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GastroGuide-User: Dibbegucker
hat Zum geschwollenen Herz in 55411 Bingen am Rhein bewertet.
vor 5 Jahren
"Eines der letzten alten Binger Traditionslokale"
Verifiziert

Geschrieben am 11.10.2015
Besucht am 06.08.2015
Während viele Binger historische Gebäude in den 1960er und '70er Jahren der Abrißbirne zum Opfer fielen, hier seien nur der Mainzer Hof das alte Rathaus und der historische Kornspeicher stellvertretend genannt, überstand das Geschwollene Herz  Weltkrieg II. und Spitzhacke und ist seit 1901 ein traditionelles Binger Weinlokal.

Ambiente
Als Erstes fällt dem Betrachter die komplett bemalte Giebelseite ins Auge, ähnlich der, aus dem süddeutschen Raum bekannten Lüftlmalerei, jedoch hier mit Motiven von Rhein und Wein und im Zentrum natürlich ein großes rotes Herz. Ein wenig stört die moderne Eingangstür den Gesamteindruck, durch die man den, im ersten Moment düster erscheinenden Gastraum betritt. Den gelben Bleiglasfenstern, die das Tageslicht nur gefiltert hindurchlassen, sowie dem rotbraunen
Fliesenfußboden im Florentinermuster, der halb raumhohen, dunklen Holzverkleidung und der dunkelbraunen Möblierung geschuldet, ist dieser Eindruck aber sicher gewollt, um ein heimeliges und gemütlich-rheinromantisches Flair zu erzeugen. Bei den kupferbeschirmten Pendelleuchten ist man sich nicht ganz sicher, ob sie diesen Eindruck verstärken oder ihm entgegenwirken. Fest steht jedoch, daß früher in allen Binger Weinkneipen eine solche Atmosphäre vorherrschte, so daß man dies gerne als historisches Attribut betrachtet.

Der Gastraum bietet etwa 40 Personen Platz. Ein Raum des selben Zuschnitts befindet sich im Obergeschoß, der für Veranstaltungen genutzt werden kann. Hier findet man auch die Toiletten. Die Möblierung des Schankraums kann auch schon als historisch bezeichnet werden und hat sicher schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel. In der Hauptsache sitzt man sich 2+2 gegenüber in Nischen, die entlang der Fensterwand angeordnet sind, ähnlich wie in einem Speisewagen der Bahn. Darüber hinaus gibt es noch ein paar kleine Einzeltische. Der Fensterwand gegenüber befindet sich der Tresen und dahinter der Durchgang zur Küche.

Vor dem Eingang gibt es noch eine kleine Außengastronomie, die jedoch nur bedingt empfehlenswert ist: direkt davor einige Parkplätze, daneben die linksrheinische Bahnstrecke, bekannt durch Funk und Fernsehen, und auf der anderen Seite der Kreisel, der den Verkehr einer der Binger Hauptstraßen verteilt. Wer's mag ...

Service
Wir nahmen an einem reservierten Nischentisch Platz, meine Frau und ich, sowie meine Schwiegermutter, die an diesem Abend unser Gast war. Die Bedienung bestand aus einem jungen Mädchen, das eher schüchtern und zurückhaltend auftrat, und einer Dame mittleren Alters die uns mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit bediente. Schade, hier hat leider etwas Herzlichkeit und rheinische Frohnatur gefehlt. Direkt neben dem Eingang ein Tisch mit einer Schar junger Franzosen, die die jugendliche Bedienung im Laufe des Abends dann doch etwas aufmunterten und an der gegenüberliegenden Wand ein Stammtisch von etwa 8-10 Personen m/w im Alter von 75+  Dies scheint auch die typische Klientel des Lokals zu sein: alte Binger, die ihren liebgewonnenen Traditionen folgen und Touristen, die in solchen Lokalen ein Stück der berühmten Rheinromantik suchen.

Essen & Trinken
Neben der allgemein üblichen deutschen Standardspeisekarte gibt es noch eine Saisonkarte und eine Kinderkarte. Daneben werden auf einer Vesperkarte auch kleine und kalte Gerichte angeboten. Senioren bietet man die Menues auch in reduziertem Umfang an.

Auf der umfangreichen Weinkarte findet man Gewächse von Winzern aus Bingen und der näheren Umgebung, was hier vier Weinbaugebiete mit einschließt. Wen's interessiert: Bingen ist der Kreuzungspunkt der Gebiete Rheinhessen, Mittelrhein, Nahe und Rheingau. Die Weine werden zu Preisen von € 3,- bis € 4,80  für 0,2l   ,das hiesige Standardmaß, der "Halwe" angeboten. (Ich spüre schon die neidischen Blicke der nördlichen Weinfreunde im Nacken). Obwohl "Weinhaus", gibt es natürlich auch diverse Biere, sowie Softgetränke und Spirituosen, diese ebenfalls teilweise aus heimischer Produktion.

Im geschwollenen Herz soll es die besten Schnitzel weit und breit geben. Dieser Empfehlung folgend, bestellten wir alle drei das Gleiche: Zwiebelschnitzel mit Pommes frites und Salat - das deutsche Standardgericht, jedoch den Salat als Vorspeise. Schwiegermutter war begeistert - Schnitzel, ihr Leibgericht. Und wir wurden nicht enttäuscht! Kurz nach unserer Bestellung war aus der Küche ein laut und deutliches Klopfgeräusch vernehmbar, was uns bestätigte, daß hier frisch zubereitet wird. Vorweg wie gewünscht der Salat, eine bunte Mischung aus Blatt- Bohnen- und Rohkostsalaten, jeweils mit eigenem Dressing, machte Appetit auf mehr. Dann das Schnitzel in anständiger Größe, goldbraun und mit fluffiger Panade, gut gewürzt und begleitet von einer gehörigen Portion Schmorzwiebeln und optimal frittierten Pommes in separater Schale, das ganze Komplettgericht für € 12,50

Hier werden Touristen noch nicht abgezockt. Ein Lob demjenigen, der uns das Lokal empfohlen hat. Vor lauter Begeisterung bestellte meine Frau noch einen Coup Denmark zum Nachtisch und zu € 5,-  Schwiegermutter und ich verkniffen uns diese Kalorienbombe.

Fazit
Hier ist die Welt noch in Ordnung. Wer sich  mit dem etwas altbacken-romantischen Interrieur anfreunden kann, ist hier bestens bedient. Hier kann man noch preiswert satt werden und den ein- oder anderen "Halwe" genießen, ohne bei jeder Bestellung in's Portemonnaie schauen zu müssen. Bezahlt wird bar und als Beleg gibt's allenfalls einen handgeschriebenen Zettel von einem Werbeblöckchen der Brauerei. Auch an der Sauberkeit hapert's nicht. Ich kann's nur weiterempfehlen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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