Deych
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Lübecker Straße 37, 28203 Bremen
Restaurant Bistro Bar Catering
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GastroGuide-User: DerBorgfelder
hat Deych in 28203 Bremen bewertet.
vor 5 Jahren
"Newcomer, der Maßstäbe setzt!"
Verifiziert

Geschrieben am 21.09.2015 | Aktualisiert am 22.09.2015
Besucht am 09.09.2015
In einer der stilleren Wohnstraße im hinteren Teil des Bremer Amüsierbezirks Steintor (aka Das Viertel) hat nach umfassender Renovierung in den Räumen des ehemaligen Divino nun das Deych eröffnet. Der Name weist auf den nahen Weserdeich hin. Aber, Moment mal: Deich mit y? Und das ohne erkennbaren Sinn (wie z. B. Mittelalter-Schmausereien)? Das kann heutzutage nur eines bedeuten: HIPSTER-Alarm!!!
Also, schnell den Hipster-Check:
1. Trägt der Koch Vollbart und ist schwer tätowiert? Check!
2. Gibt es wie zufällig Hinweise auf schwer angesagte Locations bevorzugt aus Williamsburg oder Notting Hill, aber mindestens PrenzlBerg? Check!
3. Werden "weltbeste" o. ä. Produkte angepriesen, die dann völlig enttäuschend kulinarisch verwendet werden? Check!
4. Verfügt der Laden über das ultimative Kochgerät, wahlweise direkt aus NASA-Entwicklung oder schamanischer Tradition? Check!
5. Stehen mindestens 10 Gin-, 15 Rum- und 20 Whisk(e)y-Sorten auf der Karte? Check! Check!! Check!!!
Oje.
Rückwärts wieder raus oder Augen zu und durch?
Für den Bremer Gastro-Chronisten gilt natürlich: Buten und binnen - Wagen und...Winnen!

Für die kleine Terrasse mit recht ansprechendem Außenmobiliar schien mir der Abend schon zu kühl. So trat ich ein. Der erste Raum wird von der gut ausgestatteten Theke mit aktueller farbiger Beleuchtung dominiert. Es ist recht düster und die kleinen Tische scheinen sich zu "ducken". Nicht sehr einladend. Zwei junge Damen in schwarzen Schürzen und ebensolchen Polos mit dem Logo des Lokals begrüßen mich. Eine entspricht dem Äußeren nach dem Klischee der studentischen Bedienung. Schwarze Röhrenjeans und Chucks, wilde dunkle Haare mit Dreads. Diverse Bänder ums Handgelenk und natürlich tätowierte Sterne. Die Kollegin ist von norddeutscher Natur, mit blonden Haaren und gesunder Gesichtsfarbe. Sie begleitete mich in einen großen hellen Raum. Ich war der erste Gast des Abends und erhielt daher wie erwartet den schlechtesten Tisch angeboten. Inzwischen störrisch (und an das Licht für die Fotos denkend) bat ich um einen Vierertisch am Fenster. Die Kellnerin zögerte, man könne die Belegung noch schlecht einschätzen. Nachvollziehbar. Ich versprach, ggf. an einen kleineren Tisch zu wechseln und unterschätzte dabei das Interesse an diesem Abend unter der Woche. Zum Glück musste niemand abgewiesen werden. (Hinweis für Süddeutsche: Der Gedanke, dass fremde Leute zu einem einzelnen Gast an den Tisch gesetzt werden, ist nahezu absurd.) Beim Verlassen bemerke ich, dass auch der Thekenraum und die Terrasse voll belegt sind. Kein Wunder, dass die beiden Servicekräfte ihre Arbeit teilweise im Laufschritt erledigen. Dabei meist aufmerksam und immer freundlich. Alle Achtung. Auch die ebenfalls nur zu zweit besetzte Küche schaffte es, keine ungebührlichen Wartezeiten aufkommen zu lassen.

Der Raum ist ungewöhnlich.
Fast quadratisch hat er eine große Höhe. Später schaue ich mir das Gebäude näher an. Es handelt sich um einen lang gestreckten Wohnblock, wohl der frühen 60er Jahre. Die kurze Seite steht an der Straße. Vielleicht war hier ein Gesellschaftsraum der Wohngemeinschaft. Der Innenarchitekt oder die Architektin hat sehr gute Arbeit geleistet. Weiße Wände, graubrauner Holzfußboden, helle Holztische. Die von mir wenig geschätzten Schlabberplastiksets in Flechtoptik und die dunklen Holzstühle mit roten Lederflächen setzen dunkle Akzente. Wenige Wandlampen, über die weiße Küchentücher geworfen sind (Hip, Hip). Einige aufgezogene Fotografien mit norddeutschen Küstenmotiven setzen das Thema Deych bzw. Strand um. Dazu passen wenige zurückhaltende maritime Accessoires auf den Fensterbänken. Vor den Fenstern einzelne rote Gerbera, auf den Tischen je eine kleine gelbe Rose, das sind die wenigen echten Farbtupfer im Raum. An einer Wand kaschiert eine übergroße schwarze Tafel die Raumhöhe. Geschrieben steht daran noch nichts. Doch die aktuelle Homepage preist Fleisch bzw. Fang des Tages "von der Wandtafel" an; es ist also im Werden. (Übrigens droht die HP auch, dass man demnächst etwas über "unseren Koch Tobi" und dessen "Philosophie" erfährt...) Gegenüber hängen als echte Hingucker drei große, wirklich große Besteckteile an der Wand. Und von der Decke schweben zwei große Schneeflocken, die mit warmem Licht wunderschöne Schattenspiele an die Wände zaubern. Obwohl der Raum so hell ist, wirkt er überhaupt nicht kalt. Ein großer Tisch in der Mitte ist für eine Gruppe auch mit Weingläsern eingedeckt. Das Besteck ist solide Gastroware. Ansonsten stehen auf den Sets nur umgedrehte Wassergläser, naja, nicht ganz die feine Art. Außerdem findet sich auf den Tischen in einem weißen Porzellanständer eine elegante Kerze, die von der Kellnerin auch gleich entzündet wurde, nachdem ich Platz genommen hatte. Ich empfand das Ambiente als völlig stimmig und habe mich als Einzelgast sehr wohl gefühlt. Die 5 Sterne werden durch ein Detail verhindert, das mich mal wieder sprachlos machte. Setzen sich die Wirte eigentlich nie gemütlich auf ihre Stühle? Die hinteren Stuhlbeine sind hochgezogen und bilden den Rahmen der Rückenlehne. Die Streben sind aber nach hinten gesetzt, so dass man (d. h. ich) daran gar nicht lehnt, sondern an den Kanten des Rahmens. Auf die Dauer ist das Folter. Wer denkt sich sowas aus?

Der Gastraum war bei Beginn des Abends frei von tagesaktuellen Verschmutzungen; die kürzlich abgeschlossene Renovierung verhinderte Spuren in the long run. Die hinteren Gemächer habe ich nicht besucht.

Die junge blonde Dame brachte die Karte und - oh Wunder - zieht sich wieder zurück, um mich in Ruhe stöbern zu lassen. Mit der Bestellung des Aperitifs (kleines Leffe Bruyne für 2,2€) wird zweierlei Brot gebracht. Frisch aufgeschnitten an der Servicestation hatte es eine krosse Kruste und eine luftige Krume, gute Bäckerware. Das Brot wird mit einer (sparsamen) Pfütze eines Orangen-Olivenöls serviert. Die Provenienz kann auf Nachfrage nicht genannt werden, aber flugs wurde der kleine Artefakt-Kanister geholt und es entpuppte sich als katalanisch. Für meinen Wunsch nach Pfeffer und Salz musste ich später einmal etwas auf die Aufmerksamkeit der jungen "Studentin" warten. Sie lässt ihren Blicke durch den Raum wandern, nur nicht zu mir. Suboptimal. Dann genügt aber eine kurze Geste und zwei Peugeot-Mühlen (mit Mahlgradverstellung!) werden gereicht. Warum sich der Pfeffer in der roten und das Salz in der schwarzen befindet, muss man nicht verstehen. Anders dagegen die "norddeutsche" Kollegin. Obschon nicht mehr für mich zuständig, erkennt sie, dass ich nach Abräumen des 1. Gangs vor dem leeren Tisch saß und wohl gelangweilt aussah. Jedenfalls machte sie auf ihrem Weg aus der Küche stante pede kehrt und teilte in der Küche deutlich hörbar mit, dass es bei mir weiter gehen könne. Die Nachfragen erfolgten freundlich, Dessert und Kaffee wurden angeboten und auf die ordnungsgemäße Rechnung musste ich nicht warten. Freundlich interessiert frage ich meine "Studentin", ob denn die blonde Kollegin "vom Fach" sei. Nach einer kurzen peinlichen Pause, erhalte ich die Auskunft, dass es umgekehrt sei... Hüstel, so kann's gehen mit den Vorurteilen. Erklärt aber wenigstens das penetrante "Sehr gerne!" nach jedem Wunsch des Gastes. In der Summe der beiden Servicekräften war ich positiv überrascht und sehr zufrieden, 4,5 Sterne.

Die locker gebundene Speisekarte hat einen festen Einband in grauer Holzoptik und macht kurz nach der Eröffnung noch einen soliden Eindruck. Inhaltlich herrscht kluge Beschränkung auf wenige Gerichte regionaler und leicht mediterraner Provenienz. Damit bleiben Ressourcen für aktuelle Angebote. Eine große Standardkarte in einem kleineren Laden ist sonst nur mit viel Convenience leistbar. Signature dishes gleich zwei: Das amerikanische Wagyu-Beef "voll Biss, Struktur und Geschmack", das daher zu einem Burger-Patty durchgedreht wird... Und weltbeste Spareribs vom Bellota Iberico, also von spanischen Eichelmastschweinen aus der Dehesa (gleich bei Wiki schauen, schöne Bilder). Natürlich das Superfleisch aus einem Tonofen nach jahrtausendealter japanischer Tradition... Schwein und speziell Rippchen hatte ich schon lange nicht mehr. Aber bitte die kleine Portion für 12,9€ (damals noch, Näheres beim PLV). Zuvor einen mediterranen Eichblattsalat mit Himbeerdressing und gebratenen Pfifferlingen für sportliche 10,9€. Aus der mit Verstand zusammen gestellten Weinkarte, die erfreulich viele offene Weine ab 0,1l-Gläschen anbietet, wähle ich zum Salat eine spanische Rosé-Cuvée von Baron de Ley in der Annahme vieler roter Früchte nicht nur am Gaumen. Auf der Rechnung standen dafür 2,6€. Zum Schwein gab es für 0,2€ weniger einen Merlot Ragazzo IGP. Beide Weine stellten sich als perfekt zu den Gerichten heraus. Da ich selten Rote bestelle, war ich erfreut, getroffen zu haben.
Der Salat wurde auf einem schönen Glasteller serviert und war eine Pracht. Bunt, frisch, sauber, nicht zu groß gezupft mit einer nicht zu säuerlichen fruchtigen Sauce und einigen Beeren. Die Pilze noch leicht warm, vorsichtig gebraten und voller Geschmack. Auch die Antipasti mit Basilikumpesto passten überraschend gut zu den anderen Zutaten. Weich, nicht zu sauer, die Artischocke nicht faserig. Schönes Öl, davon vielleicht etwas viel. Aber das war auch die einzige kleine Schwäche.
Keine Frage, ich war angefixt.
Die Rippchen kamen auf einem viereckigen weißen Teller. Sie wurden begleitet von erneutem Pesto (überflüssig), einer geschmolzenen Kirschtomate (belanglos), in Rotwein geschmorten Zwiebeln, die ausgezeichnet waren, mit gerade noch genügend Biss und fruchtig-würzig-süß schmeckend. Schließlich in einer kleinen Porzellanschale etwas Coleslaw, der schön knackig, aber nicht zu hart war und recht viel flüssig geratene Majonäse hatte. Alles Miniportionen, die eigentlichen Beilagen hätten dazu gekauft werden können. Wenn ich mich recht erinnere z.B. Fritten (Kartoffel oder Süßkartoffel) für 3,9€. Für mich nicht, ich wollte mich ganz den wunderbar gebräunten Schweinereien widmen. Die beiden Rippchen mit genügend Fleischanteil waren zart, aber nicht zerfallend. Sie hatten weichen, vollen Biss. Auch der kleine Fettanteil war hier der schon fast sprichwörtliche Geschmacksträger. Aber am besten war die zurückhaltend eingesetzte Marinade. Nur ein leichter würzig-süßer Hauch unterstrich den tatsächlich leicht nussiges Geschmack. Vielleicht nicht world's best, aber sehr, sehr gut.
Um es klar zu sagen: An diesem Essen gab es nichts zu kritisieren. Die kleinen Auffälligkeiten (das Pesto z. B. war in meinen Augen reine optische Spielerei) rechtfertigen nicht, hier keine Höchstpunktzahl zu vergeben, auch im Vergleich zum Schwarzen Schaf, wo es doch noch ein klein wenig geholpert hatte. Also 5 Sterne.

Auch das PLV ist unter Einbeziehung der Getränke nur knapp dahinter. Dabei lasse ich aber außer Acht, dass in der aktuellen Internetkarte die Iberico-Rippchen auf 19€ hochgeschossen sind. Für immerhin auch schon 15€ gibt's jetzt auch die Alternative aus hiesiger Zucht vom Viertel-Schlachter Safft. Da kam ich wohl gerade noch in der Preisfindungsphase, Glück gehabt...

Fazit: Interessantes Ambiente und am Herd ein Tobi! der richtig gut kochen kann. Und Produkte hat, deren Qualität er zur Geltung bringt. "Philosophie" hat das Deych nicht nötig, dafür ist es zu gut. Hingehen.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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