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GastroGuide-User: hbeermann
hat Hindenburg Klassik in 30175 Hannover bewertet.
vor 4 Jahren
"Noch ein Spitzenitaliener in Hannover, zumindest beim Preisgefüge"
Verifiziert

Geschrieben am 27.09.2015 | Aktualisiert am 27.09.2015
Besucht am 25.09.2015
Mit Wirtschaftswunder (dem wahren Foodlover, dessen Profilname ja so schändlich gekapert wurde) und seiner Frau (bei RK Princess of Bavaria) waren wir um 19:30 im Hindenburg Klassik verabredet. Unser Taxi kam sehr früh, und durch beherztes Intervenieren konnten wir doch noch erreichen, dass er unser Ziel schnell fand. So waren wir eine Viertelstunde vor der Zeit da, und im Gesicht des Chefs waren große Fragezeichen zu sehen, als ich die Reservierungsdaten nannte. Eine dezente Lautäußerung aus einer Ecke offenbarte aber, dass unsere Freunde schon da waren. Hatten sie hier übernachtet?

Da Wirtschaftwunder ganz allein am Tisch residierte, fragte meine Frau, ob die Princess auch schon da sei, worauf ich ihr zu verstehen gab, das es sehr unwahrscheinlich sei, dass Wirtschaftswunder eine Damenjacke und eine Handtasche ohne die Besitzerin mitgebracht habe.

Schon tauchte die neu bebrillte und damit noch einmal ansehnlichere Dame aus den Tiefen des Restaurants auf und holte die Herzlichkeit nach, die wir bei der Begrüßung nach Betreten der Location vermisst hatten. Über die Toiletten berichtete sie, dass es eng, aber sauber sei.

Der Chef  überreichte uns die aufgeschlagenen weißen und sauberen  Karten im Vollformat und fragte, ob es schon einmal ein Aperitif sein solle. Champagner weiß für alle vier. Vier sehr schöne Champagnergläser, gefüllt mit hinreichend kühlem Serge Mathieu (12.-), kamen schnell. Dies half auch sehr beim Schlucken angesichts der ambitionierten Preise in der Karte. Gleich oben ein getrüffeltes Carpaccio vom deutschen Freilauf-Rind zu 24,50, und so ging es weiter (siehe Bild). Mit der mir eigenen Bescheidenheit wählte ich das ungetrüffelte Bison-Carpaccio mit Parmesancreme für 21.-.

Zuerst kam aber als Gruß aus der Küche ein heißes Melonensüppchen in dickwandigen spindelförmigen Gläsern. Die junge, sehr römisch aussehende Dame des Service beschied uns, die Gläser direkt auszutrinken. Meine Frau meinte, Hund und Katze würden sicher gern so schlabbern, sie eher weniger. Da meine Frau weiß, wie wichtig für mich der Rotwein zum Weißbrot ist, bat sie schnell um die Weinkarte. Aus dieser wählten Wirtschaftswunder und ich - wieder sehr bescheiden- den Villa Antinori. Beim Jahrgang ließen wir und vom Senior zum 2011er überzeugen. Mit 32.-war es einer der preisgünstigsten Weine in der Karte. Später sollte sich zeigen, dass wir nur 16.- bezahlt hatten, da eine der beiden Flaschen auf der Rechnung fehlte. In Verbindung mit dem schön frischen Weißbrot machte mich das glücklich. Im Brotkorb lagen drei Sorten, im ersten auch ein dunkles, sehr schmackhaftes Weißbrot (Gaues?), im zweiten nur noch helles. Der Wein war ein gute Wahl.

Mein Bison-Carpaccio war sehr schmackhaft, aber äußerst übersichtlich (siehe Bild). Ich hätte vielleicht auf das darüber gestreute Fleur de Sel verzichtet, da ich den Fleischgeschmack über alles schätze.

Meine Frau hatte einen Blattsalat mit Wachtelstücken (19,50). Letztere waren perfekt. Der Salat allerdings wirkte sehr nach Spaziergang am Waldrand und immer mal etwas abgerupft. Es gab deutlich zu wenig Dressing.

Wirtschaftswunder und ich hatten das Bison-T-Bone bestellt, das in der Karte nur ohne Gewichtsangabe und Preis erschien. Ich hatte also gefragt, damit ich nicht von einem dreistelligen Preis überrascht würde. Der Chef berichtete: ja - er sei so einer, der ein halbes Bison kaufe und es dann einem Schlachter gebe zum Zerlegen. Dabei seien die T-Bones ein wenig dünn geraten, 300 g. Ich meinte, bei hinreichend hoher Temperatur könne ja auch dies schmackhaft gelingen. Es fand sich dann mit 36.- auf der Rechnung. Wir bekamen es medium-rare mit guten Röstaromen. In einer gebrauchten, aber gut gereinigten  339-Gramm-Osetra-Dose kamen senkrecht gestellte Pommes frites, die am Tisch mit reichlich Trüffel überhobelt wurden. Ich überließ Wirtschaftswunder den Großteil der kleinen Portion, weil mir pures T-Bone eigentlich völlig genügt. Die Pommes frites wurden in der Dose auch recht schnell weich.

Unsere beiden Frauen hatten das Rinderfilet bestellt, bei meiner Frau ohne Pilze und medium, bei Princess medium-rare. Ein Unterschied beim Garungsgrad war nicht festzustellen. Immerhin ist hier der Begriff des veritablen Klumpens wieder gerechtfertigt. Da ich probieren durfte, kann ich sagen, dass es nicht schlechter war als mein Bison. Es kostete ja auch immerhin 42 Euro.

Bei den Beilagen wurde die Armseligkeit italienischer Zugaben auf die Spitze getrieben. Ich bin nun einmal kein Fan der Paläo-Diät und halte die Entdeckung des Feuers für eine der größten der Menschheit. Meine Frau hatte gleich zu Beginn wegen des Verzichts auf Pilze nach einer alternativen Beilage gefragt. Der Chef gab ihr die dürftige Auskunft, sie könne alles bekommen, was sie auf der Karte finde. Meine Frau fand Broccoli. Der sei nicht geeignet, man sei nun einmal etwas verspielter als andere. Darum werde dies nur püriert geliefert. Das Schicksal nahm seinen Lauf in Form einiger in schwach gesalzenem Wasser blanchierten Würfeln verschiedener harter Gemüsesorten. Meine Frau fand es abstoßend und orderte nach. Ja, sie könne in zehn Minuten Pommes frites bekommen. Prachtvoll! In einer 113-Gramm-Osetra-Dose kamen schließlich ein paar der Kartoffelstäbe.

Ich bin der Meinung, dass ein wenig Anpassung an deutsche Gebräuche manchmal nichts schaden könnte. Gemüse bezieht m.E. seinen hauptsächlichen Geschmack aus der Zubereitung. Meine bissfest glasierten Möhren oder der Spargel ohne das Hinzufügen von Wasser entzücken immer wieder. Broccoli, in kräftiger Brühe bissfest gegart, mit Muskatblüte und Olivenöl verfeinert oder Bratkartoffeln aus frischen Edelkartoffeln mit Zwiebel, Lardo, Kampot-Pfeffer und Fleur de Sel schmecken toll. Warum perfektionieren die guten Italiener den Purismus? 
Das Dessert, ein Tiramisu, das hier nicht so genannt wurde, mit frischen Früchten war wieder gut. So soll Tiramisu schmecken.

Der Abschluss war generös mit drei Bränden aufs Haus. Einmal die Walderdbeere von Michael Hilgert, sein absolutes Spitzenprodukt, zweimal ein Barrique-Grappa aus einer Großflasche mit kleinefingerdickem Hals.
Der Service war eine Stufe unterhalb von Tesoro und Francesca. Stammkundenkonversation ist wichtiger als Aufmerksamkeit am Tisch. Das Magnus-Wasser war häufig ausgetrunken.

Das Ambiente ist für mich sehr ansprechend. Spiegel vom Boden bis zu Decke geben Tiefe im Raum. Die Originalbilder an den Wänden waren sehr schön. Eine Karte der Künstlerin wurde meiner Frau versprochen, aber dann doch nicht ausgehändigt. Immerhin bekamen wir den Namen. Die Tische waren gut gedeckt. Sie stehen nicht zu eng. Die Stühle, mit grauem Stoff bezogen und an Sitzfläche und Rücken gepolstert, erlauben langes Verweilen.

Nach Küchenreise eine klare 3 - wenn es sich wieder ergibt.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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