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GastroGuide-User: marcO74
hat l'incontro in 76133 Karlsruhe bewertet.
vor 1 Jahr
"Italienisches Slowfoodrestaurant, das abseits ausgetretener Pizza- und Pastapfade mit ausgefallenen Gerichten auf sich aufmerksam macht"

Geschrieben am 30.12.2018
Besucht am 27.11.2018 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 38 EUR
Seit über 18 Jahren existiert der von Alessandro Muccardo geführte Familienbetrieb am westlichen Rand der Karlsruher Innenstadt. Da es sehr gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist (die Straßenbahnhaltestelle Mühlburger Tor / Kaiserplatz ist keine 200 m entfernt), kann man sich auch die teuren Parkgebühren der in der Nähe liegenden Parkhäuser sparen und gleich mit dem KVV anreisen.
 
Wir hingegen traten die Reise über den Rhein mit dem eigenen Automobil an, das wir in der Tiefgarage der Postgalerie zum Preis eines kleinen Desserts für ein paar Stündchen zurückließen. Von außen recht unscheinbar, wären wir ohne den Tipp eines Karlsruher Freundes sicher niemals dort eingekehrt.  Keine Ahnung, wie oft sich dieser hier schon den Bauch mit Premiumpasta vollschlug, für uns war es jedenfalls Premiere.

Vielleicht erinnern sich noch ein paar GG-Giganten an den ehemaligen RK-User "brummbär" aus Karlsbad. Der hat das Lokal schon vor 5 Jahren genauer unter die Lupe genommen und war wohl eher semi-begeistert von dannen gezogen. Seinen guten Ruf unter Vegetariern und Veganern verdankt dieser "etwas andere" Italiener seiner siebenseitigen (!) Extrakarte, die sogar vegane Desserts und Sojamilch für den Kaffee bietet.

Ich bestelle ja grundsätzlich lieber mit doppelter Laktose-Dosis und Extra-Gluten, da ich gemeinhin als sehr tolerant gelte. Kann ja jeder halten, wie er will oder wie er es verträgt. Wegen dem Vegan-Angebot waren wir jedenfalls nicht im "Incontro". Schon eher lockten uns apulische und römische Pastaspezialitäten, die man so nicht bei jedem x-beliebigen Italiener "ums Eck" serviert bekommt.

Wir traten in den etwas schummrig beleuchteten, in zwei Etagen aufgeteilten Gastraum ein. Eine Treppe führte uns nach oben, wo wir in einer der gemütlichen, voneinander abgetrennten Sitznischen platziert wurden. Direkt daneben befand sich der ansehnliche Thekenbereich. Weiter unten im kariert gefliesten Parterre waren schon einige Tische besetzt. Auf der Empore oben ging es dagegen etwas lauschiger zu. Wertiges Bistromobiliar aus dunklem Holz, bunte Pop-Art an den Wänden und stalaktitenförmige Hängeleuchten, die wie lange Tropfen von der Decke baumelten,  schufen eine zwanglose Atmosphäre, die in Anbetracht der gedimmten Lichtverhältnisse durchaus ihren Reiz hatte. Kein schlechter Ort fürs erste Rendezvous, da waren sich die beiden "Dauerdater" am Tisch einig.

Vom Karlsruher Einkaufsrummel durstig geworden, tat das trübe Kellerbier der ortsansässigen Brauerei Hatz-Moninger (0,5 l für 3,90 Euro) erstaunlich gut. "Wer hat, der Hatz!" verriet mir der tiefsinnige Slogan auf meinem Bierglas. Ein Fläschchen Bionade (0,33 l für 3,20 Euro) und ein Bad Liebenzeller Mineralwasser (0,5 l für 3,50 Euro) rannen ebenfalls durch unsere trockenen Kehlen.

Schon auf der großformatigen Empfehlungskarte, die an der Außenfassade neben der Eingangstür hing, war nachzulesen, dass man Miesmuscheln nicht zwangsläufig à la marinara zubereiten muss. Allein fünf verschiedene Varianten des (hier) dunkelschaligen Atlantikbewohners standen zur Auswahl. Die aus Galizien stammenden Exemplare wurden beispielsweise in sahniger Whisky-Sauce ("alla Dublinese") oder Wodka-Sauce ("alla Wodka") angeboten. Zusätzlich wurden sie mit Zucchini-Risotto, Gnocchi und frischer Pasta kombiniert. Da kam die Weichtierfraktion schon einmal so richtig auf ihre Kosten.

Zusätzlich zur Muschelkarte standen noch acht verschiedene Saisonempfehlungen zur Auswahl. Hierbei wurden Pizza, Pasta und ein paar Fleischgerichte mit Stängelkohl und diversen Kürbiszubereitungen verfeinert. Für Süßschnäbel gab es "Medaglioni alla zucca" (11,50 Euro), wo mit Kürbis, Bergkäse, Rosinen, Apfel und Zimt gefüllte Teigtaschen auf eine sahnige Orangensauce trafen. Ein Hauch von CODA wehte durch die Karlsruher Leopoldstraße.

Das Standardrepertoire listete neben einem gut sortierten Antipasti-Programm allein elf verschiedene Teller mit frischer Pasta. Alles zu äußerst realen Preisen zwischen 9 und 12 Euro. Schlotzreisenthusiasten durften sich auf drei Risotto-Gerichte, Kartoffelteigfreunde auf fünf verschiedene Gnocchi-Ausführungen freuen. Anhänger gebackener Rundbackwaren standen zahlreiche Pizza-Optionen offen. Meine erste Wahl wäre die mit Lammhackfleisch und Pecorinokäse belegte "Pizza alle Romana" (8,80 Euro) gewesen, doch es kamen mir die Trucioli (auch "alla Romana") dazwischen.
 
Zu den hinteren Seiten der Speisenkarte, wo sich Leckereien aus Fleisch und Fisch sowie einige Salat- und Gemüseteller versteckten, kam ich erst gar nicht. Allein die Palette an frischer Pasta machte mir die Entscheidung schwer genug.

Zur Einstimmung entschieden wir uns für die Bruschette miste aus dem Vorspeisenprogramm, die man ab zwei Personen servierte. Für insgesamt 8,40 Euro lagen insgesamt sechs geröstete, unterschiedlich belegte Ciabattascheiben auf dem Teller. Zweimal in klassischer, mit gewürfelter Tomate, etwas Knoblauch, Rucola und Kräutern bestückter Art und Weise. Die beiden mit geschmolzenem Scamorza-Käse und Parmaschinken belegten Exemplare daneben waren meine Favoriten. Meine Begleitung ließ sich auf einen Bruschetta-Tausch mit dem cremig-süßen Ziegenkäse-Walnuss-Honig-Belag ein, was mir die doppelte Scamorza-Parma-Ration einbrachte. Die drei Bruschetta-Versionen, die von ihrem Kalt-Warm-Gegensatz genauso profitierten wie von ihrer texturellen Vielfalt, die von süffig-cremigem Belag auf krossem Untergrund herrührte, fungierten als schmackhafter, nicht allzu üppiger Einstieg, der unserem ersten Hunger entgegenwirkte und gleichzeitig Lust auf mehr machte.

Gut Ding will ja bekanntlich Weile haben. Und so kann sich die Wartezeit im "L'incontro" schon ein wenig in die Länge ziehen, was natürlich im Einklang mit dem Slowfoodgedanken steht. Das ist mir tausendmal lieber, als auf die Schnelle mit Fertigwaren abgespeist zu werden. Bei unserem Besuch dauerte es auch ein wenig, aber das war verschmerzbar, zumal wir uns auf den bequem gepolsterten Sitzbänken sehr wohl fühlten.

Und schließlich wurde unser Warten mit zwei feinen Pastagerichten belohnt. Meine spiralförmig gedrehten, den ligurischen Trofie nicht unähnlichen Trucioli ("alla Romana", 10,30 Euro) hatten genau den richtigen Biss. Die römische Nudelspezialität wurde darüber hinaus äußerst geschmacksintensiv in Szene gesetzt. Dafür zeichneten sich gehacktes Lammfleisch, Tomatenstückchen, gerösteter Sesam, frische Glattpetersilie und geriebener Pecorino verantwortlich. Dies machte meine Pasta zu einem würzig-aromatischen Gaumenerlebnis, das mich die kalte Jahreszeit kurzzeitig vergessen ließ und mein kulinarisches Fernweh zumindest einen Teller lang stillte. Der nächste Sardinien-Urlaub würde ja bald kommen.

Auch die schlichte, mit Stängelkohl, Knoblauch, Olivenöl und Parmesan präparierte Vollkornpasta (9,50 Euro) meiner Begleitung hätte jeder apulischen Trattoria zur Ehre gereicht. Das pikante Olivenöl darin verlieh dem vegetarischen Gericht "aus der Saison" seine leichte Schärfe. Der Stängelkohl, ein naher Verwandter des Brokkoli, wird gerne in Süditalien unter die Teigwaren gejubelt. Bei uns ist er dagegen eher selten zu finden, vielleicht weil sein leicht bitteres Aroma nicht jedermanns Sache ist. Für ausgewiesene Freunde der Oldenburger Palme ist dieses italienische Wintergemüse jedoch genau das Richtige.

Ganz nebenbei bemerkt: einem Kollegen aus Karlsruhe habe ich von unserem tollen Abend im "L'incontro" erzählt, woraufhin dieser zusammen mit seiner Frau dort eine Woche später einkehrte und genauso begeistert war wie wir. Als der Chef ihn fragte, wie er auf das Lokal gekommen sei, musste er kleinlaut den Schreiber dieser Zeilen als Tippgeber nennen. Und weil dieser ja bekanntlich aus der Pfalz kommt, war die Verwunderung beim Patrone recht groß. Gerne gemacht, Herr Muccardo! Solche Adressen empfehle ich mitunter am liebsten.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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