branche stammenden Gesellschafter schon vor ein paar Jahren gepflegte Barkultur in die auch an diesem Punkt etwas zurückgefallene Hansestadt gebracht.

Einziges Manko: Reservieren ist in der Bar (natürlich) nicht möglich. Aber ich war ja sowieso schon um 18.00 Uhr erschienen, um vielleicht doch einen Tisch zu ergattern. Aber nein, frühestens in zwei oder drei Stunden werde möglicherweise etwas frei, lautete die nur mäßig bedauernde Antwort.

Auf Verdacht diese Zeit in der Bar verbringen? Warum nicht, erst recht, nachdem ich einen Blick auf die Karte mit den Haus-Cocktails (preislich von ca. 9,5€ bis 12,5€) und dem wirklich lecker klingenden Barfood geworfen hatte. Und einen Barkeeper aus dem legendären Münchner Schuhmann‘s zurück in Richtung Norddeutschland, - aber mal nicht nach Hamburg - zu lotsen, gelingt auch nicht jeden Tag. Kein Wunder, dass es mit meinen Bestellungen etwas abseits vom Mainstream überhaupt keine Probleme gab.


Gerade hatte ich den zweiten Drink und als Unterlage für weitere Eskapaden eine Dose Jahrgangs-Sardinen mit Rosmarin-Oliven (9,5€) bestellt, da kam zunächst eine überraschende Nachricht: Ein Tisch sei nun doch schon frei! Die Gäste seien nicht erschienen. Das, oooooder der Einzelgast, der so viel fotografiert und neugierige Fragen gestellt hatte, war dem Restaurant-Chef nicht ganz geheuer... Über mangelnde Aufmerksamkeit des Service konnte ich mich jedenfalls nicht beklagen, trotz in der Tat erkennbar voll besetztem Restaurant. Man war meist konzentriert, schnell und professionell freundlich. Das Weinglas blieb nie lange leer und ein paar Extra-Wünsche wurden auch erfüllt. Eine gute Leistung.

Als Aperitif diente der schon in Arbeit befindliche Cocktail

als Quasi-Apero dazu die feinen, pikanten Sardinen mit stilvoll servierter Zitrone

die auch nicht mehr abbestellt werden konnten. Verzehr in der Bar und im Restaurant hätten zwar auf einen Bon gebucht werden können. Das ist auch sinnvoll, denn der Wechsel ist durchaus gewollt. Allerdings wird das Trinkgeld nicht in einen Topf geworfen, so dass ich doch lieber getrennt bezahlte.

Mein Platz befand sich im etwas ruhigeren Wintergarten.

Ansonsten ging es nämlich wie im sprichwörtlichen Taubenschlag zu. Allerdings sind die Tische auch hier so eng gestellt, dass von beiden Seiten jedes Gespräch ohne Weiteres zu verstehen ist. Man kommt fast nicht umhin, miteinander ein paar Worte zu wechseln. Kann man mögen oder auch nicht.
Das Publikum an diesem Dienstagabend bestand aus wenigen, aber finanziell potenten Geschäftsleuten und aus viel Hautevolee. Von der Art, bei der sich die Familienpatriarchin mit doppelreihiger Perlenkette mit dem Kellner über die verschiedenen Champagner-Jahrgänge austauscht. Sieht man geballt nicht oft in dieser Stadt, aber das alte Geld ist noch da, oh ja.

Vom Haus kamen zwei Brotsorten, trotz Reklamation dabei ein so lappiges Weißbrot, dass ich schließlich darum bat, es doch bitte im Ofen aufzubacken. Was auch leidlich klappte, immerhin. Dazu Olivenöl, Salz-Flocken aus Guérande und eine Tomatencrème mit Oliven und Knoblauch, sehr lecker.

Nach den Cocktails sollte es weinmäßig nicht allzu schwer werden. Da kam eine junge Cuvée aus einheimischen Trauben des Alentejos (freundliche 26,5€) gerade recht.

13,5% und etwas Holz sorgten dann aber doch für genug Kraft. Freundlicherweise wurde mir der Weißwein glasweise zum Probieren angeboten. Mit einem Bukett von gelben Früchten zeigte er sich am Gaumen erst würzig, später wurde er parfümiert, seltsam.

Um die Küche kennen zu lernen, gab es an diesem Abend nur Klassiker: Bouillabaisse, Muscheln mit Fritten und Boudin noir. Alles konnte in kleinen Portionen (12,5€-14,5€) gewählt werden, das finde ich ganz herausragend gastfreundlich! Danach nur noch ein Stückchen Blauschimmelkäse (4,5€). Natürlich.

Die Mittelmeer-Suppe schlechthin hinterließ gemischte Gefühle: Die Brühe schmeckte nicht nach Fischfonds, sondern sehr stark nach Krustentier. Eine Anisnote fehlte leider. Die Einlage mit Licht und Schatten und von der Auswahl etwas irritierend:

Thunfisch rare war gut, Lachs(?) dito, Jakobsmuschel naja, Oktopus zart, Garnele geschmacklich stark. Fenchel und grüner Spargel (WTF?) sehr überzeugend, was aber auch etwas über den Fisch sagt. Es ist kein Problem, wenn hier eine eigenständige Version der südfranzösischen Fischsuppe zubereitet wird. Allerdings sollte man darauf als Gast schon hingewiesen werden. Die Beilage ähnlich abgewandelt, knusprige Brotchips und dazu eine Sauce Rouille, der ich keine Kartoffel und auch nicht wirklich Paprika angemerkt habe. Knoblauch-Majonäse war das wohl eher,

schmeckt auch gut, aber eben anders. Ich war etwas enttäuscht.

Die folgenden Miesmuscheln tadellos; sind aber auch keine hohe Küchenkunst.

Gute, geschmacklich eindeutige Ware in einem pikanten Süd mit Chili, Gemüse-Würfelchen, Lorbeer und Petersilie. Daneben handwerklich sehr gut gemachte (Industrie-)Pommes, die im kleinen Frittierkörbchen serviert wurden.

Ich tippe auf zweimal frittiert, Außen sehr knusprig (ohne zu dunkel zu sein), innen weich. Heiß und salzig. Da leckt man sich die Finger. Der weiße Alentejo dazu auf der Höhe!

Beim Hauptgericht

gab es wieder Fragezeichen, ausgerechnet bei der Blutwurst. Die Ware kommt aus dem Elsass, wie Chef Jens Kommerau bei seinen sehr ausführlichen Honneurs berichtete. Neben dem prägnanten, metallischen „Blut“-Geschmack, vermisste ich fast gänzlich eine Würzung. Dafür gefiel mir die leichte Knusprigkeit gut. Tatsächlich besser die Beilagen: Spitzkohl mit schöner, nicht zu penetranter Kümmel-Note (mag ich zwar nicht, aber man ja trotzdem erkennen, wenn etwas gut ist), die gelben Karotten und die Petersilienwurzel trotz der Jahreszeit geschmacklich stark, alles genau auf den Punkt gegart. Das Püree ebenfalls am Gaumen klar Kartoffel und mit viel Petersilie verfeinert.

Die üblichen französischen Desserts reizten mich nicht. Immerhin werden Käse von einer guten örtlichen Händlerin angeboten. Ich bat um ein Stück Fourme d‘Ambert

der leider direkt aus der Kühlung kam. Einige Augenblicke im Ofen taten Wunder; dazu wurden ein paar Trauben und Walnüsse gereicht. Der Service zeigte am Ende des Abends eine kleine Schwäche und vergaß zunächst meinen Monbazillac, der hier den Sauternes preisfreundlich (6€) ersetzt.

Fazit:
Tolle Location, die mich echt begeistert hat. Gute Crew, die was kann und hoffentlich auch nach der Schließung noch an Bord ist!

Das Essen im Restaurant dagegen war eher guter Durchschnitt.
In seiner letzten Station als Inhaber des Kaffee Worpswede schien Herr Kommerau ein paar Jahre lang mit einem Stern zu liebäugeln, bis er sich doch für regionale Wohlfühlküche mit Anspruch entschied (nicht zum Gefallen aller Gäste). Das merkt man auch der Karte im Chapeau an, die neben der Brasserieküche norddeutsche Klassiker wie Grünkohl oder Schmorgerichte aus heimischer Jagd enthält. Das wird wohl auch dem Bremer Publikum gefallen. Bei unserem langen Nachgespräch hatte ich schon den Eindruck, dass man auch mehr könnte, wenn man denn sollte, aber schon sehr genau auf die Wirtschaftlichkeit geschaut wird. Im Einkauf liegt der Gewinn...

Ich habe einen guten ersten Eindruck erhalten und werde auf jeden Fall erneut die Brasserie besuchen, denn ein Gewinn für Bremens Gastro-Szene ist das Chapeau La Vache ohne jeden Zweifel.

Für einen Schlummertrunk in der Bar reichten Zeit und Leber noch.

Trotzdem, dass ich die Exkursion durch die Cocktail-Welt so früh abbrechen „musste“, wurmte mich dann doch. Was für ein Glücksfall, dass ich nur eine Woche später meinen Sohn vom Bahnhof abholen und in die schicke Villa lotsen konnte. Bei etwas Barfood (s. Galerie) haben wir es geschafft, alle hauseigenen Kreationen zu verkosten. Das war ein lustiger Abend...
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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