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GastroGuide-User: Carsten1972
hat Coeur D‘Artichaut - Restaurant in 48143 Münster bewertet.
vor 1 Woche
"Avoir un Cœur D'Artichaut"

Geschrieben am 01.12.2019 | Aktualisiert am 06.12.2019
Besucht am 30.11.2019 Besuchszeit: Abendessen 2 Personen Rechnungsbetrag: 370 EUR
ist ein französisches Sprichwort für jemanden, der sich schnell verliebt, der sich schnell und immer wieder aufs Neue für etwas begeistern kann.

Neues Leben in den ehemaligen Räumlichkeiten des im vergangenen Jahr geschlossenen Restaurants Lilies, dessen Konzept und Küche ich sehr geschätzt habe. Dann folgte ein relativ langer Leerstand, nun war wieder Leben in dem Räumen am Fischmarkt 11 in Münster, im Innenhof neben dem "Sylt am Bült".

An der Straße kündigt ein Schild den neuen Mieter an. Es war klar, dass ich einen näheren Blick auf das Restaurant werfen würde, als ich von seiner Eröffnung erfuhr. Und als klar war, dass der männliche Teil des Betreiberpaares ein Bretone war, der einen Teil seiner Lehr und Wanderjahre in der "Auberge de Glazicks" in Plomodiern verbracht hatte, war klar, ich gehe da mal hin. Frederic Morel hat in der 2 Sterne Küche von Olivier Bellin gearbeitet und weil wir dieses hervorragende bretonische Restaurant sehr schätzen, wenn wir im Finisterre Zeit verbringen, war ich sehr gespannt auf seinen Küchenstil. Zusammen mit seiner Partnerin Elisabeth Morel und dem Zweitkoch Pascal Hinkelammert wurde Anfang November das "Herz der Artischocke" eröffnet.

Zum traditionellen Vorgeburtstagsessen mit meiner Frau eröffnete sich eine Möglichkeit, einen Tisch für uns Beide zu reservieren. Das war per Internet über die HP sehr einfach erledigt und meine Vorfreude auf den Restaurantbesuch stieg bis zum 30. November, an dessen Abend wir dann vor der Tür des Coeur d'artichaud standen.

Der Innenraum wird immer noch von der Armada der von der Decke angehängten großen Leuchten bestimmt, ansonsten hatte sich aber einiges getan. Die Küche ist zum Gastraum geöffnet worden, 8 Tische sind in einem Halbkreis um den Anrichtebereich platziert worden und von jedem Tisch ergibt sich ein freier Blick in die Küche.

Wir wurden von Frau Morel und ihrer Mutter in Empfang genommen und die Garderobe wurde uns abgenommen und wir an den für uns vorgesehenen Tisch platziert. Ein Blick durch den Raum verriet eine sehr zurückhaltende Raumdekoration, die Tische und Stühle sind recht einfach gehalten. Auf Tischdecken wird verzichtet. Auch die Tischdekoration ist recht sparsam, man bekommt den Eindruck, dass alle Aufmerksamkeit auf das Geschehen in der Küche gelenkt werden soll. Es war ja der Vorabend meines Geburtstages, deswegen als Antwort auf die Frage nach einem Aperitif ein Champagner für meine Frau und einen Wermut für mich.

Dazu wurde Wasser serviert, dass über das komplette Menü nachgefüllt wird, ohne Mehrkosten. Das Menü umfasst maximal 8 Gänge und kann von 4 über 6 bis 8 Gänge geordert werden. Karte und Preise verrät die Homepage. Dazu wird eine Getränkebegleitung angeboten. An dieses Menü hält sich die Küche sehr strikt, man kann im Vorfeld eventuelle Unverträglichkeiten oder vegetarisch-vegane Variationen abklären, ein ändern im Menü akzeptiert die Küche nicht. Klare Ansage, aber das kleine Team in der Küche bewältigt das uns an unserem Besuchsabend gebotene Niveau sonst auch nicht. Für uns Beide war recht schnell klar, wir möchten alle Gänge probieren. Und da die angebotene Getränke-Begleitung zu den Speisen uns nicht so zusagte, widmeten wir uns der Weinkarte, um eine eigene Wahl zu treffen. Der erste Wein des Abends war eine Flasche Brauneberger Juffer Riesling 2016 von Fritz Haag, der sollte uns recht gut über die erste Hälfte des Menüs begleiten können.

Mit dem Wein dann auch die ersten Grüße der Küche. Noch vor dem Wein getrocknete Tomaten auf einem Cracker.

Trotz des auch auf dem Cracker servierten Ziegenkäse war das ein doch recht schlichter Start der Küche in das Menü. Schmackhaft, aber kein Ausrufezeichen in Sachen Aromatik, dass ich gerade bei Küchengrüßen sehr schätze und auch erwarte. Nach dem Verkosten des Weins startete die Küche dann voll in unser Menü mit dem Prolog genannten weiteren Küchengrüßen. Eins

Zwei

Hier wurden die Aromen knackiger und nachhaltiger! Makrelenrillettes auf einem Cracker und Landschwein mit Salzalgen in einer Krokette waren die Geschmacksnervenfreischalter, die man vor einem langen Menü haben möchte. Ich blickte wieder mit weit mehr Vorfreude auf das Menü. Inzwischen hatte der Service auch Brot und Butter an den Tisch gebracht.

Ein dunkles Roggenbrot mit Steinpilz, ein Oliven-Focaccia und ein Zwiebel-Parmesan Brot, alle hausgebacken mit einer Algenbutter und Salzbutter. Das Brot und die Butter überbrückten die Wartezeit bis zum Beginn des eigentlichen Menüs. Langweilig wurde es sowieso nicht, denn gespannt verfolgte ich das Geschehen in Küche und am Pass. Faszinierend die Akkuratesse und Freude, mit der die Gerichte in der Küche und am Pass fertig gestellt wurden. Dann ging es zu Gang 1

Norwegische Fjord-Forelle, Senf und Dill verkündete die Karte. Wie alle folgenden Gänge wurden die Speisen durch die Köche serviert und erklärt. Thema des Teller sollte hier ein Art dekonstruierter Graved Lachs sein. So fanden die klassichen Beigaben des gebeizten Lachs hier auf dem Teller zu der Forelle. Das paßte, süße Säure durch Preiselbeeren, Senfaromen, etwas Gebranntes war dabei, ein Aquavit oder Gin? Zusammen mit der tadellosen Qualtiät des Fisches war der Teller sowohl optisch wie geschmacklich ein exzellenter Einsteig in das Menü. So durfte es weiter gehen und es ging weiter mit pochierten Flusskrebsen, Karotte und Passionsfrucht.

Ein Jaipur Curry war unüberriechbarer Bestandteil des Suds, in dem die Flusskrebse ganz leicht gegart worden waren. Dazu verströmte der Teller einen intensiven Duft nach Sojasauce! Woher kam das? Das war nicht Bestandteil des Gerichtes, jedenfalls nach Karte. Aufklärung kam durch die Küche. Man hatte eine Karottenessenz von 10 Liter auf ca. einen Viertelliter eingedampt und dass Resultat war die dunkle Sauce auf dem Teller, die duftete wie eine klassische Soajsauce. Die Karotte fand sich auch noch in verschiedenen Zubereitungen auf dem Teller, dazu wieder ein süß-saurer Gegenpol in Form von Passionsfrucht. Genial gedachter Gang! Das erste Viertel des Menüs war serviert und ich war mir immer sicherer, diese Küche gefällt mir. Sellerie, salzgebacken und fermentiert, war der nächste Gang betitelt. 

Die Wurzel der Sellerieknolle war geputzt und dann frittiert worden, sie sorgte für salzigen Crunch auf dem Teller, darunter der fermentierte Sellerie in dünnen Tranchen, dass Ganze platziert auf einer Beurre blanc zum niederknieen, die aus irgendwas, ich weiß es nicht mehr, unglaubliches Umami bezog! Ergänzend kam ein dritter Teller an den Tisch

Zwei Kroketten mit gefüllt mit Sélleriepüree. Das war dann noch sahnige Schlotzigkeit gepaart mit ausgebackenem Crunch. Alle drei Gänge auf dem gleichen sehr hohen Niveau, mein Glückseligkeit stieg an! Dann ein sehr bretonisches Gericht, dass wir auch immer im fernen Westen Frankreichs genießen. Rochenflügel

mit Petersilie und Kapern. Rochenflügel kriegt man außerhalb der Küstenregionen sehr selten, der Haiartige Fisch stellt extreme Anforderungen an Frische! Nach zwei Tagen schon bilden sich erste Ammoinaktöne im Fleisch, die nur einen Tag später einen Verzehr unmöglich machen, deswegen bekommt man ihn meistens nur dort, wo er gefangen wird. Auch die Konsistenz von Rochenflügel ist gewöhnungsbedürftig, das Flesich ist recht faserig und kann Noten von Tranigkeit haben. Dass muss man bei der Zubereitung beachten. Frederic Morel als Bretone weiß das alles natürlich und hatte aus Zitrone, Kapern von Holunderbeeren und Petersilie einen salzig-sauren Gegenpol auf den Teller gebracht, der diesen Fischgang zum nachhaltigsten Aromeneindruck des Abends machte. Häfte rum und ich hatte nicht mal einen Hauch von Kritik an den Menügängen! Fleisch sollte es im nächsten Gang geben.

Rumpsteak, Zwiebelgewächse und Pilze verriet die Karte uns Beiden. In der Küche war mir ein Grill aufgefallen, ein kleiner Kasten in Holzoptik, die sich bei näherer Inaugenscheinnahme als Schamott herausstellte. Meine Nachfragen zu dem Grill hatten dazu geführt, dass ich den Grill näher ansehen durfte. Darin Kokoskohle und Holzkohle und eine Hitze von über 700 Grad, auf der das 30 Tage beim Schlachter und dann noch 14 Tage trocken nachgereifte Rumpsteak gegrillt wurde. Auf den Grill gesellte sich dann noch Frühlingslauch. Das verheiratete sich dann auf dem Teller mit den Pilzen (Name weiß ich leider nicht mehr) und noch einem Kartoffelpüree sowei eine sehr guten Jus. Perfekt gegrilltes Fleisch mit deutlichen Röstaromen, ein dicker Kontrapunkt zu den ersten filigranen Gängen, aber genauso schmackhaft. In der klassischen französischen Speisenfolge kommt vor den Süßspeisen der Käse, so auch bei Frederic Morel. 

Heukäse, Butter, Walnuss verriet uns die Karte. Herr Hinkelammert klärte auf, auf dem sehr clever ausgewählten Teller lag ein 16 Monate gereifter Comte. Dazu eine fast herzhafte gehaltene Walnusscreme und ein Holunderblütensirup, der geliert worden war. Oben drauf das Kräutergrün. Lecker, Käse! Geht immer bei mir! Gang sechs war vorüber und wir wurden von der Küche in den süßen Teil des Abends geführt mit dem Pre-Dessert.

Schlehen Umeboshi / Kirschblüten / Bittermandel verkündete uns die Menükarte. Auf dem Teller ein Bittermandelmousse, darüber die Schlehen. Herr Morel erzählte uns, dass er bei seinem Umzug von Hamburg nach Münster etliche Fahrten mit seinem Auto unternehmen musste, um alle die Gläschen und Behältnisse mit Produkten zu überführen, die er eigenhändig in der Natur einsammelt und dann verarbeitet. Und an Schlehen hatte er sich lange die Zähne ausgebissen (wie übrigens auch wir immer noch), bis er eines Tages ein Rezept sah, die Umeboshi Pflaume durch Schlehe zu ersetzen. Das Resultat dieses Austauschs machte unseren Teller zu was ganz besonderem! Salzigkeit gepaart mit süßer Säure auf der Creme, Geil! Darüber noch Crunch auch aus Mandel sowie eingelegte Kirschblüten! Ich liebe es, wenn man so ungewöhnliche Desserts herstellt! Spätestens jetzt stand fest, wir haben einen neuen Favoriten in Münster (auch wenn es mit dem heutigen Tag eigentlich drei sind mit dem Giverny und dem Ferment)! Der formelle Abschluss des Menüs stand noch an. 

Eingelegte rote Beete / Pistazie / Heckenrose war der Titel für dieses Gericht auf der Karte. Rote Beete im Dessert wird ja immer populärer. Und auch hier war die Beete in verschiedenen Konsistenzen auf dem Teller, gebacken, und als Granite, vorher eingekocht mit einem Heckenrosensaft. Ein Pistazieneis war mit auf dem Teller und ein paar Rosenblätter, sehr guter Abschluss dieses durchgehend (bis auf den ersten Küchengruß) beeindruckenden Menüs. In der zweiten Hälfte des Menüs hatten wir dem Rat Frederic Morels folgend einen Wein aus dem Jura erwählt.

2011 Savagnin Vieilles Vignes aus dem Weingut Les Clos de Givres, ein Wein, der äußerst ungewöhnlich daherkam, 50 Monate im Barrique ausgebaut aus einer autochthonen Traube, deren Name ich noch nie gehört hatte. Wir beide schätzten diesen Wein sehr! Er hatte fast rauchige Aromen, wie ein Islay Whisky, lecker! Mit dem letzten Glas dieser Flasche noch zwei als Epilog bezeichnete Schmankerl aus der Küche, die bereits gereinigt wurde. 

und 

Trüffeln gehen immer, und in der kleinen Schüssel waren mit Himbeeren und auch weitere Dinge, mea culpa, ich weiß nicht mehr, was es war! Lecker war es, dass weiß ich noch! Ist ja auch das wichtigste! 

Ein Teil des Service macht ja die Köche Crew, aber auch Frau Morel, ein weiterer junger Herr und die Mutter von Frau Morel kümmerten sich ohne Grund zur Beanstandung mit viel Engagement und Freude um uns. Wir haben uns sehr wohl gefühlt. 

Kann ich also zum Fazit eines fast 5 stündigen Abendessens im Coeur d'artichaud kommen. Ob das Konzept zu höheren Weihen in Sachen Sterne führen wird, weiß ich nicht, denn die beiden Morels haben dieses Restaurant, nach dem die Beiden mehr als ein Jahr Ausschau gehalten hatten, sehr nach ihren individuellen Wünschen gestaltet.  Die Ausrichtung des gesamten Konzepts an die offene Küche erinnert ein wenig an The Table in Hamburg, aber das Ganze ist hier mehr Handwerk, dass man riecht, schmeckt und hört aus der Küche. Um diese Grundidee herum macht man keinen großen Aufwand. Ob das der GM oder Michelin zu schätzen wissen, wird sich heraus stellen. Mir gefällt das außerordentlich und ich muss verkünden, dass ich nach dem Ferment nun noch ein sehr gutes Restaurant in Münster kennen gelernt habe. Absolute Empfehlung für alle, die sich auf eine kreative Küche einlassen mögen!
DETAILBEWERTUNG
Service
Sauberkeit
Essen
Ambiente
Preis/Leistung


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