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GastroGuide-User: orcagna
hat Cantinetta in 70173 Stuttgart bewertet.
vor 6 Jahren
"Kulinarische Entdeckungsreisen durch bella Italia"

Geschrieben am 01.02.2015 | Aktualisiert am 01.02.2015
Besucht am 29.09.2014
Am 16.05.2014
Bingo – um es kurz zu fassen: wir landeten einen kulinarischer Volltreffer in der Nähe des Hauptbahnhofs, in einem Abzweiger von der Heilbronner Strasse. Das Cantinetta bietet eine erfrischende Abwechslung zum ubiquitären Tortellini-in-Sahnesauce-Italiener.
 
Wir waren für unsere Verhältnisse um viertel nach sieben sehr früh dran, aber bei weitem nicht die ersten Gäste. Der Empfang war sehr freundlich, Gastgeber Martin Bauer, mit dem ich eine halbe Stunde vorher noch telefoniert hatte, sah uns durch die Glastür kommen und begrüßte uns herzlich mit Handschlag, wir bekamen einen netten Tisch in der Nähe des Eingangs, aber angenehmerweise stand kein Tisch im  Durchgang. Herr Bauer betreut die Gäste zusammen mit einer ebenso freundlichen Dame, es bleiben keine Fragen offen und man erklärt das Konzept des Lokals ebenso kompetent wie unaufdringlich, wenn auch gelegentlich mit dichterischer Freiheit.
 
Das Ambiente ist erstaunlich – in Bezug auf das, was man aus einer Stuttgarter Kneipe machen kann. Von früheren Zeiten künden noch die bunten bemalten Glasfenster und der große Kachelofen in der Gaststube, der Rest ist angenehm entrümpelt und entstaubt: Dunkle Tische mit weißen Läufern und Teelichtern im Glas, Bänke und Stühle, sehr reduzierte, schlichte Deko, viel Weiß. Der Eindruck ist im positiven Sinne minimalistisch-modern ohne Schnickschnack. Der Blumenschmuck ist passend mit Pfingstrosen und Ranunkeln, wir finden ihn später sogar auf den Toiletten wieder. Uns gefällt es auf Anhieb, auch wenn die Tische für unseren Geschmack ein bißchen zu eng stehen.
 
Noch mehr gefällt uns die Speisekarte, die im Internet nicht gepostet wird: Es gibt eine „Standard“-Karte, die im Laufe des Jahres nur gelegentlich wechselt, um eine verläßliche Basis zu bieten, und alle vier bis sechs Wochen eine neue Einladung in die Regionalküchen Italiens – ich kann gar nicht sagen, wie lange ich in Deutschland auf etwas Vergleichbares gewartet habe. Endlich mal regionale Spezialitäten, man glaubt es kaum.
 
Die Klassiker bestehen aus jeweils zwei bis drei Positionen zu Antipasto – Primo – Secondo, wobei es immer auch eine vegetarische Variante und meistens auch eine Fischversion gibt. Die Reise führt jahreszeitlich von Nord (Winter) nach Süd (raten Sie mal), uns trifft sie, naja, in freier Interpretation auf halbem Weg im Veneto. Dort tummeln sich Baccalà, gesalzener Kabeljau (der mir schon deshalb am Herzen liegt, weil mein römischer Taxifahrer mal seine Konkurrenz mit diesem Ausdruck bedachte), Polenta und Fegato veneziano, außerdem Risi e bisi und – mir bis dato unbekannt – bei den Primi Carbonara di mare, Tagliolini mit Jakobmuscheln und Safran. Nachtische gibt es einige auf Ansage. Die Preise sind angenehm zivil, kein Gericht kommt weit über € 20, das 0,75l Teinacher ist mit € 4,50 ebenfalls vernünftig. Die Weinkarte ist – passend zum sonstigen Angebot – überschaubar, aber gut gefächert, mit fast allen Weinen auch im offenen Ausschank, extrem löblich. Passend zur Themenreise gibt es auch eine weiße und eine rote Empfehlung, bei uns aus den Colli Euganei. Da wir noch auf den Tag warten (der fern sein möge), an dem man uns im Veneto jenseits von erkennbaren Touristenschubsen schlechten Wein anbietet, sind wir natürlich an Bord.
 
Gut. Wir bestellen vorneweg den Hausaperitif Prosecco mit Crodino (der alkoholfreie kleine Bruder des Aperol) zu € 4,50, danach für mich das Misto Mare: Sepia, Pulpo und Garnele auf Caponata (€ 14,50) von der normalen Karte, für meinen Mann Baccalà al carpione: (€ 12,50). Danach teilten wir uns nach Empfehlung von Herrn Bauer ob der Portionsgröße Carbonara di Mare (€ 16,50). Und danach für mich Polpette di verdure su crema di piselli (€ 16,50) und gegenüber Braciola di Manzo al verza (22,50).
 
Prosecco mit Crodino nebst Wasser kommt schnell, bald auch gutes Brot. Der Aperitif ist für uns mal wieder der Beweis, daß man in guten Prosecco nichts reinschütten müßte – es ist nicht schlecht, aber wie so viele Sekt-Sonstwas-Mixturen auch nichts, was man haben müßte, und ich verbuche es unter „Zugeständnis an den Markt“.
 
Später kommt dann die Veneto-Empfehlung Colli Euganei weiß (je € 7), ein schöner süffiger Wein mit deutlicher – aber nicht parfümierter - Moscatonote, ja, Herr Bauer hatte recht.
 
Nach angenehmer Wartezeit folgen die Vorspeisen im Teller-Schiffchen, beide sind toll:  Mein Sepia und Pulpo kross angebraten mit Röstspuren, aber keine Gummitiere. Eine Butterfly-Garnele obendrauf ergänzt perfekt.  Die Caponata mit Karotten und Kohlrabi (??) ist, sagen wir mal vorsichtig, nicht 100% authentisch, aber geschmacklich so gut, daß verzeihbar. Der Baccalà-Kabeljau kommt in der Zubereitung  „in saor“ daher, er badet sensationell lecker mit Pinienkernen und Rosinen. Kaum zu entscheiden, was besser ist.
 
Wir machen wieder eine angenehme Pause, dann kommen die Nudeln – auch wieder super. Jakobsmuscheln in größere Stücke geschnitten, schmelzige Tomatensauce, feine Aromen. Aber wieso Carbonara, wo doch weder von Köhlern noch von Eigelb eine Spur? Auf Nachfrage klärt Martin Bauer auf: Ein Rezept aus Kampanien, heißt halt so. Ähh, auf der Veneto-Karte? Egal. Manche Sachen muß man nicht verstehen.
 
Wir wechseln die Weine und gehen über zu Banfis Le Rime (€ 6 ) und dem Rialto Colli Euganei rot (€7), auch beide sehr gut. Ebenfalls wieder passend kommen meine Gemüsebällchen, sie sind kross, auf Hülsenfrüchtebasis, dazu gibt es angeschmolzene Ofentomaten, und sie aalen sich auf einem Erbsenspiegel, wirklich gut, wenn auch etwas sportlich bepreist. Mein Mann ist von seinem Rind im Wirsingmantel auch sehr angetan.
 
 
Was bleibt in Erinnerung – ein rundum angenehmes Erlebnis. Die Vorfreude auf die nächste kulinarische Station, die vermutlich nach Kampanien geht. Und der feste Entschluß, hier mit der Gabel zwischen den Zähnen auf jeden Fall noch öfter aufzukreuzen.
 

Bedienung
Martin Bauer ist ungeheuer präsent und freundlich, ein Gastgeber im besten Sinne des Wortes. Und die freundliche Dame ist einer perfekte Ergänzung.

Das Essen
Hier wird nicht auf Sterneniveau gekocht, aber wirklich gut gemachte italienische Küche findet man hierzulande so selten, daß das Cantinetta meiner Meinung nach außergewöhnlich gut ist. 

Das Ambiente
Schlicht, modern und ohne Schnickschnack. Mir hat es gefallen, aber es ist kein Deko-Wunder und die Tische stehen ein bißchen zu eng.

Sauberkeit
Tutto bene.


Nachtrag nach einem Besuch am 29.09.2014:


Dieser Tage ist das Cantinetta in Apulien unterwegs, wieder mal mit einer wunderbaren Auswahl an Gerichten, die es beim landläufigen Italiener um die Ecke nicht gibt. Wir waren mehr als happy mit Fischsuppe und gebratenem Caciocavallo vorneweg, einer Tiella (!!!) als Primo und Lamm bzw. Pilzen als Secondo. Durch gelungene Kombination bei der Rechnung (durchs Haus!) fiel für meinen Mann als Dessert noch eine schmelzige Schokoladentorte ab. Die Weinauswahl war wie immer ein Erlebnis - das Cantinetta wird für notorisch unstete Esser wie uns langsam zum Fixstern. Großes Kompliment!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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