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GastroGuide-User: tischnotizen
hat Die Insel in 30519 Hannover bewertet.
vor 5 Monaten
"Lunch mit Selbstversuch"

Geschrieben am 06.07.2019 | Aktualisiert am 07.07.2019
Besucht am 18.05.2019 Besuchszeit: Mittagessen 6 Personen
Zu den kulinarischen Konstanten in Hannover gehört „Die Insel“ am Maschsee. Norbert Schu hat das Haus zu den regelmäßig am besten bewerteten Restaurants in der Landeshauptstadt gekocht, zwar nicht mehr mit Stern, aber verlässlichen 17 Punkten im Gault Millau.
Mit mittlerweile 66 Jahren muss Schu indes nicht mehr selbst am Herd stehen. Die Rolle des Gastgebers will schließlich auch ausgefüllt sein. Und die imposante Prominenten-Galerie im Treppenhaus macht deutlich, dass er sich darin wohl ohnehin auch sehr wohl fühlt.

In der Küche hat seit mittlerweile auch schon 17 Jahren Benjamin Meusel das Sagen, der das uneingeschränkte Vertrauen des Patrons genießt, und der für die Handschrift der Speisekarte steht, die eine eindeutig klassische Grundierung erkennen lässt.

Eine der weiteren angenehmen Konstanten der „Insel“ ist, dass man auch weiterhin mittags geöffnet hat. Die Karte ist dabei teilweise etwas rustikaler gehalten, weist aber auch einige Gerichte aus dem Abendprogramm auf. Damit kann man zu den sehr moderaten Preisen durchaus einen günstigen Einblick auch in die ansonsten durchaus kostspieligere“Insel“-Küche bekommen. Denn das Mittagsmenü ist seit langem preislich unverändert (1 Gang 17€, 2 Gänge 28€, 3 Gänge 36€, 4 Gänge 48€) und lässt sich frei aus 17 Gerichten selbst zusammenstellen.

Daneben gibt es noch eine Karte mit Tagesempfehlungen, die sich Austern, Kaviar, Trüffel und Gerichten mit den üblichen verdächtigen Luxusprodukten für 2 Personen widmet. Das ist dann allerdings natürlich nur zum „Insel“-Normaltarif zu bekommen.

Gratis indes ist der Blick von der schönen Terrasse, die bei unserem Besuch geöffnet ist, denn das Wetter meint es sehr gut mit uns an diesem Samstag Mittag, an dem sich relativ spontan und erneut innerhalb kurzer Zeit drei Paare aus dem erlauchten GG-Kreis zu einer kleinen Mahlzeit verabredet haben.

Terrasse

Befinden sich bei unserem Eintreffen noch alle Tische unter der großzügigen Markise im Schatten, ändert sich dies bereits mit der Vorspeise und ab da wird der beherzte Griff zum Besteck auch schon mal zu einer heißen Erfahrung. Meine Mitstreiter bieten mir im Laufe der Zeit zwar freundlich den Platztausch an, aber ich beschließe, das langsame Garen und Schmoren im Selbstversuch auszutesten.

Während sich einige am Tisch auch an den Tagesempfehlungen versuchen wie einem monströsen Austerntatar, das locker den Eiweißbedarf einer mittleren Kleinstadt abdecken könnte oder dem an der Gräte gebratenen Steinbutt für 2 Personen, entscheidet sich die Mehrzahl am Tisch für eine Auswahl aus dem Mittagsangebot.

Für mich klingt als Vorspeise der wilde grüne Spargel spannend, allerdings vor allem wegen der angekündigten Crème vom Baby-Kalamar. Der Teller enttäuscht indes in zweierlei Hinsicht. Der wilde Spargel ist normaler grüner Spargel. Das ist jetzt kein allzu großes Drama, weil ich den auch gerne esse, aber die Erklärungsversuche des wirklich freundlichen Service, als unser Tisch das hinterfragt, bleiben doch etwas hilflos.
Und dann ist da ja noch die Crème vom Kalamar, bei der wir uns im Vorfeld die Frage stellen, wie man aus dem mehrarmigen Getier wohl eine Creme herstellt. Und in der Tat ist es auch nur eine relativ dünne braune Flüssigkeit, die die Basis kaum erkennen lässt. Da war die Erwartungshaltung doch erheblich größer. So bleibt ein ordentlicher Spargelsalat mit einem schönen pochierten Ei und gutem Schinken. Nicht schlecht, aber eben nicht so aufregend wie es sich las.

Wilder grüner Spargel mit pochiertem Ei, Crème von Baby-Calamar und Livarschinken

Mein Göttergatte wählt das Vitello Tonnato, das von Benjamin Meusel auf erfrischend moderne Art interpretiert wird. Der Thunfisch ist hier tatsächlich noch einer und wird sandwich-artig zwischen Scheiben von Milchkalbfleisch geschichtet. Eine leichte Thunfischcreme erinnert noch am ehesten an das Original, Kapernäpfel und Sardellenfilet beamen das Gericht noch einmal zusätzlich in mediterrane Gefilde. Sehr schön.

Vitello tonnato - Big Eye Thunfisch mit geschmortem Milchkalb und Thunfischcrème -

Zum Bestellfavoriten am Tisch wird der folgende Zwischengang. Ravioli mit flüssiger Parmesanfüllung und Morcheln wissen denn auch völlig zu überzeugen. Die Füllung ist recht würzig, die Morcheln ordentlich bemessen und der Rahmspinat ergänzt die samtige Sauce mit schöner Cremigkeit. Das ist ein extremes Wohlfühlgericht.

Flüssige Parmesanravioli mit Rahmspinat und frischen Spitzmorcheln

Auf der anderen Seite des Tisches wird es deutlich rustikaler mit den Linguine all'arrabiata mit roter Garnele. Die Sauce ist würzig und sehr von Oliven dominiert, die Scampi von beachtlicher Größe. Das schmeckt gut, und würde jeder Trattoria alle Ehre machen. Indes ist die Portion schlichtweg viel zu groß als Zwischengang.

Linguine all’arrabbiata mit roter wilder Garnele

Nicht minder klein gestaltet sich auch mein Hauptgang. Zwei kross gebratene Filets von der Meeräsche thronen auf Kartoffelpüree und einer Sauce von frischen Erbsen, die als Wasabischaum annonciert ist. Die Schärfe bleibt jedoch sehr zurückhaltend. Aber vielleicht nehme ich das während meines eigenen Schmorvorgangs auch nur nicht mehr richtig wahr. Insgesamt ist das unkompliziert, gut zubereitet und lecker, aber halt auch ziemlich mächtig.

Kross gebratene Meeräsche mit süßen Erbsen und Wasabischaum

Sehr klassisch wird es auf dem Teller meines Mannes, der sich für den Tafelspitz in Meerrettichsauce entschieden hat. Das Fleisch ist herrlich mürbe und mit frischem Meerrettich, einer Nocke Apfelkren, reichlich Schnittlauch, Blattspinat und sehr guten Röstkartoffeln ergibt sich allerfeinste bürgerliche Küche. Vielleicht nicht unbedingt typisch für die abendliche Küchenlinie der „Insel“, aber allemal ein Gericht, mit dem man das Mittagspublikum zufrieden stellen kann.

Wiener Rindertafelspitz mit Meerrettichsoße, Apfelkren und Röstkartoffeln

Nach derart üppigen Portionen und quasi in zerfließender Selbstauflösung befindend, bedarf es schon einiger Überwindung, sich doch noch ein Dessert einzuverleiben. Andererseits ist die Stimmung ausgelassen, der Tag noch lang und mit halben Sachen geben wir uns sowieso nicht ab. Also muss der Eierlikörguglhupf her. Das klingt so herrlich nach Großmutter, dass ich das einfach probieren muss. Der Service erklärt uns freundlicherweise, dass es sich um Kleinexemplare handelt, was mir durchaus entgegen kommt. Dazu gibt es etwas Rhababerkompott, Baiser und ein paar Himbeeren. Das Haselnusseis hat eine etwas bröselige Struktur, was eindeutig auf gemahlene Nüsse hindeutet. Einige am Tisch mögen genau diese klar erkennbare Struktur, mir gefällt das weniger. Aber ganz offensichtlich ist das Ansichtssache. Insgesamt ist das traditionell und solide.

Eierlikör-Gugelhupf mit Haselnuss-Eis und Rhabarber-Kompott

Angesichts der hochsommerlichen Außentemperaturen hält sich unsere Gruppe mit dem Weinkonsum ein wenig zurück. Möglichkeiten, sich in der „Insel“ vinophil schadlos zu halten, gäbe es genug., denn die Weinkarte ist legendär und mit entsprechendem Budget könnte man aus beeindruckendem Sortiment von Burgund bis Bordeaux locker die Kreditkarte zum Glühen bringen. Wir suchen eher etwas im erschwinglicheren Preisbereich und werden mit Weinen vom Mosel-Weingut der Familie Schu und mit Südtiroler Chardonnay von Lageder fündig.
Etwas Sorgfalt sollte man bei den aufgerufenen Preisen allerdings walten lassen, wenn nahezu toter Schaumwein zum Gast gebracht wird. Wenn es nicht mehr perlt, gehört es nicht ins Glas.

So geht ein ausgiebiger Lunch mit feiner Aussicht und gutem Essen zu Ende. Benjamin Meusel schafft es, die Klassiker tadellos zuzubereiten und ihnen manchmal einen moderaten modernen Twist mitzugeben. Der Steinbutt wurde am Tisch hoch gelobt, an der Beurre Blanc hatte lediglich der Großinquisitor am Tisch ein wenig zu mäkeln. Nachdem die Sauciere jedoch die Runde bei den übrigen Gästen gemacht hatte, war klar, dass 5:1 Stimmen nicht täuschen können. Die fanden die Sauce perfekt.
Auch alle weiteren probierten Gänge konnten gefallen und vor allem der Ravioli stach hier qualitativ als Gericht heraus.

So sehr zu loben ist, dass man die Gäste nicht hungrig nach Hause schicken will, so sehr sollte man dennoch einige Portionsgrößen überdenken. Zumal im Rahmen eines mehrgängigen Menüs kommt man hier doch bei einigen Gerichten an seine Grenze.

Aber ansonsten ist „Die Insel“ auch weiterhin eine lobenswerte Konstante in Hannover und die Tatsache, hier nach wie vor ein schönes, abwechslungsreiches Mittagsangebot vorzufinden, sowieso aller Ehren wert.

P.S.: Nachdem dieser Beitrag geschrieben wurde, berichtet die Hannoversche Allgemeine Zeitung, dass sich Norbert Schu aus der "Insel" zurück ziehen wird. Neuer Eigentümer ist die Aspria-Gruppe, die auch das Fitness-Zentrum und Wellness-Hotel nebenan betreibt. Benjamin Meusel, der auch bisher bereits Gesellschafter war, und die übrige Mannschaft werden das Restaurant aber auf dem gewohnten Niveau weiterführen.


Bericht wie immer auch auf meinem Blog: http://tischnotizen.de/die-insel-hannover-2/
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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