Zurück zu No elf
GastroGuide-User: Minitar
hat No elf in 78462 Konstanz bewertet.
vor 5 Monaten
"Viel Bohei um die Bohne"

Geschrieben am 01.01.2019
Besucht am 31.12.2018 2 Personen
Schon erstaunlich: bereits dutzendfach durch Konstanz gelaufen, gefühlt die Hälfte der Gastronomie durchprobiert und noch nie in No. Elf gelandet? Dazu muss offenbar erst mal Silvester werden. Auf der Suche nach einem kräftigen Kaffee, der uns trotz Übermüdung bis zur mitternächterlichen Knallerei wachhalten wird, erinnert sich ein ortskundiger Freund an dieses Kleinod, das wir sofort ansteuern. Nur wenige Schritte vom trubeligen Münsterplatz entfernt, fristet die schmale Gerichtsgasse ein sehr ruhiges, verträumtes Dasein. Das holprige, grobe Kopfsteinpflaster der Gasse scheint noch aus Römerzeiten zu stammen (d.h. nicht geeignet für Rollstuhlfahrer und Rollatoren und Damen in Stöckels). Haus No. Elf wirkt wie hingeträumt: ein sehr schmalbrüstiges, kleines Gebäude, dem offenbar links und rechts die restliche Häuserzeile weggebröckelt ist. Vermutlich abgerissen…

Beim Eintreten durch die Vordertür, die -  ironisch unterlegt - das Läuten einer alpenländischen Kuhglocke auslöst, die freudige Überraschung: hier hat ein begabter Innenarchitekt gekonnt das Beste aus dem kleinen Raum herausgeholt: schlichte, dunkelgraue Bodenfliesen, fachmännische Holzeinbauten, rund umlaufende schmale Sitzbänke mit bunten Filzsitzkissen, davor kleine Tischlein und Hocker, ein Tresen mit viel professionellem Gerät, genügend Licht durch die Frontverglasung und kleine Seitenfenster. Das hiesige Getränke- und Essensangebot lässt sich auf mehreren Schiefertafeln ablesen: eine sehr elaborierte Kaffeeauswahl, 4-5 verschiedene Weinsorten, ein paar Softdrinks, Craft Beer und wenige, meist süsse Snacks und Kuchen, wie z.B. Stefans selbst gebackener Apfelkuchen oder ein veganer Bananenkuchen. Bestellt und bezahlt wird an der Theke, die Getränke empfängt man dann am Tisch.

Wer Konzept und Ausrichtung des Lokals nicht kennt, wird sich jetzt erst einmal orientieren müssen. Hinter der Theke stehen zwei Herren (offenbar die Chefs), die mahlen, aufbrühen, einschenken, servieren, abtragen, beraten, bedienen, erläutern und bekehren.  Alles sehr professionell und gekonnt und geübt. Wer hier nur schnell mal eine Tasse Wachmacherkaffee haben möchte, erntet eventuell missbilligende Blicke und ist besser im Bahnhofscafé oder bei McDonalds bedient. Hier haben ganz klar zwei Genussgüter den Vorrang: Kaffee und Wein. Und um beides wird ziemlich viel Bohei betrieben. Dem Aushang kann man die gerade sich im Ausschank befindenden Kaffeesorten (manche aus der Hausrösterei, manche von sogenannten Gaströstern), samt Herkunftsland, Charakteristik und Zubereitungsmöglichkeiten, sowie Darreichungsform entnehmen. Die gedachte Matrix ergibt x verschiedene Möglichkeiten. Pikanterweise ist jedoch nicht jede Kaffeesorte für jede Zubereitungsmöglichkeit geeignet, manches ist gar vergriffen oder wird von den Barista-Herren nicht unterstützt. Wer aus zahlreichen Weindegustationen über viele Jahre hinweg glaubt, sich ein kleines Geschmackssensorium erarbeitet zu haben, kann hier jedoch kläglich scheitern und sollte sich lieber bescheiden zurückhalten. Mein ursprünglich anvisierter Kaffee aus El Salvator, der offenbar Nuss- und Nougataromen gehabt hätte, scheint vergriffen zu sein. Eine Alternativsorte, die mit einem Geschmack nach Tomate (??) beworben wird, erscheint mir nicht passend. So ergeben sich mühsame Diskussionen mit den Herren hinter der Theke, denen ich tatsächlich nicht ganz folgen kann. Unter gewissen Mühe setze ich mich für eine Sorte aus Äthiopien durch, die ich mir im traditionellen Filterverfahren aufgebrüht wünsche. Schmeckt dann auch wunderbar und kann sogar ohne Milch genossen werden. Die Aromen nach Passionsfrüchten und Limette kann mein offenbar tauber, abgestumpfter Gaumen allerdings nicht mal in Ansätzen wahrnehmen. Neben normaler Kuhmilch wird hier übrigens, gegen Aufpreis, auch Soja- und Hafermilch angeboten. Allerdings wird um das Thema Kaffee für meinen Geschmack zu viel Klimbim inszeniert.

Einfacher wird es beim Wein. Wir wählen 0,1 Liter Riesling aus Konz – prickelnd, fruchtig und kaum säurehaltig. Dass diese Edition den Titel „es zappelt“ trägt, kann gut nachvollzogen werden. Sehr angenehme, nette Geste: zu jedem Glas ausgeschenkten Wein wird die Flasche mit auf den Tisch gestellt, so dass man noch mal das Etikett und alle Zusatzinformationen studieren kann. Einige Reiseführer als Ansichtsexemplare liegen ebenso aus wie Flyer zum Kurs- und Barista-Angebot des Hauses. Bezahlt wird, wie gesagt, direkt am Tresen. Da ich nirgendwo eine altmodische Kasse oder einen Drucker gesehen habe, hat sich mein Wunsch nach einem Beleg erübrigt. 4,20 Euro hat mein filtergebrühter Kaffee gekostet, der Wein nicht viel weniger.

Das kleine Lokal ist extrem gut besucht: sowohl von Grossfamilien samt Kindern und Hund, wie auch von Paaren, Freunden und Singles. In den Sommermonaten kann man auch draussen sitzen. Ein exquisites Eisangebot der Konstanzer Manufaktur Anelu kommt dann besonders gut an. Das Lokal ist bis hin zur winzigen Toilette ebenerdig und barrierefrei zugänglich, sehr gepflegt und tiptop sauber.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
keine Wertung
Ambiente
Preis/Leistung


Lodda und 3 andere finden diese Bewertung hilfreich.

simba47533 und 3 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.