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GastroGuide-User: Shaneymac
hat Pasta Fresca Russo in 42719 Solingen bewertet.
vor 3 Monaten
"Über ein lange übersehenes Hinterhof-Juwel"
Verifiziert

Geschrieben am 23.08.2019 | Aktualisiert am 02.09.2019
Besucht am 22.08.2019 Besuchszeit: Mittagessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 45 EUR
Aus gegebenem Anlass müssen meine – fast ausnahmslos himmlischen - Garmischer Kulinarik-Erlebnisse noch etwas auf ihre Schilderung warten, denn was ich gestern in einem Solinger Hinterhof erleben durfte, verlangt nach einer schwärmerischen „Dringlichkeits-Rezension“.
 
Nun schreibe ich schon so viele Jahre über die Restaurants der Region, halte die Augen und Ohren in der Gastronomie offen, bekomme viele lieb gemeinte Tipps und insbesondere der von mir geliebten italienischen Küche gilt dabei stets besonderes Augenmerk.
 
Vor diesem Hintergrund ist es mir absolut grenzenlos unverständlich, dass ich von diesem Kleinod von Restaurant noch nie gehört hatte, ich bin peinlicherweise über Tripadvisor darüber gestolpert weil man dort recht gut in Sachen Mittagstisch recherchieren kann.
 
Das es das Pasta Fresca Russo schon 13 Jahre an eben dieser Adresse an der Weyerstraße gibt, macht die Sache nicht besser, ich habe schlicht keine Worte dafür aber wie so oft lohnt es sich einfach schulterzuckend-demütig den alten Sokrates zu zitieren: „Ich weiß, dass ich nicht weiß.“
 
Das Restaurant war hier auch noch nicht angelegt, was ich gestern direkt nachgeholt habe.
 
Ich reservierte vorab telefonisch, da ich im Web den hübsch gestalteten Hinterhof entdeckte und bei sonnigen 23 Grad unbedingt einen schattigen Platz in jenem ergattern wollte, was mir auch denkbar freundlich mit einem grundsympathischen „Isch abe gar keine Auto“-Akzent bestätigt wurde.
 
Vor Ort an der Weyerstraße wurde mir spontan klar, warum ich das Lokal auch im Straßenbild nie wahrgenommen habe: ein schmuckloses Haus, zur Linken eine freie Tankstelle, kein Restaurant-Schild, eine leicht verwitterte Markise – das Ganze sieht im Vorbeifahren eher aus wie ein lange leer stehender Friseur-Salon.

"gelungene Tarnung"
 
Tritt man ein, steht man vor einer einladend bestückten Antipasti-Theke, deren Offerten auch im Außerhaus-Verkauf angeboten werden, die 100 Gramm zu günstigen 2,90 Euro.
 
Auch Pasta Fresca und das köstliche Bolognese Ragu kann man hier zur Mitnahme erwerben, eine tolle, preiswerte Möglichkeit für ein großartiges, bequemes Abendessen der Abteilung Slow-Fastfood.
 
Der Padrone werkelte gerade in der Küche und bereitete Pasta, als er uns entdeckte strahlte er uns an, begrüßte uns herzlich und erklärte uns den Weg in den Hof, durch einen liebevoll dekorierten schmalen Raum geht es nach hinten.



Dort wohlwollend beäugt vom Padrone und seiner Frau auf diesem gelungenen Bild:


 
Im Hinterhof angekommen ist dann die komplette „Italian Immersion“ angesagt, die Atmosphäre ist einfach nur zauberhaft. Leise dudelt ein unaufgeregter italienischer Radiosender vor sich hin, Vögel zwitschern, der Lärm der gut befahrenen Straße ist fast nicht mehr wahrnehmbar.

Idylle pur
 
In Sekunden fährt man innerlich herunter und lässt alles auf sich wirken, ein wahrer Kurzurlaub für Körper und Seele, ich war begeistert und mein Unverständnis, dieses Lokal seit 13 Jahren übersehen zu haben wuchs bereits jetzt minütlich.


 
Die gepflegte, chic gewandete Partnerin, die auf obigem Bild in die Kamera lächelt, sollte den Service übernehmen und zeigte sich als kultivierte, sympathische Gastgeberin, die in dem ein oder anderen netten Plausch ein herzliches, freundliches Wesen offenbaren sollte.
 
Unser Tisch war pragmatisch eingedeckt, zwei Wassergläser und zwei hübsche kleine Vorspeisen-Teller warteten auf uns, Besteck rustikal und stimmig im kleinen Blech-Eimerchen im „Vintage-Landliebe“-Stil.
 
Die Karte hatte ich online nicht finden können, umso gespannter stürzte ich mich auf die ausliegenden, laminierten und beidseitig bedruckten Exemplare und fand dort durchweg ansprechende Offerten, deren Schwerpunkt die hausgemachte Pasta in vielen Varianten bilden sollte.
 
Auch bei dieser hat Saisonalität ihren Platz, die jederzeit mit Spinat-, Lachs- und Steinpilzfüllung erhältlichen Ravioli beispielsweise  gibt es im Herbst auch mit Maronen oder Kürbis gefüllt - klang verlockend.
 
Frischen Fisch gibt es als Tagesgerichte, die Abteilung Carne macht keine Experimente: Klassisches Saltimbocca, Involtini und Scaloppine (di Pollo!) warten hier im Standard auf hungrige Gäste.
 
Ich gab den grübelnd-abwägenden Entscheidungsneurotiker, Getränkewünsche wurden erfragt und umgehend landete eine große Rhabarberschorle - 2,90€ - für Madame, sowie für mich eine überaus günstige, gut gekühlte 0,75l Flasche San P. zu unschlagbaren 4,20€ auf dem Tisch.
 
Auch die Weine, die teilweise auf Schiefertafeln angepriesen werden, sind überaus gastfreundlich kalkuliert. Als Beispiel soll nur der norditalienische Dauerbrenner Scaia – in Weinkreisen auch als Ü-40 Hausfrauentröster verschrien – genannt sein, der hier für 14,90€ angeboten wird.
 
Angesichts der Tatsache, dass dieser Wein einen Straßenpreis von immerhin acht bis neun Euro hat, ein wahres Schnäppchen, bei den üblich-verdächtigen „gehobenen“ Italienern liegt man hier meist tief in den Euro-Zwanzigern – was sicher auch dem hochwertig anmutenden Glaskorken geschuldet ist.
 
Wir bestellten bei unserer charmanten Signora und wenige Augenblicke später standen duftendes Brot, kernlose Oliven und ein wenig aromatisches Öl mit einem Spritzer Balsamico auf dem Tisch. Sale e pepe wurden pronto dazugereicht, zufrieden knabberten und dipten wir vor uns hin.

Appetithappen
 
In angenehmen zeitlichen Abstand wurde meine sehnlich erwartete
 
| Vorspeise |
 
serviert.
 
Carpaccio – 9,90€

Carpaccio
 
Das Gericht wurde ohne Balsamico serviert, da ich aber gerne etwas Säure dabei habe fragte ich nach und wurde mit einer – guten – Flasche Crema di Balsamico versorgt und schritt zur Tat.
 
Alle Komponenten des Gerichtes: Fleisch, Olivenöl, Rucola, Parmesan und Pfeffer waren von exzellenter Qualität und hocharomatisch. Die pfeffrig-nussigen Noten der Rauke, der vollmundige Pfeffer, das zarte, nicht zu hauchdünne Fleisch, die rustikalen Käse-Splitter, ein Hochgenuss.

Ich inhalierte das Gericht innerhalb weniger Minuten und wischte den Teller mit einem letzten Stückchen Brot sauber, im Radio lief der italienische Sommerhit „Calma“ - https://youtu.be/1_zgKRBrT0Y - Dolce Vita in Solingen Wald, wer hätte das gedacht.
 
Auch Madame zeigte sich angetan, unter meinem  Protest und einhergehenden Beschimpfungen zweigte sie sich einen Probierhappen ab und lobte auch die überzeugende Fleischqualität.
 
Signora fragte nach der Zufriedenheit, freute sich sichtlich über meine ungespielte Begeisterung und entschwand mit den Tellern im Gebäude.
 
Wieder sollte eine perfekt-angenehme zeitliche Distanz bis zum Servieren der Hauptgerichte folgen, das Lokal empfiehlt sich in dieser Hinsicht sehr für mehrgängige Gelage.
 
| Hauptgerichte |
 
Tagliatelle mit frischem Thunfisch – 13,90€
Spaghetti Bolognese – 7,90€

Spaghetti alla Ragù
 
Zuerst kamen Madames „Spagbol“ auf den Tisch. Nun, das man in Italien ein Ragù vorzugsweise mit Tagliatelle ißt und nicht mit Spaghetti, dürfte sich im Jahre 2019 selbst bis in entlegene Winkel  der Uckermark herumgesprochen haben.
 
Allerdings ist das Gericht für die meisten Nicht-Italiener auch ein gutes Stück Kindheitserinnerung, und als 5-jähriger protestiert man eher selten ungnädig gegen vermeintlich wohlfeile Pasta-Auswahlen der Mama.
 
Da bin ich keine Ausnahme, zumal ich bei Bandnudeln immer so schnell satt werde, am liebsten esse ich sie zu einem Rinderschmorbraten mit einer tiefdunklen Sauce.
 
Das Gericht machte nicht nur optisch einen himmlischen Eindruck, ich probierte einen Löffel vom üppig vorhandenen Ragù, dann etwas Pasta und dem Gaumen ging das Herz auf.
 
Es ist schwierig in der hiesigen Gastronomie, solch ein Ragù zu finden. Was viele nicht wissen ist ja, das ein Ragù alla bolognese eben keine suppig-tomatige Lumumpe ist, die als zwieblig-oregano-lastige Begleitung übergarter Nudeln daherkommt.
 
Nein, das stundenlange Köcheln sorgt neben der geschmacklichen Metamorphose des Ragù auch für die richtige Konsistenz, auch stehen Karotte und Sellerie geschmacklich eher im Vordergrund und nicht der notorische Kanister Dosentomaten, der meist in den hiesigen Töpfen landet.  
 
Ich möchte mich festlegen: Das beste Ragù alla bolognese, das ich hierzulande jemals gegessen habe, auch Madame war völlig begeistert und mampfte ekstatisch vor sich hin.
 
Wenige Momente später wurde das heutige Tagesgericht in Form meiner Tagliatelle serviert, habe ich schon erwähnt, dass ich das Geschirr herrlich fand?

Tagliatelle mit frischem Thunfisch
 
Aber was nutzt der schönste Teller, wenn der Inhalt nichts taugt, was hier natürlich nicht der Fall war.
 
Die positiven Eindrücke sollten sich fortsetzen, ich habe selten Pasta Fresca gegessen, die einen schönen Biss mit dem frischer Pasta idealerweise so eigenen, eleganten „Schmelz“ vereint hat.
 
Der Fisch reichlich vorhanden und innen  noch leicht glasig, die Oliven und Datteltomaten hocharomatisch, der leicht tomatisierte Sud fein abgeschmeckt mit der exakt richtigen Dosis Chili.
 
Spätestens jetzt wähnte ich mich nicht mehr in einem Hinterhof in Solingen Wald, sondern in einem kleinen Fischerdorf in Süditalien, absolute Weltklasse.
 
Das Foto täuscht, die Portion war derart üppig bemessen, das ich die Hälfte mitnahm und abends zu einem selbst gemachten Vitello Tonnato und einer eiskalten Flasche Lugana genoss.
 
Eigentlich war ich daher schon mehr als gesättigt, da Obacht! aber gerade diätelt war es natürlich erste Bürgerpflicht, diese Ambitionen wohlwollend empathisch mit einem gelungenen Beauty-Shot ihres Lieblings-Desserts in WhatsApp zu würdigen.
 
| Dessert |
 
Tiramisu – 3,90€

Tiramisu
 
Optisch gefiel der italienische Dessert-Klassiker vor obigem Hintergrund gut, was mir auch alsbald vier rote Wut-Smileys aus Oberbayern bestätigen sollten.
 
Ich wiederstand der infantilen Versuchung, die ersten Bissen zu filmen und mit chargierenden „Mmmhhhhs….“  und „Aaahhhs“ zu versehen und verspeiste zufrieden den leicht gekühlten Hüftgold-Klumpen.
 
Sehr schmackhaft, den Temperaturen geschuldet allerdings mit viel guter, fester Sahne statt mit Frisch-Ei zubereitet, ein minimaler Wermutstropfen der mir aber keine Abwertung rechtfertigt.
 
Schön auch die ideale Menge Amaretto im Biskuit, es triefte nichts und staubte nichts, sehr fein.
 
Wir genossen noch ein wenig das neu entdeckte Hinterhof-Idyll und waren uns einig, hier werde wir sicher noch oft genießen, eine Schande dieses Kleinod erst jetzt entdeckt zu haben.
 
Für unser Abendessen deckten wir uns noch mit eingelegten Oliven und gegrillten Pimientos in Öl aus der Theke ein, auch diese sollten später sehr zu überzeugen wissen.
 
Das sympathische Betreiber-Pärchen verabschiedete uns herzlich und freute sich sehr über unsere große Zufriedenheit und das Versprechen, alsbald wiederzukommen, was für ein schöner Donnerstagmittag.
 
Fazit

Kreuzehrliche italienische Kost auf hohem Niveau, mit guten Zutaten und liebevoller, authentischer Zubereitung. Weniger als 5 Sterne wären angesichts der Preise eine Beleidigung des Koches.
 
Der Service stand dem in Nichts nach, charmant, freundlich, höflich und immer präsent – wir kamen uns willkommen und umsorgt vor: 5 Sterne.
 
Das Ambiente, wenn ich das Gebäude in der hier zu vernachlässigenden Straßenansicht ausklammere, sehe ich auch bei 5 Sternen. Mehr italienischer Kurzurlaub geht atmosphärisch nicht in so einer Lage.
 
Die Sauberkeit, auch in der Küche deren Türe offen stand, makellos: 5 Sterne.
 
Bei Preisleistung komme ich auch um die volle Punktzahl nicht herum, wer hier meckert gehört mit Betonschuhen in die Wupper.
 
Bravo liebes Pasta Fresca Russo, die volle Punktzahl in allen Kategorien, das gab es bei mir schon sehr lange nicht mehr, und sie ist mehr als verdient. Bis bald!
 
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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