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GastroGuide-User: Kiwikatze
hat Löwenstein in 37073 Göttingen bewertet.
vor 5 Jahren
"Koscher, Vegan oder Bio ? - alles möglich in der Jüdischen Gemeinde Göttingen in der Roten Straße!"

Geschrieben am 08.01.2015 | Aktualisiert am 08.01.2015
Besucht am 04.09.2014
Allgemein

Nach einigen Erledigungen in der Göttinger Innenstadt für einen bevorstehenden Geburtstag machte sich ein kleines Hüngerchen in Kiwikatzes Magengegend breit. Die Speisekammer zu Hause war irgendwie auch schon wieder so leer. Ich wollte weder Döner noch andere ungesunde Sachen, nur was essen? Mir fiel die "k-toffel" ein, leider gab es um 18.32 Uhr keine Ofenkartoffel mehr für mich. 2 Minuten zu spät. Tolles Timing! Ich schlenderte unentschlossen durch die Stadt und wurde in der "Roten Straße" auf ein neues Restaurant aufmerksam. So lange konnte es noch nicht eröffnet haben, sonst hätte ich es schon eingetragen. Beim Nähertreten erklärte eine Tafel, dass das "Bistro Löwenstein" von der jüdischen Kulturgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V. betrieben werde. Das Bistro bietet koschere, vegetarische Küche, teilweise sogar vegane Gerichte. Die kleine Sommerspeisekarte reizte mich, also nix wie rein. Mir dünkte, dass es hier vielleicht kein EC-Gerät geben könnte - richtig! Der Herr hinter der Theke bedauerte dies aufrichtig, ich versprach wiederzukommen. Also noch schnell Bargeld holen und da bin ich!

Geschichte des Hauses


Im Fenster und in der Sommerspeisekarte erfährt der neugierige Gast mehr über die Geschichte des Löwenstein.

Zitat:

"Bruchim haBaim! - Herzlich Willkommen!" steht auf dem Blatt, das im Fenster hängt. Weiterhin:

"Das Haus des jüdischen Kaufmanns Carl Löwenstein wurde im Jahre 1898 als Fachwerkhaus im klassizistischen Stil errichtet. Jüdische Elemente schmücken die Fassade und Türen des Hauses. Eine Mikweh, ein rituelles Bad, ist im Keller des Hauses im Jahre 1905 nachträglich eingebaut worden.

Wir, die "Jüdische Kultusgemeinde", haben es uns zur Aufgabe gemacht, dem Haus wieder jüdisches Leben einzuhauchen. Unser Bistro möchte die Gäste mit leckerem Essen überraschen, aber auch versuchen, ein wenig jüdische Lebenslust durch Ausstellungen, Bücher und Musik zu vermitteln.

Kulinarisch hat die jüdische Küche mit ihrem orientalischen sowie russischen und europäischen Einfluss viel zu bieten. Zusätzlich bereiten wir im Jahreszyklus spezielle Gerichte zu den Festen zu. Unsere Waren werden hauptsächlich frisch eingekauft und verarbeitet, so weit wie möglich aus biologischem und regionalem Anbau; der Kaffee wird Fair gehandelt. Zudem gibt es verschiedene erlesene koschere Weine.

Bete'avon! - Guten Appetit!"

Zitat Ende

Im Keller befindet sich neben den Damentoiletten auch der Zugang zur Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde. Sechs Gemeindemitglieder haben hier eine Anstellung gefunden, dies sollte man berücksichtigen.

Lage

Autofahrer sollten am besten ein Parkhaus aufsuchen, die "Rote Straße" liegt mitten in der Innenstadt und hier kann nirgends geparkt werden. Es empfiehlt sich, die "Anreise" ein wenig zu planen und ggf. mit dem Rad oder zu Fuß "anzureisen".

Ambiente

Durch eine riesige Glasfront betritt man das "Löwenstein". Goldene Löwenköpfe greifen innen an einer großen, den Raum dominierenden Säule und außen zwischen den Fenstern an dunklen Fachwerkbalken das Thema auf. Die sehr hohen Wände sind in einem Apricotton gestrichen.

Zur Zeit findet eine Austellung statt: An den Wänden hängen Holzzbilderrahmen mit Fotografien jüdischer Schauspieler. Darunter z.B. Jeff Goldblum oder auch Daniel Radcliffe. Die Fotografien werden angestrahlt. Das Ganze wirkt etwas galeriehaft. Etwa 44 Personen können an massiven Holztischen mit roten Läufern und gemütlichen, gut gepolsterten, schwarzen Lederstühlen Platz nehmen. Auf jedem Tisch befindet sich eine weiße Vase mit passender frischer Rose oder anderem Grünzeug. Dazu ein Aufsteller, der die Gesundheitsshakes anpreist, außerdem die unvermeidlichen Kantinensalz- und -pfefferstreuer. Große, stark verschnörkelte, silberne Spiegel vergößern den ohnehin schon hallenartigen Raum. Die ungemütliche Beleuchtung trägt nicht dazu bei. Ein paar Leuchter mit Kerzen wären abends schön und würden schnell viel hermachen.

Über eine Treppe über der Herrentoilette linker Hand gelangt man auf die Empore. Im hinteren Teil des Raumes ist nur durch einen Holztisch der Küchenbereich vom Gastraum abgetrennt. Mir gefällt das nicht so gut. Aufgrund der überwiegend kalten Speisen wird zwar nicht allzu viel Küchengerät gebraucht, trotzdem wirkt alles ein wenig rummelig. Der Gast sieht eben alles. Auf dem Marmorboden an der linken Wand, an der die Treppe zum Keller hinuntergeht, steht ein schwarzer Ghettoblaster. Alles wirkt puristisch und aufs Nötigste beschränkt. Es gibt auch keine Musik. Menschen sollen hier wohl das Leben bringen. Auch kein schlechter Ansatz.

Eine liebevoll gestaltete Kinderecke mit abgestimmten roten Lederkisten mit Kinderspielzeug zeugt von der Kinderliebe dieses Restaurants. Das sollte gut ankommen!

Ich war gegen 19 Uhr der scheinbar erste Gast und kam mir in dem großen Raum ziemlich verloren vor. Mit fortschreitendem Abend kamen noch mehr Gäste (vornehmend jüngere Pärchen) hinzu und der wenig heimelige Raum füllte sich mit Leben. Es schien mir fast so, als wenn sich viele Menschen nicht in den großen Raum trauen würden. Einige blieben interessiert an der Karte stehen. Ich fühlte mich fast als kleiner Missionar, wie ich tapfer den ersten Schritt in die Halle wagte. 3 Sterne fürs Ambiente.

Bedienung

Alle Mitarbeiter tragen ein Kleidungsstück mit dem Löwensteinemblem, einem Löwenkopf. Ein älterer Herr bediente mich, ein weiterer Herr mit hellgelber Kochkluft hatte mir am Anfang erklärt, dass sie kein EC-Gerät besäßen. Beide trugen ein Baseballcap und waren den ganzen Abend sehr bemüht und freundlich.

Nachdem ich mich gesetzt hatte, wurde mir die Karte gebracht und genügend Zeit gelassen, um die Karte zu studieren. Die Grundzüge des Kellnerns waren zu erkennen und ich habe keine groben Schnitzer gesehen. Das Besteck wird in Servietten gewickelt auf einem Teller gebracht. Trotz allem wirkten die Abläufe noch sehr wenig routiniert und ich glaube nicht, dass eine größere Gästeanzahl so bewältigt werden könnte. Dafür spricht auch, dass eine Küchenhilfe und ein/e Kellner/in gesucht werden. Es dauerte sehr lange, bis ich meine Bitte äußern konnte, mein Hauptgericht doch bitte einzupacken. Die Nachfrage, ob es geschmeckt hatte und alles in Ordnung sei, erfolgte mehrmals. Freundlicherweise wurde mir ein Heißgetränk aufs Haus angeboten. Ob das jetzt an meinen Fotos liegt oder daran, dass sie sich gefreut haben, dass ich extra nochmal mit Bargeld wiedergekommen bin, weiß ich nicht. Nett! Ich wählte einen Tee und bekam noch ein kleines Stückchen Baklawa dazu. Soweit alles gut.

Mit dem Eintreffen der anderen Gäste wurde ich leider ein wenig vernachlässigt und brauchte fast 25 Minuten, um endlich zu zahlen. Das ist zu lang! Hier besteht noch Verbesserungspotential. Ich entscheide mich für 3 Sterne!

Ich wurde mit dem Satz verabschiedet: "Bis zum nächsten Mal!", ich denke, das sagt alles, oder?

Essen

Die Sommerspeisekarte des "Löwenstein" ist klein und beinhaltet 7 Vorspeisen (klein/groß 3,50 € - 7,40 €), 3 Suppen (4,90 € - 5,50 €), 7 Hauptspeisen (6,90 € - 20 €), 2 Kinderteller (3 € und 4,20 €), Süße Leckereien (ab 2,40 €). Außerdem gibt es Tee- und Kaffeespezialitäten (1,80 € - 3 €) sowie Gesundheitsshakes (Milchshakes mit Obst: 0,2 l 2,20 €; 0,3 l 3,20 €). AfG's, Bier (0,33 l 2,50 €) und israelischer Wein (0,2 l 5,50 ; 0,75 l 17 €) dürfen natürlich nicht fehlen. 

Die warmen Hauptgerichte reizten mich nicht wirklich, ich entschied mich deshalb für einen schönen Querschnitt: Löwensteinteller (diverse Vorspeisen, Tapugan = gebratene Kartoffelecken mit Hirtenkäse überbacken) zu 12,50 €, dazu ein großes Glas Mineralwasser 0,4 l zu 2,80 €.

Ich beschäftigte mich noch mit meiner Zeitung, als schon ein riesiger Teller mit sehr appetitlichen Vorspeisen serviert wurde. Dazu wurde noch ein kleines, weißes Schälchen mit Oliven gereicht und ein Körbchen mit frischem Brot. Der Portion war zwar nur für eine Person gedacht, für mich hat es aber noch für die nächste Mittagspause gereicht. Man kann sich die Speisen auch einpacken lassen, wenn die Augen mal wieder größer als der Hunger waren... ;-)

Grüne Oliven - aromatisch und intensiv im Geschmack. Ich bin kein Olivenfreund, diese haben mir jedoch sehr gut geschmeckt.

Israelischer Salat (links oben) - Tomaten, Gurke, Grüner Salat, Zwiebel und Petersilie. Unglaublich frisch und schön klein geschnitten, dabei nicht in Öl ertränkt.

Bulgursalat (Mitte oben) - Bulgur, Tomaten, Gurke, Petersilie, Cranberry. Die Kombination aus Cranberrys und Salat passt ganz hervorragend, ist frisch und schmeckt super. Mal eine Alternative zum klassichen Salat.

Karotten-Rohkostsalat (rechts unten) - mit Ingwer und Honigmelone. Sonst kann man mich mit sowas jagen, die Süße der Honigmelone ist aber wesentlich sanfter als die Variante mit Apfel. Gerne hätte ich davon noch ein wenig mehr gehabt.

Gebratene Auberginen mit pikanter Tomatensauce (Mitte rechts) - Auch sowas, was ich eigentlich nicht besonders mag. Diese Auberginen waren aber recht zurückhaltend in ihrem sonst typischen Geschmack, mir aber etwas zu fettig,

Kichererbsenpüree mit Sesampaste Tahini (Links unten) - Sämig, nicht fettig, mit weichen Kichererbsen, gut mit Pita zu tunken. Njam, njam, Kiwis kulinarisches Herz hüpfte.

Mit Frischkäsecreme gefüllte Paprikaschoten? (Mitte unten) - Lecker, aber nichts Besonderes.

Tapugan (Mitte) - gebratene Kartoffeln mit Hirtenkäse überbacken. Die einzige warme Vorspeise, eher lauwarm. Sehr angenehm, durchaus scharf durch ein wenig mehr Paprika, dazu der aromatische Hirtenkäse.

Pita (Körbchen) - Adrett in Stücke geschnitten, einfach gut, besonders zum Dippen.

Insgesamt sahen alle Speisen zum Anbeißen aus, es war eine große Portion und ich hatte viele neue Geschmackseindrücke. 5 verdiente Sterne. Punktum.

Später bekam ich aufs Haus noch einen kleinen Teller mit einem Stückchen Baklawa gereicht. Genau das Richtige für Naschkatzen wie mich. Baklawa ist mir eigentlich immer zu süß. Hier handelte es sich aber eher um eine Art Blätterteig mit vielen Nüssen und Honig. Der elende Zahnschmerz durch übermäßige Süße blieb aus. Hier mag ich Baklawa! 4 Sterne.

Das appetitlich angerichtete Essen hat viel Potential, es wirkt extrem frisch. Mir hat es geschmeckt und Erinnerungen an einen Urlaub im Kibbuz wurden geweckt. Auch die Variante von größeren Portionen der verschiedenen Vorspeisen gefällt mir. Endlich eine Möglichkeit, gesund in der Innenstadt zu essen! Man schmeckt einfach, dass es sich hier nicht um Hollandtomaten handelt, wenn mir meine niederländischen Freunde diesen Kommentar gestatten mögen... :-)

Sauberkeit

Besteck und Geschirr waren sauber, allerdings störten mich während des Essens immer mehr Fruchtfliegen. Das muss nicht sein und lässt sich vermeiden. Das Restaurant scheint eine sehr rudimentäre Küche zu besitzen; nur ein Tisch trennt den Küchenbereich von den Gästen. Ich hoffe, dass hier alles richtig gelagert wird etc. Die einsehbare Speisekammer im Untergeschoss sah aber sehr ordentlich aus. 3 Sterne.

Die Toiletten waren sauber, aber sehr, sehr eng. Korpulentere Damen dürften Beklemmungsängste bekommen.

PLV

Die Portionen sind groß und die Preise angemessen, ohne überteuert zu sein. 4 Sterne.

Fazit

Das "Löwenstein" hat erst vor zwei Monaten eröffnet und hat noch einige Anfangsschwierigkeiten. Frische Zutaten, eine kleine Karte, das gute PLV und freundlicher Service überzeugen. Das Ambiente schreckt teilweise vielleicht noch Gäste ab, die Mundpropaganda braucht noch etwas, bis sich die Göttinger reintrauen ;-) Ein jüdisches Bistro in der Innenstadt - jipiieh! Eine kulinarische und vor allem gesunde Bereicherung für Göttingen! Einfach mal reintrauen! Ich komme bald wieder...
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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