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GastroGuide-User: Carlo Attraversando
hat Brasserie im Opernhaus in 42283 Wuppertal bewertet.
vor 7 Jahren
"Turbulenzen auf der Bühne, Geschmack auf dem Teller - der Trend geht zum Gesamtkunstwerk"
Verifiziert

Geschrieben am 07.04.2015 | Aktualisiert am 10.04.2015
Besucht am 06.04.2015
Turbulenzen auf der Bühne, Wunde, heiliger Speer, des Wunders höchstes Glück, heiliger Gral, oh Parsifal, Erlösung dem Erlöser, der Vorhang fällt, Erlösung von einer interessanten, völlig unabhängig von Musik und Textsinn agierenden Inszenierung. Auffallen genügt.

Aber verlassen wir den Zusammenhang von Musik, Geschmack und Inszenierung, Wagner verkraftet den kurzweiligen Rummel, und wenden wir uns dem Verhältnis von Küche und Zunge zu, denn zur Oper in Wuppertal gehört die Brasserie, die den Service bietet, dass man nach jeder Aufführung warm essen kann.
Im Unterschied zum Bühnengeschehen erwarte ich bei Küche und Zunge mehr als eine schlechte Regie. Ich erwarte eine gute Komposition.
Die Brasserie gibt sich etwas als Bar, etwas als Bistro und etwas als Restaurant. In dem lang gestreckten schmalen Raum dominiert zunächst von der Optik her die weinrot gepolsterte durchgehende Sitzbank, gesäumt von Einzeltischen für maximal vier Personen, sodass gegenüberliegend zur Bank die ergänzende Anzahl an Stühlen steht, auch diese mit weinroter Polsterung.
Die gegenüberliegende Längsseite des Raumes teilen sich Bartische und -hocker sowie ein Tresen, in dessen Bereich auch der Zugang zur Küche zu liegen scheint. Das Ohr des Gastes empfängt dezent Jazzmusik, Beleuchtung, Dekor und Ausstattung würde ich als angenehm modern bezeichnen. Das berühmte Haar in der Suppe habe ich nicht gefunden, d.h. an der Sauberkeit ist nichts zu bemängeln.

Wie auch immer erlöst, strömen kurz nach 22:00 Uhr mindestens 30 Personen in die Brasserie. Die meisten haben einen Tisch bestellt und wollen jetzt nicht nur Wagner verdauen und zuvor natürlich genießen und natürlich nicht furchtbar lange warten, denn immerhin ist man ja schon seit 17:00 Uhr in den Fängen des spätromantischen Gesamtkunstwerks. Die Brasserie ist also stramm gefüllt.
Der Service meistert diese Stresssituation gut. Die üblichen Arbeitsgänge: Bestellung der Getränke, Bestellung der Speisen werden gekonnt abgewickelt, man spürt zwar eine deutliche Anspannung, aber alles in allem geht es trotz aller Funktionalität aufmerksam und freundlich zu. Und! Es kommt auf den Tisch, was man bestellt hat.

Die Speisekarte ist recht knapp gehalten. Sie füllt weniger als zwei DIN A4 Seiten, bietet dafür aber frisch zubereitete Gerichte mit vornehmlich regionalen Produkten. Wir bestellen eine „Consomme double mit Gemüsestreifen und Ravioli“ (7,50 €)und eine „Bärlauchrahmsuppe mit Nordseekrabben“ (8,50 €).Das sind gleichsam die Vorspeisen für die beiden Herren am Tisch.
Zur Consomme sagt Gusto Amaro: „In Ordnung, die Ravioli waren hart“. Bei der Bärlauchsuppe weiß ich nicht so wirklich wie ich dran bin. Ließ sich da der Koch von der orchestralen Gewalt Wagners überwältigen und zu einem Bärlauchrausch verleiten? Auch die Konsistenz der Suppe überrascht mich. Sie fällt sehr sämig aus. Und die Nordseekrabben! In dieser hochpathetischen Bärlauchgeschmackswelt werden sie zu entbehrlichen Geschmacksstatisten. Nichts ist von ihrer spezifischen zarten Süße zu schmecken. Sie wirken etwas neutralisierend, aber ergänze ich dafür eine Suppe mit Krabben? Hier winkt wohl eine Replik von der Bühne. Ich habe den Eindruck, die Inszenierung stimmt nicht.
Als Hauptgang wählen wir dreimal  „Gebratene Rotbarbenfilets mit Bärlauch-Linguini und geschmolzenen Tomaten“ (21,50€) und einmal „Ennepetaler Forelle (Bioforellenhof Kopp) mit Nussbutter, Petersilienkartoffeln und Gurkensalat in Dillrahm“ (22,50 €)
Gusto Amora äußert sich zufrieden über die Forelle, hadert jedoch deutlich mit der Qualität der Kartoffeln. Zu Nussbutter und Gurkensalat sagt er nichts.
Die Rotbarbenfilets bieten einen ganz angenehmen Anblick. Vier Filets ruhen auf den Linguini, wobei das oberste  mit einem Klecks Bärlauchpesto garniert ist. Dass dies nicht nur der Optik dient, belegt der erste Bissen. Die Filets sind gut gebraten, zart, und fest im Biss, jedoch ungewürzt. Zusammen mit dem Pesto gelten sie für meine Zunge als Genuss. Leider fällt hier die Bärlauchzutat knapp aus. Für mich zu knapp, zumal die Filets von den Bärlauch-Linguini geschmacklich nicht aufgefangen werden. D.h. die Filets mit Pesto schmecken mir viel besser als mit den Linguini, die in sich stimmig sind, dem Fisch aber kaum was an Geschmack abgeben.
Zerberuz und Amara sind mit der Komposition des Hauptgangs voll zufrieden.
Begleiter dieses Essens waren „Selters Naturell“ flaschenweise für 3,00 €,  ein „Grauburgunder“ von 2013 für 4,50 € das Glas und ein Espresso für 2,50 €

Fazit: Die Brasserie bietet gute Küche auf solidem mittleren Niveau. Kulinarische Kunstwerke sind nicht zu erwarten. M.E. verhindert das auch die Situation, in der serviert wird. In kurzer Zeit verhältnismäßig viele Gäste a la Carte bedienen zu müssen, das schränkt unter dem Gebot vertretbarer Preise und eines vertretbaren Personalaufwands den kompositorischen Schwung eines Kochs deutlich ein.
Nachtrag: Während wir den Hauptgang verspeisten, kam der Chef des Service an unseren Tisch und teilte uns mit, dass bei uns der Vorrat an frischen Linguini zu ende gegangen sei und dem entsprechend unsere Portionen knapp ausgefallen wären. Das würde im Preis berücksichtigt. Auf der Rechnung wurden die Rotbarbenfilets statt mit 21,50 € mit 17,50 € berechnet. Nobel, zumal von uns keiner etwas an der Portion auszusetzen hatte.

Wir kommen gern wieder!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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