Zurück zu Gasthaus Bären
GastroGuide-User: Katha
hat Gasthaus Bären in 72070 Tübingen bewertet.
vor 4 Jahren
"Hip, hipster, Miniaturportionen"
Verifiziert

Geschrieben am 22.12.2016
Besucht am 05.12.2016 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 19 EUR
Früher war manchmal doch alles besser, denn früher war hier der Oldschool-Bären. Die Ausstattung war anno dunnemals gediegen dunkel-holzig, eine große Theke zog sich im Hauptraum über Eck, im Nebenzimmer wurde bei Fußball reichlich bestuhlt und auf einem großen Fernseher Champions League und Bundesliga geguckt. Es war pauschal narrenfreie Zone und im weiten Kreis der einzige Ort, an dem Werder-Spiele live übertragen wurden. Ein Döschen-Automat warf nach Fütterung mit Münzen unterhaltsame Snacks aus… Gerösteter Riesenmais, Erdnüsse, oder, für die ganz verwegenen Leute, Essiggurken mit Anchovis.

Dann schloss der Bären nach einer gefühlten Unendlichkeit und stand einige Zeit leer. Im Frühjahr begann allerdings das große Werkeln, Malern und Schrubben und eine Neueröffnung zeichnete sich ab. Im ehemaligen Fußball-Nebenzimmer wurde eine Bar eingebaut und auch im Hauptraum waren fleißige Handwerkerlein zugange.

Im Sommer wurde dann die Neueröffnung gefeiert und in den kommenden Wochen (und übrigens auch noch heute), war der Bären brüllend voll. Das Publikum allerdings hat sich gewandelt. Wo früher lässige Jeans und T-Shirt (oder Trikot) regierten, regieren jetzt Hornbrillen, Blogger-Dutts, Röhrenjeans und Karohemden. Und Bärte. Und Seitenleger-Gel-Frisuren. Kurzum, der Fußball-Bären ist nun der Hipster-Bären. Da Versuch ja bekanntlich kluch macht, sollte man alle neuen Dinge trotzdem testen und so habe ich mich mit Freunden hingewagt.

Nach Betreten des Bären 2.0 fiel als erstes die Enge (viel mehr Tische als früher!!) und die brüllend laute Musik auf, die die reichlich anwesenden Gäste mit noch lauterem Gebrüll zwecks Unterhaltung mit dem Tischnachbarn übertönt haben. Wir finden einen Tisch, manövrieren dabei um andererleuts Stuhllehnen und lassen uns (Rückenlehne an Rückenlehne) mit den Gästen vom Nachbartisch nieder. Die Deko hat Retro-Charme, alte Bilder in Glasflaschen, Retro-Glühdraht-LEDs, Retro-Gläser, Retro-Krüge und als Speise-und Getränkekarte ein altes Schulheft in Pseudo-Sütterlin Tintenschreibschrift.

Die Bedienung kommt schnell und ich wähle ein großes Pils und gegen den Hunger Linsen mit Spätzle. Über den günstigen Preis von 4,60 Euro fürs Hauptgericht bin ich zwar erstaunt, aber denke mir noch nichts dabei. Die anderen wählen unisono Maultaschen.

Nach kurzer Zeit trudeln die Getränke ein und, wer hätte es gedacht, Retro-Blumenornament-Tellerchen in Frühstückstellergröße. Drauf ist allerdings noch nix. Kein Teller passt zum anderen, aber das ist ja durchaus retro-gewollt. Wir fummeln und schon mal Besteck aus den Metallbechern, die schon vom Start weg auf jedem Tisch stehen und pflücken auch schon einmal eine Serviette aus derselben kunstvollen Aufbewahrung.

Ein paar Minuten später kommt mein Hauptgericht – Linsen mit Spätzle und Saitenwürstchen – und mir fallen fast die Augen aus dem Kopf, denn es gibt doch einige Dinge, die mich verwundern. Das wären folgende:

Es ist eine Untertasse. Ja, eine Untertasse.
Nein, kein Teller, eine Untertasse.
Auf der Untertasse sind einige Spätzle.
Darauf sind einige Linsen.
Und eine Drittel Saitenwurst.
In drei mundgerechte Stückchen geschnitten.
Ja, ich bin perplex.

Das Geschmackserlebnis ist kurz zusammengefasst… Die Linsen sind arg lang gekocht und der Koch war offenbar alles, aber nicht verliebt, denn die Linsen sind entsetzlich fad. Ich salze ordentlich nach, aber auch das mag dem Ganzen nicht so richtig zur Geschmacksexplosion verhelfen. Die Spätzle sind ziemlich trocken, aber geschmacksintensiver als die Linsen… und das ist dann doch eine Kunst. Die drei mundgerechten Stücken Saitenwurst verdienen eigentlich keine Erwähnung, denn so schmecken nur Würstchen, die seit mindestens ein paar Stunden in einem Topf mit heißem Wasser vor sich hin dümpeln und die jeden, aber auch jeden Geschmack ans Wasser abgegeben haben.

Der Unterteller ist zügig leer und auch die Untertellerchen mit den beiden Maultaschen (und ein paar Zwiebeln obendrüber) der Freunde sind fix leer. Ich habe eine Maultasche probiert und konnte außer Röstaromen (weil in der Pfanne zum Teil bis zur Schwärze angebrannt) und einer großen Menge Speck (was macht der IN Maultschen?!) nix schmecken. Es gab dazu nicht einmal Beiwerk, kein Kartoffelsalat, nix.

Nach einem Bier und den Untertellerchen zahlen und gehen wir, denn uns hält hier eigentlich nichts. Die Getränkekarte ist in Ordnung, der Service auch. Das Essen war nix und zum Unterhalten finden wir es einfach zu laut. Die Rechnung kommt in einer Griffel-Aufbewahrungsbox, die wir mit dem verlangten Betrag füllen und zugeschoben wieder der Servicekraft überreichen.

Vielleicht sind wir zu alt, oder der Bären zu hip. Aber so wird das leider nix mehr mit Dir und mir, lieber Bären. Schade drum, wirklich schade.

Parken kann man hier leider nicht, aber die Stadtbusse er Linien 9, 11 und 12 halten praktisch vor der Tür. Die Barrierefreiheit ist durch drei Stufen abwärts ins Lokal leider nicht gegeben.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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