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GastroGuide-User: Hanseat1957
hat Nayla in 28215 Bremen bewertet.
vor 3 Jahren
"Nicht nur für Lehrer – Kräftige Würzhandschrift beim Syrer Nayla"
Verifiziert

Geschrieben am 09.04.2017 | Aktualisiert am 09.04.2017
Besucht am 08.04.2017 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 96 EUR
Allgemein:

Vor ein paar Monaten machte mich die Anzeige „Restaurant `Nayla`. Die feine Küche Syriens – jetzt auch in Findorff“ neugierig.

Syrisch ist in Bremen „in“, wie das Al Dar in der Überseestadt belegt, zu dem ich in meiner Kritik feststellte, dass man beim Türken preislich deutlich besser wegkommt, bei vergleichbaren Speisen.

Im zwar aufstrebenden, aber noch weit entfernt von der gehypten Überseestadt einzuordnenden Findorff, hatte ich nach dem heimischen Studium der Karten, die auf der Homepage (https://www.restaurant-nayla.de/) zum Download verfügbar sind, nicht den Eindruck, dass der Wirt Salah Abou Dib tief in die Taschen seiner Gäste greift. Die Zeche von knapp 100 € am Ende empfand meine ständige Begleiterin als vergleichsweise hoch. Es waren aber die Getränke, die die Zeche in die Höhe trieben, wie weiter unten noch zu lesen sein wird. Die Speisen waren angemessen bepreist angesichts des bemerkenswerten Handwerks, das in der Küche des Nayla gepflegt wird. Ich meine, dass 3,5 Sterne auf meiner Skala das PLV angemessen bewerten.

Auch wenn Findorff „kommt“ und das Nayla im noch belebten Teil der Hemmstraße liegt, war es gegen 19:30 Uhr am besuchten Samstag nicht voll besetzt, trotzt der geringen Größe mit 40 gezählten Plätzen. Beim ersten Blick an die belebten Tische hatte ich für mich notiert, dass das etwas ältere und bieder wirkende Publikum aus dem Umfeld stamme. Aber die Tischgespräche links und rechts, deren Zeuge man im eng gestellten Nayla wird, zeigten, dass zumindest einige aus anderen Stadtteilen angereist waren. Wohl ebenso wie wir durch die Anzeige und eine gute Mittagstischkritik im Weser-Kurier angezogen. Das links und rechts nach den Gesprächsinhalten Lehrer Platz genommen hatten, mag ein Zufall sein. Aber das zwei Drittel des Publikums weiblich waren, entspricht meiner Hypothese, dass bestimmte Küchen (außereuropäisch, viele Kleinigkeiten) stark anziehend auf Frauen wirken. Und da der Frauenanteil unter Lehrern auch in Richtung zwei Drittel geht, ergibt sich eine schöne Koinzidenz für die Gäste im Nayla, zumindest an dem Abend.

Lohnt es sich nun, sich zu einem Besuch des Nayla nach Findorff aufzumachen? Ich sage ja, weil Salah Abou Dib in die vollen Gewürzkörbe greift. Hier schmeckt man mit jedem Bissen die Lust am Würzen, die ich so häufig vermisse!

Service:


Auf der Homepage gibt es ein Teamfoto, das zwei Männer und eine junge Frau zeigt. Die Einzelfotos und Angaben darunter beschreiben die drei mit ihren Funktionen. Unser schwarz gekleideter junger Bediener Tarik und der geringbehaarte Naeem sind an den Tischen zu erleben. Julia steht leider nur hinter dem Tresen. In der Küche werkeln einschließlich Chef drei hauptamtliche Köche.

Unser Kellner Tarik macht sich einen Spaß daraus, die Speisenorder zu erraten, wenn er sieht, auf welcher Seite der Gast für seine Auswahl hängen geblieben ist. Bei uns hatte er einen Treffer. Auch ansonsten ist er nicht auf den Mund gefallen. Die vielfältige Vorspeisenauswahl sagte er gekonnt an. Zum „Soßengeheimnis“ einer Hauptspeise ließ er sich lustig ein, dass man befürchte, dass Salah Abou Dib dies mit ins Grab nehmen würde.

Die Aufmerksamkeit sollte er aber noch schärfen. Zur Speisenorder vergaß er nach den Getränkewünschen zu fragen und die zweite Belegung am Nachbartisch (hätten vom Phänotyp her auch als Lehrer durchgehen können) musste arg lange warten, um zu bestellen.

Unsere Wartezeiten waren passend und unser Wunsch nach einer Pause nach den Vorspeisen wurde spontan mit dem passenden Vorschlag quittiert, dass wir Bescheid sagen mögen, wann er die Order in die Küche geben solle.
Für die Gesprächigkeit gebe ich einen halben Kürstern extra, so dass 3,5 Sterne zu Buche stehen.

Ausgegeben wird im Nayla zur Begrüßung ein Glas schwarzen Tees, aromatisiert mit Zimt und Kardamom. Dazu orderten wir gleich einmal einen Arrak auf Eis. Er steht nicht auf der Karte und Kellner Tarik fragte genau nach, was wir damit meinten („milchig“?). Er stand dann mit 5,50 € pro Glas auf der Rechnung, was recht hoch bepreist ist.
Carlsberg oder Duckstein kommen für 0,3 l auf stattliche 2,90 €. Eine Flasche Wasser 0,75 l kostet 5,20 €.
Die Weinrubrik weist acht libanesische Gewächse auf, die für das Viertel zwischen 7,80 € und 8,00 € liegen. Die europäischen Weine sind deutlich günstiger zwischen 3,80 € und 4,80 € zu haben.

Mein Rotwein Les Bretèches vom Chateau Kefreya aus dem Libanon ist nach meiner kleinen Recherche schon eine hochwertige Cuvée, für die man 12 € für 0,75 l im Internetkauf hinlegen muss. Die 8 € für das Viertel sind damit relativ günstig kalkuliert. Der Wein hatte Körper und gut Tannin, wie ich es mag. Der spanische Rosé Morador gefiel meiner ständigen Begleiterin; ich fand ihn fruchtig und gut trinkbar. Er stand mit 4,80 € auf dem Kassenbon. Auf der Getränkekarte im Internet steht er noch mit 3,90 €. Andere Abweichungen konnte ich bei unseren Getränken nicht feststellen.

Essen:


Was auf der Karte schnell auffällt, ist eine geringe Auswahl an Vorspeisen (zwei Suppen, fünf sonstige). Bei den Hauptgerichten liest man dann aber bei den Spießgerichten, das sechs verschiedene Vorspeisen zum jeweiligen Gericht gehören, die zwischen 15,50 € und 16,50 € kosten. Bei den Spezialgerichten findet sich die Position Masa Nayla, zehn verschiedene Vorspeisen mit Fladenbrot (16,50 €), die wir auch wählten. Das Fazit ist, dass im Nayla etliche der servierten Vorspeisen gar nicht auf der Karte erscheinen. Kellner Tarik erklärte dazu, dass die Küche ein Potpourri von mindesten dreißig Vorspeisen beherrsche und man sich – neben dem kleinen Kartenstandard – spontan nach Marktlage entscheide, was man zubereiten möchte. Ein Abgleich mit dem Nachbartisch ergab, dass unsere Auswahl noch nicht das Tagesangebot abdeckte.

Zu den Vorspeisen gibt es ein selbst gebackenes Fladenbrot. Es ist sehr geschmacksneutral und ein Hohlkörper mit kaum merklicher Krume. Mir gefiel es im Vergleich zu dem festen Fladenbrot aus den anatolischen Lehmöfen nicht. Meine ständige Begleiterin meinte, es sei wohltuend ungewürzt, um die würzigen Pasten und Soßen etwas zu neutralisieren.

Was mir auch gar nicht gefiel war die überzogene Säure an der Petersilienvorspeise (Zitrone) und meines Beilagensalates (Aceto), die meine Zunge adstringierte. Kellner Tarik meinte, dass das für die Petersilienvorspeise typisch sei.

Auch überdeutlich der Knoblauchgehalt der Knoblauchcreme, die auf Joghurt basiert. Für mich eine Freude, aber für meine ständige Begleiterin, obwohl gut auf Knoblauch eingestellt, zu scharf.

Da ich nicht mitgeschnitten habe, als Kellner Tarik brav alle Vorspeisen auf den eckigen Tellerchen annoncierte und in der Karte nur wenige identifiziert werden können (z. B. Blätterteigrollen mit Spinat-, Käse- und Hackfleischfüllung, frittierte Kichererbsenplätzchen, gefüllte Weinblätter, Auberginenmus), kann ich nun leider nicht alle Vorspeisen benennen. Was ich aber hervorheben möchte, ist die gute und abwechslungsreiche Würzung. Säure und Knoblauch sehr reichlich, ansonsten ein Genuss für jeden, der die typischen Aromaten der syrischen Küche mag. Minze, Kardamom, Zimt, Schwarzkümmel, Kreuzkümmel sind auszumachen. Angesichts des beträchtlichen Aufwands war diese Vorspeise mit 16,50 € fair angesetzt.

Dann einmal Lammkoteletts vom Grill mit Knoblauchcreme, frittierten Kartoffeln und einem Beilagensalat (15,70 €) und Lammgeschnetzeltes aus der Pfanne auf Kichererbsenpüree mit gemischtem Salat und Fladenbrot (13,00 €). Die meisten Pfannengerichte werden mit der „Dihen Al Sabarber“-Sauce abgelöscht, die als „Geheimsauce des Chefs“ auf der Karte vermerkt ist.

Ich bekam also einen Teller mit einem Humusspiegel und dann kam Kellner Tarik mit der Pfanne, in der es noch kräftig zischte und entleerte sie auf dem Humus. Eine nette Showeinlage.

Geschmacklich erinnerte mich die Soße an meine Würzmischung Ras el Hanout, die in ihrer Zusammensetzung ja auch immer ein Geheimnis ist. Also wieder sehr orientalisch und wunderbar harmonierend mit den sehr zarten Lammfleischstreifen und dem Humus.

Auch gut die vier fleischigen Lammkoteletts, die sehr scharf gegrillt waren und ihre Würzportion abbekommen hatten und die frittierten Kartoffelscheiben dazu.

Dafür, dass uns Salah Abou Dib intensiv in sein Gewürzregal mitnimmt und die Sorgfalt der Zubereitung gebe ich gerne eine 4 mit Sternchen.

Ambiente:


Das Nayla ist in einem Eckhaus untergebracht und eine Vollverglasung sorgt für einen freien Blick nach draußen. Man geht wenige Stufen hoch ins Restaurant. Dieses Hochparterre verschafft dem Nayla eine schöne, vom Trottoir abgegrenzte Terrasse vor den beiden Fensterfronten. Drinnen geht es eng zu. Die Bilder auf der Homepage sind geschickt gemacht und suggerieren eine Raumgröße, mit der die Realität nicht Stand hält. Die vierzig Plätze verteilen sich an eng gestellten Tischen. Unser Zweiertisch ging von der Größe her noch, stand aber sehr eng am Nachbartisch. Intimes oder Geschäftsgeheimnisse sollte man im Nayla also nicht besprechen wollen. Nebenan hatte man drei Gäste an einen Zweiertisch gefercht.

Ansonsten ist die Einrichtung stimmig und die Dekoelemente an den Wänden wohltuend sparsam gesetzt. Auf dem Fußboden klassische Orientteppiche, die mit den zwei Lagen weißer Tischwäsche kontrastieren. Man sitzt auf klassischem Gestühl oder einer Lederbank am Fenster.

Auf der Tischwäsche verstreut rote Linsen. Viele Gäste nehmen das vielleicht als originelle, verspielte Deko wahr, ich spreche dagegen ein Verdikt aus: Überflüssig und wegen des häufigen Wechsels der Tischwäsche hygienisch bedenklich, wenn nicht immer frisch aufgelinst wird.

Unserem Wunsch nach Salz wurde nachgekommen und Kellner Tarik brachte zwei größere, metallene Streuer mit Salz und Pfeffer. Sie müssen aus einem Altbestand stammen und waren unansehnlich und wurden von uns nicht angefasst (erwiesen sich aber auch nicht als notwendig). Sie sollten gleich mit den Linsen entsorgt werden.
Auf der Herrentoilette war ein Pissoir demontiert und man blickte auf den entstandenen Freiraum einschließlich Installationslöcher im Fliesenwerk. Das macht auf mich immer einen schlechten Eindruck. Sauber war es aber und es gab kleine Stoffhandtücher.

Das selbst gezimmerte Zusatzgeländer an der Treppe zeugte auch davon, dass man nicht viel Geld in die Hand genommen hat, um das Restaurant für die Neueröffnung aufzufrischen.

Sauberkeit:


Bis auf die optisch unappetitliche Menage fiel nichts Weiteres negativ auf.
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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marcO74 und 16 andere finden diese Bewertung gut geschrieben.