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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Al Pappagallo in 28203 Bremen bewertet.
vor 1 Jahr
"3. Heimspiel - Mein Streifzug durch die Bremer Top-Gastronomie"
Verifiziert

Geschrieben am 18.02.2018 | Aktualisiert am 26.03.2018
Besucht am 28.12.2017 Besuchszeit: Abendessen 4 Personen Rechnungsbetrag: 308 EUR
Die Gastro-Führer sind sich weitgehend einig: In Deutschlands zehntgrößter Gemeinde hat man den Anschluss an die kulinarischen Entwicklungen verloren. Seit vier Jahren kein Michelin-Stern mehr in der Stadt. Ein einziger Bib-Gourmand nur im noch strukturschwächeren Bremerhaven. Der Gault Millau wertet aktuell gleich 4 von 6 gelisteten Restaurants ab. Die Reaktion darauf überraschend: „Die Tester haben halt einen schlechten Tag erwischt/Die stören sich doch nur an fehlenden Tischdecken und einfachem Besteck/Wir kochen für Gäste, nicht für Kritiker/Der Laden ist voll, also sind wir auf dem richtigen Weg“
Selbstkritik sieht anders aus. Aber vielleicht liegt es ja tatsächlich nur an den abgehobenen Ansprüchen.
Schaun mer mal, wie die üblichen Verdächtigen sich so schlagen...

III. Der Patron
Auch 2017 machte sich PfalzPfreund MarcO74 mit seiner Herzdame wieder zum weihnachtlichen Besuch gen Norden auf. Und so konnte die (vor immerhin schon zwei Jahren begründete) Tradition gemeinschaftlicher Restaurantbesuche „zwischen den Jahren“ endgültig zur Legende werden. Wobei die üblichen Terminschwierigkeiten diesmal nur den Vorabend der Heimreise übrig ließen, was die Zecherei verantwortungsbewusst einschränkte. Gut so. Völlig in meinem Sinne. Absolut.

Dem würdigen Anlass angemessen konnte endlich auch der großzügige Gutschein (mit) verwertet werden, der mir zu meinem leider nun schon etwas zurück liegenden persönlichen Bergfest zugeeignet worden war.
Ebenfalls völlig passend zum hohen Besuch aus südlichen Gefilden ging es also zum Edel-Italiener der Stadt, empfohlen durch langjährige Michelin- und Varta-Erwähnungen. Im elegant-goldenen, aber angenehm klaren Ambiente

hält sich ein Bussi-Gehabe à la „Rossini“ im zurückhaltend hanseatischen Rahmen. Wobei altes Geld und regionale Prominenz nicht nur an diesem Abend umfänglich vertreten war und natürlich auch angemessen begrüßt und umsorgt wurde. Was aber nicht heißt, dass wir womöglich nicht mit dem sprichwörtlichen Körperteil angeschaut worden wären. Im Gegenteil erfolgte eine aufmerksame, höfliche und auch professionelle Versorgung. U.a. beeindruckte die endlich mal gut verständliche Ansage einer langen Liste von Tagesempfehlungen, die neben die erfreulich kurze ständige Karte traten. Klar, dass dann auch unsere üblichen kreuz-und-quer-Bestellungen ohne ein Wimpernzucken oder gar eine Nachfrage zu 100% korrekt an den Tisch kamen. Auch der Getränkenachschub klappte vorzüglich, manchmal wie aus dem Nichts heraus. Alte Schule, halt.
Was auch für Inhaber Gianni Ferulli gilt, der als Vertreter der zunehmend aussterbenden Gattung des italienischen Patrone auf einer erhöhten Bank mit Blick auf den Eingang residiert

dann auch mal gravitätisch durch den Raum schreitet, Stammgäste begrüßt und ab und an mit einem schalen Witzchen einen recht ordentlichen Wein als wahren Göttertrunk anpreist. Solang es mit einer guten Leistung einher geht, stört es ja nicht, in lockerer Atmosphäre kann es sogar angenehm sein. Auch die Familie war generationsübergreifend nach den Weihnachtstagen anwesend und so wurde es nach und nach gelöster, ohne den Stil eines gehobenen Restaurant zu verlieren.

Wir starteten mit einfachen Wassern für jeweils stolze 7€ und gleich auch mit einem Sauvignon 2016 von Jermann, der geschmeidig, aber nicht zu leichtgewichtig durch die Kehle floss. 39€ für die Flasche fand ich für hiesige Verhältnisse fair. Wir blieben dann auch bei der zweiten Flasche unserer Wahl treu.

Mit einer Brotauswahl

verkürzte die Küche die zur Belegung passende akzeptable Wartezeit. Bei den selbst gemachten Grissini fehlte mir Salz, die an sich sehr leckeren Krapfen waren leider nur noch wenig kross. Die zwei weiteren Brotsorten o.k. und am Besten geeignet, die glatte Thunfischcrême und das kräftige Kräuteröl als leckere Begleiter

aufzunehmen. Seit Jahren unverändert, solide, aber auch nicht mehr.

Mein Blick fiel sogleich auf den prächtigen Schinken in der Berkel-Maschine. Zusammen mit einigen Brocken Parmesan aus dem Laib

mein liebstes Hors d´œuvre beim Italiener. Die anderen am Tisch griffen dementsprechend bescheiden zu oder waren schlicht zu langsam;-)

Bei der Vorspeise schwelgten die Damen opulent bei Rinderfiletstreifen mit Artischocken und Parmesan bzw. Crêmesuppe von und mit Garnelen. Die Herren beschieden sich mit einem weiteren italienischen Klassiker, Fritto misto (12€)

Die Mischung aus knusprig ausgebackenen Zucchini und Meeresfrüchten konnte voll überzeugen. Insbesondere die Baby-Oktopusse

waren zart und voller Geschmack. Aber auch die Anchovis und Calamari

standen dem nicht nach.

Ein besonders hungriger Esser konnte dem Pasta-Gang natürlich nicht widerstehen. Aber die hausgemachten Tagliatelle in Safransauce mit Hummer hörten sich zu verlockend an und sahen auch so aus

Am Gaumen keine Enttäuschung: Die Pasta nicht verkocht, elegante, nicht zu schwere Sauce, mit Lauch kam etwas Biss und das reichlich vorhandene Hummerfleisch war fest, aber nicht zäh und geschmacklich eindeutig. Da hatte ich schon deutlich schlechteres Krustentier in deutlich teureren Restaurants. Ein festlicher Teller, der bei zwei Schlemmer*innen zu Recht die Vorfreude auf ihren Hauptgang weckte (14/18€)

Drittes Hauptgericht am Tisch ebenfalls Nudeln mit Beilage aus dem Meer, nämlich Spaghetti Vongole dazu Cime di Rapa. Wenn ich den Gesichtsausdruch richtig deutete, nicht mehr als Durchschnitt.

Ich ließ es nach den gewohnt kargen Weihnachtsmenüs krachen und orderte die Seezunge für selbstbewusste 38€. Ein durchaus respektables Exemplar wurde wunderbar braun gebraten am Tisch präsentiert und dann perfekt filetiert

Alte Schule, wie gesagt.
Sehr gutes, festes Fleisch, aber im Geschmack noch zurückhaltender als üblich. Da hatte ich mir etwas mehr versprochen. Die tausendmal gesehenen Beilagen rissen nicht vom Hocker

Wobei einzuräumen ist, dass die à point gegarten Karotten und Brokkoli intensiv erkennbar waren. Nur halt etwas einfallslos. Dagegen die Rosmarinkartoffeln sowohl sehr weich, als auch kaum gebräunt. Die einzige echte Schwäche bei meinen Gerichten des Abends.

Bei den Desserts geht das Al Pappagallo einen interessanten Sonderweg. Neben den „üblichen Verdächtigen“ kommt mehrmals die Woche der bekannte Pâtissier Peter Hauptmeyer ins Haus. Dessen farben- und aromenfreudigen Kreationen konnten wir nicht widerstehen.
Ich entschied mich für das Avocado-Törtchen mit Chili in Ganache, Passionsfrucht, Himbeeren und weißer Schokolade als schmelzende Eiskugel

Mit 12€ sogar um 2€ geringer berechnet als in der Karte ausgezeichnet. Das aktuelle „Superfood“ schmeckte wie stets, wenn es - hier in den Biskuitteig - verarbeitet wird: Höchst dezent. Auch die Chili hätte der phantastischen Schoko-Glasur mutiger Paroli bieten können. Die Macarons waren geschmacklich toll, die Knusprigkeit noch ok. Indes: Mit den fruchtigen Aromen bot sich insgesamt ein stimmiger Abschluss des Menüs; das Blattgold passte zur Einrichtung. Darauf einen Passito von Pantelleria für stramme 10€.

Fazit:
Auch wenn andere von mittelmäßiger Leistung zu überzogenen Preisen raunten: Das Al Pappagallo hat mich überzeugt. In eleganter Atmosphäre werden gute Produkte mit überzeugendem Handwerk verarbeitet. Nicht mehr, nicht weniger. Damit wird die Leistung zwar der Selbsteinschätzung des Restaurants nicht gerecht, aber das ist ja nun kein Einzelfall. Der Glamour findet überwiegend neben den Tellern statt. Ob das Gesamtpaket die Preise rechtfertigt, mag jeder Gast für sich entscheiden.


Vielen Dank an die fleißigen Fotografen!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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