Gaststätte Zum Lerchenberg
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Lerchenberg 1, 01728 Bannewitz
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GastroGuide-User: Jenome
einen Beitrag zum Gaststätte Zum Lerchenberg in 01728 Bannewitz geschrieben.
vor 5 Jahren
"Im Gasthaus „Zum Lerchenberg“ lassen sich viele Relikte aus der DDR finden. Manche kann man sogar trinken."

Geschrieben am 23.06.2015
Wie schmeckte die DDR? Christian Beger schraubt, die Augen zusammenkneifend und breit lächelnd, eine Flasche blassgelben Inhalts auf. Das Etikett hat Stockflecken. Die Zeit im Keller hat ihm zugesetzt. Es ist Pfirsichlikör, nicht etwa ein nachgemachtes Ostalgieprodukt, sondern das Original vom VEB Nordbrand Nordhausen mit 23 Prozent Alkohol für 18 Mark der DDR. Kann man den überhaupt noch trinken? Der Wirt schenkt ein. Alle, die probiert haben, sind wohlauf, sagt er. Prost!


Im Gasthaus „Zum Lerchenberg“, dem 425 Meter hoch gelegenen Außenposten des Bannewitzer Ortsteils Börnchen, ehrt man die Tradition. Seit 122 Jahren ist das Lokal im Besitz von Familie Beger. Die alten Spirituosen aus der DDR-Zeit werden normalerweise nicht ausgeschenkt. Christian Beger, der Juniorchef, hat trotzdem einen erstaunlich großen Restposten behalten. Wer weiß, wozu der mal gut ist. Vielleicht für eine zünftige DDR-Fete, witzelt er, und blinzelt belustigt dazu.

Fest steht für den Wirt, dass die Gäste in der DDR mehr Hochprozentiges tranken, als heutzutage. Damals kamen bei der Hochzeitsgesellschaft schon nach dem Kaffee fünf Flaschen Schnaps auf den Tisch, Süßer, Brauner, Klarer, je nach Geschmack und Mode. Man konnte es sich leisten. Der doppelte Kakao-Nuss kam 90 Pfennige, eins zwanzig der Korn. Man schmiss gern mal eine Runde. Heute sind die Leute vorsichtig damit. Sie bestellen sporadisch, mal einen Ramazotti, mal einen Jägermeister. Sie haben Sorge, die Rechnung könnte aus dem Ruder laufen, denkt der Wirt.

Wer zu DDR-Zeiten privat ein Gasthaus führte, hatte es schwer. Während die Restaurants von Konsum und HO ihre Kontingente an Lebensmitteln und Getränken erhielten, guckten die Privatwirte oftmals in die Röhre. Senior-Chefin Helga Beger, heute 77, hat den Kampf um die Rohstoffe viele Jahre mitgekämpft. Dass nur ein Bruchteil von dem eintraf, was sie beim Großhandel anforderte, war normal. „Ich konnte bestellen und bestellen, aber es wurde immer nur gestrichen und gestrichen.“

Sohn Christian nickt. Beim Erich – er meint der Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker – gab es alles. „Aber es war nicht genug für alle da.“ Man brauchte seine Quellen und man musste fix sein. So war die Wildfleischbeschaffung eine abenteuerliche Hauruck-Aktion. Hatten die Interhotels mal keinen Bedarf, konnten die Begers auf Zuruf Wildschweine, Hirsche und Rehe in Dresden abholen – im Ganzen. Daheim zerlegte ein halbes Dutzend Fleischer die Tiere, mitunter die ganze Nacht hindurch, und das Fleisch wurde, aus Platzmangel in den hauseigenen Gefriertruhen, zurück nach Dresden gekutscht, um es dort bei irgendeiner „Quelle“ einzulagern.

Der „Lerchenberg“ war stets beliebt für Familienfeiern. In der DDR wurden Hochzeiten bis zu zwei Jahre im Voraus gebucht. Helga Beger fand so manche Nacht wenig Schlaf, weil sie überlegte, ob die knappen Vorräte für die nächste Gesellschaft auch reichen würden. Aber letztendlich, sagt sie, stand immer etwas auf dem Tisch.

Auch am 30. Juni 1990, dem letzten Tag der DDR-Mark, feierte man auf dem Lerchenberg Hochzeit. Danach wurde es ruhiger. Die Leute hatten ihre Feiern abbestellt. Sie brauchten ihr Geld für andere Dinge, für neue Autos, Waschmaschinen, für all die Sachen, die sie hatten entbehren müssen. Das Gasthaus investierte auch. Vor allem in eine neue Küche, die allein etwa eine halbe Million D-Mark kostete. In dem alten Gebäude wurde viel gebuddelt, sodass man die Wirtsleute fragte, ob sie neuerdings ein Bergwerk eröffnet hätten.

Im Gastraum blieb viel beim Alten. Die bernsteinfarbene Holztäfelung, die der Stube ihre rustikale Stimmung gibt, stammt aus den 1950er-Jahren. Die Deckenlampen mit den witzigen Figuren – dem glücklosen Schweineschlächter, dem kollidierten Skifahrer, dem Urlauber, der mit Rucksack und Kartoffelhacke stoppeln geht, schnitzten Oelsaer Holzbildhauer um 1947. Der grüne Kachelofen neben der Sitzecke „Radio“, so benannt, weil dort früher ein Lautsprecher hing, wurde Anfang der 1980er gesetzt. Noch heute tut er seinen Dienst mit Holz und Kohlen. Der Wirt feuert gern. Und wenn es knackt und prasselt, sagt er, drehen die Leute erstaunt ihre Köpfe. „So was kennen die heute gar nicht mehr.“

Markt statt Marx – unterm Strich war es für die Begers ein guter Tausch. Der Einkauf ist kein Problem mehr. Aber der Absatz. In der DDR konnte man sicher sein, alles los zu werden, was da war. Man brauchte keinen Plan. Heute weiß Christian Beger nicht: Wird seine Gaststube voll sein oder leer? Die Küche vollführt eine Gratwanderung. Und die Gäste sind anspruchsvoller geworden. Einfach essen gehen sei vielen nicht mehr genug, sagt der Wirt. Es werde etwas Besonderes gesucht, es müsse dauernd „Action“ sein. Das mache das Geschäft hektisch. „Es fehlt die Ruhe.“

Attraktionen bietet der Lerchenberg eigentlich genug. Neben der Aussicht mit Aussichtsturm gibt es einen Bunker der Zivilverteidigung aus den 1970er-Jahren. Noch hat der Wirt keinen Dreh gefunden, den gemauerten Ausguck seinen Gästen schmackhaft zu machen. Dazu müsste man eine Rundfahrt im Panzer anbieten oder so was, sinniert er. Aber vielleicht tut’s ja auch ein Schlückchen Aprikosenlikör?  

Quelle: Sächsische Zeitung Ausgabe Pirna


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