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GastroGuide-User: Shaneymac
hat L'Osteria in 40764 Langenfeld bewertet.
vor 2 Jahren
"Ist „L'Osteria“ das bessere „Vapiano“? Ein Selbstversuch in Langenfeld…"
Verifiziert

Geschrieben am 20.08.2017 | Aktualisiert am 20.08.2017
Besucht am 15.08.2017 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 27 EUR
 Zugegeben, mir sind Restaurantketten ein Gräuel, von den Fastfood-Riesen möchte ich gar nicht erst sprechen.

Denn dort, wo Individualität in der Küche naturgemäß keine Rolle spielen kann, wird nur allzu gerne mit den Instrumenten des Marketings eine unglaubwürdige Scheinwelt kreiert.

So auch hierzulande im italienischen Genre: Alles, aber auch alles sei hausgemacht, alles molto autentico zubereitet und Deutschlands größter Marktteilnehmer pflanzt sogar Olivenbäume in die stereotypen Gasträume um den Eindruck zu erwecken, das hinter den Kulissen stets Horden von italienischen Mamas wuseln und die unmotivierten, tranigen Studenten hinter den genormten Aufwärmstationen heute reiner Zufall seien; krankheitsbedingt.

Dementsprechend ließ mich die Eröffnung dieser Filiale von L'Osteria vor einiger Zeit vorsichtig ausgedrückt nicht unbedingt spontane Juchzer der Vorfreude hinausposaunen, ich nahm es in etwa so interessiert zur Kenntnis wie die Eröffnung eines neuen Möbelhauses in Köln Kalk.

In letzter Zeit sollten sich aber auch ansonsten ernstzunehmende Stimmen im Umfeld mit positiver Rückmeldung mehren, zwar immer mit einem hektisch nachgeschobenen „also ich meine für eine Kette wirklich gut, besser als Vapiano“, aber der Verweis auf die riesigen, „hauchdünnen“ Pizzen setzte idealisierendes Kopfkino in Gang.

Schließlich wird sie vermutlich nie enden, die ewige Suche nach der perfekten Pizza, und so ließ ich mich an diesem - zunächst - sonnigen Urlaubstag auf ein neues Kapitel auf dieser ein.

Die Anfahrt gestaltete sich holprig, das Gebäude und der geräumige Parkplatz wurden mitten in ein kleines neues Gewerbegebiet gebaut, dass fast unmittelbar an eine Wohnsiedlung angrenzt.

Im Zuge dessen hat man die Verkehrsführung geändert um dem Wohngebiet den Durchgangsverkehr zu ersparen, das allerdings weiß noch kein Navigationssystem dieser Welt und die Beschilderung vor Ort ist eine Frechheit - zumal das Schild an der ursprünglichen Route durch das Wohngebiet umgetreten wurde und halb im Graben hängend seinen Zweck nicht unbedingt gut erfüllt.

So gurkte man also noch einige Minuten ratlos in der Gegend rum, bis man verstand das es eine sehr kreative neue Route mit einer einspurigen Unterführung unter der Landstraße gibt, die wiederum durch eine Ampel kontrolliert wird.

Wer auch immer sich das ausdachte hat sicher eine Menge Spaß an seinem Job und geht jeden Abend wirr kichernd zufrieden nach Hause, zumindest die Beschilderung könnte man wirklich verbessern, eine Zumutung in der jetzigen Form.

Hat man sich dann dank pfadfinderischer Ausnahmeleistungen zum Lokal vorgekämpft galoppieren beim Anblick der billigen, freitragenden Freizeitparkarchitektur direkt wieder alle Vorurteile, die ich diesen Gastro-Konzepten gegenüber pflege.

Außenansicht

Man zitiert brutal US-Italienische Klischees und das schon im Aussenbereich. Auf dem schmucklosen Parkplatz in Langenfeld entstand ein kulissenhafter Leichtbau, den man optisch in massiver Bauweise eigentlich so eher im Chicago des ausgehenden 19. Jahrhunderts verorten würde; Samba in Mettmann.

Das gewisse kulissenhafte setzt sich beim Eintreten in den Gastraum fort, die hallenartigen Räume bieten freien Blick auf die Stahlträger der Dachkonstruktion, führen draußen Achterbahnen würde man sich ohne weiteres in Disneyworld wähnen.

Bar

Der Hang zur künstlichen Nostalgie wird auch im Inneren fortgeführt, die Decke zieren Vintage-Industrielampen mit Glühfaden-Birnen, die grünen Kunstleder-Sofas zitieren Chesterfield, die Tische ohne Decken, Besteck und Papierservietten finden sich dort auf Tellern liegend zur Selbstbedienung.

Wintergarten

Das Restaurant war in etwa zur Hälfte gefüllt, der Lärmpegel daher gerade noch erträglich, die Kellner zu meiner Überraschung nicht in den üblichen „Polo mit Logostick“ Outfits sondern individuell gekleidet; die Damen eher in schwarz, ein junger Mann mit Jeans und Karohemd, allesamt studentisches Milieu.



Wir wurden bemerkt, ein freundliches Hallo von einer jungen Service-Dame Anfang 20 und wir suchten uns einen netten Tisch am Rande des Geschehens im Wintergarten.

Die Karten wurden gereicht, Getränkewünsche erfragt, das bestellte kleine SP (0,25l zu 3€) und eine Cola Light (0,3l zu 3€)wurden alsbald von Mr. Karohemd unbeholfen auf dem Tisch platziert, Einschenken darf der Gast selbst und etwas Eis und Zitrone in Softdrinks hält man hier wohl auch eher für überbewertet.
 
Das Angebot auf den Karten liest sich überraschend positiv, sogar saisonales bot man feil http://losteria.de/menu/woche/ und die Pasta und Pizza Variationen bisweilen kreativ im Ansatz, auch wenn natürlich die notorische Hawaii Pizza und umsatzbringende Zugeständnisse an deutsche Gaumen nicht fehlen dürfen.

Madame hatte hier schon ihren Damen-Stammtisch und wusste zu berichten, dass die Wagenrad-großen Pizzen hier gerne geteilt werden und daher auch hälftig getrennt belegt bestellt werden können.

Das ließ Raum für eine Vorspeise, ein Vitello geht immer und wer das verhunzt, kann auch nicht viel anderes dachte ich, also bestellt, dazu eine Pizza, einmal halb mit scharfer Salsiccia, die andere Hälfte als Margherita.

Vitello Tonnato – 9,50€

Wir wollten die Vorspeise teilen, die junge Dame hatte sich das gemerkt, mit etwas Brot kamen vorab zwei kleine Tellerchen. Das Brot erinnerte an ein Pane Pugliese, die Laibe liegen zum Aufschneiden bereit an einer Service-Konsole in der Mitte des Wintergartens, es war daher frisch und Krume und Kruste schmackhaft.

Brot
 
Das Vitello wurde serviert und ich wurde zumindest optisch positiv überrascht: Rosa Kalbsnuss, schöne Kapern, eine kleine Garnitur aus Rucola und Tomate  - nicht die unappetitliche graue Pfütze als die das Gericht meist daherkommt.
 
Das Fleisch war gut, es war zart, mit frischem Pfeffer gewürzt und da es Zimmertemperatur hatte, konnte man seinen Eigengeschmack gut wahrnehmen. 

Vitello Tonnato


Die Thunfisch-Sauce solide aber keine Offenbarung, mir einen Hauch zu säuerlich aber durchaus schmackhaft, ich tunkte Brot, bastelte kleine Häppchen und versuchte einen großen Teil des verbliebenen Publikums zu ignorieren.

Dieses rekrutierte sich nunmehr aus Latte Macchiato Muttis mit plärrenden Emil-Finns, Geschäftsleuten mit zurückgegelten Haaren und schlecht sitzenden Anzügen, die sich jedoch laut Gang und Körpersprache alleine mit ihrem Dispokredit jederzeit einen privaten Flugzeugträger leisten könnten, sowie jungen Hipsterpärchen die sich aus Düsseldorf verlaufen hatten und sich daher in dem prätentiösen Pappmache Kasten naturgemäß sichtlich wohlfühlten.
 
Die Vorspeise mundete trotzdem, das habe ich schon wesentlich schlechter bekommen, auch in der Kategorie „besserer Italiener“, so sehr es auch schmerzt das zugeben zu müssen.

Spürbare Abzüge in der B-Note allerdings für den gereichten Salzstreuer. Statt ein nettes Set aus zwei Mühlen auf den Tischen zu haben, reichte man mir in Sachen Salz eine zwar randvolle, allerdings völlig abgeranzte Dose Meersalz, ich denke hier sagt ein Bild mehr als tausend Worte.

Ich habe gehadert, ob ich es hochladen soll, aber wer einem Gast so etwas überreicht sollte auch dazu stehen können, auch in der Öffentlichkeit und ich bin eigentlich nicht gerade überempfindlich:

Pfui (bitte anklicken weil Bild im Text beschnitten)
 
Bei der Gelegenheit die Anmerkung, dass Tische und Böden auch gerne mal öfter gefegt bzw. gewischt werden könnten, das machte teilweise einen doch etwas ungepflegten Eindruck und das ich mein Wasserglas zunächst mit einer Serviette von Spülmaschinenrückständen befreien musste und es fast reklamierte, sei auch erwähnt.

Nach der Vorspeise dauerte es über 25 Minuten bis unsere Pizza-Hälften heranrauschten und wir saßen dabei eine geraume Zeit vor unseren leeren Vorspeisentellern, und das obwohl das Lokal mittlerweile nur noch sehr überschaubar besucht war.

Pizza ½ „Salsiccia Picante“ & ½ Margherita – 11,75€

Nun, „size matters“, soviel war klar als dieses halbierte Monster auf dem Tisch kam, aber es war durch den wirklich dünnen Teig bei weitem nicht so schlimm wie gedacht was die zunehmende Sättigung anging.



Mein Belag warf Fragen auf, ich dachte ich erhalte das Brät von scharfer Salsiccia, stattdessen bekam ich eine Art Salami. Ein Blick in die Karte offenbarte, die Pizza titelt zwar mit Salsciccia, bei der Listung der Beläge aber heißt es „scharfe Peperoni Salami“, aha, ich sollte wohl immer zweimal lesen - ich war enttäuscht.

Pizza "Salsiccia" Piccante

Zumal die spärlich vorhandene Wurst nicht wirklich ideal war, sie war zu dick geschnitten, unterwürzt in jeder Beziehung bis auf eine leichte Schärfe und einfach zu mager gewesen.

Wenn man schon dieses US-italienische Flair im Konzept so pflegt, dann sollten die Betreiber vielleicht mal über den großen Teich schauen, wie ein klassischer „Peperoni Pie“ in NY aussieht  mit all seiner greasy Glory, seinen dutzenden dünnen, fettigen Wurstscheibchen, die an den Rändern ausknuspern, sich nach oben wölben und eine sündige Liaison mit dem Mozzarella eingehen.

Hier also hatte ich acht gummiartige kleine Wurstscheiben, eine Kirschtomate und etwas Basilkum, immerhin offenbarte ein Blick unter den Rundling ein akzeptables Backergebnis:



Größenbedingt war der Teig aber trotz einer gewissen Knusprigkeit nicht standhaft genug, um ein Stück aus der Hand essen zu können, was sich aber aufgrund der Tatsache, dass ich noch etwas Chili-Öl dazugab, ohnehin nicht empfahl.

Die Pizzaiola eher zurückhaltend im Geschmack, dumpf süßlich, mir etwas zu süß und den Tomatengeschmack damit nicht unterstützend.

Der Teig geschmacklich auch eher unauffällig, schön in der Textur durch Grana Duro Einsatz (ich vermute mal…), aber auch nicht unbedingt ein italophiles Gaumengroßfeuerwerk.

Madame gefiel es etwas besser als mir, aber auch die andere Tischseite bemängelte die indifferente Pizzaiola mit ihrer eindimensionalen milden Süße, auf den Einsatz von Salz verzichtete auch sie aus obigen Gründen.

Alles in allem durchaus essbar, aber dafür würde ich sicher keine Anfahrt in Kauf nehmen und würde man mich zwingen würde ich sicher eine andere Pizza wählen. 

Ein Dessert hätten wir beide nicht mehr geschafft, ich ließ sogar noch ein Stück meines halben Wagenrades liegen und fragte nach der Rechnung, die Bezahlung konnte problemlos am Tisch per EC Karte erfolgen.

Die Verabschiedung freundlich und Systemgastronomie-typisch mit einer leichten Plastiklächeln-Affinität, aber das ist vielleicht etwas fies formuliert, die junge Dame war wirklich freundlich und zugänglich, es sind eben diese ritualisierten Umgangsformen die man den Teams gerne indoktriniert.

Fazit

Licht und Schatten nah beieinander, die Vorspeise im Kontext von Preis und Anspruch klare vier Sterne, meine „Salsiccia ach nein doch Salami“ Variante enttäuschte mich aus obigen Gründen, 4+2=6, also drei Sterne für das Essen als sicher faires Fazit.

Der Service nun ja, die üblichen ungelernten Kräfte, man bestellt, wird bedient, und das durchaus freundlich, 3 Sterne weil man hier auch nicht viel mehr erwarten kann.

Das Ambiente? Für manche junge Familien mit Kindern sicher 5 Sterne, es gibt draußen einen Spielplatz, es ist laut und kürmelig, die Blagen dürfen rumtoben und hey, ist das nicht alles toll dekoriert und wow, wie in America hier! Für mich 1 Stern: viel zu laut, viel zu künstlich, viel zu gewollt, entsprechendes Publikum.

Die Sauberkeit? Selten, dass ich nicht 5 Sterne gebe wenn mir nicht augenfällige Dinge auffallen, hier 2,5 Sterne, Gründe siehe oben.

Das PLV? Nun, wenn es eines nicht war in der L’Osteria, dann teuer, daher freundliche 3 Sterne in der Gesamtschau.
 
Somit bleibe ich noch die Antwort schuldig, ob die L’Osteria das bessere Vapiano ist und die klare Antwort darauf ist: Ja!

Denn es gibt eine Bedienung, keine Aufwärmstudenten und eine bessere Karte, im Zweifel würde ich der L’Osteria den Vorzug geben, wenn ich wider Erwarten einmal in die Situation kommen würde, mich zwischen beiden entscheiden zu müssen.

So, isch habe fertig und freue mich diebisch auf morgen, es geht ab in den Süden, die liebe Obacht! ruft und mit ihr die gute bayerische und sonstige Küche in GAP, ich werde berichten!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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