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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Imperial in 90402 Nürnberg bewertet.
vor 1 Jahr
"Der eigene Anspruch sei die Messlatte..."
Verifiziert

Geschrieben am 01.01.2020 | Aktualisiert am 01.01.2020
Besucht am 31.07.2019 Besuchszeit: Abendessen 1 Personen Rechnungsbetrag: 144 EUR
Mit Zweitrestaurants von Sterneköchen ist das so eine Sache. Wenn es gut läuft, kommt man für vergleichsweise kleines Geld an eine etwas einfachere Version der preisgekrönten Küche (z.B. Erfort, Steinheuer). Oder aber der Name soll Publikum locken, die Grundkonzeption wird vom Meister verantwortet, aber vor Ort liefert man doch nur aufgepeppten Mainstream.
Mal schauen, in welche Kategorie das Imperial „by Alexander Herrmann“ fällt.

Spät in Nürnberg eingetroffen war wenig Zeit für lange Fahrten, und ich suchte etwas in Bahnhofsnähe. Im angesagten Italiener C‘era Una Volta bekam man kein Bein an den Boden, aber auf der Königstraße war nach kurzer telefonischer Anfrage ein Platz im sogar „kaiserlichen“ Zweitrestaurant des hoch-telegenen Franken kein Problem. Dazu muss man wissen, dass der für sein (auch hier schon gelobtes) Gourmetrestaurant in Wirsberg inzwischen mit zwei Michelinsternen ausgezeichnete Herrmann im stattlichen Gründerzeithaus gleich zwei Küchen anbietet: Im nordischen Design des Erdgeschosses gibt es beim Selbstbedienungskonzept Fränk’ness unter dem Motto „Fränkisches trifft Streetfood“ gepimpte Burger und ausgefallene Pizza zu fränkischem Bier. Wer‘s mag. Im 1. Stock ein trendiger Lifestyle-Laden in Gold und Weiß und Holz und Bronze und einer auf den ersten Blick recht wilden Mischung aus asiatischen Crossover und regionalen Angeboten. Halt der „kosmopolitische Cool-Dining-Hotspot“ Nürnbergs. Oje - und das ist nur ein winziger Teil des Marketing-Gesülzes der Homepage! Aber wir wissen es alle: Entscheidend ist auf‘m Teller.

Vor Ort in Nürnberg kulinarisch verantwortlich ist Michael Seitz und der bekommt gleich mal ein dickes Extra-Lob. Denn am Ende des Abends setzte sich der Chef zu mir an den Tisch, erklärte die Ideen hinter den Tellern und nahm Kritik interessiert und offen, aber auch genügend selbstbewusst auf. Wir quatschten mindestens eine viertel Stunde, was ja auch immer vom Feierabend abgeht. Für das ausführliche, konstruktive Gespräch einen Extra-Punkt und damit eine leicht überdurchschnittliche Serviceleistung. Ansonsten gab es neben Licht auch einige Schatten. Sehr zu loben ist die Freundlichkeit des Teams, sei es am Telefon, bei Empfang und Begleitung in den ersten Stock oder auch bei der Wahl, ob ich an diesem heißen Sommerabend lieber drinnen oder auf der kleinen Terrasse auf einem Flachdach zwischen den Häusern sitzen wollte. Andererseits bekam ich dort trotz der späten Zeit einen schön gelegenen Tisch nur auf Nachbohren. Das bestellte Wasser wurde vergessen und auch später saß ich längere Zeit vor leeren Gläsern, bis ich genug hatte und mir den Kühler an den Tisch holte. Sonst hätte ich weiterhin recht laut auf mich aufmerksam machen müssen, denn keiner der jungen Menschen im Service suchte den Augenkontakt. Das war richtig auffällig und nervig. Nicht benötigte Gläser wurden nicht etwa ausgehoben, sondern blieben umgekehrt (Außenterrasse) auf dem Tisch stehen. Das zweite Gedeck wurde aber ausgehoben. Das schmutzige Geschirr am Nebentisch wurde während meines Aufenthaltes dafür gar nicht mehr abgeräumt, als die Gäste am späten Abend gegangen waren. Hier fehlte es meiner Meinung nach an der ordnenden Hand einer Restaurantleitung. Aber die befand sich „inkl. Amelie“ in Babypause, wie die sympathische Aufzählung des Teams am Ende der Speisekarte mit einem Zwinker-Smiley verriet.

Leider war der fröhliche Herr, der mich die meiste Zeit bediente, mit der vernünftig zusammen gestellten, aber überraschend kleinen Weinkarte nicht sonderlich vertraut, so dass seine Alternativempfehlungen zu meinen Weinwunsch nicht überzeugten. Immerhin gab es welche. (Letztlich wurde es ein 2015 Ürzinger Würzgarten Spätlese von Markus Molitor; machste eh nix mit falsch und schien mir ganz gut zu meiner eher asiatischen Auswahl zu passen. Wird gerade für über 20€ im Netz angeboten, da war ich mit den aufgerufenen 49€ zufrieden.)
Insgesamt empfand ich den Service als engagiert, aber mehr als lässig, nämlich nachlässig.
Deutlich aktiver war das Personal dabei, mir (und an anderen Tischen ebenfalls) als Aperitif Champagner anzu...bieten und auch, zusätzliche add-ons aus der ein wenig nach dem Baukastenprinzip aufgebauten Karte zu verkaufen. Hier scheint es eine deutliche Erwartung des Managements gegeben zu haben, so jedenfalls mein Eindruck. Aber unangenehm drängend wurde es auch nicht.

Ich schaute mich derweil etwas auf der von großen Ruinart-Sonnenschirmen geschützten Terrasse um. Trotz der recht heimeligen Lage mit einigen Blumen auf dem Nachbardach 

und einem schmalen Blick zur Königstraße war mein Gefühl ein wenig zwiespältig. Mag an den umliegenden Fenstern gelegen haben oder am glatten hellen Steinfußboden mit dunklem, zweckmäßigem Mobiliar. 

Bösartig könnte man sagen, was man halt so in Nürnberg (oder der deutschen Provinz allgemein) für kosmopolitischen Flair hält. Aber das kann ich gar nicht beurteilen und sowas schreibt der Tibeter ja auch nicht...
Richtig gemütlich fand ich es jedenfalls nicht und trendy erst recht nicht. Geschmacksache und daher neutrale drei Sterne.

Optisch ansprechend die Speisekarte, die ganz auf Alexander Herrmann setzt und in Form eines Fotoalbums 
Das "Fotoalbum" (aka Speisekarte)
gestaltet ist und mit vielen Bildern aus Kinder-, Jugend- und Lehrjahren aufwartet. Ein wenig Personenkult, aber eben auch etwas anderes und unterhaltsam.

Angesichts der fortgeschrittenen Zeit orderte ich nur ein kleines Nachtmahl:

- Fingerfood-Starter (12€)
- 4 pochierte Austern (je 2 für 10€)
- „Peking-Ente“ mit Pfifferlingen und Melone (37€)
- 2erlei Käse (10€)

Zu den Preisen ist positiv zu bemerken, dass meine Auswahl mit Ausnahme des Hauptganges so „eigentlich“ nur als zusätzliche Gänge im Rahmen eines Menüs bepreist war. Aber überhaupt kein Problem, diese wohl kleineren Portionen auch einzeln zu bestellen. Insgesamt ein prima PLV, das bei 4,25 liegt; ich runde in noch festtäglicher Stimmung natürlich auf.
(Zeitsprung ins Jahr 2014: Hätten wir uns damals für - ich meine - Yumee entschieden, hätte es einen Schieberegler gegeben, den ich auf 85% eingestellt hätte. Aber wer weiß, ob es diese schöne Community dann überhaupt noch gäbe. Ich schau gerade Dark auf Netflix...).

Zurück ins Jetzt, ergo den Hochsommer 2019:
Den Auftakt machte, auf heißen Steinen serviert, ein kleines fluffiges Sauerteigbrot, das mir vom Teig wie vom Geschmack zu „luftig“ war. Mit der dazu gereichten Kaviarbutter geschmacklich dann ganz gut.


Das Fingerfood bestand aus drei Teilen:
Roh marinierter Saibling als Tatar und als crunchy nigiri und Tataki vom Roastbeef (Ist das nicht „doppelt gemoppelt“?) ebenfalls als Auflage für den knusprigen japanischen Reisriegel.

Das Tatar wohl nach Art der Sous-Chefin „Josy“ war leicht geflämmt, hatte Knack durch Radi, Wasabi-Schärfe und nicht zu überbordende Säure aus einem Fruchtessig-Schaum. Alles stimmig und spannend.

Die nigiri konnten leider nicht mithalten. Durch das Rind 

zog sich eine unangenehme Sehne und am Gaumen war eine sehr süße Note federführend, sodass ich die Schärfe des angekündigten Ingwers um so deutlicher vermisste.

Zum Saibling waren Meerrettich-Crème und eine Sauce wohl auf Sojabasis zwar etwas erwartbar, aber natürlich stimmig.

Leider war der gepuffte Reis, der der eigentliche Clou der beiden nigiri sein sollte, nicht knusprig, sondern schlicht hart. Schwer zu kauen und dann noch klebrig in den Zähnen. Sehr schade, aber das war kein Genuss.

Weiter ging es mit den Austern. 

Große Tsarkayas, schön fleischig, sanft pochiert und nicht zu fest, am Gaumen nicht zu salzig. Dazu wurde eine milde Vinaigrette erfreulicherweise im Extra-Kännchen serviert, so dass man selbst dosieren konnte. 

Das war schon lecker.
Jetzt war auch ein Gläschen Champagner (Hausmarke, vermutlich Ruinart, s.o.) für 16€/0,15l genehm, der schon etwas lange offen, aber nicht wirklich zu bemängeln war. Trotzdem wurde nach meiner zurückhaltenden Reaktion eine neue Flasche geöffnet. Das war wiederum eine schöne Geste.

Der asiatisch-fränkische Hauptgang versprach so einiges: Auf der Haut kross gebratene Pekingentenbrust, süß-sauer eingelegte Pfifferlinge, Gewürzmajonäse, geflämmte Honigmelone. 

Das klang doch nach einem äußerst interessanten Aromenspiel. Die kräftigen Tranchen waren rosa gebraten und die Haut war in der Tat knusprig, 

soweit sehr gut. Leider keine asiatische Gewürzwelt, die auch die Majo nicht wirklich beisteuern konnte. Gut dagegen die kräftige Röstnote der Melone, die ich eher für eine Charentais hielt. Ein Totalausfall dagegen die Pilze. Eine süß-saure Note war kaum auszumachen. Zudem waren die Schwammerl höchstens lauwarm beim Servieren und kühlten schnell aus.
Gemessen an den Erwartungen war der Teller zwar nicht enttäuschend, aber doch unter den Möglichkeiten.

Zum Abschluss gab es (nicht völlig überraschend) statt Dessert verarbeiteten Käse: Alter Oberfälzer, ein Hartkäse, als Schaum, krosser Chip und Natur mit altem Balsamico. Abwechslungsreich und kräftig - ein guter Käsegang. Der Ziegenfrischkäse blieb auch mit Thymian und Himbeer-Texturen etwas blass. Trotzdem ein versöhnlicher Abschluss, den ich jederzeit wieder bestellen würde.
Leider war über der Frankenmetropole endgültig die Dunkelheit herein gebrochen und das einsame Windlicht auf dem Tisch ermöglichte noch so gerade eine risikofreie Nahrungsaufnahme. Aber beileibe keine vorzeigbaren Fotos mehr.

Bleibt das Fazit:
Das Imperial bietet durchaus engagierte Küche mit aktuell trendigem Asia-Twist. Also keine Schaumschlägerei, die sich nur auf den bekannten Namen verlässt. Die vollmundigen Ankündigungen der Homepage werden aber deutlich gerissen. Dazu agierte auch die Küche bei meinem Besuch mit zu vielen vermeidbaren Nachlässigkeiten. Daran sollten Alexander Herrmann und Michael Seitz arbeiten, denn Nürnberg hat gleich eine ganze Reihe von anspruchsvollen Restaurants, die noch deutlich die Nase vorn haben.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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