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GastroGuide-User: x2x
hat Al Howara in 42103 Wuppertal bewertet.
vor 3 Jahren
"Da drückt Allah auch mal ein Auge zu"
Verifiziert

Geschrieben am 18.10.2016 | Aktualisiert am 19.10.2016
Besucht am 16.09.2016 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen
* Manchmal fragt man sich warum es Restaurants gibt, die man immer mal wieder besucht, obwohl man bereits auf Grund von mehrfachen Erfahrungen deren ein oder andere (kleine) Schwächen kennt. Zum Al Howara in Wuppertal zieht es uns immer mal wieder hin, weil wir zwischendurch die arabische Küche mögen und die beiden anderen arabischen Restaurants (das Mamounia hat wieder geöffnet) in der Stadt nicht die Qualität des Al Howara erreichen. Zudem sind wir keine Erbsenzähler, die nach Defiziten suchen und jeden kleinsten Mangel sofort beklagen. Entscheidend ist der Gesamteindruck. Zu den kleinen Schwächen später mehr. - Das Restaurants liegt am Rande der City, wenige Minuten vom Wuppertal-Hbf entfernt. Vor etwa 10 Jahren am jetzigen Standort in einer ehemaligen Textilfabrik eröffnet, hat das Haus sicherlich schon gute 100 Jahre auf dem Buckel. Vor den Kellerfenstern fließt direkt die Wupper, ein Fluss in dem sich inzwischen wieder Lachse und Forellen sehr wohl fühlen. Vielleicht kann man hier in 10 oder mehr Jahren die Angel einfach aus dem Kellerfenster hängen lassen.

* Wenn man das Al Howara betritt, ist man in einer anderen - sehr orientalischen Welt. Das Restaurant ist maurisch-orientalisch ausgestattet und entsprechend dekoriert. Selbst die Fensterumrandungen haben ein angepasstes Design. Schaut man durch die Fenster hinaus - Erstbesucher sind meistens überrascht - erkennt und hört man die Wuppertaler-Schwebebahn, die unmittelbar an den Fenstern direkt vorbeifährt. Allerdings sollte nach nun 10 Jahren mal das ein oder andere im Al Howara überarbeitet oder renoviert werden. Mit ein paar wenigen Raumteilern und einem anderen Bodenbelag, könnte man den Geräuschpegel bei Vollauslastung bestimmt reduzieren, denn der ist schon grenzwertig. Das soll bitte nicht als Kritik verstanden werden, nur als Anregung.

* Wir wurden von einer jungen Dame freundlich begrüßt, der reservierte Tisch befand sich in der Nähe eines Fensters - nett und einladend. Die Dame brachte sogleich die Karten und fragte, ob wir schon Getränkewünsche hätten oder doch erst entscheiden möchten was wir essen. Nun wir hatten Getränkewünsche. Meine Dame bestellte mal wieder einen libanesischen Weißwein, obwohl der eigentlich immer (nach ihrer Aussage) zuviel Säure hat. Wein wird zwar in Marokko, Tunesien, Ägypten und eben auch im Libanon angebaut, es sind allerdings bis auf wenige Ausnahmen keine hochwertigen Weine, als Tischweine aber soweit okay. Allah weiß schon warum er sich eigentlich gegen den Konsum von Alkohol stellt und gönnt daher den Gläubigen nicht unbedingt den besten Wein. Ich beschränkte mich auf ein Bier aus deutschen Landen, obwohl im Nahen Osten und Nordafrika gutes Bier gebraut wird. Allerdings wurden dort viele Brauereien inzwischen von einer nicht ganz unbekannten Brauerei aus den Niederlanden aufgekauft. Bleibt zu hoffen das Heinecken nicht noch irgendwann das Bier orange einfärbt. - Nun denn, der Wein wurde serviert und Hasimausi reklamiert bei mir nicht den hohen Säuregehalt. Ich war erstaunt. Mein Bier war orientalisch gezapft.

* Da wir die Karte kannten, brauchten wir nicht lange überlegen. Wir orderten als Vorspeise (20,- Euro)  die "15 Kleinen Teller mit kalten und warmen Vorspeisen". Wer arabisches Essen genießen will, sollte immer eine Auswahl der zahlreichen Vorspeisen (Mezze) bestellen. Damit kann man im Grundsatz keinen Fehler machen. Als Hauptgerichte wählten wir für meine Dame ein Lammrückenfilet (knapp 17,- Euro) und für mich Lamm+Lammhack+Geflügel für knapp 19,- Euro. Die freundliche Fatima (Name ausdrücklich geändert) nahm die Bestellung auf und meinte wir hätten das Richtige gewählt. - Das Restaurant füllte sich zunehmend, wie fast immer wenn wir bisher hier gegessen haben. Schon war Fatima wieder da um 15 (!!) kleine Teller zu servieren. Dabei ist es üblich, dass bei jedem abgestellten Tellerchen die Ansage erfolgt, was da gerade serviert wird. Diese Ansagen gibt es in jedem arabischen Restaurant - egal ob hier in Allemagne oder 3.000 bis 3.500 Kilometer südöstlich von hier. Nun gebe ich gerne zu, dass man sich im fortgeschrittenen Alter davon kaum mehr als 7 oder 8 Inhalte der Tellerchen/Schälchen merken kann. Hier nachstehend trotzdem der Versuch: *Gebratener Käse, *Auberginen Püree, *Gurken mit ganz viel Yoghurt, *Teigtaschen gefüllt mit Lammfleisch, *Weinblätter mit Käsecreme gefüllt, *Verschiedene Fischpasteten, *Lammhackbällchen, *Garnelen in Olivenöl usw. usw. usw. Dazu natürlich viel warmes Fladenbrot. Bei den Vorspeisen wird Olivenöl großzügig verwendet. Knoblauch mal mehr mal weniger. - Zu Verwunderung von Hasimausi prüfte ich die 15 Vorspeisen zunächst sehr sorgfältig. Bekannte hatten uns nämlich berichtet, dass man neuerdings im Al Howara die Vorspeisen weniger fisch-und fleischlastig servieren würde. Wenn ein Restaurant das macht und den "Grünanteil" höher fährt, kann das nur zwei Gründe haben. Entweder man reduziert die Anteile von Fisch und Fleisch um im Einkauf zu sparen, weil bekanntlich der Wareneinkauf für "Grünfutter" deutlich günstiger ist oder man folgt der aktuellen vegetarischen - und noch schlimmer der veganen Trendwelle, die gerade Deutschland völlig überschwemmt. Dagegen ist im Grunde nichts zu sagen, solange mich diese Welle nicht erreicht und trifft. Bei genauer Betrachtung offenbarte sich nicht das was ich befürchtet hatte. Der Anteil der fleischigen und fischigen Produkte lag immer noch bei guten 50%. Das Al Howara war also nicht auf dem Weg sich zum Veggie-Restaurant zu wandeln. Dafür an Allah ein ganz herzliches Dankeschön (Shukran). - Wir waren mit den Vorspeisen mal wieder sehr zufrieden und gelobten beim nächsten Mal nur die kleinere Variante (10 Kleine Teller) zu bestellen. Es wird wohl wieder bei diesem Vorsatz bleiben. - Fatima fragte aufmerksam nach, ob sie mit dem servieren der Hauptgerichte noch etwas warten soll. Dankbar sagten wir dazu ja und Hasimausi bestellte sich noch einen libanesischen Weißwein. Sie wissen schon, der der angeblich soviel Säure hat. Mein Empfehlung das zum Lamm ein kräftiger Roter passender wäre, wurde ignoriert.

* Wie gewünscht servierte eine Kollegin von Fatima die Hauptgerichte etwas später, auf den in arabischen Ländern gerne verwendeten rustikalen, bunten Keramik-Tellern. Das für Hasimausi bestimmte Lammfilet machte nicht nur optisch einen guten Eindruck. Mein Dame bestätigte ausdrücklich die (rosa) Qualität und dass das Fleisch sehr zart sei. Der Salat sah ebenso gefällig aus, aber das Volumen des Basmati-Reis erschien mir etwas überdimensioniert. Wer braucht schon so viel Duftreis ? Das die dazu servierte Chilisauce bei meiner Dame kurzzeitig zu Atemnot führte, hatte Sie wohl selber zu verantworten. Mein spontaner Ratschlag, die "Chili-Atemnot" mit säurehaltigem Wein aus dem Libanon zu bekämpfen, löste einen giftigen Blick aus. - Auch auf meinem Teller hatte man (über) reichlich Basmati-Reis serviert. Mein kleines Lammfilet, das Lammhackfleisch und ebenso das Hähnchenfleisch - alles ohne Tadel. Nahezu perfekt zubereitet, eine wirklich gute Fleischqualität. Dazu ein eher unscheinbarer Salat. Aber die Yoghurt-Knoblauch-Sauce zum Fleisch, würzig, lecker, klasse. Hoher Zufriedenheitsgrad, mit einer Einschränkung. Wie auch schon in der Vergangenheit erlebt, sollte man in der Küche des Al Howara die Teller mit etwas mehr Sorgfalt anrichten. Das Auge isst bekanntlich mit. Deswegen muss man natürlich keinen Foodstylisten einstellen, aber etwas sorgfältiger die Teller gestalten, würde dem Al Howara gut stehen. 

* Die Kollegin von Fatima servierte ab und frage nach unseren Dessertwünschen. Baklava oder andere arabische süße Verlockungen ? Sorry, aber nach den Vorspeisen und den ebenso nicht sparsam portionierten Hauptgerichten wollten wir uns nur auf arabischen Kaffee mit einem Digestif beschränken. Leider bietet die Karte - wie in nahezu allen arabischen Restaurants in Deutschland auch - keine Spirituosen aus arabischen Ländern an, obwohl es dort das ein oder andere gute Produkt gibt, beispielsweise Boukha. Ein Feigen-Brand aus Nordafrika, der durchaus mit ordentlichen deutschen Obstbränden mithalten kann. Oder alternativ und besonders für die Damenwelt geeignet, der Thibarine, ein wohlschmeckender Likör aus Datteln, an dem sogar Udo Lindenberg (Likörchen Udo) seine Freude hätte. Für 20,- oder 30,-Euro je Flasche (je nach Qualität) kann man diese arabischen Digestif-Magenschmeichler problemlos online ordern. Warum sie in arabischen Restaurants in Deutschland fast nirgendwo angeboten werden - ein Rätsel. Das Ambiente - arabisch ! Das Essen - arabisch ! Aber beim Digestif soll der Gast einen Grappa oder Ramazotti aus Italien trinken ? Oder noch schlimmer, einen Ouzo aus dem EU-subventionierten Griechenland ? Oder noch viel schlimmer, einen Jägermeister - bäh ! Also liebe arabischen Gastrobetreiber, versteht es als Anregung.

Fazit: Wir waren zufrieden. In der Vergangenheit agiert der Service manchmal etwas wenig organisiert und auch fallweise etwas rustikal. Das war heute nicht der Fall, ganz im Gegenteil. Aufmerksam, flott, freundlich und immer ein Auge für leere Teller und leere Gläser. Dafür gerne 4,5 Sterne. Das Essen hat 4 Sterne verdient, mit optischen Verbesserungen sicherlich demnächst 4,5 Sterne. Das Ambiente werten wir mit 3,5 Sternen, da das ein oder andere mal renoviert werden müsste und am Geräuschpegel sollte man auch mal arbeiten. Trotzdem verdient der Gesamteindruck 4 Sterne. 

Shukran !
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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