Zurück zu Astrein by Eric Werner
GastroGuide-User: tischnotizen
hat Astrein by Eric Werner in 50670 Köln bewertet.
vor 2 Monaten
"The Return of Crepinette & Strudel"

Geschrieben am 15.12.2019
Besucht am 21.09.2019 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 334 EUR
Die Krefelder Straße in Kölns Neustadt gehört nicht unbedingt zu den Vorzeigegegenden in der Domstadt. Spielsalons reihen sich an Dönerbuden und Kioske – der übliche Multikulti-Branchenmix halt. Und dennoch ist diese Straße schon lange Anziehungspunkt für Gourmets von weit her, denn mit dem „Le Moissonnier“ beherbergt es seit vielen Jahrzehnten eines der aufregendsten und ungewöhnlichsten Restaurants des Landes.
Nur wenige Häuser weiter und damit quasi in direkter Nachbarschaft hat Eric Werner mit dem „astrein“ den Sprung in die Selbständigkeit gewagt.

Der Wahlkölner hat lange Jahre in der mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichneten „Résidence“ in Essen gearbeitet. Zusammen mit Erik Arnecke, der heute im „Philip Soldan“ in Frankenberg einen Stern hält, ab 2015 dann als alleiniger Küchenchef wurden die zwei Sterne erfolgreich gehalten.
2017 dann der Wechsel nach Köln, wo er im Hotel „Im Wasserturm“ mit dem „Himmel un Äd“ ebenfalls mit einem Stern ausgezeichnet wurde, bis sich die Betreiber, nicht zum ersten Mal, entschlossen, sich dann doch wieder von der Gourmetküche in ihrer Bel-Étage zu verabschieden.

Nun also die Krefelder Straße. Im mit bunten Motivtapeten und bequemen Drehsesseln ausgestatteten Restaurant mit offener Küche, fällt als erstes auf, dass hier alle Köche klassische Kochmützen tragen, wie man sie nur noch selten sieht. Auf den ersten Blick ein ungewohnter Anblick, der aber Sinn macht, wenn man im Laufe des Abends das Menü verfolgt.

Es werden zwei Menüs angeboten, davon eines vegetarisch, in 5 -7 Gängen (89,-- - 109,--€), wobei die Gänge auch à la Carte und teilweise auch in Zwischengang-Portionen bestellt werden können.
Wir wählen das Fisch- und Fleisch-Menü, wobei ich den Hauptgang gegen einen Gang aus dem vegetarischen Angebot tausche.

Los geht es mit dreierlei Apéros, die von Eric Werner persönlich serviert werden.
Ein Hörnchen mit Waldorfsalat, ein Kartoffelkissen mit nussiger Linsencreme sowie ein Baiser mit mariniertem Rettich und Creme von grünem Rettich machen Spaß und sind schön gearbeitet.

Apéros
Apéros

Der erste Gang kreist um die Gillardeau-Auster, die es hier einmal in roher und in gelierter Form gibt. Eine Meerrettich-Kartoffelcreme, Algen, Chips und Kaviar sorgen für einen angenehm jodigen Ton und texturelle Abwechslung. Das ist elegant und sehr differenziert abgestimmt.

Zweierlei von der Gillardeau Auster No. 0, roh und geliert mit Passepierre, roten Algen, Meerrettich-Kartoffelcreme und Imperial Kaviar

Es folgen verschiedene Sorten sehr guten Brotes, Butter und eine Kräutercreme.

Brot, Butter, Kräutercreme

Mit einem ausgeprägten Texturspiel und Temperaturunterschieden kann auch der folgende Gang überzeugen. Kabeljau und cremiger Taschenkrebs finden sich in einer Kaltschale aus Melone und Kokos, die gar nicht so kalt, sondern tatsächlich eher lauwarm ist. Dies ist vermutlich der Tatsache geschuldet, dass heißer Fisch in kaltem Sud wohl doch wenig Sinn machen und den Fisch zu schnell abkühlen würde. Die Kaltschale aus Melone und Kokos wirkt in ihrer Exotik auf mich zunächst etwas ungewohnt, fast wie leicht parfümiert, fügt sich aber letztlich gut ein. Kartoffel für den Knusper und ein Eis von Apfel und Koriander setzen markante Akzente und sorgen für ein abwechslungsreiches Gericht. Trotz aller unterschiedlicher Komponenten passt das aber erstaunlich gut.

Duett von Kabeljau und Taschenkrebs mit Kokos-Melonen-Kaltschale und Eis von Koriander und Granny Smith

Die bretonische Scholle ist mutig gebraten und wirkt optisch wie fast verbrannt, ist es aber nicht. Der ordentliche Röstton gibt mächtigen Wumms. Ansonsten ist der Fisch alles andere als trocken. Im Gegensatz zu dem rustikalen Protagonisten geben sich das Ragout von fein geschnittenen breiten Bohnen und die Kartoffelspaghetti erstaunlich elegant. Dafür bleibt der Steinpilz seltsam blass. Aber in Summe ist auch dies eine fein abgestimmte Angelegenheit.

Bretonische Scholle mit Rotlingen, Kartoffelspaghetti und Ragout von breiten Bohnen

Makelloses klassisches Handwerk begegnet uns mit dem Strudel von Taube, Poularde als Farce und Leber. Was für eine Überraschung und Wohltat, bei all den wilden Kombinationen und Avantgarde-Menüs auch mal wieder ein derart traditionelles Gericht serviert zu bekommen, das fast wie aus der Zeit gefallen wirkt, weil sich viele Köche diese Arbeit halt nicht mehr machen. Wenn die hohen Kochmützen zu einem Gang passen, dann ganz sicherlich zu diesem.
Auch die hochkonzentrierte Sauce unterstreicht den klassischen Charakter perfekt. Schön auch das Püree von Herbsttrompeten, weniger orientalisch als angekündigt hingegen die Aubergine. Nichtsdestotrotz ein wunderbarer Gang.

Strudel von Bresse Geflügel, Taube, Poularde und Leber mit Aubergine orientalisch kandiert und Püree von Herbsttrompeten

Für meinen Mann geht es beim Hauptgang im Menü weiter mit Odenwälder Wildschwein. Mutmaßlich sous vide gegart ist es sehr zart und deftig eingefasst von einem Ragout aus den Bäckchen, dem Speck noch einen zusätzlich kräftigen Schub mitgibt.
Die Sauce ist erneut intensiv, die Fichtennadeln sind nicht explizit herauszuschmecken. Sehr gut.

Crepinette vom Odenwälder Wildschwein und Bäckchen, geschmorten Zwetschgen, Walnüssen und Fichtensprossen an Rosa-Pfeffer-Sauce

Ich habe mich für die vegetarische Alternative entschieden, weil mich von Anfang an die Krause Glucke angelacht hat. Wie oft hat man schon Gelegenheit, diesen ungewöhnlichen Pilz auf einer Karte zu finden? Hier kommt er gebraten auf einer Creme von Piemontaiser Haselnüssen, die auch dünn gehobelt für Crunch sorgen. Ansonsten gibt es noch Würfel von diversen Gemüsen, die akkurat gegart sind. Das ist zwar aufgrund seiner überwiegend cremig, weichen Textur ziemlich eindimensional, aber ohne Frage lecker.

Gebratene Krause Glucke mit Creme von Piemonteser Haselnuss

Uns ist an diesem Abend nicht nach zwei Desserts und so wählen wir jeder eines der beiden vorgesehenen.
Die Mirabelle im ersten Dessert ist zum einen als Sauce und als Geleeschicht in dem Quader aus Topfen-Vanille-Mousse, der mit insgesamt vier Schichten überzeugt. Das Kerbeleis präsentiert sich alles andere als kräutrig plakativ, sondern sehr fein und als frischer Gegenpart.

Mirabellen aus Brühl mit Topfen-Vanille-Mousse, karamellisierter Macadamianuss und Kerbeleis

Gleichermaßen klassisch auch der mit Orangensirup getränkte Savarin mit Dickmilch-Mousse und einem Himbeer-Sauerrahm-Eis. In einer früheren Version gab es dieses Eis auch mit Champagner. Darauf hätte ich mich natürlich besonders gefreut, aber auch diese Version ist frisch, füllig und sehr gut.

Savarin in Orangenblüten Sirup getränkt Dickmilch Mousse mit Zitronenthymian und marmoriertes Himbeer-Sauerrahm Eis

Mit vier feinen Mignardises schließt das Menü.

Petits Fours
Petits Fours

Im Gegensatz zu den mit den Toques recht formell wirkenden Köchinnen und Köchen agiert der überaus freundliche und flotte Service mitunter etwas überdreht. Das „Prösterchen“ ist aber durchaus von Herzen gemeint.
Und dass man sich an der noch ausbaufähigen Weinkarte schadlos halten kann, ist auch der fairen Kalkulation zu verdanken.

Eric Werner ist mit dem „astrein“ ein blitzsauberer Start gelungen. Das Restaurant ist gut besucht, das Mittagsangebot wurde bei immer noch günstigem Preis mittlerweile wohl etwas besser den Kundenwünschen angepasst. Aber vor allem mit den Abendmenüs lässt sich sein Stil am besten erfahren. Und der geht mit einer recht klassischen Ausrichtung durchaus gegen viele Trends. Oder ist es gar der neue Trend? Wilde, sperrige Kombinationen sind Werners Sache nicht, Regionalität ist kein Dogma und traditionelle Zubereitungen wie Crepinettes und Strudel dürfen hier ein willkommenes Comeback feiern. Harmonie und leichte Zugänglichkeit sind ihm wichtiger. Und damit hat er auch unseren Nerv getroffen.

Eines allerdings würde ich mir dennoch wünschen. Wir kamen an einem warmen September Abend ins „astrein“. So bequem die Sessel auch sind, so sehr machte uns die zusätzlich schweißtreibende Temperatur im Inneren zu schaffen. Auch die offene Küche könnte durchaus eine bessere Lüftung vertragen. Ich gehe davon aus, dass es nicht nur unserem küchennahen Platz geschuldet war, dass die Begleitumstände eher anstrengend waren. Eine Klimaanlage steht daher ganz oben auf meiner Wunschliste und dann komme ich auch gerne wieder. Denn das Essen hat es allemal verdient.


Bericht wie immer auch auf meinem Blog: tischnotizen.de/astrein-koeln/
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


Jens und 13 andere finden diese Bewertung hilfreich.

Huck und 13 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.